Zukünftige Bürger:innen. Kinder aus Sicht der zeitgenössischen Politikwissenschaft
Andreas Busen
Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Heft 1-2026, S. 9-23.
Zusammenfassung
Sind Kinder überhaupt ein Thema, für das sich die zeitgenössische Politikwissenschaft interessiert oder interessieren sollte? Der Beitrag beginnt mit einer Bestandsaufnahme der politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit Kindern und Kindheit, die zunächst ein scheinbar paradoxes Bild zeichnet – insofern einerseits aus der politischen Praxis wie auch aus fachwissenschaftlichen Debatten heraus deutliche Impulse für eine Auseinandersetzung mit Kindern identifizierbar sind, eine solche aber trotzdem weitgehend ausbleibt. Als mögliche Erklärung hierfür wird entlang der Geschichte der deutschen Politikwissenschaft die These entwickelt, dass sich mit der Fachidentität eine besonders wirkmächtige Perspektive entwickelt, in der Kinder vorrangig als zukünftige Bürger:innen erscheinen. Der Beitrag schließt mit einer Reflexion des damit eröffneten Erklärungspotenzials sowie einer knappen Perspektive auf Anknüpfungspunkte für alternative Sichtweisen auf den politischen Status von Kindern.
Schlagwörter: Politikwissenschaft, Politik, Kinder, Bürger:innenschaft, Politische Bildung
Future Citizens: Children Through the Lens of Political Science
Abstract
Should contemporary political science be interested in children and childhood? The article starts out with a brief survey of research on children and childhood in political science, which paints a seemingly paradoxical picture: While there seems to be a strong impetus from both political practice and current debates within the discipline to engage with the political status of children, corresponding research initiatives within the field are few and far between. As a potential explanation for this state of affairs, the article, by examining the history of political science in Germany, presents the argument that a powerful perspective on children has evolved alongside the discipline’s identity, namely, a perspective in which children appear primarily as future citizens. The article concludes with a reflection on the explanatory potential this opens up and a brief outlook on starting points for alternative views of the political status of children.
Keywords: political science, politics, children, citizenship, citizenship education
1 Sind Kinder überhaupt ein Thema für die Politikwissenschaft?
Ziel dieses Beitrags ist es, zunächst eine Art Bestandsaufnahme der Beschäftigung mit Kindern und Kindheit innerhalb der zeitgenössischen Politikwissenschaft vorzunehmen und daran anschließend einerseits eine Erklärung für den ermittelten Status Quo zu entwickeln sowie andererseits zumindest einige Perspektiven und Gründe für dessen Überwindung herauszuarbeiten. Nun könnte man sich aber mit einiger Berechtigung fragen, ob dieses Unterfangen nicht insofern von vornherein fehlgeleitet ist als Kinder und Kindheit mit Blick auf die Politikwissenschaft – im Gegensatz zu Disziplinen wie der Erziehungswissenschaft, der Soziologie, der (Entwicklungs-)Psychologie oder sogar der Biologie – schlicht nicht in deren Gegenstandsbereich fallen. Immerhin: „Kindheit gilt weithin als unpolitisch“ (Mühlbacher, 2024, S. 152), so dass man nachgerade davon ausgehen könnte, mit der Politikwissenschaft gewissermaßen die ‚falsche‘ Disziplin zu befragen.
Wenn es gleichzeitig aber stimmt, dass „[d]ie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Kindheit […] immer auch (Disziplinen-)politisch zu denken [war und ist]“ (Alberth et al., 2024, S. 8), stellt sich die Lage deutlich komplizierter dar. Zum einen ist dann nämlich zu fragen, inwiefern die (Nicht-)Beschäftigung mit Kindern und Kindheit innerhalb der Politikwissenschaft durch inner-disziplinäre Logiken, Perspektiven und Selbstverständnisse bedingt – und insofern auch im Kontext der Entwicklung der Disziplin zu betrachten – ist. Damit verbunden ist zum anderen eine ganz grundlegende Frage hinsichtlich des Gegenstandsbereichs der Politikwissenschaft, die sich in ähnlicher Form bekanntlich auch für andere Sozialwissenschaften stellt und hier noch einmal deutlich als – durchaus umstrittene – Disziplinen-politische Frage hervortritt: Sollen nämlich zuvorderst die herrschenden Verhältnisse untersucht (und das heißt: systematisch erfasst, beschrieben und analysiert bzw. erklärt) werden oder ebendiese Verhältnisse (auch) kritisch befragt und Formen und Wege zu ihrer Überwindung entwickelt werden? Wo sich die Politikwissenschaft mit gesellschaftlichen Praktiken, Normen und Vorstellungen oder, kurzum, einer generationalen Ordnung1 konfrontiert sieht, in der Kindheit als ‚unpolitisch‘ erscheint, sollte es einen ganz erheblichen Unterschied machen, ob sie sich zuvorderst als auf Beschreiben und Erklären fokussierte empirische Sozialwissenschaft oder als auf Verstehen und kritisch Reflektieren ausgerichtete kritische Sozialwissenschaft versteht. Tatsächlich deutet allerdings ein kurzer Blick, wie ich ihn im folgenden Abschnitt auf die zeitgenössische Politikwissenschaft werfe, darauf hin, dass unabhängig von dieser Frage des Selbstverständnisses Kinder politikwissenschaftlich kaum Beachtung finden – während gleichzeitig sowohl vom Gegenstandsbereich als auch von den im Fach geführten Debatten her eine Beschäftigung mit Kindern eigentlich naheliegend erscheint.
2 Was Politikwissenschaftler:innen interessiert
Als Ausgangspunkt für eine kurze Verständigung darüber, wie der Gegenstand der Politikwissenschaft bestimmt ist (und inwiefern Kinder und Kindheit hier hineinfallen), bietet sich ein Blick in Einführungswerke an. Dort finden wir etwa die klassische Bestimmung von ‚Politik‘ als dem zentralen Gegenstand der Politikwissenschaft, nämlich „jenes menschliche Handeln, das auf die Herstellung allgemein verbindlicher Regelungen und Entscheidungen in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt“ (Patzelt, 2003, S. 23). Bereits im Lichte dieser handlungstheoretisch enggeführten Definition lässt sich erahnen, warum Kinder aus politikwissenschaftlicher Sicht kaum in den Blick geraten – nämlich insofern Kinder, nicht zuletzt aufgrund ihres formalen Ausschlusses von politischer Teilhabe (Busen & Weiß, 2024), kaum in beobachtbarer Weise als dergestalt politisch Handelnde in Erscheinung treten. Das Bild verändert sich kaum, wenn man auf eine Definition des Gegenstandsbereichs von Politikwissenschaft zurückgreift, die deutlich über eine Handlungsorientierung hinausgeht und auch auf „politische Institutionen und Prozesse einschließlich ihrer Entwicklungspotenziale, die Durchleuchtung politischer Macht, Planungs-, Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse,“ (Mols, 2020, S. 42) und ähnliche Aspekte abhebt. Auch hier führt ein Fokus auf real existierende Formen, Kontexte und Dimensionen von Politik dazu, dass Kinder in ebendem Maße nicht Gegenstand einer politikwissenschaftlichen Betrachtung wie sie innerhalb existierender Politik (nicht) in Erscheinung treten. Insofern ist es zwar grundsätzlich überzeugend, im Rückgriff auf die verbreitete Unterscheidung zwischen polity, policy und politics – also zwischen einer formal-strukturellen, einer inhaltlichen und einer Handlungs-Dimension von Politik – darauf hinzuweisen, dass Kinder in allen drei Dimensionen sichtbar werden können (Alberth et al., 2024, S. 9–10). Allerdings finden sich in der zeitgenössischen Politikwissenschaft, wo es überhaupt um Kinder geht, vorrangig Auseinandersetzungen mit der policy-Dimension, also mit konkreten Politiken, die Kinder betreffen – etwa im Bereich der Schulpolitik, der Sozialpolitik, der Familienpolitik oder, bezeichnenderweise, der Rentenpolitik.
Dies scheint zunächst darauf hinzuweisen, dass einerseits in der zeitgenössischen Politikwissenschaft empirische Zugänge vorherrschen, die andererseits den Status von Kindern im Kontext gegenwärtiger Politik treffend abbilden – nämlich vor allem als Gegenstand und weniger als Mitgestaltenden von Politik (Busen, 2024; Qvortrup, 2012). Gleichzeitig muss eine solche Bestandsaufnahme dennoch aus mindestens zwei Gründen überraschen.
Zum einen sind nämlich in aktuellen politischen Debatten Themen und Entwicklungen zu beobachten, von denen man annehmen könnte, dass hier hinreichend deutlich Kinder als politische Akteure in Erscheinung treten – man denke als prominentes Beispiel an den Klima-Aktivismus von Kindern und Jugendlichen. Ebenso werden grundsätzlich auch Institutionen bzw. allgemeiner rechtlich-politische Strukturen sichtbar, die ein solches In-Erscheinung-Treten ermöglichen, behindern oder bedingen – etwa im Zuge der andauernden Debatte um die Aufnahme von Kinderrechten ins deutsche Grundgesetz, im Zusammenhang mit Forderungen nach einer Absenkung des Wahlalters, oder auch angesichts der praktischen Erfahrungen mit vermehrt eingerichteten Kinder- und Jugendräten und anderen institutionalisierten Formen der Beteiligung von Kindern. Wenn es stimmt, dass es „in der Politikwissenschaft nicht zu unterschätzende Impulse aus der vorwissenschaftlichen Welt“ gibt und „[d]em Forscher […] vieles aus seiner persönlichen Erfahrungswelt als Staatsbürger, als Betroffener, als politisch Interessierter zum Problem [wird]“ (Mols, 2020, S. 30), dann wäre hier also zu fragen, warum die genannten Phänomene und Entwicklungen kaum dergestalt als Impulse aufgenommen und zum Gegenstand politikwissenschaftlicher Reflexion werden.2 Ein solches ‚Übersehen‘ von Kindern und Kindheit als Forschungsgegenstand mag dabei auch deshalb überraschen, weil eine Auseinandersetzung mit der Kindheitsforschung, der neueren Soziologie der Kindheit wie auch der Pädagogik – die in gewisser Weise ja ebenfalls zur gesellschaftlichen Außenwelt des Fachs gehören – in dieser Hinsicht ein erhebliches heuristisches Potenzial eröffnen könnte. Perspektiven wie das bereits angesprochene Konzept der generationalen Ordnung, aber auch der Fokus auf „Kinder als Akteure“ (Betz & Eßer, 2016) liefern hier deutliche Hinweise nicht nur darauf, wie der Ausschluss von Kindern von bestimmten gesellschaftlichen Sphären und Praktiken erfolgt und reproduziert wird, sondern auch darauf, wo und wie Kinder dennoch (oder gerade deswegen) Handlungsmacht besitzen bzw. entwickeln (vgl. hierzu auch die Überlegungen im Schlussteil dieses Beitrags).
Zum anderen ließe sich außerdem erwarten, dass auch aus der Disziplin heraus Impulse für eine umfangreichere bzw. andere Auseinandersetzung mit Kindern kommen. Wo etwa politikwissenschaftlich untersucht wird, wie existierende politische Normen, Strukturen und Praktiken Phänomene wie Ungleichheit, die Marginalisierung bestimmter Gruppen, Abhängigkeitsverhältnisse und Diskriminierung hervorbringen oder reproduzieren, schiene es naheliegend, dass die in diesem Kontext entwickelten Konzepte, Analyseinstrumente und Perspektiven systematisch auch den politischen Status von Kindern in den Blick geraten lassen. Exemplarisch lässt sich dies anhand von zwei aktuellen Frageperspektiven innerhalb der Demokratietheorie veranschaulichen:
In Auseinandersetzung mit dem sogenannten boundary problem wird hier die Frage verhandelt, wer eigentlich zur Teilhabe an demokratischer Politik berechtigt ist oder, anders formuliert, wer zum demos gerechnet werden sollte (Arrhenius, 2005). Zur Beantwortung dieser Frage sind dabei verschiedene Prinzipien entwickelt worden, denen zufolge Teilhabe etwa durch das formale Unterworfen-Sein unter Politik (all subjected-Prinzip) oder aber bereits durch das Betroffen-Sein von Auswirkungen ebendieser Politik (all affected-Prinzip) begründet ist. Auf dieser Basis sind weitreichende Forderungen unter anderem nach Teilhabe für Nicht-Bürger:innen, für zukünftige Generationen (Inoue, 2023), für Tiere (Donaldson et al., 2021) und sogar nicht-belebte Natur (Machin, 2019) entwickelt worden.
Vor dem Hintergrund hätte man vermuten können, dass damit fast zwangsläufig auch der Ausschluss von Kindern von demokratischer Teilhabe ins Blickfeld der Demokratietheorie oder allgemeiner der Politikwissenschaft gerät. Immerhin besitzen Kinder üblicherweise ab Geburt die volle Staatsbürger:innenschaft und sind außerdem von politischen Entscheidungen nicht nur weitgehend betroffen, sondern diesen auch im engeren Sinne unterworfen, insofern nämlich (die meisten) Gesetze auch – oder im Fall von Schulpolitik oder verschiedener gesetzlicher Altersgrenzen sogar exklusiv – für Kinder gelten (Busen, 2024). Bemerkenswerterweise ist aber aus dem hier skizzierten Forschungsstrang keine neue Aufmerksamkeit für Kinder und deren Status innerhalb demokratischer Ordnungen entstanden.
In einem zweiten einflussreichen Forschungsstrang geht es um demokratische Innovationen (Elstub & Escobar, 2019; Smith, 2009). Ziel ist es, Formen der Institutionalisierung demokratischer Politik zu entdecken und zu evaluieren, durch die ein höherer Grad an politischer Partizipation erreicht und gleichzeitig sichergestellt werden kann, dass auch vormals exkludierte, marginalisierte oder anderweitig ‚übersehene‘ gesellschaftliche Gruppen und Positionen Berücksichtigung finden. Zentral ist dabei ein Ineinandergreifen von einerseits theoretisch-konzeptionellen Überlegungen auf Basis von Modellen partizipativer und deliberativer Demokratie und andererseits der Erforschung real praktizierter Beteiligungsformate – wie z. B. Bürgerräte, partizipative Budgetierung u. a. –, so dass die resultierende kritische Perspektive nicht allein auf abstrakten theoretischen Überlegungen, sondern ebenso auf Impulsen aus der sozialen und politischen Praxis basiert. Doch obwohl sich diese Suche nach demokratischen Innovationen insofern gerade durch ihren Fokus auf ganz unterschiedliche Formen von Teilhabe sowie speziell eine besondere Sensibilität gegenüber marginalisierten und ‚unsichtbaren‘ Gruppen und Positionen auszeichnet, ist auch hier die (fehlende) Teilhabe von Kindern und Jugendlichen bisher kaum thematisiert worden.
Insgesamt weist der hier umrissene Status Quo hinsichtlich der politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit Kindern und Kindheit also eine bemerkenswerte Diskrepanz auf. Einerseits gibt es sowohl aus der gesellschaftlichen und politischen Realität als auch aus innerwissenschaftlichen Entwicklungen heraus deutliche Impulse für eine (kritische) Auseinandersetzung mit Kindern und ihrem Status innerhalb von Politik und politischer Ordnung, andererseits scheinen diese Impulse aber entweder nicht auf- oder überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Im folgenden Abschnitt entwickle ich einen Erklärungsvorschlag für diese Diskrepanz.
1 Das Konzept der generationalen Ordnung hat sich innerhalb der Kindheitsforschung bzw. der neueren Soziologie der Kindheit als wirkmächtiger Analyserahmen etabliert. Mit ihm verbindet sich eine Perspektive, aus der Kindheit nicht nur als soziales Konstrukt begriffen wird, sondern spezifisch die gesellschaftsstrukturelle Verortung ebendieses Konstrukts in den Vordergrund gerückt wird (Alanen, 2009; Bühler-Niederberger, 2005). Hegemoniale Annahmen darüber, was Kinder sind, können oder sollen, werden entsprechend spezifisch mit Blick darauf analysiert, wie durch sie faktische Ungleichheiten zwischen Generationen in gesellschaftliche Praktiken, Institutionen und Wissensbestände eingeschrieben werden. Ebenfalls Teil der Analyse ist, wie dadurch wiederum nicht nur mittelbar auch andere Generationen (wie insbesondere ‚Erwachsene‘) sowie ein spezifisches Verhältnis zwischen den Generationen wirkmächtig etabliert, sondern die resultierende Ordnung reproduziert wird.
2 Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass die genannten Impulse aus der politischen und gesellschaftlichen Praxis in der Politikwissenschaft vereinzelt durchaus aufgegriffen werden (siehe etwa Bessant, 2010; Mattheis, 2020; O’Neill, 2022). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass dort, wo etwa in politikwissenschaftlichen Sammelbänden dezidiert die politische Beteiligung von Kindern und Jugendlichen thematisiert wird, die betreffenden Beiträge häufig nicht von Fachwissenschaftler:innen, sondern von Praktiker:innen beigesteuert werden (siehe etwa Herzberg & Rumpel, 2024; Ringler et al., 2024).

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