Einmischen gegen Rechts in Bildung, Erziehung und Sozialer Arbeit

„Die Neue Rechte versucht, gesellschaftliche Diskurse langfristig zu verschieben.“ Leseprobe Monstadt u.a., Einmischen gegen Rechts

Rechte Akteur*innen dringen zunehmend in Bildungs-, Erziehungs- und Sozialarbeitskontexte ein – mit Forderungen nach „Neutralität“, gezielter Desinformation und Angriffen auf diskriminierungskritische Ansätze. Doch wie Widerstand leisten? Der Sammelband „Einmischen gegen Rechts. Extrem rechte Interventionen als Herausforderung für Bildung“ von Florian Monstadt, René Breiwe, Isabel Dean, Georg Geber-Knop, Simon Küth  und Lisa Tölle (Hrsg.)  liefert Analysen und Handlungsoptionen für eine starke Demokratie in der Bildung.

Von der Infiltration Sozialer Arbeit über wissenschaftsfeindlichen Rechtsextremismus an Hochschulen bis hin zu Desinformationsstrategien im digitalen Raum – die Beiträge zeigen auf, wo die extreme Rechte ansetzt und wie pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und zivilgesellschaftliche Initiativen klar Position beziehen können

Die folgende Leseprobe gibt einen ersten Einblick in die dringend notwendige Debatte.

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EINMISCHEN gegen Rechts – Extrem rechte Interventionen als Herausforderung für Bildung. Eine Einleitung

Autor*innenkollektiv

In den vergangenen Jahrzehnten haben extrem rechte Bewegungen in zahlreichen Ländern – darunter auch Deutschland – sowohl politisch als auch gesellschaftlich an Einfluss gewonnen (für den bundesdeutschen Kontext vgl. Decker/ Brähler 2022; Decker et al. 2024; Zick/Küpper 2021; Zick/Küpper/Mokros 2023; Zick et al. 2025; für die Analyse der Neuen Rechten und ihrer Krisennarrative vgl. auch Schilk 2024; Gebhardt 2024; für US-Amerika vgl. Ramos 2024; für Ungarn vgl. Heinrich 2019; Vida/Háberman/Wéber in diesem Band [i.d.Bd.]; für Argentinien vgl. Naundorf 2024). Im Zuge dessen haben extrem rechte Akteur*innen und Politiker*innen eine zunehmende Verschiebung des öffentlichen Sagbarkeits- und Handlungsfeldes hin zu einer Normalisierung menschenverachtender Positionen bewirkt. Sie rahmen dabei antidemokratische und extrem rechte Meinungen als mehrheitsgesellschaftlich getragene Werte, um darüber politischen Einfluss auf unterschiedlichen Ebenen und an diversen gesellschaftlichen Orten zu gewinnen (Salzborn 2018; Virchow 2016). Diese Entwicklung vollzieht sich nicht allein über Parteien und Wahlerfolge, sondern auch über publizistische, kulturelle und metapolitische Interventionen, die auf eine langfristige Verschiebung gesellschaftlicher Deutungsmuster zielen.

Die im Titel des Bandes prominente Analysekategorie der extremen Rechten knüpft an aktuelle wissenschaftliche Debatten an und markiert zugleich eine demokratietheoretische Position (Häusler 2021). In Anlehnung an Virchow (2016) grenzen wir uns damit von einem verkürzten Extremismusverständnis ab, das politische Phänomene primär an imaginierten gesellschaftlichen Rändern verortet und als Abweichungen von einer vermeintlich neutralen demokratischen ,Mitte‘ fasst. Stattdessen rückt die Kategorie extrem rechts ein breiteres Spektrum politischer Positionen in den Blick, die gesellschaftliche Ungleichheiten, Hierarchisierung und Ausgrenzung als legitim oder naturgegeben begreifen: Häusler (2008) sowie Hafeneger und Schönfelder (2007: 9) folgend wird der Begriff der extremen Rechten als Sammelbegriff für das gesamte politische rechte Spektrum verwendet, das von rechtskonservativen Grauzonen bis hin zu offen neonazistischen Szenen reicht. Kennzeichnend sind dabei insbesondere völkisch-nationalistische, rassistische und antisemitische Ideologeme, autoritäre Politikvorstellungen sowie die grundsätzliche Ablehnung des gesellschaftlichen und rechtlichen Gleichheitsprinzips und menschenrechtlicher Prinzipien, die sich unter anderem in dominanzgesellschaftlichen Diskriminierungsverhältnissen und in der Rassifizierung und Biologisierung sozialer Problemlagen ausdrücken. Der Begriff erlaubt es, extrem rechte Positionierungen als Bestandteil gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse, Normalisierungsprozesse und hegemonialer Auseinandersetzungen zu analysieren.

Im Zentrum des vorliegenden Bandes steht der Bildungskontext in seinen Dimensionen Erziehung, Schule und Sorge. Gerade hierfür ist die begriffliche Entscheidung für extrem rechts von besonderer Relevanz, weil sie den Blick auf gesellschaftliche Konfliktlinien, Machtverhältnisse und Normalisierungsprozesse richtet und extrem rechte Positionierungen nicht bloß als randständige Abweichungen von einem vermeintlichen demokratischen Konsens missversteht. Zugleich wird damit sichtbar, dass pädagogische Felder nicht nur Orte der Auseinandersetzung mit extrem rechten Positionierungen sind, sondern selbst zum Gegenstand neurechter Krisendeutungen werden (vgl. Dintenfelder 2025; Gläser/Hentges 2024). Der Titel des Bandes – „Einmischen gegen rechts – Extrem rechte Interventionen als Herausforderung für Bildung“ – verweist dementsprechend auf Praktiken und Akteur*innen, die demokratische Grundwerte wie Gleichwertigkeit, soziale Gerechtigkeit, Pluralität und Menschenrechte grundlegend infrage stellen, unabhängig davon, ob sie sich offen extrem rechts oder in moderater, anschlussfähiger Form präsentieren. Dass pädagogische Felder heute in besonderer Weise zum Gegenstand extrem rechter Interventionen werden, ist dabei nicht als neuartiges Phänomen zu verstehen, sondern verweist auf längerfristige historische Kontinuitäten extrem rechter Einflussnahme in Deutschland.

Diese Einflussnahme hat in Deutschland eine lange Geschichte und lässt sich sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR bis in die Nachkriegszeit zurückverfolgen (vgl. Birsl/Quent 2025). Während sich in der Bundesrepublik früh unterschiedliche extrem rechte Strömungen formierten, die an völkische, autoritäre und nationalsozialistische Traditionsbestände anknüpften, blieb die Existenz extremer rechter Akteur*innen und Gewaltphänomene in der DDR lange systematisch verdeckt. Das sozialistische Versprechen, eine neue politische Ordnung aufzubauen, die ihre ,Lehren‘ aus dem Nationalsozialismus gezogen habe, führte dabei zum einen dazu, dass sich „auch auf längere Sicht keine (selbst-)kritische gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit entwickeln konnte“ (Frei et al. 2019: 15) und verhinderte zum anderen, dass die Existenz extrem rechter Gruppen und Akteur*innen sowie durch sie verübte Vorfälle wie Hakenkreuz-Schmierereien oder gewalttätige Übergriffe bagatellisiert und sogenannten Rowdies, Randalierern oder negativ-dekadenten Jugendlichen zugeschrieben wurden (Stöss 2000: 62).

Für die frühe Bundesrepublik war das extrem rechte Spektrum zunächst vor allem durch offen neonazistische Strömungen geprägt, die sich explizit auf den Nationalsozialismus sowie auf autoritäre und nationalistische Bewegungen der Weimarer Republik bezogen. Im weiteren Verlauf differenzierten sich Ideologieformen, Organisationsweisen und politische Strategien aus. In diesem Zusammenhang kommt der sogenannten „Neuen Rechten“ besondere Bedeutung zu, die in ihren ideologisch-theoretischen Bezügen und Erscheinungsformen deutlich heterogener ist als klassische neonazistische Akteur*innen (Virchow 2016; Gebhardt 2024; Schilk 2024). Gebhardt (2024) beschreibt die Neue Rechte als seit den 1960er-Jahren entstandenes intellektuelles Netzwerk, das sich auf die „Konservative Revolution“ bezieht, dabei aber vor allem über metapolitische Strategien, also über den Kampf um Begriffe, Deutungen und kulturelle Hegemonie, wirksam werden will. Im Zentrum stehen anti-egalitäre, autoritäre und radikal antiliberale Weltbilder sowie ein ethnisch-kulturell aufgeladener Volksbegriff. Die Neue Rechte operiert nicht mehr ausschließlich mit offen radikalen Positionen, sondern versucht gesellschaftliche Diskurse, kulturelle Deutungsmuster und öffentliche Selbstverständlichkeiten langfristig zu verschieben und hegemoniale Deutungsmacht zu erlangen – ein Prozess, den Gramsci (1991) als Kampf um Hegemonie bezeichnete und der von der Neuen Rechten strategisch aufgegriffen wurde (Gläser/Kater 2023). Ziel ist hierbei, öffentliche Debatten zu beeinflussen, Diskurse zu prägen und eine Scharnierfunktion zwischen Konservatismus und extremer Rechter zu öffnen, um darüber auch parteipolitisch an Einfluss zu gewinnen (vgl. Pfahl-Traugbher 2019). Gerade diese metapolitische Arbeitsweise ist für den vorliegenden Band insofern relevant, als sie deutlich macht, dass extrem rechte Einflussnahme nicht nur in offen radikalen Erscheinungsformen, sondern auch in diskursiven, institutionellen und professionellen Kontexten wirksam wird.

Unverändert bleibt dabei das Bestreben, eine dauerhaft etablierte Partei im extrem rechten Spektrum jenseits der CDU/CSU zu verankern. Die extrem rechten Parteien der Bundesrepublik – von der NPD und DVU über die Republikaner bis zu jüngeren Formationen – bilden keine historische Ausnahmeerscheinung, sondern stehen in der Kontinuität einer völkischen Denktradition, die das deutsche politische Spektrum seit dem 19. Jahrhundert durchzieht. Innerhalb dieser hat sich eine feste Kultur extrem rechten Denkens etabliert, der es gelingt, Menschen nachhaltig zu binden und neue Generationen für diese Ideologie zu gewinnen. Sie umfasst sowohl einen intellektuell-publizistischen Bereich als auch popkulturelle Strömungen wie unterschiedliche rechtsextreme Musikstile sowie auch jugendkulturelle Angebote. Der gesellschaftliche Einfluss extrem rechter Akteur*innen verlief in der Geschichte der Bundesrepublik nicht linear, sondern in Phasen wechselnder Stärke und Reichweite (vgl. Birsl/Quent 2025). Als Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes dient jedoch die Beobachtung, dass sich diese Einflussnahme in der jüngeren Gegenwart noch weiter intensiviert hat.

Auch pädagogische und soziale Handlungsfelder sind von dieser Entwicklung betroffen Besonders wenn Fragen von Demokratie, Pluralität, Differenz und Zugehörigkeit verhandelt werden, werden diese Felder auf spezifische Weise zum Gegenstand extrem rechter Interventionen.

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Cover: Florian Monstadt u.a. (Hrsg.), Einmischen gegen Rechts. ISBN 9783847431848.Florian Monstadt, René Breiwe, Isabel Dean, Georg Geber-Knop, Simon Küth, Lisa Tölle (Hrsg.):

Einmischen gegen Rechts. Extrem rechte Interventionen als Herausforderung für Bildung

 

 

 

Einmischen gegen Rechts: Die Herausgeber*innen

Florian Monstadt, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Bildungsforschung, Bergische Universität Wuppertal

Dr. René Breiwe, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Bildungsforschung, Bergische Universität Wuppertal

Dr. Isabel Dean, Vertretung der Professur für Sozialpädagogik, Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Sozialpädagogik, PH Freiburg

Dr. Georg Geber-Knop, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Department Erziehungswissenschaft, Universität Siegen

Dr. Simon Küth, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Schulentwicklung, Universität Duisburg-Essen

Dr. Lisa Tölle, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Sonderpädagogik, PH Freiburg

 

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