Schule während der Corona-Krise

GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik 3-2021: Unterricht und Schulen in der Pandemie: Versuch einer Zwischenbilanz

Unterricht und Schulen in der Pandemie: Versuch einer Zwischenbilanz

Stefan Immerfall

GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik, Heft 3-2021, S. 345-356

 

Zusammenfassung
Die Corona-Krise traf auf ein Schul- und Bildungssystem mit vielen Baustellen. Der Beitrag schildert die verschiedenen Phasen der Schulschließungen, betrachtet den bildungsadministrativen Umgang mit der Corona-Pandemie und fasst Einschätzungen aus Sicht von Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schüler zusammen. Während viele Lehrkräfte von positiven (Selbst-)Lerneffekten im Bereich der Digitalisierung berichteten, setzten Kultusministerien vorwiegend auf das Prinzip Hoffnung. Für Kinder und Jugendliche war der Wegfall strukturierter Sozialkontakte nicht weniger belastend als die absehbaren Lernlücken. Das gilt in besonderer Weise für leistungsschwächere sowie für Schülerinnen und Schüler aus sozial schlechter gestellten Haushalten. Die angedachten „Aufholpakete“, um Corona bedingte Lernlücken aufzufangen, sollten deshalb individuell gestaltet sein und den sozial-emotionalen Bereich mit einschließen.

 

Ein zusammenfassender Blick auf Schulunterricht in Zeiten der Pandemie verheißt nichts Gutes. Die Kritik an der Bildungspolitik, den Schulen, den Lehrkräften, dem Bildungsföderalismus, die wahlweise versagt haben, ist umfassend. Vieles, wenn nicht alles, müsse sich ändern, heißt es.1 Am besten Corona-beschleunigt. Dieser Kritik wird hier nicht angeschlossen. Zum Teil ist sie wohlfeil, weil es sich bei der Coronakrise um einen exogenen, nicht erwarteten Schock handelt, zum anderen, weil das Bildungssystem träge ist, ja in gewisser Weise träge sein muss. Außerdem steht das Bildungssystem bekanntlich nicht allein im Digitalisierungsstau.

Dennoch gilt es, Lehren aus der Zeit der Schulschließungen zu ziehen. Was lief gut, was lief weniger gut? Was lässt sich aus den Erfahrungen lernen? Gibt es vielleicht sogar Innovationen, die von der Pandemie angestoßen wurden und die es zu verbreitern gilt?2 Kann die Corona-Krise gar als Katalysator wirken, unerledigte bildungspolitische Reformen zu befördern? Und umgekehrt: warum wurde bei der Rückkehr zum Präsenzunterricht nicht stärker bedacht, dass es ein Zurück zum Unterricht wie vor Corona auf absehbare Zeit nicht geben wird?

Nach einem Blick auf die Ausgangslage vor dem Hintergrunde der Corona-Pandemie, wird die pädagogische Praxis während der ersten Phase in den Blick genommen, also der Heim-, oder Fernunterricht, meist – nicht ganz zutreffend – als homeschooling3 bezeichnet. Es folgt ein Abschnitt über die kurze Zeit der Schulöffnungen und die erneute Umstellung auf Distanzunterricht oder hygienekonformen Wechselunterricht. Ein Fazit zieht erste Schlussfolgerungen.

1. Die Ausgangslage

Die Pandemie traf auf ein Schul- und Bildungssystem, von dem vermutlich niemand behauptet hätte, es sei in guter Verfassung. Die auf dem sog. Bildungsgipfel zwischen Bund und Ländern 2008 vollmundig ausgerufenen Ziele für die „Bildungsrepublik“ wurden größtenteils nicht erreicht, die Umsetzung des fünf Milliarden schweren Digitalpakts aus dem Jahr 2019 hakte von Anfang an. Dabei war das Grundgesetz zweimal geändert worden, um die bildungspolitische Verantwortung von Bund und Ländern deutlicher zu machen: Zunächst wurde 2006 mit dem geänderten Artikel 91b die Kulturhoheit der Länder gestärkt („Kooperationsverbot“), dann, 2019, mit 104c GG die Rolle rückwärts vollzogen und dem Bund eben doch bildungspolitischen Einfluss über die Finanzierung von Bildungsmaßnahmen gestattet.

Doch noch immer haben viele Schulen keinen Zugang zu schnellem Internet, kein WLAN, keine datenschutzrechtlich einwandfreie Online-Plattform. Auch in anderen Bereichen (Schultoiletten!) stieg der Investitionsrückstand, auch dank sinkenden Steuereinnahmen vieler Schulträger. Zur Situationsbeschreibung gehört überdies, in Teilen, überalterte Kollegien sowie gravierender Lehrkräftemangel u.a. in der Grundschule.

Auf diese, natürlich regional und schulspezifisch unterschiedliche, Ausgangslage trafen die ersten Schulschließungen. Es waren die Regierungschefinnen und -chefs, die ab Mitte März 2020 landesweite Schulschließungen anordneten und damit den, einen Tag zuvor gefassten, gegenteiligen Beschluss der Kultusministerkonferenz beiseite räumten. Nach einer mehrwöchigen Pause kam es zu einem Wiedereinstieg in den Präsenzunterricht, meist beginnend mit den Grundschul- und Abschlussklassen. Unterricht erfolgte vorerst in einem rollierenden System von Fernlernphasen und Präsenzunterricht. Erst im Juli 2020 erfolgte in den meisten Bundesländern wieder ein durchgehender Präsenzunterricht in allen Klassenstufen.

2. Schulunterricht unter Corona-Bedingungen: die erste Phase

Wie kamen Schulen, Eltern, Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte mit dieser, für die sie zunächst völlig überraschenden Situation zurecht? 70 Prozent4 der im April 2020 befragten Lehrkräfte gaben an, dass ihre Lernangebote die Schülerinnen und Schüler erreichen, obgleich die erwünschte Nutzung digitaler Lerneinheiten häufig an der technischen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler scheitere. Sorgen bereiten muss die Aussage, dass es einem Drittel der Lehrkräfte nicht gelang, durchgängig Kontakt zu den Schülerinnen und Schüler aufrechtzuhalten. Der Kontakt fand über verschiedene Kanäle (Onlineplattformen, E-Mails, auch Telefon) statt. Im Durchschnitt am besten (auch unter Einschluss von Videokonferenzen) versorgten Gymnasien und Privatschulen ihre Schülerschaft mit Lernmaterial. Deutlich wurde auch: Je häufiger Schülerinnen und Schüler Kontakt zur Schule hatten, desto mehr Zeit investierten sie in schulische Aktivitäten.5

Kita- und Schulschließungen sind psychisch belastend.6 Die Kinder und Jugendlichen vermissen den Kontakt zu Gleichaltrigen. Oft sorgten sich mehr um ihre Familie als sich selbst. Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler hat selbst unter häuslich günstigen Bedingungen während des digitalen Fernunterrichts deutlich weniger für die Schule getan. Ohne feste Tagesstruktur wurden Lernaktivitäten häufig durch Unterhaltungsmedien ersetzt.7 Für schwache oder Schülerinnen und Schüler in schwierigen häuslichen Bedingungen trifft das ganz besonders zu. Und gerade diese Gruppe bekam im Durchschnitt weniger häufig individuellen Kontakt mit ihren Lehrkräften!

Die Eltern wussten die Bemühungen der (Mehrzahl) Lehrkräfte zu würdigen. Die geringste Zufriedenheit liegt bei den verwendeten digitalen Angeboten vor – vor dem Hintergrund der derzeitigen digitalen Ausstattung kein besonders überraschendes Ergebnis.8 Von den Erfahrungen, die Eltern schulpflichtiger Kinder mit den Möglichkeiten des digitalen Unterrichts gemacht haben, scheinen sie nicht besonders überzeugt worden zu sein (Abbildung 1). Zwei Drittel findet, „die Chancen, die der Digitalunterricht bietet, werden überbewertet“; der Gegenposition, der zufolge die Krise gezeigt habe „welche Möglichkeiten der digitale Unterricht bietet und wir deshalb die Digitalisierung stärker vorantreiben sollten“, stimmen nur 29 Prozent zu.9

Die Befunde aus den Umfragen können mit einigen Schlaglichtern aus einer eigenen, qualitativen Studie10 ergänzt werden. Was Eltern besonders zu schaffen machte, ist die Schwierigkeit, die Kinder zum selbstständigen Lernen anzuhalten. Die Beziehung der Familienmitglieder zueinander wurde durch das Lernen zu Hause zunehmend belastet. Eltern mit mehreren schulpflichtigen Kindern beobachteten und verglichen auch sehr genau die Bemühungen verschiedener Lehrkräfte. Aus Sicht der Eltern gibt es von Schule zu Schule, aber selbst von Klasse zu Klasse deutliche Unterschiede in der Qualität von Homeschooling.11

1 Z.B. Armin Himmelrath, und Julia Egbers, Hrsg. 2020. Das Schuljahr nach Corona. Was sich nun ändern muss. Bern: hep verlag; vgl. hierzu die treffliche Rezension von Matthias Trautmann, Schule und COVID-19. Rezensionen. Pädagogik 3/2021, S. 49-52.
2 Vgl. Anne Sliwka/Britta Klopsch, Disruptive Innovation! Wie die Pandemie die „Grammatik der Schule“ herausfordert und welche Chancen sich jetzt für eine „Schule ohne Wände“ in der digitalen Wissensgesellschaft bieten, in: Detlef Fickermann/Benjamin Edelstein (Hrsg.), „Langsam vermisse ich die Schule …“. Schule während und nach der Corona-Pandemie, Die Deutsche Schule Beiheft 16, Münster-New York 2020, S. 216-229. Vgl. Ilka Hoffmann, Die Corona-Pandemie als Katalysator für Schulreformen? In: ebd., S. 95-101.
3 Der Begriff wird hier synonym mit Lernen auf Distanz verwendet, weil er sich durchgesetzt hat. Eigentlich meint Homeschooling eine bewusste und dauerhafte Unterrichtung zu Hause in Ländern, die keine Schulpflicht kennen.
4 Vgl. Birgit Eickelmann/Kerstin Drossel/Vodafone Stiftung Deutschland (Hrsg.), Schule auf Distanz. Perspektiven und Empfehlungen für den neuen Schulalltag. Eine repräsentative Befragung von Lehrkräften in Deutschland [https://www.vodafone-stiftung.de/wp-content/uploads/2020/05/Vodafone-Stiftung-Deutschland_Studie_Schule_auf_Distanz.pdf]
5 Silke Anger/Sarah Bernhard/Hans Dietrich et al., Schulschließungen wegen Corona: Regelmäßiger Kontakt zur Schule kann die schulischen Aktivitäten der Jugendlichen erhöhen, in: IAB-Forum 23.04.2020 [https://www.iab-forum.de/schulschliessungen-wegen-corona-regelmassiger-kontakt-zur-schule-kann-die-schulischen-aktivitaten-der-jugendlichen-erhohen/], auch Andreas Sander/Laura Schäfer/Stefanie van Ophuysen, Erste Ergebnisse aus dem Projekt „Familiäre Lernbegleitung in Zeiten von Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie (FamiLeb)“ – Eine online-Befragung von Eltern in Nordrhein-Westfalen, Münster 2020 [https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/ew/ag_van_ophuysen/erste_ergebnisse_famileb_final.pdf], Anke Langner/Axwl Plünnecke, Folgen der Schulschließungen für Bildungschancen, in: Christian Apfelbacher/Miriam Beblo/Michael Bohmer et al., Gesundheitliche und soziale Folgewirkungen der Corona-Krise: Eine evidenzbasierte interdisziplinäre Bestandsaufnahme, Basel-Bonn-Dresden u.a.2020.
6 Samantha K. Brooks et al., 2020: The psychological impact of quarantine and how to reduce it: rapid review of the evidence. The Lancet 395: 912-920.
7 Vgl. Anger/Bernhard/Dietrich et al., a.a.O., Schulbarometer, a.a.O., Christina Anger/Axel Plünnecke, Homeschooling und Bildungsgerechtigkeit. IW-Kurzbericht 44/2020, Köln 2020; Vgl. Anke Langner/Axel Plünnecke, Folgen der Schulschließungen für Bildungschancen, in: Christian Apfelbacher/Miriam Beblo/Michael Böhmer et al., Gesundheitliche und soziale Folgewirkungen der Corona-Krise: Eine evidenzbasierte interdisziplinäre Bestandsaufnahme, Basel-Bonn-Dresden u.a. 2020, S. 11
8 Vgl. Sander/Schäfer/van Ophuysen, S. 14f.
9 Thomas Petersen, Deutsche Fragen – Deutsche Antworten. Schulbeginn mit Sorgen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 27.08.2020, S. 8.
10 Es handelt sich um ein Projektseminar, in dem insgesamt 62 Leitfadeninterviews mit Haushalten (Eltern und Kindern) und Lehrkräften zwischen 01.06.2020 und 15.07.2020 geführt und mit standardisierten Befragungen ergänzt wurden. Die Befragten kamen in der Regel aus Ostwürttemberg. Es wurde zwar darauf geachtet, alle Schulformen sowie unterschiedliche familiale Lebensformen (Haushalts- und Familienform, Kinderanzahl, Erwerbstätigkeit, Sozialstatus) mit einzubeziehen. Es kann jedoch kein Anspruch auf Repräsentativität – auch nicht für Ostwürttemberg – erhoben werden. Das Vorhaben wurde von der Werner-Zeller-Stiftung gefördert. Für Details: Stefan Immerfall, Schule in der Pandemie: Erfahrungen aus Ostwürttemberg, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 51/2020, S. 22-40.
11 Ricarde Steinmayr/Rebecca Lazarides/Anne Weidinger/Hanna Christiansen, Teaching and Learning During the COVID-19 School Lockdown: Realization and Associations with Parent-Perceived Students’ Academic Outcomes—A study and preliminary overview 2020. [https://osf.io/r724z/], Helm, Christoph, Stephan Huber und Tina Loisinger. 2021. Was wissen wir über schulische Lehr-Lern-Prozesse im Distanzunterricht während der Corona-Pandemie? – Evidenz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 24: 237-311.

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