Zum Verhältnis von qualitativer Forschung und Kunst

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung 2-2024: Qualitativ forschen in, mit und durch Kunst? Ethnografische Explorationen in grenzverschiebenden Feldern

Qualitativ forschen in, mit und durch Kunst? Ethnografische Explorationen in grenzverschiebenden Feldern

Christiane Schürkmann

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 2-2024, S. 191-206.

 

Zusammenfassung: Ausgehend von einem ethnografischen Zugang wird in dem Beitrag das Verhältnis von qualitativer Forschung und Kunst im Sinne zweier grenzverschiebender Felder diskutiert, die mit bestimmten Sicht- und Arbeitsweisen einhergehen. In den Fokus gerückt wird damit das wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten in seinen analogen wie auch differenten Vorgehensweisen. Entlang der Diskussion wird dabei nach Potenzialen einer solchen Verhältnisbestimmung für die performativen Sozialwissenschaften gefragt. Damit erweitert der Beitrag die Debatte um die performativen Sozialwissenschaften dahingehend, dass auch feldspezifische Sicht- und Arbeitsweisen verschiedener und zugleich verwandter Wissens- und Wahrnehmungskulturen weitergehend reflektiert werden.

Schlagwörter: Qualitative Forschung, Ethnografie, Kunst, performative Sozialwissenschaft

 

Qualitative Research in, with and through Art? Ethnographic Explorations in Border-shifting Fields

Abstract: Based on an ethnographic approach, the article discusses the relationship between Qualitative Research and Art in terms of two border-shifting fields that go hand in hand with certain ways of perceiving and working. The focus is thus on scientific and artistic work in its analogue as well as different approaches. Throughout the discussion, the potential of such a relationship for the Performative Social Sciences will be explored. The article expands the debate on the Performative Social Sciences in a sense that further reflects field-specific perspectives and working methods of different and at the same time connected cultures of knowledge and perception.

Keywords: Qualitative Research, Ethnography, Art, Performative Social Sciences

 

1 Einleitung

Die qualitative Sozialforschung im Sinne eines integrativen Oberbegriffs für die auf qualitativen Zugangsweisen basierende empirische Untersuchung sozialer Wirklichkeit bzw. diverser Wissenskulturen zeichnet sich durch eine methodenpluralistische sowie entsprechend theoriepluralistische Grundhaltung aus (u.a. Kalthoff 2008; Mey 2016). So werden unter diesem Dachbegriff eine Vielzahl an Methoden und Methodologien einschließlich ihrer theoretischen Fundierungen versammelt, aufeinander bezogen und mit Blick auf die sich fortwährend verändernden Ethnomethoden technisierter Gesellschaften weiterentwickelt – beispielhaft sei an die nach der Coronapandemie Fahrt aufnehmende Strömung onlinebasierter Methoden erinnert. Eine durch und durch qualitativ angelegte Forschungspraxis, die diese pluralistische Grundhaltung in offensiver Weise zu ihrem Einsatz macht, findet sich in der Ethnografie. Ethnografische Forschungen verlangen Offenheit, Neugier, Empathie und in der Regel körperlich-leibliche Ko-Präsenz, so die Forschenden sich ihren Weg in die zu beforschenden Felder, Praktiken, Wissens- und Wahrnehmungskulturen bahnen wollen. Auch die in Kooperation mit den Teilnehmer*innen generierten ethnografisch eingebundenen Daten zeigen sich in der Regel als höchst vielfältig und können sowohl textbasierte Protokolle, transkribierte ethnografische Interviews als auch visuelle Materialien wie fotografische und filmische Aufnahmen sowie gezeichnete Skizzen beinhalten. So hat sich in ihrer Vielfältigkeit und Dynamik die qualitative Sozialforschung (Flick et al. 1995; Denzin et al. 2023; Leavy 2020) und darin verortet die Ethnografie als eine ihrer möglichen Zugänge in den letzten Jahrzehnten weitergehend ausdifferenziert und spezifiziert, wobei dieser Prozess in keiner Weise abgeschlossen ist (Atkinson et al. 2001; Breidenstein et al. 2013; Poferl/Schroer 2022). Mit einem derartig nichtdogmatischen und pluralistischen Selbstverständnis lässt sich die qualitative Sozialforschung im Allgemeinen und die ihr zugehörige Ethnografie im Besonderen als ein Feld beschreiben, in welchem die Darstellungsweisen von Beobachtenden bis Teilnehmenden im Sinne eines Vor- und Miteinanders und damit die performative Dimension solch interaktiv gehaltener Forschung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Folgt man einem solchen Selbstverständnis so lässt sich die qualitative Forschung einschließlich der Ethnografie zudem als ein Feld charakterisieren, an dem nicht zuletzt an Grenzverschiebungen gearbeitet wird, indem folgende Fragen fortwährend ihre Aktualität behalten: Wie lässt sich was beforschen? Welche Daten lassen sich unter Mitwirkung der Teilnehmer*innen der beforschten Wissens- und Wahrnehmungskulturen wie erzeugen? Welche analytischen Potenziale setzen sie unter Einbezug und Entwicklung welcher methodischen Zugänge frei? Wie treten welche Daten, eingewoben in Analysen und konzeptionelle Rahmungen später in welcher Weise auf? Wie wird das durch qualitative Forschung generierte Wissen zur Darstellung gebracht? Oder anders formuliert: Wie zeigt sich eigentlich was? Wie stellt sich was für wen eigentlich dar? Wie gibt sich was für wen zu erkennen?

Mit den drei letztgenannten Fragen operiert auch das Feld künstlerischen Arbeitens in seinen vielfältigen Arbeits- und Vorgehensweisen (Schürkmann 2017). Auch hier sind Offenheit, Neugier, ein Sich-Einlassen auf Prozesse intensiven Wahrnehmens, Fragens und Hinterfragens erforderlich, um immer wieder anderes erarbeiten zu können – sei es in den bildenden bzw. darstellenden Künsten, der Musik, und nicht zu vergessen der Literatur, so man dieser konventionellen Einteilung unterschiedlicher Kunstformen folgen mag. Kurzum: Die qualitative Forschung, insbesondere die Ethnografie und künstlerisches Arbeiten weisen Analogien auf, sind aber auch von Differenzen geprägt, die nicht allein im Hinblick auf Fragen der Präsentation, sondern auch hinsichtlich bestimmter Sichtweisen auf ihre jeweiligen Gegenstände relevant werden. Sozialwissenschaftler*innen sind in der Regel primär an der Rekonstruktion bzw. Interpretation sozialer Wirklichkeiten, Wissenskulturen oder auch praxisspezifischer Wahrnehmungsweisen interessiert bzw. daran, wie etwas zu seiner Darstellung, seinem Vollzug, seiner Aufführung und Hervorbringung findet. Dies geht einher mit einem auf Daten ausgerichteten, analytischen Blick, der in feine Mikropraktiken aus der Nähe hineinzoomen sowie weitwinkelige Panoramen aus der Distanz aufzuspannen vermag. Vor dem Hintergrund der Frage ‚Wie zeigt sich was?‘ ist die qualitative Methodenentwicklung getrieben von der Suche nach Möglichkeiten der Beforschung sozialer Wirklichkeiten bzw. Wissens- und Wahrnehmungskulturen.

Künstlerisches Arbeiten hingegen ist neben Wirklichkeiten in anderer Weise an Möglichkeiten interessiert. Die Frage ‚Wie zeigt sich was?‘ geht über in die Frage ‚Wie könnte sich was zeigen?‘ bzw. ‚Wie könnte sich was anders zeigen?‘ (Schürkmann 2017, S. 53). In Gang gesetzt werden hierdurch Prozesse von Formfindungen bis Materialisierungen, die nicht allein neues Wissen, sondern auch anderes Wahrnehmen generieren. Auch das Feld künstlerischen Arbeitens stellt sich in dieser Weise als eines dar, das sowohl in methodischen als auch konzeptionellen Hinsichten an Grenzverschiebungen arbeitet.

Besonders dieser Übergang scheint mir für die performativen Sozialwissenschaften (Performative Social Science, kurz: PSS) mit Blick auf ihr (Selbst-)Verständnis sowie ihr Potenzial relevant zu sein. So geht es ihren Vertreter*innen ebenfalls um Grenzverschiebungen zwischen der Beforschung gegenwärtiger Wirklichkeiten, verbunden mit der Frage nach Möglichkeiten der Formfindung und Materialisierung in der Genese von Wissen und Wahrnehmen, das nicht allein in seinen analytischen, sondern auch ästhetischen, ethischen und damit auch kritischen und politischen Dimensionen zur Darstellung gebracht wird bzw. werden soll (u.a. Mey/Winter 2024). Im Zentrum steht dabei u.a. die Frage „Wie verändern sich Wissenschaftsmodelle, Methodenentwicklung und Theoriebildung, wenn Wissenschaft und Kunst miteinander in einen Dialog gebracht werden?“ (Raab/Mey 2023, S. 71). Zugleich geht es um Verschiebungen von Konventionen im Spannungsfeld von Prädikaten wie ‚wissenschaftlich‘ und ‚künstlerisch‘ einhergehend mit der Suche nach eigenen Gütekriterien und Qualitätsansprüchen im Bestreben einer zunehmenden Etablierung und Verstetigung der PSS (u.a. Mey 2023, S. 82; Miko-Schefzig 2023, S. 108).

Von einer soziologisch-ethnografischen Warte aus nimmt sich der Beitrag zum Ziel, das qualitative Forschen im Feld künstlerischen Arbeitens zu beleuchten, um möglichen Grenzverschiebungen zwischen qualitativer Sozialforschung und künstlerischem Arbeiten nachzuspüren. Der Beitrag geht hierzu wie folgt vor: Zunächst werden die qualitative Sozialforschung und die Kunst als grenzverschiebende Felder mit je eigenen Spezifika bzw. professionalisierten Sicht- und Wahrnehmungsweisen skizziert (2). In dieser Perspektivierung exploriert der Beitrag aus einer ethnografischen Warte das Forschen in, mit und durch Kunst, um den Potenzialen für die PSS nachzugehen (3). In einer Schlussbemerkung wird die hier entworfene Exploration der Verhältnisse zwischen qualitativer Sozialforschung und Kunst im Hinblick auf mögliche Einsichten für die PSS diskutiert (4).

2 How to Do? Grenzverschiebende Felder und ihre Spezifika

Über Verbindungen, Überschneidungen und Beziehungen zwischen qualitativer Sozialforschung bzw. qualitativ ausgerichteter Soziologie und Kunst einschließlich Musik, Literatur, Film und Fotografie ist bereits in einschlägiger Weise hingewiesen worden (z.B. Raab/Mey 2023). Dennoch scheint es mir in Anbetracht der langlebigen Strahlkraft und Resonanz verschiedener Arbeiten, Forschungen und Projekte an dieser Schnittstelle angebracht, die Debatte um nennenswerte Positionen zu ergänzen – nicht zuletzt, da sich hieran weitergehende Anschlussfähigkeiten aufzeigen lassen, die auch für die PSS von Interesse sein dürften. So lässt sich etwa das fotografische Werk August Sanders Im Antlitz der Zeit (Sander/Döblin 1990) nicht nur unter dem Aspekt der Etablierung des Rollenportraits in der Fotografie diskutieren, sondern auch als eine der ersten visuellen sozialstrukturellen Forschungen. Die Afternoon Interviews (Tomkins 2013) mit Marcel Duchamp geben nicht nur Aufschluss über den Konzeptbegriff bzw. den Wert des Konzeptionellen in der Kunst, sondern diskutieren ebenfalls die soziale Eingebundenheit von Kunst in der Trias von Produktion, Werk und Rezeption, die auch in der Soziologie mit Blick auf verschiedene Akteurskonstellationen grundlegend thematisiert worden ist (Adorno 1997; Bourdieu 2001; Gerhards 1997). Für die pragmatistische und ethnografisch orientierte Soziologie hat u. a. Howard S. Becker (1974), der nicht nur der Soziologie, sondern auch der Jazzmusik verpflichtet war, auf die Potenziale der Fotografie für soziologische Studien aufmerksam gemacht (siehe zudem auch Bourdieu et al. 2014). Erinnert sei zudem an die originelle Studie von David Sudnow (1993), der in gleichsam autoethnografischer Weise seine Piano spielenden Hände sowohl für die qualitative Sozialforschung als auch für den Jazz in Bewegung versetzt hat, um somit auch Dimensionen impliziten, körpergebundenen Wissens einzubeziehen. Dessen Doktorvater Erving Goffman hat Bildmaterialien für eine, auch dem Visuellen gegenüber offen angelegte Soziologie einzusetzen gewusst (Goffman 1981) und darüber hinaus bekannter Weise die Logik des Theaters in analytischer Weise auf soziale Interaktionen bezogen, um diese nicht zuletzt in ihren performativen Zügen zu untersuchen (Goffman 1983). In ihrer Ausstellung Critical Zones am Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM) haben Bruno Latour und Peter Weibel geradezu prototypisch gezeigt, wie eng Kunst und eine qualitativ bis philosophisch ausgerichtete Soziologie zusammenarbeiten können (Latour/Weibel 2020; s. auch Zahner 2024). Auch das methodisch wie theoretisch innovative Storytelling von Donna Haraway (2016) ist von künstlerischen Projekten, Interventionen und Arbeiten mehr als nur inspiriert wie auch die Forschung von Anna L. Tsing (2018), die ebenso wie u. a. die Ansätze Latours und Haraways wiederum in der Kunst auf Resonanz stoßen (s. hier nur beispielhaft die Ausstellung „RESET Krise // Chance“, Kunstmuseum Ahlen, 2021).

Kurzum: Qualitative Sozialforschung und Kunst bzw. künstlerische Forschung (hier beziehe ich mich auf den Begriff wie er seit Anfang der Jahrtausendwende interdisziplinär und international diskutiert wird, s. z. B. aktuellere Beiträge hierzu von Klein 2018; DʼErrico/De Assis 2019) hatten und haben sich viel zu sagen und zu zeigen. Mit Blick auf die PSS und ihre Ambition wissenschaftliche und künstlerische Arbeitsweisen zu verbinden, schlage ich, inspiriert durch die berühmte Frage John L. Austins, folgende Frageheuristik vor, die von der Perspektive kooperierender, an Grenzverschiebungen arbeitender Felder ausgeht:

1) How to do things with arts/artistic research in qualitative research?
2) How to do things with qualitative research in arts/artistic research?
3) How to do things with qualitative research and arts/artistic research?

Frage eins bezieht sich auf qualitative Forschungen, die an künstlerischen und ihrem Selbstverständnis nach künstlerisch forschenden Vorgehensweisen interessiert sind. Hierunter lassen sich auch Studien, methodische Unterfangen sowie integrative Ansätze fassen, wie sie in der qualitativen Sozialforschung bereits vielfach praktiziert werden, so etwa u. a. mit Blick auf Autoethnografie (auch in künstlerischen Feldern) (z.B. Merrit-Müller 2016), visuelle Ethnografie (u.a. Pink 2007, 2009; Schändlinger 2006), videografische Verfahren (Heath et al. 2010; Tuma/Schnettler/Knoblauch 2013; Lehm 2018), visuelle Soziologie (Burri 2008; Raab 2008; Reckwitz/Prinz 2012; Raab/Stanisavljevic 2018) sowie bildanalytische Verfahren (z.B. die Visual Grounded Theory nach Konecki 2011, Dietrich/Mey 2018; Mey/Dietrich 2016), um nur einige Beispiele zu nennen.

Frage zwei adressiert Arbeiten und Ansätze im Feld der Kunst einschließlich von artistic research (u.a. Haarmann 2019; Henke et al. 2020), die u. a. auch ethnografische bzw. videografische Vorgehensweisen, diskurs- und/oder dokumentenanalytische Forschungen zu berücksichtigen wissen. Hier ist das Feld der Kunst bzw. der künstlerischen Forschung Referenz künstlerischer Vorhaben, die ihre Arbeitsweisen mal impliziter, mal expliziter unter Einbezug und Kenntnis qualitativer Methoden entwickeln und gestalten.

Frage drei rückt ebensolche Ansätze in den Fokus, die sich aus der Kooperation beider Felder heraus entwickeln und die sodann auch hybride Formate mit eigenen methodischen Ansprüchen und Herausforderungen hervorbringen. Hybride Formate wie etwa lecture performances (Peters 2011) und fotografische Essays (Graf 2013), aber auch klassische Formate wie Film, Theater, Kompositionen oder Ausstellungen in Kooperation zwischen Wissenschaft und Kunst mögen hier einige wenige Möglichkeiten sein. Insbesondere Frage 3) scheint mir für die PSS weit über die hier lediglich beispielhaft angeführten Formate von Interesse zu sein, in deren Bestreben neue und eigene Methoden, Ansätze und Kriterien jenseits des linguistic turn zu entwickeln (u.a. Mey 2023, S. 74).

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