Die richtigen Methoden finden: Orientierung für Studierende der Gender Studies

Gastbeitrag Methoden in den Gender Studies

Methoden in den Gender Studies sind so vielfältig wie die Fragen, die sie stellen. Ob historische Analyse, ethnografische Forschung oder Diskurskritik: Die Geschlechterforschung nutzt bewusst ein breites methodisches Spektrum, das klassische Disziplingrenzen überschreitet. Doch diese Offenheit ist nicht nur eine Stärke, sondern auch eine Herausforderung – besonders für Studierende, die sich erstmals in diesem inter- und transdisziplinären Feld bewegen.

In diesem Gastbeitrag erklärt Esto Mader aus dem Herausgebendenkreis von Methoden in den Gender Studies. Ein Lehrbuch für das inter- und transdisziplinäre Studium, wie das neue Lehrbuch Studierenden hilft, die passenden Methoden für die eigene Forschungsfrage zu finden und erfolgreich anzuwenden.

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Geschlecht, intersektionale Verflechtungen, soziale Ungleichheit, Wissen und Macht sind zentrale Themen der Gender Studies. Da diese Fragen viele gesellschaftliche Ebenen durchziehen, erfordern sie unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge. Entsprechend verfolgt die Geschlechterforschung ihre Erkenntnisinteressen bewusst über disziplinäre Grenzen hinweg, verbindet Perspektiven aus verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen und reflektiert zugleich das eigene Vorgehen wissenschaftstheoretisch.

 

Methoden in den Gender Studies erlernen

Diese Arbeitsweise hat Konsequenzen für die Methoden. In den Gender Studies kommt eine Vielzahl von methodischen Ansätzen zum Einsatz, die sich nicht immer eindeutig einer einzelnen Disziplin zuordnen lassen. Beispielsweise können historische Analysen, ethnografische Forschungen, quantitative Datenauswertungen, Diskursanalysen, literaturwissenschaftliche Interpretationen oder philosophische Reflexionen im Studium Gender Studies erlernt werden. Gerade diese methodische Vielfalt ermöglicht es, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge angemessen zu analysieren. Gender Studies liegen damit gewissermaßen quer zu den klassischen Disziplinen – und genau darin liegt eine ihrer größten Stärken.

Gleichzeitig zeigt die Erfahrung aus Studium und Lehre, dass diese Vielfalt für Studierende auch Herausforderungen mit sich bringt. Wer sich im Studium erstmals intensiver mit Gender Studies beschäftigt, sieht sich mit einer großen Bandbreite an Theorien, Methoden und Forschungspraktiken konfrontiert. An vielen Universitäten, etwa am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin (ZtG), können Studierende Perspektiven aus zahlreichen Disziplinen kennenlernen. Diese Offenheit ist ein großer Gewinn, erschwert jedoch manchmal den Überblick über methodische Zugänge.

Typische Fragen tauchen daher früh im Studium auf:

  • Welche Methode eignet sich für mein konkretes Forschungsinteresse?
  • Wie lassen sich Forschungsfrage, Methode und theoretischer Rahmen sinnvoll aufeinander abstimmen?
  • Wie können Forschende mit ihrer eigenen Positioniertheit umgehen?
  • Und was heißt es eigentlich für Forschung, wenn es keine universelle, zeitlose Wahrheit gibt?

Solche Fragen sind zentral für Studierende und gleichzeitig sind sie keineswegs neu. Sie stehen seit Jahrzehnten im Mittelpunkt methodischer Debatten innerhalb der Gender Studies.

 

Hintergrund des Lehrbuchs „Methoden in den Gender Studies“

Aus genau dieser Situation heraus entstand die Idee einer Ringvorlesung im Gender-Studies-Master des ZtGs, die als strukturierendes Angebot dienen sollte. Ziel war es, die Vielfalt geschlechtertheoretisch gerahmter Forschungspraktiken sichtbar zu machen und Studierenden Orientierung zu geben. Die Vorträge zeigten, wie unterschiedliche disziplinäre Perspektiven sich einem Thema nähern. Die Ringvorlesung legte dabei besonderen Wert auf eine praxisorientierte Vermittlung. Studierende sollten exemplarisch lernen, wie Erkenntnisinteresse, Forschungsfragen und -designs miteinander verwoben sind. Gerade im Kontext von Seminararbeiten oder Abschlussarbeiten ist diese Fähigkeit zentral.

Aus dieser Lehrveranstaltung heraus entstand schließlich ein Lehrbuch, das die Inhalte der Ringvorlesung aufgreift und weiterführt. Die Beiträge stellen exemplarisch ausgewählte Forschungsansätze aus unterschiedlichen Disziplinen vor und bieten damit einen Einblick in unterschiedliche methodische Traditionen innerhalb der Gender Studies. Gleichzeitig zeigen sie, welche erkenntnistheoretischen Annahmen den jeweiligen Ansätzen zugrunde liegen.

Allen Ansätzen im Buch ist eine grundlegende Prämisse gemeinsam: Methodologie, Methoden und Erkenntnistheorie lassen sich nicht voneinander trennen und sind stets kontextuell gebettet. Wie wir forschen, hängt immer auch damit zusammen, welche Annahmen wir über Wissen, Wirklichkeit und Gesellschaft treffen. Forschung ist daher nicht unabhängig von ihrem sozialen und historischen Kontext. Diese Einsicht hat bereits eine jahrzehntelange Geschichte innerhalb kritischer Wissenschaftstheorie. Die Entwicklung der Gender Studies ist eng mit wissenschaftskritischen Debatten verbunden, die seit den 1970er-Jahren an Universitäten geführt wurden. Aktivistische Studierende und Wissenschaftlerinnen machten damals darauf aufmerksam, dass wissenschaftliches Wissen keineswegs neutral oder universell ist.

Wissenschaftliche Institutionen wurden lange von Perspektiven geprägt, die überwiegend männlich, weiß, bürgerlich und eurozentrisch waren. Wie viele People of Color gibt es unter Forschenden? Wie viele mit Behinderung? Hegemoniale Perspektiven beeinflussten nicht nur Themen und Fragestellungen, sondern auch Methoden, Kategorien und Datenerhebungen. In vielen Statistiken wurden Frauen sowie trans*, inter* und nichtbinäre Personen lange Zeit gar nicht oder nur unzureichend erfasst. Diese epistemische Unsichtbarkeit steht in engem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Ungleichheiten.

Der Blick der Forschenden strukturiert die Forschung. Und wenn bestimmte Gruppen kaum als handelnde Subjekte in wissenschaftlichen Darstellungen erscheinen, wirkt sich das auch auf ihre gesellschaftliche Wahrnehmung und Teilhabe aus. Forschende der Gender Studies haben deshalb immer wieder danach gefragt, welche Stimmen fehlen, welche Erfahrungen übersehen werden und welche Machtverhältnisse bestimmen, welches Wissen als relevant gilt. Gender-Studies-Forschung reagiert auf diese Problemlagen, indem sie Unsichtbares sichtbar macht und zugleich die Bedingungen untersucht, unter denen Wissen entsteht.

 

Inhalt des Lehrbuchs

Das Lehrbuch richtet sich insbesondere an Studierende, die inter- und transdisziplinäre Gender Studies studieren. Ebenso richtet es sich an Studierende anderer Fächer, die ihre Abschlussarbeit im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Wissensordnungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen gestalten möchten.

Die Beiträge im Lehrbuch „Methoden in den Gender Studies“ spiegeln die Vielfalt der Gender Studies wider. Einige verfolgen klar umrissene erkenntnistheoretische Positionen und methodologische Ansätze, andere bewegen sich bewusst zwischen verschiedenen Traditionen oder lassen sich nicht eindeutig in eine einzelne Kategorie einordnen. Manche Texte stellen konkrete Methoden vor und zeigen ihre Anwendung anhand von Beispielen. Andere beschäftigen sich mit methodischen Kombinationen und mit spezifischen Formen der Interpretation von Material, Quellen und Daten.

Im Mittelpunkt steht dabei eine anwendungsorientierte Methodenvermittlung. Die Beiträge erklären nicht nur theoretische Hintergründe, sondern zeigen praktisch die Schritte von der Entwicklung einer Fragestellung über die Auswahl geeigneter Methoden bis hin zur Analyse von Material und Daten. Das Lehrbuch Methoden in den Gender Studies soll dabei helfen, im inter- und transdisziplinären Feld der Gender Studies eine methodische Position zu finden. Das passende Instrumentarium für die eigene Fragestellung kann ausgewählt werden, so bietet der methodische Überblick auch die Möglichkeit, sich für eine Methode zu entscheiden und dafür eine passende Frage zu finden.

Die Vielfalt der Ansätze bleibt dabei ausdrücklich erhalten. Denn genau diese Offenheit macht die Stärke der Gender Studies aus: die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verbinden und komplexe gesellschaftliche Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln zu untersuchen. Unterschiedliche Fragen erfordern unterschiedliche Zugänge. Gleichzeitig ist dieser Prozess selten linear. In der Praxis verläuft die Entwicklung eines Forschungsprojekts meist zirkulär. Häufig verändert sich die Fragestellung im Laufe der Recherche, während sich zugleich herausstellt, dass bestimmte Methoden besser oder schlechter geeignet sind, um ein Problem zu untersuchen. Forschende passen daher ihre Fragestellung, ihr methodisches Vorgehen oder auch den theoretischen Rahmen immer wieder an. Dieser iterative Prozess ist kein Zeichen mangelnder Planung, sondern ein kann ein produktiver Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit sein. Gerade in den Gender Studies, in denen unterschiedliche disziplinäre Perspektiven und methodische Zugänge aufeinandertreffen, ist diese wechselseitige Abstimmung zwischen Frage, Methode und theoretischem Zugang besonders wichtig.

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Cover: Methoden in den Gender StudiesEsto Mader, Mirjam Fischer, Lea Luttenberger (Hrsg.):

Methoden in den Gender Studies. Ein Lehrbuch für das inter- und transdisziplinäre Studium

auch im Open Access verfügbar

Leseprobe

Booklaunch! 27.04.26 ab 18 Uhr: Buchvorstellung und Diskussion mit den Herausgebenden. Humboldt-Universität zu Berlin, Dorotheenstraße 24, Raum 1.308, 10117 Berlin.

 

Die Herausgeber*innen

Dr. Esto Mader, Post-Doc., Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Dr. Mirjam Firscher, Gastprofessur und Nachwuchsgruppenleitung, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

Lea Luttenberger, M.Sc., Doktorandin, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Über „Methoden in den Gender Studies“

Dieses Lehrbuch liefert Studierenden alles, um sich in der Methodenvielfalt des inter- und transdisziplinären Studienganges Gender Studies orientieren zu können. Neben einem methodischen Überblick leitet es Studierende an, Fragestellungen zu entwickeln und das richtige Instrumentarium für die Bearbeitung von Studien- und Abschlussarbeiten auszuwählen. Die Beiträge des Buches leisten so eine anwendungs- und umsetzungsorientierte Methodenvermittlung.

 

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