Fürsorge sichtbar werden lassen – eine tiefenhermeneutische Analyse der Lebenswelten männlicher Jugendlicher
Aaron Korn, Sylka Scholz
GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Heft 2-2022, S. 11-25.
Zusammenfassung
Der Zusammenhang von Männlichkeit und Fürsorge wird mittels des Begriffs Caring Masculinities innerhalb der Männlichkeitsforschung aufgegriffen. Er soll mögliche Transformationspfade hin zu einer geschlechtergerechteren Gesellschaft öffnen. Dabei richtete sich der Blick bisher nur auf erwachsene Männer. Der Aufsatz gibt zunächst einen Einblick in den Stand der Jungen- und Männlichkeitsforschung und verbindet ihn mit der feministischen Care-Forschung. Auf der Grundlage von teil-narrativen Interviews mit männlichen Jugendlichen wird ihr komplexes Verhältnis zu Fürsorge aufgezeigt. Argumentiert wird, ausgehend von der tiefenhermeneutischen Analyse von zwei Fällen, dass das in der Jungenforschung dominante Bild des wettbewerbsorientierten und risikobereiten Jungen um Fürsorgeaspekte erweitert werden muss, die auch einer entsprechenden Theoretisierung bedürfen.
Schlüsselwörter
Adoleszenz, Care, Fürsorge, Jungen- und Männlichkeitsforschung, Männlichkeit
Making care visible – an in-depth hermeneutic analysis of the lifeworld of male youths
Summary
The link between masculinity and care is currently being discussed in connection with the term ‘caring masculinities’. The discussion opens up possible transformation pathways towards a more gender equitable society, even though the discussion is mostly focused on adult males. Our article therefore begins with a brief introduction to current research on boys and masculinities and links it to feminist care theory. Drawing on two semi-structured interviews we then examine the complex relationship between care and the lifeworld of male youths. Based on an in-depth hermeneutic analysis of two cases, we challenge the dominant image of boys as competitive and risk-taking, and we emphasize the need to incorporate care into theories of boyhood.
Keywords
adolescence, care, studies on boys and men, masculinity
Schaut man sich die aktuellen Studien im Bereich der Jungenforschung an, so zeigt sich die Fokussierung auf eine Wettbewerbsorientierung verbunden mit einer Bereitschaft, den Körper in den homosozialen Spielen des Wettbewerbs zu riskieren (vgl. den Überblick in Meuser 2018). Diese Orientierung gilt wiederum als Voraussetzung, um den adoleszenten Prozess der männlichen Individuation erfolgreich zu bewältigen (Meuser 2018; King 2013). Doch Wettbewerbs- und Risikobereitschaft erfassen die Komplexität der Lebenswelten von männlichen Jugendlichen nicht hinreichend. Sie sind auch durch vielfältige Fürsorgebeziehungen geprägt, die wiederum die Rahmenbedingungen für Adoleszenzprozesse bilden. Ungewollt wird mit der Fokussierung auf Wettbewerb und Risikobereitschaft auch die Zuschreibung von Fürsorge(-arbeit) an Frauen und die weibliche Vergeschlechtlichung dieser Tätigkeiten fortgeschrieben. Die in der feministischen Care-Debatte diskutierte Krise der sozialen Reproduktion (Winker 2011) erscheint auf diese Weise als ein Problem von Frauen: Sie werden als dafür verantwortlich angesehen, die in neoliberalen kapitalistischen Gesellschaften immer größer werdenden Fürsorgelücken zu schließen, was zunehmend weniger gelingt (Winker 2011; Aulenbacher/ Riegraf/Theobald 2014). Diese gesellschaftlich brisante Lage wird in der Debatte um Caring Masculinities (Scholz/Heilmann 2019) aufgenommen. In diesem Kontext erfolgt eine Erforschung des komplexen Wechselverhältnisses von Männlichkeit und Fürsorge. Caring Masculinities gelten als „counterpart to traditional concepts of male power“ (Scambor et al. 2014: 570) und sollen den Weg bereiten in eine geschlechtergerechtere Welt. Dabei richtet sich der Blick auf die Fürsorgepraxen erwachsener Männer, die Frage nach männlichen Sozialisationsprozessen in der Jugend wird in diesem Kontext nicht diskutiert. Sie ist aber ein zentrales Forschungsfeld, wenn es um die Möglichkeit der langfristigen Transformation von Männlichkeiten geht.
Ziel unseres Beitrages ist es deshalb, Fürsorgeerfahrungen, aber auch Fürsorgepraktiken und -haltungen adoleszenter Jungen sichtbar zu machen und zu theoretisieren. Als Grundlage dienen uns teil-narrative Interviews mit männlichen Jugendlichen, die im Rahmen des DFG-Projekts „Fürsorgliche Jungen? Alternative (Forschungs-)Perspektiven auf die Reproduktionskrise“1 geführt wurden. Unser Fokus liegt auf den Fragen, wie in den alltäglichen Lebenszusammenhängen der Jungen Fürsorge präsent wird und welche Vorstellungen von Fürsorge die befragten Jungen entwickeln.
Zunächst verknüpfen wir Adoleszenztheorie mit Konzepten der Jungen- und Männlichkeitsforschung und entwickeln mit Rückgriff auf die feministische Care-Forschung ein Verständnis von Care-Beziehungen. Das Forschungsdesign des Projektes stellen wir im zweiten Schritt vor. Anhand von zwei Ankerfällen unseres Samples arbeiten wir drittens zunächst die je fallspezifischen Sorgebeziehungen der Jungen heraus. Im vierten Schritt theoretisieren wir das Spannungsverhältnis von Fürsorge, Männlichkeit und Erwachsenheit. Wir entfalten die These, dass eine fürsorgliche Haltung und fürsorgliche Tätigkeiten eine Ressource für die Konstruktion einer erwachsenen männlichen Identität sein können. Dies gilt insbesondere für die Übernahme von Verantwortung gegenüber Familienmitgliedern und Freund*innen. Jedoch stößt die Erfüllung eigener Fürsorgebedürfnisse an Grenzen, die durch gesellschaftliche Männlichkeitsanforderungen errichtet werden.
1 Adoleszenz, Männlichkeit und Care – Forschungsstand und sensibilisierende Konzepte
Die Fokussierung auf Jungen und ihre Lebenswelten resultiert aus einer Geschlechtersensibilisierung der Jugendforschung, die im Übergang zum 21. Jahrhundert erfolgte (vgl. King 2000). Einer der Schlüsselbegriffe, um die Lebensphase Jugend zu untersuchen, stellt Adoleszenz dar, der die Vergesellschaftung und Individuation innerhalb der Lebenswelten von Jugendlichen in den Blick rückt. Die Soziologin Vera King erweitert das aus der Entwicklungspsychologie stammende Konzept, um damit „psychische Prozesse aus soziologischer Perspektive“ (King 2013: 39) betrachten zu können. Adoleszenz wird nicht als eine Lebensphase mit konkreten Entwicklungszielen, sondern als vielseitiger Prozess verstanden, in dem psychische, physische, soziale und kulturelle Dimensionen wirksam werden. King konzipiert Adoleszenz deshalb als psychosozialen Möglichkeitsraum,
„der jene weitergehenden psychischen, kognitiven und sozialen Separations-, Entwicklungs- und Integrationsprozesse zulässt, die mit dem Abschied von der Kindheit und der schrittweisen Individuierung im Verhältnis zur Ursprungsfamilie, zu Herkunft und sozialen Kontexten in Zusammenhang stehen“ (King 2013: 39).
Geschlecht als zentrale Struktur- und Identitätskategorie kapitalistischer Gesellschaften spielt innerhalb der Adoleszenz eine zentrale Rolle, da der Übergangsprozess von Kindsein zu Erwachsensein mit neuen Anforderungen an die geschlechtliche Individuierung und Identitätskonstitution verknüpft ist und oftmals konflikthafte individuelle Aushandlungen beinhaltet (vgl. u. a. Bereswill 2006; King 2013; Meuser 2018).
Die empirische Analyse von Geschlechterverhältnissen in Bezug auf Jungen und deren Lebensentwürfe vollzieht sich vor allem mit Rekurs auf die theoretischen Konzepte hegemoniale Männlichkeit (Connell 2005) und männlicher Habitus (Bourdieu 2005). Beide Ansätze dominieren die Jungenforschung (Budde/Rieske 2022), weil sie die alltägliche Herstellung von Männlichkeit schlüssig mit der gesellschaftlich-normativen Ebene verknüpfen. Geschlecht wird in beiden Konzepten als soziale Konstruktion gefasst, die über Sozialisationsprozesse verinnerlicht wird. Hegemoniale Männlichkeit verweist dabei auf ein sozialkulturelles Ideal, das über die Hegemonie einer kleinen Gruppe von Männern als strukturelles und individuelles Orientierungsmuster institutionalisiert wird (vgl. Connell 2005; Meuser 2010). Männlichkeit zeichnet sich dabei durch eine doppelte Dominanz- und Distinktionslogik aus, die dazu führt, dass Weiblichkeit auf heterosozialer Ebene untergeordnet und auf homosozialer Ebene zu anderen Männlichkeit(en) abgegrenzt wird. Realisiert wird diese Logik vor allem in öffentlichen homosozialen Sphären wie dem Sport, der Erwerbsarbeit oder der Politik mittels der ernsten Spiele des Wettbewerbs (vgl. Bourdieu 2005).
Die vorherrschende Fokussierung der Analyse von Jungen und deren Lebenswelten auf diese männlichkeitssoziologischen Konzepte führt aus unserer Sicht in der empirischen Forschung dazu, dass lediglich bestimmte Dimensionen der Lebenswelten in den Blick genommen werden, wie die Peergroups oder die Lebensentwürfe männlicher Jugendlicher bezüglich ihrer Orientierung an Erwerbsarbeit und damit verbunden dem Leitbild des Familienernährers (vgl. Meuser 2018). Der Blick richtet sich vor allem auf die (Re-)Produktion hegemonialer Männlichkeit oder des männlichen Habitus. Alternative, nichthegemoniale oder nichtdominanzorientierte Praktiken von Jungen werden bisher kaum erforscht (vgl. auch Budde/Rieske 2022). Einen dieser Bereiche stellen fürsorgliche Praktiken und Orientierungen in den Lebenswelten von Jungen dar. Auch die damit zusammenhängenden Aspekte wie liebevolle, intime, freundschaftliche oder partnerschaftliche Beziehungen werden oftmals vernachlässigt, obwohl sie in der Jungenforschung als notwendige Forschungsfelder identifiziert werden (vgl. Jösting 2005; Meuser 2018). Auch in der Debatte um Caring Masculinities werden diese Facetten nicht berücksichtigt, denn in den empirischen Betrachtungen stehen erwachsene Männer im Vordergrund. Untersucht wird die Beteiligung von Vätern an der Fürsorgearbeit, aber auch Männer in Fürsorgeberufen (vgl. Überblick in Scholz/Heilmann 2019).
Um nun die alltäglichen Care-Beziehungen von männlichen Jugendlichen empirisch zu untersuchen, bedarf es der Konkretisierung des Care-Begriffs. Im Folgenden formulieren wir in der gebotenen Kürze unsere Arbeitsdefinition von Fürsorge. Angeschlossen wird an die Ansätze der Care-Ethik (vgl. Noddings 2010; Tronto 2015), weil in dieser Konzeption die Interaktionszusammenhänge alltäglicher zwischenmenschlicher Beziehungen im Vordergrund stehen. Care oder Fürsorge vollzieht sich im Modus der Relationalität, verstanden als ontologisches Kriterium. Denn die Anerkennung als Individuum und damit das soziale Zusammenleben ist nur vor dem Hintergrund einer grundsätzlichen gegenseitigen Angewiesenheit und Abhängigkeit in menschlichen Beziehungen möglich.
Um Fürsorge als eine soziale Praxis und wechselseitige Beziehung genauer zu erfassen, nutzen wir Joan C. Trontos vierteiliges Analysemodell. Es differenziert zwischen Caring about, Caring for, Caregiving und Carereceiving (vgl. Tronto 2015: 5ff.). Caring about und Caring for sind als Haltungen zu verstehen. Während Caring about darauf abzielt, bestimmte Bedürfnisse einer Person zu erkennen, bedeutet Caring for, die Verantwortung für die identifizierten Bedürfnisse zu übernehmen und diese zu adressieren. Die praktische Bearbeitung wird als Caregiving bezeichnet. Carereceiving bezieht sich auf die Person, auf deren Bedürfnisse eingegangen wird. Konzeptionell zeigt sich ein starkes Wechselverhältnis zwischen der Person, die Fürsorge(-arbeit) leistet, und der Person, die sie empfängt. Während in der Idealvorstellung die Beziehungen zwischen Caregiver und Carereceiver gleichrangig sind, ist dies in der Praxis selten der Fall (vgl. Noddings 2010: 18ff.). Oftmals sind Sorgebeziehungen mit Generationshierarchien verknüpft und damit verbunden asymmetrisch strukturiert. Sorgebeziehungen können in der Praxis in einem Spektrum von Einvernehmlichkeit über Bevormundung bis zu Gewalt gestaltet werden (vgl. Noddings 2010: 18ff.).
Wir verstehen Fürsorge als „relationalen und interaktiven Beziehungsmodus, der sich an den Bedürfnissen der anderen Person orientiert und hierbei praktische Facetten wie Fürsorgen, Umsorgen oder Versorgen, aber auch Momente einer fürsorglichen oder sorgenden Haltung, umfasst“ (Korn 2020: 16). Wichtig ist es, zwischen Praxis und Haltung zu unterscheiden und zu berücksichtigen, dass Sorgebeziehungen mit Macht- und Herrschaftsbeziehungen verknüpft sind. Das Analysemodell von Tronto zeigt genau diese komplexen und vielseitigen Wechselverhältnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen Fürsorge eine Rolle spielt, und wird deshalb als sensibilisierendes Konzept für die empirische Analyse verwendet.
1 Das DFG-Projekt ist an der Friedrich-Schiller-Universität Jena angesiedelt, es wird von Sylka Scholz geleitet (Förderzeitraum 02/2019 01/2022). Wir danken den wissenschaftlichen und studentischen Mitarbeiter*innen Nadine N. Başer, Jessica Just, Kevin Leja und Iris Schwarzenbacher für die gemeinsamen Diskussionen der Fälle und des Aufsatzes.
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Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist im Open Access in dem Heft 2-2022 der GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft erschienen.
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