In der aktuellen Debatte um Gewaltprävention und sichere Räume in sozialen Einrichtungen droht ein zentrales Element aus dem Blickfeld zu geraten: Schutzkonzepte und ihre praktische Umsetzung. Trotz gesetzlicher Vorgaben und zahlreichen öffentlichen Diskussionen über Missbrauchsfälle scheitern Organisationen teils an der konkreten Implementierung – mit entsprechenden Folgen für Betroffene und Teams.
Mit dem „Handbuch Schutzkonzepte in der praktischen Umsetzung. Band 1 – Grundlagen und Rahmensetzung“, das am 7. September 2026 im Verlag Barbara Budrich erscheint, legen die Herausgeber*innen Nadine Schildt und Heiner van Mil eine profund analysierte und praxisnahe Handreichung vor, die verdeutlicht: Schutzkonzepte sind kein bloßes Pflichtdokument, sondern ein zentraler Baustein für sichere und handlungsfähige Strukturen. Das Buch verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Perspektiven; so erhalten Fachpersonen fundierte Orientierung und konkrete Werkzeuge, um Schutzkonzepte erfolgreich zu planen und umzusetzen.
Im Interview erläutern Nadine Schildt und Heiner van Mil, worum es im Handbuch genau geht, wie die Idee dazu entstand, was ein gutes Schutzkonzept ausmacht und welche typischen Herausforderungen bei der Umsetzung auftreten.
Interview zum „Handbuch Schutzkonzepte in der praktischen Umsetzung“
Liebe Nadine Schildt, lieber Heiner van Mil, worum geht es in Handbuch Schutzkonzepte. Band 1?
Im Handbuch Schutzkonzepte geht es darum, wie Organisationen wirksame Schutzkonzepte gegen Gewalt entwickeln, umsetzen und dauerhaft verankern können. Im Mittelpunkt steht dabei ein Verständnis von Schutzkonzepten, das deutlich über ein schriftliches Dokument hinausgeht. Wir begreifen sie als langfristig angelegte, partizipative Organisationsentwicklungsprozesse, die Strukturen, Haltungen und Kulturen gleichermaßen in den Blick nehmen.
Schutzkonzepte dienen nicht nur dem Schutz vor Gewalt, sondern stärken zugleich die Rechte von Kindern, Jugendlichen und anderen vulnerablen Personengruppen – etwa auf Beteiligung, Information, Beschwerde und Förderung. Das Handbuch verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Perspektiven und richtet sich an Fachkräfte, Leitungskräfte und Trägervertreter:innen, die Schutzkonzepte nicht nur „haben“, sondern im Alltag wirksam leben wollen.
Im ersten Band haben wir mit der Unterstützung zahlreicher namhafter und erfahrener Autor:innen wichtige Grundlagen zusammengetragen. Neben dem Aufbau, den verschiedenen Ebenen sowie Akteur:innen von Schutzkonzepten bzw. -prozessen nehmen wir auch bedeutsame Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen, wie z.B. Diskriminierungssensibilität oder die Relevanz von Psychotraumata in den Blick. Im zweiten Band, welcher 2027 ebenfalls im Verlag Barbara Budrich erscheint, befassen wir uns dann – ebenfalls gemeinsam mit vielen versierten Fachmenschen – mit den konkreten Schritten im Umsetzungsprozess.
Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?
Das Buch ist aus einer längeren fachlichen und gesellschaftlichen Entwicklung heraus entstanden. Die Aufarbeitung von Gewalt in Institutionen, zahlreiche öffentliche Debatten, Betroffenenberichte und nicht zuletzt gesetzliche Veränderungen haben deutlich gemacht, dass Gewalt kein Randphänomen ist und nicht allein auf individuelles Fehlverhalten reduziert werden kann.
Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass viele Organisationen zwar Schutzkonzepte entwickeln, deren Umsetzung jedoch mit erheblichen Unsicherheiten und Herausforderungen verbunden ist. Der „Stein des Anstoßes“ war die daraus resultierende Frage von Barbara Budrich an uns: Wie können Schutzkonzepte so gestaltet werden, dass sie nicht nur formale Anforderungen erfüllen, sondern tatsächlich Schutz bieten? Mit dem Handbuch wollen wir einen Beitrag leisten, der diese Lücke zwischen Anspruch und gelebter Praxis schließt.
Woraus besteht aus Ihrer Sicht ein gutes Schutzkonzept?
Ein gutes Schutzkonzept besteht aus mehreren miteinander verzahnten Prozess-Bausteinen. Ausgangspunkt sind zunächst Verständigungsprozesse in der jeweiligen Organisation: Es braucht ein geteiltes Verständnis von Schutz, Gewalt und Verantwortung. Darauf aufbauend ist eine systematische Risiko- beziehungsweise Gefährdungsanalyse zentral, um organisationale Schwachstellen zu identifizieren.
Aus dieser Analyse ergeben sich passgenaue Präventionsmaßnahmen sowie klare Interventionsstrategien für den Umgang mit Verdachts- oder Krisenfällen. Schulung und Sensibilisierung der Mitarbeitenden sind ebenso unverzichtbar wie transparente Beschwerdewege. Entscheidend ist außerdem, dass Schutzkonzepte regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden.
Sie dürfen nicht statisch sein, sondern müssen sich an veränderte Bedingungen anpassen. Es ist klar, dass Schutzkonzepte vor diesem Hintergrund jeweils individuell und mit allen Beteiligten vor Ort entwickelt werden müssen – ein gutes Schutzkonzept lässt sich nicht abschreiben.
Nicht zuletzt braucht es als Basis eine Organisationskultur, die Achtsamkeit, Reflexion und Verantwortung fördert – denn Schutz entsteht nicht allein durch Regeln, sondern durch gelebte Haltung.
Wo liegen typische Herausforderungen für die praktische Umsetzung eines Schutzkonzepts in der Praxis? Wie kann diesen begegnet werden?
Eine zentrale Herausforderung ist der hohe Zeit- und Ressourcenaufwand, den die Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten erfordert – insbesondere in ohnehin stark belasteten Arbeitsfeldern. Hier hilft es, Schutzkonzepte fest im Qualitätsmanagement zu verankern, klare Zuständigkeiten zu schaffen und herauszuarbeiten, dass es sich bei einem guten Schutzkonzept um eine Investition handelt, die sich später an zahlreichen Stellen (nicht nur in zeitlicher Hinsicht) rentiert.
Häufig erleben wir z.B. Widerstände in Teams, etwa wenn Schutzkonzepte als zusätzliche Bürokratie oder als Kontrollinstrument wahrgenommen werden. Dem kann durch frühe Beteiligung, transparente Kommunikation und praxisnahe Fortbildungen begegnet werden. Wenn Mitarbeitende den Sinn und die Relevanz für ihren Arbeitsalltag erkennen, steigt die Akzeptanz deutlich.
Eine weitere Herausforderung ist die Gefahr, dass Schutzkonzepte auf dem Papier bestehen bleiben. Wirksam werden sie wie bereits beschrieben nur, wenn sie als Instrument einer lernenden Organisation verstanden werden – u.a. mit einer offenen Fehlerkultur, in der Unsicherheiten, Grenzverletzungen und kritische Situationen angstfrei angesprochen werden können.
Darum sind wir Autor*innen bei Budrich
Als Autor*innen bei Budrich möchten wir Fachwissen zugänglich machen, das wissenschaftlich fundiert und zugleich praxisnah ist. Das Handbuch Schutzkonzepte verstehen wir als Beitrag zur Qualitätsentwicklung in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit und darüber hinaus. Uns war es wichtig, unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis zusammenzuführen und damit Orientierung in einem komplexen Feld zu geben.
Wir wollen Organisationen darin unterstützen, Schutzkonzepte nicht als Pflichtaufgabe zu begreifen, sondern als Chance: für mehr Beteiligung, Transparenz, Verantwortungsübernahme und letztlich für sichere Räume, in denen junge Menschen gesehen, gehört und geschützt werden.
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Nadine Schildt, Heiner van Mil (Hrsg.):
Handbuch Schutzkonzepte in der praktischen Umsetzung. Band 1 Grundlagen und Rahmensetzung
Das „Handbuch Schutzkonzepte. Band 2: Impulse für die Anwendung vor Ort“ erscheint 2027 im Verlag Barbara Budrich.
Die Herausgeber*innen
Nadine Schildt ist stellvertretende Direktorin am Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) und verantwortet dort u. a. die Fachbereiche Hilfen zur Erziehung und öffentliche Verwaltung. Sie ist Sozialmanagerin (M. A.), Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin (B. A.) und ausgebildete Jugend- und Heimerzieherin. Vor ihrer Tätigkeit am IKJ war sie über 15 Jahre als Fach- und Führungskraft bei freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe, Beteiligung junger Menschen, Leaving Care sowie der Qualifizierung von Fach- und Leitungskräften.

Heiner van Mil leitet das Institut Trauma und Pädagogik in Mechernich (Eifel) und ist dort zudem als Referent und Supervisor tätig. Er studierte Rehabilitationswissenschaften (M.A.) und Erziehungswissenschaftler (B.A.) und absolvierte Weiterbildungen zum Traumapädagogen und Traumazentrierten Fachberater (FVTP/DeGTP) sowie zum Systemischen Berater (DGSF). Er verfügt über langjährige (Leitungs-)Erfahrung in Praxis und Forschung im Feld der Jugendhilfe. Neben seinem Hauptberuf ist Heiner van Mil Autor zahlreicher Fachpublikationen, insbesondere im Bereich der Traumapädagogik, Doktorand an der Universität zu Köln/ASH Berlin sowie Co-Vorsitzender im Fachverband Traumapädagogik (FVTP).
Über „Handbuch Schutzkonzepte in der praktischen Umsetzung. Band 1“
Wie lassen sich Schutzkonzepte in Einrichtungen der Sozialen Arbeit, des Bildungssektors und des Gesundheitswesens erfolgreich entwickeln und umsetzen? Dieses Handbuch liefert gleichermaßen praxisnahe Hilfestellungen und Grundlagenwissen. Im ersten Band beleuchten renommierte Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis wichtige Rahmenbedingungen und liefern praxisnahe Hilfen, theoretische Grundlagen und Strategien für Verantwortliche vor Ort. Fachlich fundiert und konkret wird Prävention greifbar und nachhaltiger Schutz planbar gemacht.
© Titelbild gestaltet mit canva.com | Fotos Herausgeber*innen: privat
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