Zur Konzeption ‚Emerging Adulthood‘

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research 4-2020: Das Konzept ‚Emerging Adulthood‘ aus jugendtheoretischer und zeitdiagnostischer Sicht

Das Konzept ‚Emerging Adulthood‘ aus jugendtheoretischer und zeitdiagnostischer Sicht

Vera King

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, Heft 4-2020, S. 355-369

 

Zusammenfassung
Im Beitrag wird das Konzept des ‚Emerging Adulthood‘ von Arnett aus jugendtheoretischer und zeitdiagnostischer Sicht kritisch erörtert. Nach der Einführung (Teil 1) wird das Konzept zunächst mit Blick auf Phänomene und mögliche Ursachen diskutiert (Teil 2); anschließend theoretisch-begrifflich, bezogen auf die Konstitutionslogik von Lebensphasen und Erwachsensein (Teil 3) analysiert. Es folgen zeitdiagnostische Betrachtungen mit Blick auf Wandlungen des Erwachsenwerdens sowie der Lebensführung von Jüngeren und Älteren in der gegenwärtigen digitalen Moderne (Teil 4) sowie ein Fazit (Teil 5).

Schlagwörter: Emerging Adulthood, Jugendtheorie, Adoleszenz in der digitalen Moderne

 

The concept of ‘emerging adulthood’ from a youth-theoretical and contemporary diagnostic perspective

Abstract
The author critically examines Arnett’s concept of ‘Emerging Adulthood’ from a youth-theoretical and contemporary diagnostic perspective. After the introduction (Part 1), the concept is first discussed with regard to phenomena and possible causes (Part 2); then it is analysed theoretically and conceptually in relation to the constitutional logic of life phases and adulthood (Part 3). This is followed by a diagnostic analysis of the changes in growing up and the lifestyle of younger and older people in the current digital modern age (Part 4) and a conclusion (Part 5).

Keywords: emerging adulthood, youth theories, adolescence in the current digital modernity

 

1 Einführung

Gegenstand dieses Artikels ist eine Diskussion der Konzeption ‚Emerging Adulthood‘ von Jeffrey J. Arnett aus jugendtheoretischer und zeitdiagnostischer Sicht. Arnetts Vorschlag wurde viel rezipiert und hat rasch Popularität erlangt, auch weil er einer lebenspraktischen Intuition und alltäglichen Erfahrung folgt, wonach es häufig länger zu dauern scheint, bis Erwachsenheit erreicht ist. Im Beitrag werden daher zunächst Phänomene und Argumentationen (Abschnitte 2.1 und 2.2) skizziert und diskutiert, mit denen Arnett (2000) begründet hat, weshalb er zwischen Jugend und Erwachsenheit konzeptuell eine zusätzliche Lebensphase einfügt. Weiterhin wird ausgeführt, dass die Plausibilität dieses Konzepts mit davon abhängt, ob Jugend (und Erwachsenheit) eher deskriptiv und alltagsweltlich phänomenbezogen verstanden wird oder ob Jugend – sei es individuell-entwicklungsbezogen oder gesellschaftstheoretisch – eher strukturlogisch-analytisch gefasst wird.

Eine eher deskriptiv verwendete Konzeption wie diejenige des ‚auftauchenden Erwachsenenalters‘ kann forschungspragmatisch und heuristisch Vorteile bieten, um Altersgruppen oder Entwicklungsverläufe und -normen zu differenzieren mit Blick auf manche Facetten eines verlängerten ‚Noch-nicht-erwachsen-Seins‘. Wenn demgegenüber Jugend oder Adoleszenz strukturlogisch als Phase verstanden wird, bei der es zum einen auf verschiedenen Ebenen um die Transformation vom Kind zum Erwachsenen geht (Abschnitt 3.1) und die zum anderen, soziologisch betrachtet, weniger auf Zuordnungen zu Lebensaltern beruht, sondern auch als historisch variierende soziale Form zu fassen ist, mit der generationale Verhältnisse und Abfolgen reguliert werden (Abschnitt 3.2), verändert sich, wie ausgeführt wird, die Blickrichtung auf Erscheinungsformen und Konzeptionen des Erwachsenwerdens. Aus dieser Sicht steht weniger das Lebensalter im Zentrum als die gesellschaftliche Regulation von Generationsabfolgen, aus denen heraus ‚Erwachsensein‘ (und damit auch ‚Jugend‘ als vorausgehende Position und Phase) definiert wird. Zur notwendigen, genaueren Bestimmung dessen, was am Ende der Jugend ‚auftauchen‘ kann (i.S. des emerging), wird Erwachsenheit (adulthood) überdies mit dem Konzept der Generativität verknüpft (vgl. King 2002, 2020, 2021), deren Ausgestaltungen ebenfalls kulturellen Wandlungen unterliegen (Abschnitt 3.3).

Vor diesem Hintergrund wird auch dargelegt, in welchen Hinsichten zeitgenössische Wandlungen der Jugendphase, des Erwachsenwerdens nicht nur zeitliche Dimensionen haben (im Sinne einer Tendenz zu Verlängerung und Verschiebung), sondern qualitative Veränderungen beinhalten, die über Fragen der Einteilung in Lebensphasen hinausweisen. Die spezifische Konnotation des Nicht-mehr-jugendlich-, aber auch Noch-nicht-erwachsen- Seins wird daher auch mit Blick auf inhaltliche Facetten diskutiert: Welche Merkmale der – überdies von digitalen Transformationen geprägten – ‚Spätmoderne‘ bringen sich darin zum Ausdruck mit welchen Konsequenzen? Aus dieser Sicht ist naheliegend, dass bestimmte Charakteristika, die Arnett (2000, 2007) für die von ihm so genannte Phase des Emerging Adulthood festhält, Ausdrucksformen eines übergreifenden sozialen Wandels sind, der nicht nur das Erwachsenwerden, sondern die Kultur, die Lebensformen und das Selbstverständnis der Subjekte in der gegenwärtigen Moderne betrifft (Abschnitt 4).

2 Veränderungen des Erwachsenwerdens

2.1 Emerging Adulthood – Phänomene und Merkmale

Das Lebensalter zwischen achtzehn Jahren und Mitte bis Ende des zweiten Lebensjahrzehnts ist insbesondere in Gesellschaften, die in höherem Maße auf ausgedehnten Bildungs- und Entwicklungsphasen beruhen, zunehmend als eine Phase des Lebens erachtet worden, in der junge Menschen in manchen Hinsichten selbstbestimmter werden, etwa mit Blick auf Partnerschaften und Sexualität, auf Wohnorte, Reisen, Interessen und vieles mehr. Zugleich jedoch scheinen Viele im weiteren Sinne eher noch mit Übergängen ins Erwachsenenalter beschäftigt – ohne dieses bereits erreicht zu haben. Das heißt: In ihrem Selbstverständnis und auch in einigen Entwicklungsaspekten sind sie keine Jugendlichen mehr, aber auch noch nicht ‚erwachsen‘: Eine – in diesem Alter offenbar vielfach noch nicht erlangte – Erwachsenheit kann dabei mit Blick auf soziale Positionen oder Rollen formuliert werden, an die Möglichkeit und Fähigkeit, eigenständig Entscheidungen zu treffen, an finanzielle Unabhängigkeit, Berufstätigkeit, feste Bindungen oder mögliche Elternschaft. Erwachsenheit kann aber auch im engeren Sinne psychologisch bestimmt sein, indem etwa bestimmte Kriterien der Reife, Souveränität oder Autonomie, der Individuation und Abgelöstheit aus der Herkunftsfamilie, der stabileren Identitäts- und Lebensentwürfe als Maßstab gelten.

Die in jugendsoziologischen oder entwicklungspsychologischen Studien, aber auch alltagspraktisch vielfach geteilte Beobachtung, dass diese Positionen oder Entwicklungsstufen längere Zeit benötigen, als es klassische Jugendtheorien nahegelegt haben, führte zunächst vielfach zur Erweiterung des Jugendbegriffs mit starker Akzentuierung einer sogenannten Spätadoleszenz. Das Phänomen einer teils bis in das vierte Lebensjahrzehnt ausgedehnten, in diesem Sinne ‚späten‘ Adoleszenz wurde dabei mit gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft, den Bedingungen der Spätmoderne, in der hohe Unsicherheit mit gewachsenen Anforderungen an individualisierte Bewältigung von Lebensaufgaben einhergeht.

Doch was bedeutet es, wenn Übergänge und Phasen nicht nur länger dauern, sondern auch typische Krisen später aufzutauchen scheinen? Dass sich viele Menschen im Alter „from the late teens to the mid-20s“ noch eher im Stadium eines Dazwischen zu befinden scheinen – also zwischen Jugend und Erwachsenheit, zwischen Offenheit und Committment, zwischen Bindung an die Herkunftsfamilie und Eigenständigkeit usw. – ließ Arnett, zu Beginn des zweiten Jahrtausends, entwicklungstheoretisch eine neue Lebensphase postulieren, die er als angehendes oder auftauchendes Erwachsenenalter bezeichnete (Arnett 2000, 2004): „Most young people now spent the period from their late teens to their mid- 20s not settling into long-term adult roles but trying out different experiences and gradually making their way toward enduring choices in love and work“ (2007, S. 69). Diese Phase des emerging adulthood, „a new period of the life course in industrialized societies“ (2007, S. 68) sei demnach das Alter der „identity explorations, the age of instability, the self-focused age, the age of feeling in-between, and the age of possibilities“ (2007, S. 69).

Das Konzept erfuhr rasche Verbreitung und auch vielfältige Zustimmung in zahlreichen Disziplinen, in denen im weiteren Sinne die Unterteilung der Gegenstandsbereiche in Kindheits-, Jugend- oder Erwachsenenphasen eine Rolle spielt (Psychologie, Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Medizin, Anthropologie, Philosophie, Recht usw.). Studien zu ‚emerging adulthood‘ erforschten zahlreiche differentielle Aspekte und Facetten (Shulman u.a. 2016; Paulsen u.a. 2016), die sich unter anderem auch auf sozioökonomische Aspekte, auf Geschlecht (Arnett u.a. 2016; vgl. auch Staats/Taubner 2015), soziale Ungleichheiten, Migration (z.B. Walsh u.a. 2005), interkulturelle oder ethnische Differenzen (z.B. Buhl 2007; Facio/Micocci 2003), mediale Praxis (Coyne/Padilla- Walker/Howard 2016), psychische Entwicklungen (Knight 2017; Knight/Miller 2017) oder Risikofaktoren (Schechter u.a. 2018; Seiffge-Krenke 2019; Keller 2019) beziehen.

Wichtig festzuhalten ist dabei, dass Arnett unter Emerging Adulthood keine verlängerte Adoleszenz versteht, sondern eine weitere Phase. Genauer gesagt, geht es um eine ‚eigenständige‘ Phase des ‚Dazwischen-Seins‘, in der trotz vieler Veränderungen noch kein „Life Authorship“ im Sinne von McAdams (2015) über das Leben erreicht sei (ebd., S. 438). Eine andere zentrale Herausforderung wird in der Balance zwischen einem individuierten und zugleich mit anderen verbundenen Selbst gesehen (Lapsley/Woodbury 2015, S. 701), die im auftauchenden Erwachsenenalter häufig noch unausgewogen sei und daher in den 20ern erarbeitet werden müsse. Es bleibt zu klären, wie im Lichte dessen Lebensphasen des ‚Heranwachsens‘ theoretisch konzipierbar sind.

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