„Insgesamt ist die sozioökonomische Ungleichheit global angewachsen“ – Interview mit den Herausgebern der PERIPHERIE

 

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur

herausgegeben von Aram Ziai, Reinhart Kößler und Wolfgang Hein

 

 

 

Über die Zeitschrift

Die PERIPHERIE befasst sich aus interdisziplinärer Perspektive mit Politik, Ökonomie, Kultur und Gesellschaft in der ungleichen kapitalistischen und post-kolonialen Welt. Die Zeitschrift fordert und fördert die kritische Auseinandersetzung und Diskussion zwischen Nord und Süd, zwischen Wissenschaft und Bewegung, zwischen Theorie und Praxis. Die Artikel diskutieren Themen wie Globalisierung, Demokratisierung, ökonomische und ökologi­sche Krisen, Rassismus sowie Geschlechter-und Klassenverhältnisse.

Das Interview erschien in gekürzter Fassung unter dem Titel „Das Interesse an emanzipatorischem Handeln und an dem Dialog mit entsprechenden sozialen Bewegungen ist eine Konstante“ zuerst in unserer Herbstvorschau 2022.

 

Liebe Herausgeber, die PERIPHERIE wird von der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V. herausgegeben. Was ist die PERIPHERIE für eine Zeitschrift?

Die PERIPHERIE ist ein interdisziplinäres Diskussionsforum für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik. Das Spektrum umfasst die ganze Breite der Sozialwissenschaften einschließlich der Ökonomie, die Zeitschrift ist aber auch offen für literatur- und kunstwissenschaftliche Fragestellungen ebenso wie aktuell für Gesundheitspolitik. Die Solidarität mit Emanzipationsbewegungen und das Interesse an sozialen Bewegungen in Entwicklungs- wie Industrieländern bleibt ein wichtiges Motiv unserer Arbeit. Als zentrale Aufgaben betrachten wir es, die Diskussion mit Autoren und Autorinnen aus der „Dritten Welt“ [dem Globalen Süden] voranzutreiben sowie unsere Arbeit im Kontext politischer Praxis zu reflektieren.

Als die PERIPHERIE vor über 40 Jahren gegründet wurde, nahm die Debatte über nationale Befreiungsbewegungen, die noch gegen Apartheid und koloniale Besatzung kämpften, breiten Raum ein. Die Redaktion bemühte sich um eine solidarische Haltung, die doch auch analytische Distanz ermöglichte. Das war verknüpft mit der Debatte um Abkoppelung vom Weltmarkt, Dependenztheorie, Zentrum-Semiperipherie-Peripherie im Rahmen einer Weltsystemtheorie und auch den Auseinandersetzungen um eine Neue Weltwirtschaftsordnung (NWWO) sowie Entwicklungszusammenarbeit und -politik. Feministische Fragestellungen bildeten von Beginn an ein wesentliches Querschnittsthema. Später kamen Themen wie Nachhaltigkeit, Ökologie, Post-Development sowie eine kritische Debatte über das Konzept der Entwicklung hinzu.

 

Die PERIPHERIE gibt es seit 1980, und sie erscheint seit 2016 im Verlag Barbara Budrich. Hat sich die Zeitschrift seit ihrer Gründung inhaltlich verändert?

Die Fragestellungen der PERIPHERIE mussten sich mit ihren Gegenstandsbereichen verändern. Das Versprechen der nationalen Befreiungsbewegungen erwies sich als höchst problematisch, die Perspektive der NWWO erschien angesichts des Aufstiegs des Neoliberalismus und der Verschuldungskrise zunehmend als unrealistisch, und mit dem Ende der Blockkonfrontation ging es um eine völlige Neuorientierung nicht nur der internationalen Verhältnisse, sondern auch der Forschung über sie; zugleich zeigte sich die Ambivalenz der Globalisierung in neuen Strategien kapitalistischer Inwertsetzung ebenso wie in einer verstärkten, technologisch erleichterten Vernetzung sozialer Bewegungen, Weltfrauenkonferenzen oder Weltsozialforen.

Das Interesse an emanzipatorischem Handeln und an dem Dialog mit sozialen Bewegungen ist aber eine Konstante geblieben. Nicht jedes Zeitschriftenprojekt konnte zusehends Redaktionsmitglieder integrieren, die nachwachsenden Generationen angehören, wie uns dies gelungen ist. Neben sich wandelnden Problemstellungen und Theorieangeboten hat dies dazu geführt, dass Themen wie Migration, postkoloniale Theorieansätze oder neue feministische Konzepte und ein intersektionales Verständnis von Herrschaftsverhältnissen ein deutlich größeres Gewicht bekommen haben.

 

Wie entwickelt die Redaktion die wechselnden Themenschwerpunkte der jeweiligen Ausgaben – wie sieht der Prozess der Themenfindung aus?

Auf den dreimal jährlich stattfindenden Redaktionskonferenzen diskutieren wir regelmäßig thematische Perspektiven – sowohl angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen wie anhand neuer Debatten. Dazu gehört auch die Einschätzung der möglichen Resonanz eines Heftschwerpunktes. Häufig ergeben sich aus solchen Vorklärungen auch Anfragen an externe Forschungsgruppen, gelegentlich erreichen uns umgekehrt auch Vorschläge für Themenschwerpunkte. Wichtige Wendepunkte nehmen wir zum Anlass zu dem Versuch, ad hoc analytische Möglichkeiten zu erkunden, auch wenn der Aktualitätsbezug der Zeitschrift nur begrenzt sein kann.

 

Welche Ungleichheiten zwischen dem globalen Norden und Süden haben sich in den vergangenen Jahren verschärft, welche verringert?

Zwar ist es einigen Staaten wie Südkorea und vor allem China gelungen, nachholende Prozesse des Wirtschaftswachstums und der Industrialisierung in Gang zu setzen und den Lebensstandard zumindest von Teilen der Bevölkerung deutlich zu verbessern. Das hat aber an dem Prinzip nichts geändert, dass der gesellschaftliche Weltzusammenhang in regionale Hierarchien gegliedert ist – auch wenn auch wenn sich die Positionen innerhalb der Hierarchie teils dramatisch verändert haben. Insgesamt ist die sozioökonomische Ungleichheit global angewachsen, vor allem auch die Polarisierung innerhalb von Staaten. Wir kümmern uns daher um die Differenzierung innerhalb des Globalen Südens, sowohl zwischen einzelnen Staaten-Gruppen als auch um Ungleichheiten innerhalb von Staaten. Diese Dynamiken stehen in enger Beziehung zu Globalisierung und verstärkten Interdependenzen zwischen Regionen und Staaten, nicht zuletzt erkennbar an globalen Lieferketten. Die dadurch, aber auch durch die Konkurrenz um natürliche Ressourcen wie Wasser bestimmten politischen Konflikte, finden ihren extremsten Ausdruck in Staatszerfall und Terrorismus. Dem halten wir die Perspektiven emanzipativer sozialer Bewegungen, die Suche nach alternativen Modellen des Lebens und Wirtschaftens und damit auch die Debatte über Utopien entgegen, die sich ihrer Möglichkeiten wie Unmöglichkeiten vergewissern.

 

Kurzvitae der Herausgeber in eigenen Worten

 

Aram Ziai war in der globalisierungskritischen Protestbewegung aktiv und lehrt im Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Uni Kassel.

 

 

 

Reinhart Kößler ist seit den späten 1960er Jahren an internationalistischen Initiativen beteiligt und bemüht sich weiter um entwicklungstheoretische Fragen, um Probleme der politischen Soziologie vor allem im südlichen Afrika sowie um Erinnerungspolitik. Er ist seit 2006 mit dem Arnold-Bergstraesser-Institut, Freiburg i.B. verbunden.

 

 

Wolfgang Hein beschäftigt sich mit Entwicklungstheorien, Fragen der Globalisierung und Global Governance, zuletzt schwerpunktmäßig im Gesundheitsbereich. Seit 1988 ist er mit dem Deutschen Übersee-Institut/ GIGA und der Universität Hamburg verbunden.

 

 

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