Für junge Menschen, die aus einem Angebot der Jugendhilfe heraus den Weg in ein eigenständiges Leben antreten, stellen sich spezifische Herausforderungen. Welche Bedarfe haben Careleaver*innen, welche Herausforderungen zeigen sich und welche Unterstützung durch die Soziale Arbeit ist nötig, um „Leaving Care“ angemessen zu begleiten?
Der Band „Leaving Care: Übergänge gestalten und begleiten. Ein Lehr- und Praxishandbuch für die Soziale Arbeit“ von Torsten Linke und Jens Borchert (Hrsg.) blickt aus multiperspektivischer Sicht auf das Themenfeld und liefert wichtige Grundlagen und Einblicke für das Studium und die Berufspraxis. Eine Leseprobe.
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Leaving Care: Einleitung – „Ihr wohnt hier, überlegt euch, wie ihrs machen wollt“
Jens Borchert und Torsten Linke
Warum dieses Buch?
Der Sammelband widmet sich aus multiperspektivischer Sicht dem Thema Leaving Care und damit dem Prozess des Verlassens einer Unterstützungsform der Kinder- und Jugendhilfe und des Übergangs in ein eigenständiges Leben.
Menschen, deren Lebenswege anders verlaufen, als das gängigen Normalitätskonstruktionen entspricht, werden in ihrem Anderssein oft wertend bezeichnet, wobei die Zuschreibungen häufig abwertend sind. Als Ausdruck der Mündigkeit und im Sinne emanzipatorischen Handelns entstanden im Laufe der Zeit Bezeichnungen, die nicht stigmatisierend sind. Anstelle von Wörtern wie Heimkinder, Systemsprenger*in oder der Zuschreibung, schwer erziehbar zu sein, hat sich der Begriff der Care Leaver etabliert. Die Bezeichnung aus dem Englischen steht für junge Personen, welche die Fürsorge verlassen. In der deutschen sozialwissenschaftlichen Forschung wurde etwa ab 2010 der Begriff adaptiert (u.a.: Ehlke 2013, 53-55, Wiesner 2014, Nüsken 2014), der zuvor im englischen Sprachraum verwendet wurde (Ehlke 2020: 10). Im Gegensatz dazu wird für junge Menschen ab dem 12. Lebensjahr, die sich in einer stationären Erziehungshilfe befinden, der Terminus Care Receiver verwendet (Merkel et al. 2020; Sievers et al. 2018). Der Übergang aus Pflegefamilien oder stationären Wohngruppen in ein eigenständiges Leben ist für die betreffenden Menschen häufig mit großen Herausforderungen verbunden.
Im Kontext der Sozialisationsbedingungen, der Gründe, die zur Inanspruchnahme einer Erziehungshilfe führten, und der sozialen und ökonomischen Situation der Herkunftsfamilie zeigt sich bei vielen dieser jungen Menschen, dass sie sich nur bedingt oder gar nicht auf eine Unterstützung bei diesem Übergang verlassen können. Somit sind sie umso mehr auf die Hilfe Professioneller angewiesen.
Mit der Beendigung der Fremdunterbringung „ordnen sich aber auch die Rechtsverhältnisse komplett neu“ (Raabe/Thomas 2019: 6), womit Fragen einer finanziellen Unterstützung, der Wohnungssuche oder der Berufsausbildung verbunden sind. Leaving Care wird auch wegen der vielfältigen rechtlichen Hürden zu einer Herausforderung speziell für die Betroffenen, aber auch für professionell oder ehrenamtlich tätige Menschen in Unterstützungskontexten.
Der vorliegende Band vereint theoretische mit praktischen Perspektiven und den Sichtweisen von betroffenen jungen Menschen. Die Idee des Sammelbandes geht zurück auf ein an der Hochschule Zittau-Görlitz durchgeführtes und durch Mittel des Sächsischen Landtages mitfinanziertes Forschungsprojekt zum Thema Care Leaver* – Bedarfe und Erfordernisse beim Übergang in das Erwachsenenleben. Das Projekt verfolgte das Ziel, subjektive Erfahrungen von Care Leaver*innen und jungen Erwachsenen in der stationären Jugendhilfe zu erheben. Mittels dem qualitativen Verfahren der Grounded Theory wurden aus leitfadengestützten teilstrukturierten Interviews Ableitungen für Theorie und Praxis vorgenommen. Ausgewählte Ergebnisse aus dem Projekt werden in zwei Beiträgen dieses Sammelbandes besprochen. Im Forschungsprojekt lag der Fokus auf Erfahrungen von jungen Menschen in der stationären Jugendhilfe. Neben der regionalen Einschränkung der Datenerhebung auf das Bundesland Sachsen, wurde der zweite wichtige strukturelle Bereich für Leaving Care Prozesse, die Pflegekinderhilfe, nicht untersucht. Gleichwohl berichten einige junge Menschen in den Interviews auch von Erfahrungen in Pflegefamilien. Im Projekt wurde unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen angestrebt, Ansätze partizipativer Forschung umzusetzen (Barth/Enke 2023). Von Beginn an fand eine enge Zusammenarbeit zwischen Hochschule, Praxis und Care Leaver*innen statt.1 Alle Beteiligten waren als Co-Forschende in den Prozess einbezogen, diskutierten bei regelmäßigen Treffen die einzelnen Schritte, Materialien und Ergebnisse und stimmten diese ab. Neben den Herausforderungen war die Zusammenarbeit vor allem durch ein gemeinsames Lernen geprägt und wurde abschließend von allen sehr positiv betrachtet (ebd.). So flossen wichtige Rückmeldungen der Care Leaver*innen und der Sozialarbeitenden aus der Praxis in die Projektarbeit ein. Auch aufgrund dieser Perspektiven kristallisierten sich Beteiligung und Beziehungsgestaltung als zentrale Schwerpunkte der Arbeit heraus (Barth et al. 2023).
Das eingangs verwendete Zitat stammt aus einem der im Forschungsprojekt geführten Interviews. Die Aussage Ihr wohnt hier, überlegt euch, wie ihrs machen wollt (Int_ Lena _Zeile_177) bezieht Lena auf die Haltung der Fachkräfte in einer Wohngruppe der stationären Jugendhilfe, in der Lena einige Jahre lebt. Lena berichtet von positiven Beteiligungserfahrungen im alltagsweltlichen Bereich in der Wohngruppe. Diese Erfahrungen sind auch mit der erlebten Beziehungsqualität verbunden. Lena beschreibt vor allem die Beziehung zur Bezugsbetreuerin als ein super Vertrauensverhältnis. Lena sagt, es wurde von den Fachkräften viel Vertrauen entgegengebracht und es wurden Entwicklungsräume angeboten (Ihr wohnt hier, überlegt euch wie ihrs machen wollt). Lena konnte an ihrer Selbstständigkeit arbeiten und Selbstwirksamkeit erfahren (Also wenn das vielleicht alles nicht so gewesen wäre, weiß ich nicht ob ich dann so selbstständig wäre wie ich heute bin, Zeile_860-861). Lenas Erfahrung zeigt auf, wie wichtig die beiden Kategorien der Beteiligung und der Beziehungsqualität für die Entwicklung junger Menschen in der stationären Jugendhilfe sind. Im Interview mit Lena werden noch zwei weitere Punkte deutlich: eine stabile Teamstruktur und das Bezugsbetreuersystem. Lena berichtet nur von wenigen Wechseln und einer geringen Fluktuation im Team und einer als angenehm und freundlich empfundenen Atmosphäre. Insbesondere die langjährige Beziehung zur Bezugsbetreuerin scheint ein wichtiges Kriterium für eine gelingende Hilfe zu sein. Lena wird von der Bezugsbetreuerin über mehrere Jahre begleitet: von der Aufnahme in die Wohngruppe, über die Verselbstständigungsphase, den Übergang aus der Wohngruppe in eine eigene Wohnung bis hin zu einer sechsmonatigen ambulanten Nachbetreuung nach dem Auszug. Im Kontext der bestehenden Herausforderungen und sozialen Probleme, mit denen junge Menschen in Jugendhilfeeinrichtungen konfrontiert sind, und der herausfordernden Rahmenbedingungen für die Träger und Fachkräfte, zeigt das Beispiel vor allem eins: Wie wichtig die Gestaltung von ausreichender Beteiligung und verlässlichen und vertrauensvollen Arbeitsbeziehungen sind, um positive Entwicklungsverläufe zu ermöglichen.
Um die Bandbreite von Leaving Care aufzuzeigen, scheint ein Sammelband ein geeignetes Format, in dem weitere Erkenntnisse und Sichtweisen aus Wissenschaft, Praxis und von Care Leaver*innen einfließen und so eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema unterstützen.
Zunächst gibt Torsten Linke einen Überblick über die Situation in Deutschland. Der Beitrag fokussiert auf eine Übersicht über die Entwicklung und den Stand der Forschung. Weiterer Schwerpunkt sind die Situation von Care Leaver*innen und hier insbesondere Fragen der Beteiligung von Betroffenen sowie Schutz- und Förderrechte.
Im Beitrag von Laura Husmann und Severine Thomas zum Übergang junger Menschen aus Pflegefamilien ins Erwachsenenleben werden die besonderen Prozesse betrachtet, die bei diesem Übergang anstehen. Es werden rechtliche und empirische Grundlagen der Transition beschrieben. Einen Schwerpunkt bildet die Darstellung des Projektvorhabens Familie auf Zeit – Who cares after care? Bisher ist kaum bekannt, wie Care Leaver*innen nach dem Ende der stationären Hilfe in Teilhabestrukturen eingebunden sind.
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1 Im Projekt arbeiteten mit: Torsten Linke (Projektleitung), Nicola Barth, Paul Enke (HSZG), Sarah Preusker, Jule Baumgarten (Praxis Sozialer Arbeit), Jessica Böttger, Christoph Jo Metzler und Toni León Feldmann (Care Leaver*innen)
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Torsten Linke, Jens Borchert (Hrsg.):