Der Gedanke, die akademische Laufbahn zu verlassen, löst oft ambivalente Gefühle zwischen dem Wunsch nach Stabilität und der Angst vor dem Unbekannten aus. Dr. Sandra Jansen, selbst ehemalige Wissenschaftlerin und Autorin des neuen Praxisratgebers „Leaving Academia: Erfolgreich neue Wege gehen“, kennt diese Ambivalenz aus eigener Erfahrung – und zeigt in ihrem Gastbeitrag, wie der Schritt in eine neue berufliche Zukunft gelingen kann.
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Der Gedanke daran, die Wissenschaft zu verlassen, löst bei vielen Promovierenden und Promovierten ambivalente Gefühle aus. Einerseits steht die Aussicht auf neue berufliche Möglichkeiten, mehr Planungssicherheit oder bessere Arbeitsbedingungen. Andererseits ist da die Unsicherheit: Was kommt danach? Und vor allem: Wer bin ich eigentlich außerhalb der Wissenschaft?
Ich kenne diese Fragen nicht nur aus meiner Arbeit mit Klient*innen und in universitären Workshops, sondern auch aus eigener Erfahrung. Der Moment, in dem klar wird, dass der akademische Weg nicht (mehr) der richtige ist, ist selten eindeutig und fast nie einfach.
Ein Neuanfang nach der akademischen Laufbahn ist kein einfacher Schritt, aber er ist machbar. Und er kann, richtig gestaltet, zu einer ebenso erfüllenden wie stabilen beruflichen Zukunft führen. In diesem Beitrag zeige ich zentrale Ansatzpunkte, die berufliche Neuorientierung nach der Wissenschaft erleichtern können.
Warum Leaving Academia oft kein spontaner Entschluss ist
Die Entscheidung, die Wissenschaft zu verlassen, entsteht selten über Nacht. Vielmehr ist sie häufig das Ergebnis eines längeren Prozesses, der von strukturellen Unsicherheiten, befristeten Verträgen und zunehmendem Druck geprägt ist.
Auch bei mir war es kein klarer Schnitt, sondern ein schrittweises Verschieben von Perspektiven. Was zunächst als vorübergehende Zweifel begann, entwickelte sich über die Zeit zu einer grundlegenden Frage: Passt dieses System langfristig zu dem Leben, das ich führen möchte?
Viele Wissenschaftler*innen berichten Ähnliches. Sie haben sich über Jahre hinweg stark mit ihrer Rolle als Wissenschaftler*in identifiziert. Forschung ist nicht nur ein Job, sondern oft Teil des Selbstverständnisses. Genau das macht Leaving Academia emotional herausfordernd.
Der Wendepunkt ist oft erreicht, wenn die Frage nicht mehr lautet „Will ich bleiben?“, sondern „Was wäre, wenn ich gehe?“. Dieser Perspektivwechsel ist ein entscheidender erster Schritt.
Der erste Schritt: Die eigene Situation realistisch analysieren
Ein gelungener Übergang beginnt mit Klarheit. Wer die berufliche Neuorientierung ernsthaft in Betracht zieht, sollte sich zunächst systematisch mit der eigenen Ausgangssituation auseinandersetzen.
In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, wie wertvoll dieser Schritt ist, aber auch, wie oft er übersprungen wird. Viele springen gedanklich direkt zu Jobtiteln, ohne sich vorher darüber klar zu werden, was sie eigentlich suchen.
Dabei helfen Fragen wie:
- Welche Aufgaben machen mir aktuell besonders Spaß und warum?
- In welchen Situationen fühle ich mich kompetent und wirksam?
- Welche Arbeitsbedingungen brauche ich, um langfristig zufrieden zu sein?
- Welche Aspekte meines aktuellen Jobs möchte ich auf keinen Fall mehr erleben?
Diese Reflexion hilft, Muster zu erkennen. Bei vielen meiner Klient*innen zeigt sich beispielsweise, dass sie zwar gerne analytisch arbeiten, aber weniger Interesse an der Publikationslogik haben oder dass ihnen Zusammenarbeit wichtiger ist als das oft sehr individuelle Forschen.
Leaving Academia wird dann nicht mehr als Flucht verstanden, sondern als bewusste Neuausrichtung.
Kompetenzen sichtbar machen: Mehr als nur Forschung
Ein zentraler Stolperstein bei der beruflichen Neuorientierung ist die Wahrnehmung der eigenen Qualifikationen. Viele Akademiker*innen unterschätzen, wie breit ihr Kompetenzprofil tatsächlich ist.
Das beobachte ich sowohl in Coachings als auch in Bewerbungsunterlagen: Hochqualifizierte Menschen beschreiben ihre Erfahrungen so, als wären sie nur innerhalb der Universität relevant.
Dabei erwerben sie im Laufe ihrer Karriere eine Vielzahl übertragbarer Fähigkeiten:
- Sie strukturieren komplexe Projekte über lange Zeiträume.
- Sie analysieren große Mengen an Informationen und ziehen fundierte Schlussfolgerungen.
- Sie vermitteln in Lehre, Vorträgen oder Publikationen komplexe Inhalte verständlich für unterschiedliches Publikum.
- Sie arbeiten selbstständig und lösungsorientiert, oft unter unsicheren Bedingungen.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Laufbahn: Die Organisation wissenschaftlicher Projekte und Veranstaltungen hat mir früh Kompetenzen vermittelt, die heute im Coaching und in der Selbstständigkeit zentral sind: von Planung über Kommunikation bis hin zum Umgang mit unvorhergesehenen Herausforderungen.
Die Herausforderung liegt darin, diese Fähigkeiten in eine Sprache zu übersetzen, die außerhalb der Wissenschaft verstanden wird. Genau hier entscheidet sich oft, wie erfolgreich der Übergang verläuft.
Leaving Academia: Neue Berufsfelder erkunden
Leaving Academia bedeutet nicht, bei null anzufangen. Im Gegenteil: Viele Kompetenzen, die in der Wissenschaft erworben werden, sind in unterschiedlichen Bereichen hoch relevant, sie werden nur anders bezeichnet.
Typische Anschlussfelder, in den diese Kompetenzen relevant sind:
- Wissenschaftsmanagement und Hochschuladministration
- Beratung und Coaching
- Verlagswesen und Wissenschaftskommunikation
- Non-Profit-Organisationen und Stiftungen
- Privatwirtschaft, etwa in den Bereichen Analyse, Strategie, Beratung oder Kommunikation
In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, wie sich anfängliche Unsicherheit in Klarheit verwandelt, sobald konkrete Optionen sichtbar werden. Plötzlich wird aus einem diffusen „Ich muss raus“ ein differenziertes Bild möglicher Wege.
Wichtig ist, diese Felder aktiv zu erkunden. Gespräche mit Menschen, die bereits außerhalb der Wissenschaft arbeiten, sind dabei besonders wertvoll. Sie helfen, jenseits von Annahmen und Klischees realistische Einblicke zu gewinnen.
Netzwerken als Schlüsselstrategie
Während in der Wissenschaft das Narrativ der Bestenauslese sehr präsent ist, spielt im außerakademischen Arbeitsmarkt das Netzwerk eine deutlich größere Rolle.
Gerade beim Leaving Academia kann Netzwerken entscheidend sein:
- Es eröffnet Einblicke in neue Berufsfelder und Karrierewege.
- Es ermöglicht Zugang zu Positionen, die nicht öffentlich ausgeschrieben werden.
- Es hilft, die eigene Positionierung zu schärfen.
Viele meiner Klient*innen sind anfangs zurückhaltend, wenn es um Netzwerken geht, weil es ihnen unangenehm erscheint oder ungewohnt ist. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung: Sobald der erste Schritt gemacht ist, wird es deutlich leichter.
Ein einzelnes Gespräch kann neue Perspektiven eröffnen, Kontakte vermitteln oder sogar konkrete Möglichkeiten sichtbar machen.
Bewerbungsstrategien anpassen
Ein häufiger Fehler bei der beruflichen Neuorientierung ist, Bewerbungen nach akademischen Maßstäben zu gestalten. Außerhalb der Wissenschaft gelten jedoch andere Erwartungen.
Das sehe ich besonders deutlich bei Lebensläufen: Sie sind oft sehr detailliert, aber nicht ausreichend auf die Zielposition ausgerichtet.
Wichtige Unterschiede sind:
- ein Fokus auf Relevanz statt Vollständigkeit
- eine klare Darstellung von Ergebnissen und Mehrwert
- die Anpassung an die jeweilige Zielposition
Auch das Anschreiben erfüllt eine andere Funktion. Es geht weniger darum, das eigene Forschungsinteresse darzustellen, sondern zu zeigen, welchen konkreten Beitrag man leisten kann.
Eine typische Veränderung, die ich in Coachings begleite, ist der Wechsel von einer beschreibenden zu einer wirkungsorientierten Darstellung: Was habe ich konkret erreicht? Welchen Unterschied habe ich gemacht?
Mentale Hürden überwinden
Neben praktischen Fragen spielt beim Leaving Academia die mentale Ebene eine zentrale Rolle. Zweifel, Unsicherheit und ambivalente Gefühle sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Ich habe diese Phase selbst erlebt und sehe sie heute regelmäßig bei meinen Klient*innen. Die Fragen ähneln sich erstaunlich:
- „War die ganze Zeit in der Wissenschaft umsonst?“
- „Bin ich außerhalb der Uni überhaupt qualifiziert?“
- „Was werden andere denken?“
Diese Gedanken sind verständlich. Gleichzeitig lohnt es sich, sie zu hinterfragen. Die Zeit in der Wissenschaft ist keine Sackgasse, sondern eine Phase intensiver Entwicklung.
Leaving Academia bedeutet nicht, etwas aufzugeben, sondern vorhandene Kompetenzen in einem neuen Kontext einzusetzen. Viele erleben diesen Schritt im Rückblick nicht als Verlust, sondern als Erweiterung ihrer Möglichkeiten.
Den Übergang aktiv gestalten
Ein erfolgreicher Neuanfang geschieht selten zufällig. Leaving Academia ist kein einmaliger Schritt, sondern ein Prozess, der Zeit, Reflexion und Strategie erfordert.
Aus meiner persönlichen Erfahrung wie auch in der Arbeit mit Akademiker*innen ist es hilfreich, diesen Prozess bewusst zu strukturieren:
- mit klaren Zielen
- mit definierten Zwischenschritten
- mit regelmäßiger Reflexion
Gleichzeitig darf dieser Prozess flexibel bleiben. Nicht jede Entscheidung muss sofort endgültig sein und nicht jeder Schritt muss perfekt geplant sein.
Wichtiger ist, in Bewegung zu kommen und aus ersten Erfahrungen zu lernen.
Leaving Academia als Chance begreifen
So herausfordernd der Schritt auch sein mag: Leaving Academia eröffnet neue Perspektiven. Viele, die diesen Weg gegangen sind, berichten von mehr Klarheit, besseren Arbeitsbedingungen und einer neuen Form von beruflicher Zufriedenheit.
Was ich dabei besonders häufig beobachte: Mit etwas Abstand verändert sich auch der Blick auf die eigene Vergangenheit. Die Zeit in der Wissenschaft wird nicht mehr als „Umweg“ gesehen, sondern als wertvolle Grundlage.
Der Weg aus der Wissenschaft ist daher kein Scheitern, sondern eine von vielen möglichen Karriereentscheidungen. Wer ihn bewusst gestaltet, kann daraus eine tragfähige und erfüllende berufliche Zukunft entwickeln.
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Über „Leaving Academia“
Dieses Buch ist mehr als ein Karriereratgeber: Es ist ein empathischer Kompass für den Neuanfang nach der Wissenschaft. Mit fundierten Strategien, Reflexionsübungen und Arbeitsblättern begleitet Leaving Academia von der Entscheidungsfindung bis zum nachhaltigen Berufseinstieg, inklusive emotionaler Unterstützung bei Identitätsfragen und Selbstzweifeln. Ein praxisnaher Leitfaden für alle, die mit dem Gedanken spielen, die Wissenschaft hinter sich zu lassen.
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