Welche Methoden in den Gender Studies brauche ich als Studierende*r?

Leseprobe Methoden in den Gender Studies

Methoden in den Gender Studies. Ein Lehrbuch für das inter- und transdisziplinäre Studium von Esto Mader, Mirjam Fischer und Lea Luttenberger (Hrsg.) liefert Studierenden alles, um sich in der Methodenvielfalt des inter- und transdisziplinären Studienganges Gender Studies orientieren zu können. Neben einem methodischen Überblick leitet es Studierende an, Fragestellungen zu entwickeln und das richtige Instrumentarium für die Bearbeitung von Studien- und Abschlussarbeiten auszuwählen.

Eine Leseprobe.

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Einleitung. Inter- und transdisziplinäre Methodologien und Methodenvielfalt in den Gender Studies

Esto Mader und Mirjam Fischer

Ein wichtiges Spezifikum der Gender Studies ist ihre Trans- und Interdisziplinarität. Diese Konzepte werden theoretisch unterschiedlich gefasst. Andrea Maihofer versteht unter Interdisziplinarität, wenn Methoden kombiniert und in gemeinsame Synthese gebracht werden, im „Ergebnis der Forschung sind die disziplinären Perspektiven jedoch, wenn es gelingt, (fast) nicht mehr trennbar.“ (Maihofer 2005, 198) Daran kritisiert Susanne Baer, dass dieses Zusammen der Disziplinen häufig ein Kampf um Geltungsansprüche darstellt (Baer 1999, 77). Der Begriff Transdisziplinarität wird sehr unterschiedlich definiert. Während er oftmals zur Beschreibung von Forschung genutzt wird, die u.a. Praxiserfahrungen in der Projektsteuerung einbezieht (Hirsch Hadorn et al. 2008), fasst Maihofer transdisziplinär dagegen als die „Überschreitung, Neugruppierung, Neukonfiguration von Fragestellungen, Theorien, Methoden und Lösungen“, so dass die Disziplinarität transzendiert wird (Maihofer 2005, 200). Wenn auch die Begriffe Trans- und Interdisziplinarität unterschiedlich gefüllt werden, besteht doch Einigkeit darüber, dass Gender Studies innerhalb und zwischen verschiedenen Disziplinen forschen und über disziplinäre Grenzen hinaus gehen. Eben jener Forschungszugang, der Disziplinen reflektiert, transzendiert und ein Erkenntnisinteresse über die Disziplinen hinweg verfolgt, findet sich in den Studiengängen des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Am ZtG wird „mit einem transdisziplinären Ansatz […] diese doppelte Bewegung – die Verbindung unterschiedlicher Zugänge und ihre gleichzeitige Reflexion – […] realisiert. Transdisziplinarität bedeutet die wissenschaftstheoretische Reflexion der Disziplinen mit einem quer zu den Disziplinen liegenden Erkenntnisinteresse zu Gender (ZtG 2025).“ Die Inter- und Transdisziplinarität der Gender Studies ermöglichen es, vielschichtige Zusammenhänge angemessen zu analysieren. Gender Studies liegen quer zu den Disziplinen. Dieses Spezifikum stellt eine große Stärke der Gender Studies dar.

Darüber hinaus zeigen die Erfahrungen aus Lehre und Studium auch deutlich, dass Inter- und Transdisziplinarität für Studierende mit einem erhöhten Bedarf an Orientierung im breiten Feld geschlechterbezogener Forschung einhergehen können. Insbesondere da Gender Studies aufgrund ihrer Inter- und Transdisziplinarität mit mannigfaltigen Methoden arbeiten, die nicht immer einer Disziplin zugeordnet werden können. Während das BA- und MA-Studium am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU die Möglichkeit für vertiefende Perspektiven in siebzehn Disziplinen eröffnet, steht ein dezidiert auf Forschungsmethoden gerichteter Fokus weniger zentral. Entsprechend haben viele Studierende offene Fragen im Hinblick auf methodische und methodologische Entscheidungen. Welche Methode eignet sich für ein spezifisches Forschungsinteresse? Wie können Forschungsfrage, Methode und zugrunde liegende Methodologie aufeinander abgestimmt werden? Wie kann feministische Wissenschaft aussehen? Wie kann mit der Positioniertheit der Forschenden umgegangen werden? Diese Fragen sind nicht neu, sondern werden schon lange in methodischen Debatten der Gender Studies diskutiert. Es ist sehr wichtig, sie zu stellen, insbesondere da Forschungsergebnisse davon abhängen, welche Fragen gestellt werden und wie wir das tun (Letherby 2003, 3).

Aus dieser Situation heraus entstand die Idee einer Ringvorlesung für Studierende am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, die als strukturierendes Angebot dient und die Vielfalt geschlechtertheoretisch gerahmter Forschungspraktiken sichtbar machen soll. Ziel ist eine anwendungs- und umsetzungsorientierte Methodenvermittlung, die Studierende dazu befähigt, eigene Forschungsprojekte – insbesondere im Rahmen von Forschungs- und Abschlussarbeiten – fundiert zu planen und methodologisch zu verorten. Die in diesem Sammelband gebündelten Beiträge greifen das Konzept der Ringvorlesung auf und stellen exemplarisch ausgewählte Forschungsansätze vor. Sie sollen nicht nur einen methodischen Überblick vermitteln, sondern zugleich die Spezifik unterschiedlicher disziplinärer und erkenntnistheoretischer Zugänge innerhalb der Gender Studies aufzeigen. Dadurch bietet der Band eine praxisnahe Orientierung für Studierende und Forschende, die sich im inter- und transdisziplinären Feld der Gender Studies methodisch positionieren möchten. Die Beiträge demonstrieren, wie vielfältig Methodologien und Methoden in verschiedenen Fachtraditionen verankert sind und veranschaulichen, welche Erkenntnispotenziale sie haben.

 

Zum Begriffsverständnis

In den Sozialwissenschaften wird Methodologie einerseits als Begriff für die systematisierende Lehre von den Methoden verwendet und andererseits bezeichnet sie die Vorgehensweise und Forschungskultur eines Ansatzes oder das Verhältnis von Theorie und Empirie, die Theorie-Einbettung und wissenschaftstheoretische Grundlage (Diaz-Bone/Weischer 2015, 265). Sie beschäftigt sich also mit der theoretischen Frage, wie geforscht werden soll, um Erkenntnis zu erlangen. Die Methodologie ist damit eine theoretische Positionierung und wissenschaftstheoretische- normative Grundlage eines Forschungsansatzes. Der Begriff feministische Methodologie wird manchmal dafür genutzt, um einen Forschungsansatz zu beschreiben, der subjektive Involviertheit von Forschenden besonders wertschätzt (Letherby 2003, 5).

Dagegen beschreibt der Begriff Methoden den Weg zu etwas, das Vorgehen oder Regelsystem, ein systematisches und „regelgeleitetes Verfahren zur Bearbeitung von Aufgaben verschiedener Art“, zur Erhebung von Informationen und zur Untersuchung von Daten (Diaz-Bone/Weischer 2015, 260). Methode ist damit also die konkrete Ausführung oder das Werkzeug innerhalb eines Forschungsansatzes. Verschiedene Arten von Wissenschaften nutzen unterschiedliche Methoden, um Fragen und Probleme zu lösen. Beispielsweise kann die Grounded Theory als Methodologie verstanden werden, da sie den Forschungsprozess strukturiert und die Forschung in eine theoretische Rahmung bettet. Sie stellt nicht nur eine einzelne Technik oder ein klar umrissenes Verfahren dar, sondern ein übergeordnetes Forschungsverständnis. Qualitative Interviews sind dagegen eine Methode, die innerhalb der Grounded Theory angewandt werden können.

Epistemologie ist die Theorie des Wissens und wird auch als Erkenntnistheorie oder Wissenschaftstheorie bezeichnet (Diaz-Bone/Weischer 2015, 102). Sie beschäftigt sich mit dem Wesen, Ursprung und den Grenzen des Wissens. Sie fragt, was Wissen überhaupt ist und wie Erkenntnis über eine soziale Wirklichkeit zustande kommen kann. Sie umfasst ein spezifisches Verständnis der Beziehung zwischen Wissenden und Wissendem, zum Beispiel zum Verhältnis von Natur und Kultur (Letherby 2003, 5). Epistemologische Fragen beschäftigen sich auch damit, welches Wissen als legitim gilt, so dass sie auch als Theorie der Wissensproduktion verstanden werden kann (ebd.). Die Methodologie kann als Übersetzung epistemologischer Annahmen in theoretische Annahmen zur Wissensproduktion verstanden werden.

Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes vertreten zum einen verschiedene epistemologische Positionen, folgen verschiedenen Methodologien oder liegen auch quer zu kategorischen Einsortierungen, da sie sich in keine klar definierbare Methodologie einordnen lassen. Zum anderen stellen die Beiträge unterschiedliche Methoden und ihre Anwendungen vor, aber auch ganze Methodenbündel sowie eigene Leseweisen und Interpretationen von Material, Quellen und Daten. Die gemeinsame Prämisse von Ansätzen in den Gender Studies ist dabei anzuerkennen, dass Methodologie, Methoden und Epistemologie untrennbar miteinander verwoben sind (Hesse-Biber 2012; Norkus/Baur 2019, 2). Forschung ist in diesem Sinne nicht vom jeweiligen soziohistorischen Kontext zu trennen (ebd.).

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Cover: Methoden in den Gender StudiesEsto Mader, Mirjam Fischer, Lea Luttenberger (Hrsg.):

Methoden in den Gender Studies. Ein Lehrbuch für das inter- und transdisziplinäre Studium

auch im Open Access verfügbar

 

 

 

Die Herausgeber*innen

Dr. Esto Mader, Post-Doc., Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Dr. Mirjam Firscher, Gastprofessur und Nachwuchsgruppenleitung, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

Lea Luttenberger, M.Sc., Doktorandin, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Über „Methoden in den Gender Studies“

Dieses Lehrbuch liefert Studierenden alles, um sich in der Methodenvielfalt des inter- und transdisziplinären Studienganges Gender Studies orientieren zu können. Neben einem methodischen Überblick leitet es Studierende an, Fragestellungen zu entwickeln und das richtige Instrumentarium für die Bearbeitung von Studien- und Abschlussarbeiten auszuwählen. Die Beiträge des Buches leisten so eine anwendungs- und umsetzungsorientierte Methodenvermittlung.

 

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