Tagebücher als historische Quellen des Holocaust

BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 2-2021: Holocaust-Tagebücher junger Jüdinnen und Juden

Holocaust-Tagebücher junger Jüdinnen und Juden

Wolf Kaiser

BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Heft 2-2021, S. 137-163.

 

Zusammenfassung

Der Aufsatz befasst sich mit Tagebüchern junger Menschen in vielen Ländern Europas, die von den Nationalsozialisten und ihren Helfern als Jüdinnen und Juden verfolgt und von denen viele ermordet worden sind. Er erörtert, was Tagebücher als historische Quellen mit anderen Selbstzeugnissen wie Memoiren und Zeitzeugeninterviews gemeinsam haben und worin sie sich wesentlich unterscheiden. An einigen Beispielen wird gezeigt, wie Tagebücher aufgrund der zeitlichen Nähe zwischen dem Erleben und der Niederschrift des Erlebten sowie der Offenheit des Erwartungshorizonts Einblicke in die unmittelbaren Reaktionen der Betroffenen und ihre unterschiedlichen Deutungen des Geschehens gewähren. Angesichts solcher Erkenntnismöglichkeiten, wie sie nur Tagebücher und Briefe bieten, wird der Frage nachgegangen, warum die Zahl der überlieferten Diarien regional unterschiedlich groß und insgesamt sehr viel geringer ist als die der Memoiren und Interviews, in denen Überlebende rückblickend von ihren Erfahrungen berichtet haben. Es wird untersucht, wie die Entscheidung für eine bestimmte Form des Tagebuchs von den Lebensbedingungen der Autorinnen und Autoren, aber auch von ihren Motivationen abhing. Die Vielfalt der Motivationen wird anhand von Tagebucheinträgen verdeutlicht, die das Bedürfnis zu schreiben explizit reflektieren. Abschließend wird die Besonderheit der untersuchten Tagebücher dadurch hervorgehoben,  dass die Auseinandersetzung der Verfasserinnen und Verfasser mit der akuten Bedrohung ihres Lebens durch die Judenmörder beispielhaft dokumentiert wird.

Ist es nicht dumm, dass ich mir einen Schritt vor dem Tod Sorgen mache, was mit meinem Tagebuch passieren wird? Ich wünschte, es würde nicht kläglich in einem Ofen oder auf einer Müllhalde landen. Ich möchte, dass jemand es findet, sogar ein Deutscher, und es liest. Ich möchte, dass das, was ich geschrieben habe und was im Vergleich zu dem, was ich zusammen mit meinen Verwandten und Freunden erlebt habe, ein Tropfen auf den heißen Stein ist, ein wahres Zeugnis und treues Abbild unserer Zeiten wird (Yad Vashem Archive O.3/3382, Item ID 3556672).1

Diese Sätze schreibt die 17-jährige Miriam Chaszczewicka am 22. September 1942 im Ghetto von Radomsko, einer kleinen Stadt in der Nähe von Tschenstochau, in ihr Tagebuch. Drei Tage zuvor hat sie erfahren, dass im Generalgouvernement2, auch in den meisten Orten in der Umgebung ihrer Heimatstadt, viele tausend Juden in Viehwaggons deportiert und ermordet werden. Angesichts dieser Vorgänge kann sie nicht mehr hoffen, persönlich Zeugnis ablegen zu können; so wünscht sie sich, dass ihr Tagebuch das leisten kann, was ihr selbst versagt sein wird. Dieser Wunsch macht deutlich, dass sie – anders als die meisten anderen jugendlichen Tagebuch-Autorinnen und -Autoren – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Nachwelt schreiben möchte.3 Ihre Erwartung, wie so viele andere in ihrer Umgebung den Tod zu finden, sollte nur zu bald Wirklichkeit werden. Am 24. Oktober meldeten sie und ihre Mutter sich auf einer Polizeiwache, nachdem sie sich, um der Deportation zu entgehen, eine Woche lang in einer Toilette versteckt und seit Tagen nichts mehr zu essen hatten. Sie wurden nach Tschenstochau gebracht und von dort wahrscheinlich in das Todeslager Belzec, wo die Ankommenden umgehend mit Motorabgasen ermordet wurden. Ihr Tagebuch ist in das Archiv von Yad Vashem gelangt, aber ihr Wunsch, ihre Aufzeichnungen sollten gelesen werden, ist bis heute nicht in Erfüllung gegangen.4 Ihr Tagebuch ist noch nicht vollständig und textgetreu veröffentlicht worden.5

Im Folgenden wird zunächst dargelegt, welche Art von Texten hier als Holocaust-Tagebücher junger Jüdinnen und Juden berücksichtigt worden sind und welche aus verschiedenen Gründen nicht herangezogen wurden. Es folgen Hinweise, wie solche in vielen verschiedenen Sprachen verfassten Diarien aufgefunden und rezipiert werden können, wenn sie nicht gedruckt vorliegen. Sodann wird erörtert, was Tagebücher als historische Quellen mit anderen Selbstzeugnissen wie Memoiren und Zeitzeugeninterviews gemein haben und worin sie sich wesentlich unterscheiden. An einigen Beispielen wird gezeigt, wie Tagebücher aufgrund der zeitlichen Nähe zwischen dem Erleben und der Niederschrift des Erlebten sowie der Offenheit des Erwartungshorizonts Einblicke in die unmittelbaren Reaktionen der Betroffenen und ihre unterschiedlichen Deutungen des Geschehens gewähren. Angesichts solcher Erkenntnismöglichkeiten, wie sie nur Tagebücher und Briefe bieten, wird der Frage nachgegangen, warum die Zahl der überlieferten Diarien regional unterschiedlich groß und insgesamt sehr viel geringer ist als die der Memoiren und Interviews, in denen Überlebende rückblickend von ihren Erfahrungen berichtet haben. Es wird untersucht, wie die Entscheidung für eine bestimmte Form des Tagebuchs von den Lebensbedingungen der Autorinnen und Autoren, aber auch von ihren Motivationen abhing. Die Vielfalt der Motivationen wird anhand von Tagebucheinträgen verdeutlicht, die das Bedürfnis zu schreiben explizit reflektieren. Sodann wird die Besonderheit der hier untersuchten Tagebücher dadurch hervorgehoben, dass die Auseinandersetzung der Verfasserinnen und Verfasser mit der akuten Bedrohung ihres Lebens durch die Judenmörder beispielhaft dokumentiert wird. Abschließend wird die Bedeutung benannt, die Holocaust-Tagebüchern heute in der individuellen Lektüre, in der Forschung und in der Lehre zukommen kann.

Abgrenzungsprobleme

Es gibt noch viel zu entdecken, auch wenn inzwischen zahlreiche Tagebücher aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in verschiedenen Sprachen publiziert worden sind. Allein in deutscher Sprache sind etwa 50 Tagebücher junger Jüdinnen und Juden veröffentlicht worden, die während des Holocaust in verschiedenen Ländern Europas gelebt haben (Kaiser 2022: 599 ff.). Bevor man eine genaue Zahl nennen kann, müsste man zunächst abgrenzen, welche Texte zu den Holocaust-Tagebüchern gehören und welche nicht. Die Abgrenzung ist jedoch in mehrfacher Hinsicht schwierig. Sollten etwa Aufzeichnungen einbezogen werden, die erst nach der Befreiung der Autoren entstanden, aber als Tagebücher veröffentlicht worden sind? Am ehesten kämen hier wohl die Versuche in Betracht, Aufzeichnungen während der Zeit der Verfolgung, die verlorengegangen sind oder nur aus stichwortartigen Notizen bestanden, zu rekonstruieren bzw. auszuformulieren. Ein Buch, dessen deutsche Ausgabe den Titel trägt Wann wird diese Hölle enden? Das Tagebuch der Mary Berg. Das Mädchen, das das Warschauer Ghetto überlebte (Berg 2019), ist so entstanden. Die Autorin hieß Miriam Wattenberg. Sie konnte wegen der amerikanischen Staatsbürgerschaft ihrer Mutter im März 1944 mit ihrer Familie in die USA ausreisen. Kurz danach begann sie mit Hilfe des Journalisten S.L. Shneiderman ihre in einer von ihr selbst erfundenen Kurzschrift verfassten Notizen zu entziffern und auf Polnisch auszuformulieren.6 Susan Pentlin, die Herausgeberin einer englischen Neuausgabe, die der deutschsprachigen zugrunde liegt, bezeichnet den Text als „Tagebuch-Erinnerungen“ (Berg 2019: 19). Eine von der Autorin kurz nach der Befreiung aus dem Gedächtnis vorgenommene Rekonstruktion weitgehend verlorengegangener Tagebucheinträge liegt mit dem Buch von Mascha Rolnikaite vor: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945 (Rolnikaite 2002).7 Schwer einzuschätzen ist auch die Authentizität von Tagebüchern, die für die Veröffentlichung verändert worden sind, wenn das Original verloren gegangen ist. So ist das handschriftliche Original des Tagebuchs von Éva Heyman nicht mehr auffindbar. Éva ist am 6. Juni 1944 im Alter von 13 Jahren aus dem Ghetto von Nagyvárad (Großwardein, heute Oradea in Rumänien) zusammen mit ihren Großeltern mütterlicherseits nach Auschwitz deportiert und dort am 17. Oktober ermordet worden. Ihrer Mutter Ágnes Zsolt ist es gelungen, zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, dem prominenten Schriftsteller Béla Zsolt, der Deportation zu entgehen. Sie gelangten über Budapest mit dem Kasztner-Zug Ende Juni 1944 ins Austauschlager Bergen-Belsen und konnten von dort in die Schweiz ausreisen. Ágnes Zsolt hat Évas Tagebuch nach der Befreiung bekommen und es 1947 unter dem Titel Éva lányom [Meine Tochter Éva] veröffentlicht (Zsolt 1947).

Es ist umstritten, ob diese Publikation den ursprünglichen Text des Tagebuchs wiedergibt oder dieser von Ágnes Zsolt erheblich verändert worden ist.8 Da das Original nicht vorliegt, lässt sich die Authentizität der Veröffentlichung nicht daran überprüfen. Das ist nicht nur deswegen bedauerlich, weil der umstrittene Text die Grundlage des viel beachteten Instagram-Films Eva’s Story bildet, sondern auch, weil abgesehen von in Budapest verfassten Aufzeichnungen meines Wissens kein weiteres Tagebuch eines jüdischen Kindes in seiner ursprünglichen Form überliefert ist, das auf ungarischem Staatsgebiet in der Zeit der deutschen Besetzung entstanden ist.9

Es stellt sich auch die Frage, ob Aufzeichnungen von Jüdinnen und Juden, die während der NS-Herrschaft, aber außerhalb des deutschen Machtbereichs entstanden sind, den Holocaust-Tagebüchern zuzuordnen sind. Das betrifft Tagebücher von Evakuierten, die im Inneren der Sowjetunion überlebt haben wie Lena Jedwab aus Białystok, die beim deutschen Überfall aus einem Jugendlager in Litauen nach Karakulino in Udmurtien in der Nähe des Urals verbracht wurde und dadurch überlebte, während ihre Verwandten und Freunde alle ermordet wurden, wie sie nach Kriegsende erfuhr. Ihr Tagebuch ist inzwischen in mehreren Sprachen erschienen (Jewab Rozenberg 1999, 2002, 2012, 2019). Sind die Aufzeichnungen derjenigen als Holocaust-Tagebücher einzubeziehen, die noch vor Beginn des systematischen Massenmords an den Juden fliehen konnten, darunter die Kinder und Jugendlichen, die nach den Novemberpogromen von 1938 durch den „Kindertransport“, die Evakuierung von Kindern ohne ihre Eltern, nach Großbritannien und in einige andere Länder, gerettet werden konnten? Zweifellos sind solche Tagebücher von der nationalsozialistischen Judenverfolgung geprägt, doch in welchem Maße sie sie reflektieren ist durchaus unterschiedlich. So finden die Verfolgung und Ermordung der Juden wie überhaupt die historischen Vorgänge im Tagebuch von Thea Gersten kaum Erwähnung. Sie war 1925 in eine religiöse jüdische Familie in Leipzig geboren worden. Da ihr Vater polnischer Staatsbürger war, übersiedelte die Familie im Juli 1939 nach Warschau. Von dort gelangte Thea mit ihrer Mutter noch im selben Monat nach London, während der Vater in Polen zurückblieb. Im Mittelpunkt von Theas Tagebuch steht die Liebe des – auch durch religiös grundierte Konventionen und Moralvorstellungen – stark gehemmten Mädchens zu ihrem Freund Philipp, den sie schon in Leipzig kennenlernte und in London wiedertraf, und ihre allmähliche Distanzierung von der Religion. Erst im Dezember 1945 erwähnt sie „diese furchtbaren Berichte vom Kontinent“ und notiert am 18. Januar 1946: „Ich weigere mich, über den Verbleib meines Vaters zu spekulieren. Das bringt nichts.“ (Gersten 2001: 191 ff.).10 Es ist zu vermuten, auch wenn die Aufzeichnungen keinen direkten Hinweis darauf enthalten, dass diese Weigerung als Versuch der Verdrängung zu verstehen ist.

Das trifft ebenfalls auf viele zeitgenössische Tagebücher nichtjüdischer deutscher Autorinnen und Autoren zu, in denen sehr wenig oder gar nichts zur Verfolgung und Ermordung der Juden zu finden ist, es sei denn, es handelt sich um Aufzeichnungen führender Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg, die selbst zu den treibenden Kräften des Judenmords gehörten. Allerdings haben das Beschweigen, die Verdrängung oder Verleugnung durch deutsche Zeitgenossen einen anderen Hintergrund. Viele nichtjüdische Autorinnen und Autoren zeigen wenig oder gar kein Interesse am Schicksal der Juden,11 oder sie weigerten sich, Informationen über deren Ermordung zu glauben. So notierte die 15-jährige Schülerin Lilo G. aus Berlin-Friedrichshagen am 31. August 1943 in ihrem Tagebuch: „Mutti erzählte neulich, die Juden seien in den Lagern zum größten Teil umgebracht worden, aber ich kann es nicht glauben. Daß sie aus Deutschland raus sind, ist gut, aber sie gleich zu ermorden!“ (Hammer 1992: 279).

Bemerkungen zur Judenverfolgung findet man fast nur in Tagebüchern von Menschen, die wegen ihrer Ehepartner oder Verwandten betroffen waren wie Tilly Cahn, geborene Schulze (Cahn 1999), und in Aufzeichnungen von Regimegegnern wie Friedrich Kellner (Kellner 2011) oder Anna Haag (Timms 2019). Auch in deren Tagebüchern sind solche Bemerkungen im Verhältnis zum Gesamtumfang der Aufzeichnungen nicht häufig, aber bemerkenswert, geben sie doch Auskunft darüber, was Deutsche zur Zeit des Zweiten Weltkriegs über den Judenmord wissen konnten (Kaiser 2020).

Schließlich kann man die Frage aufwerfen, welche Kriterien anzulegen sind, wenn man sich explizit auf junge Jüdinnen und Juden konzentriert. Alexandra Zapruder hat in einer Erläuterung der Auswahlkriterien bei der Zusammenstellung ihrer Anthologie von Young Writers‘ Diaries of the Holocaust zu Recht darauf hingewiesen, dass eine klare Altersgrenze hier wenig hilfreich ist (Zapruder 2002: 448 f.). Ob sich Autorinnen oder Autoren beruflich und familiär bereits als Erwachsene etabliert haben, hängt nicht allein von ihrem Lebensalter ab. Zudem ist zu bedenken, dass manche unter den gegebenen Umständen schon in sehr jungen Jahren eine erstaunliche Reife der Selbstreflexion und Urteilsfähigkeit erreicht haben, wie sie zu anderen Zeiten allenfalls von Erwachsenen zu erwarten ist.

1 Die nicht publizierten Tagebücher werden verkürzt mit Archiv- und Signaturangabe zitiert, eine vollständige Angabe findet sich im Quellenverzeichnis. Hier und im Folgenden sind Eintragungen aus Tagebüchern vom Autor – zum Teil mit Hilfe vorliegender Übersetzungen in englischer Sprache – in das Deutsche übersetzt worden, da sie in so vielen verschiedenen Sprachen verfasst worden sind, dass vermutlich nur wenige Leser in der Lage wären, alle Zitate in den Originalsprachen zu verstehen. Soweit die Originalsprachen dem Autor nicht geläufig sind, ist die Übersetzung anhand der Ursprungstexte von Sprachkundigen überprüft worden. Manche Namen sind in den Verzeichnissen der Archive anders geschrieben als in den enthaltenen Unterlagen. So findet sich das hier zitierte Tagebuch im Archiv von Yad Vashem unter Miriam Khashchevatski, also in der englischen Transkription des Jiddischen mit männlicher Endung; auf dem den Tagebuchseiten vorangestellten Informationsblatt dagegen steht Miriam Chaszczewacka in polnischer Transkription mit weiblicher Endung; polnische Autoren transkribieren den Namen auch Chaszczewicka. Bei der Drucklegung von Tagebüchern wurden häufig nicht die Namen verwendet, die die Autorinnen oder Autoren beim Verfassen der Tagebücher trugen, sondern diejenigen, die sie zum Zeitpunkt der Drucklegung angenommen hatten. In manchen Fällen wurden statt der offiziellen Vornamen Rufnamen gewählt, zum Beispiel Heniek statt Hersz.
2 So nannten die Nationalsozialisten das besetzte Polen, soweit es nicht in das Reich eingegliedert worden war.
3 Tagebücher von Kindern und Jugendlichen weisen nur in wenigen Fällen Merkmale auf, die Lynn Z. Bloom als Indizien nennt, dass private Tagebücher als an die Öffentlichkeit adressierte Dokumente zu lesen seien (Bloom 1997: 28 ff.).
4 In der Anthologie Der papierene Freund (Kaiser 2022: 281 ff.) sind Auszüge in deutscher Sprache enthalten, doch konnte nicht der gesamte Text aufgenommen werden.
5 Stefania Heilbrunns Buch Kinder aus Staub und Himmel: Ein Tagebuch aus der NS-Besatzungszeit während des Holocausts ist dem Vorwort zufolge „vom Tagebuch von Miriam Chaszczewacki inspiriert“, kann aber sicherlich nicht als Veröffentlichung ihres Tagebuchs gelten. Die englische Originalausgabe Children of Dust and Heaven. A Diary from Nazi Occupation through the Holocaust ist zuerst 1978 in Pacific Palisades, CA. erschienen (Heilbrunn 1978). Die nur als E-Book erhältliche deutsche Ausgabe ist offensichtlich lediglich automatisch übersetzt (Kindle Edition, 2016). Die auf der Website des Regionalmuseums von Radomsko unter dem Namen Miriam Haszczewicka veröffentlichten Auszüge aus dem Tagebuch weichen erheblich vom Original ab, vgl. http://muzeum.radomsko.pl/wordpress/wp-content/uploads/pdf/likwidacja_getta_radomsko.pdf (24.2.2023). Offenbar liegt ihnen Stefania Heilbrunns Buch zugrunde.
6 Die Autorin nannte sich Mary Berg, um in Polen zurückgebliebene Verwandte und Freunde nicht zu gefährden. Shneiderman übersetzte das Manuskript ins Jiddische und publizierte es in Fortsetzungen in der Zeitschrift Der Morgen. Noch im Herbst 1944 erschienen englische Übersetzungen in amerikanischen Zeitungen und vom 22. September 1944 bis zum 19. Januar 1945 eine deutsche Übersetzung als Fortsetzungsreihe (Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto) in der New Yorker Exil-Zeitung Aufbau, vgl. https://archive.org/details/aufbau101944germ/page/n597/mode/1up?view=theater (14.2.2023).
7 Zur Rekonstruktion Marianna Butenschön in ihrem Vorwort (Rolnikaite 2002: 7 ff.).
8 Alexandra Zapruder hat in einem Essay, den sie ihrer auf Englisch veröffentlichten Anthologie von Holocaust-Tagebüchern junger Autorinnen und Autoren hinzugefügt hat, die Vermutung geäußert, Ágnes Zsolt habe den Text nicht nur redigiert, sondern erheblich verändert, „rearranging parts of the text, strengthening weak passages, and wholly fabricating others in an attempt to ensure that the diary would be published and her daughter’s memory would be preserved“. Sie stützt diese Annahme auf ihre Lektüre der englischen Übersetzung, die „considerable inconsistencies in tone, style, and in a few cases content“ aufweise (Zapruder 2002: 445 f.). Ausgehend von der ungarischen Publikation hat Gergely Kunt vorgeschlagen, der Text könne sowohl als Tagebuch eines Kindes als auch als Erinnerungsbuch einer trauernden Mutter gelesen werden (Kunt 2010). Ohne Kunts Aufsatz zur Kenntnis zu nehmen, hat Gabriel Mayer Zweifel an der Authentizität des Tagebuchs dadurch zu zerstreuen versucht, dass er behauptet hat, sie beruhten lediglich auf der Lektüre der englischen Übersetzung (Mayer 2015). Agatha Schwartz hat eingeräumt, dass Ágnes und vielleicht auch Béla Zsolt das Tagebuch erheblich verändert haben könnten, sich aber aufgrund von Aussagen von Personen, die Éva kannten, dafür entschieden, den veröffentlichten Text für ein in erster Linie von ihr verfasstes Tagebuch zu halten (Schwartz 2015: 119 f.). Dagegen ist Gergely Kunt in einem weiteren Aufsatz aufgrund einer eingehenden Analyse zu dem Schluss gekommen, Évas Manuskript habe ihrer Mutter lediglich als Inspiration für das Buch Éva lanyom gedient, dessen Autorin sie selbst gewesen sei (Kunt 2016: 146 f.). Übrigens nennt auch die deutsche Übersetzung, die unter dem Titel Das rote Fahrrad. Tagebuch erschienen ist, Ágnes Zsolt als Autorin (Zsolt 2012).
9 Sheindi Ehrenwald hat 1944 in der damals zu Ungarn gehörenden Stadt Galánta Aufzeichnungen angefertigt. Sie konnte diese Aufzeichnungen verstecken, als sie Mitte Juni 1944 in das Frauenlager von Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, und hat sie zwei Monate später auf den Transport in ein Arbeitslager im niederschlesischen Peterswaldau mitgenommen. Dort dienten ihr die stark beschädigten Notizen als Vorlage für Erinnerungen an die Geschehnisse seit der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht am 19. März 1944 bis zu ihrer Ankunft in Auschwitz. Diese Erinnerungen, die besonders eindrucksvoll über die Zugfahrt in das Vernichtungslager berichten, haben nicht die Form eines Tagebuchs, unterscheiden sich aber von Memoiren aus der Nachkriegszeit dadurch, dass sie noch vor der Befreiung auf die Rückseiten von Karteikarten der Fabrik geschrieben sind, in der Sheindi Ehrenwald Zwangsarbeit leisten musste. Darüber informiert der Kurator der Ausstellung Deportiert nach Auschwitz im Deutschen Historischen Museum Thomas Jander: Zeugnis des Holocaust: Sheindi Ehrenwalds Aufzeichnungen, vgl. https://www.dhm.de/blog/2020/07/29/zeugnis-des-holocaust-sheindi-ehrenwalds-aufzeichnungen/ (24.2.2022).
10 Erst nach dem Tod ihrer Mutter 1964 hat Thea Gersten in deren Unterlagen eine Mitteilung vom 8.1.1946 an einen Cousin gefunden, dass der Vater am 20.1.1943 im Warschauer Ghetto festgenommen und nach Treblinka deportiert worden war.
11 Im Hinblick auf die Haltung der Mehrheit der nichtjüdischen Deutschen hat schon Marlis Steinert die „Reaktionslosigkeit und Gleichgültigkeit des deutschen Staatsbürgers gegenüber seinem jüdischen Nachbarn“ konstatiert (Steinert 1970: 238 f.), ein Befund, den Ian Kershaw (1979), Sarah Gordon (1984), David Bankier (1995) und Peter Longerich (2006) bestätigt, wenn auch unterschiedlich interpretiert haben.

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