Anregungen für angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung

Leseprobe Vobbe Angewandte Forschungsethik

Welchen Werten und Prinzipien soll Forschung zu kritischen Lebensereignissen folgen? Begünstigt partizipative Forschung sozial erwünschte Ergebnisse? Wem steht die Deutungshoheit in dem eher defizitorientierten Forschungsbereich zu? In „Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung. Orientierungshilfe zur Untersuchung kritischer Lebensereignisse“ erarbeitet Frederic Vobbe am Beispiel typischer Herausforderungen des Untersuchungsfeldes für die Phasen vor, während und nach der Datenerhebung konkrete Handlungsorientierungen. Eine Leseprobe.

***

Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung

1.1 Motivation und Zweck des Kompaktmanuals

Die Weiterentwicklung an der Schnittstelle zwischen Angewandter For­schungsethik und ihrer Institutionalisierung spiegelt sich in der eigenen For­schungsbiografie des Autors. Ethischen Fragen der Durchführung meines qualitativ-empirischen Dissertationsvorhabens wurde von verschiedenen Instanzen keine hervorgehobene Bedeutung beigemessen, als ich in der zwei­ten Hälfte der Nullerjahre als Doktorand angenommen wurde. Im Rahmen des Projekts wurden knapp fünfzig Grundschüler:innen unter Beteiligung von Studierenden problemzentriert zu kinderphilosophischen und -theologischen Rekonstruktionen ungerechtfertigten Leidens beforscht. Die Untersuchung be­inhaltete, dass die Forschungsteilnehmenden2 biografische Schlüssel-, darunter Krisensituationen respektive potenziell kritische Lebensereignisse erzählten, die sie mit der Leidensproblematik verbanden. Die beteiligten studentischen Hilfskräfte erhielten jenseits ihrer Einführung in methodische Spezifika der Interviewdurchführung mit Kindern nur marginale forschungsethische Refle­xionsräume und Orientierung, zum Beispiel zur Einwilligung der Forschungs­teilnehmenden. Über eine Ethikkommission verfügten seinerzeit weder die zuständige Universität noch der ihr beigeordnete Fachbereich. Ein Ethikvotum wurde vom Promotionsausschuss nicht eingefordert.

Dabei fragt die abschließende Dissertationsschrift durchaus, wieweit eine Auseinandersetzung mit dem Sinn von Leiden, Krisen oder der Theodizee für Kinder womöglich ängstigend und verunsichernd sein könne (Vobbe 2012: 373 f.). Zwar darf weiterhin positiv hervorgehoben werden, dass das For­schungsprojekt die anthropologische Sinnvoraussetzung von Kindern als Ko-Konstrukteur:innen eigener Lebenswirklichkeiten forschungsethisch impliziert und methodologisch konsequent umgesetzt hat. Jedoch wäre aufgrund des The­mengegenstands, der Teilnehmendenauswahl sowie der Beteiligung von Studie­renden eine stärkere institutions- und individualethische Sensibilisierung für mögliche Herausforderungen und Risiken geboten gewesen. Erst durch meine anschließende Beteiligung an Forschungsgruppen im Kontext hochbelastender Lebensereignisse fand analog zu der oben skizzierten Institutionalisierung eine umfassendere Vertiefung in die Forschungsethik statt.

Wozu bedarf es unter Berücksichtigung der mit persönlichen Erfahrungen unterfütterten, wissenschaftskulturellen Weiterentwicklung eines Kurzmanuals zur Forschungsethik?

  1. Wer heute drittmittelfinanziert zu kritischen Lebensereignissen und bio­grafischen Krisen forscht, wird in nahezu allen Fällen verpflichtet, ein Ethikvotum nachzuweisen. So setzen es bspw. das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, die Deutsche Forschungsgesell­schaft oder die Förderlinien der Europäischen Union voraus. Forschungs­ethik ist ein Standard, der ungeachtet persönlicher Überzeugungen von Forschenden erfüllt werden muss. Im Umkehrschluss sei die These unter­stützt, dass Forschungsethik in Drittmittel- und Ethikanträgen aus Pers­pektive der Antragsstellenden zuerst als handwerkliche Notwendigkeit betrachtet wird (auch Kiegelmann 2020). Marilys Guillemin und Lynn Gillam (2004: 263) bezeichnen diese Dimension von Forschungsethik als „Procedural Ethics“. Woran es angesichts der Notwendigkeit mangelt, sind kompakte Handreichungen und Handlungsorientierung jenseits der gängigen Kodizes, Herausgeberwerke oder dezentralen Journalbeiträge, die es Wissenschaftler:innen ähnlich den (Methoden-)Manualen Cornelia Helfferichs (2011)3, Jan Kruses (2015) oder Hella von Ungers et al. (2014) ermöglichen, forschungsethische Anregungen für anwendungsorientierte Zugänge im Kontext kritischer Lebensereignisse zu finden. Auf diese Lücke zielt die vorliegende Publikation. Dazu gehört, punktuell normativ begrün­dete Handlungs- oder Unterlassungsanregungen zu vermitteln, die sich im Zusammenhang konstitutiver Forschungsentscheidungen bewährt haben. Die vermittelten Anregungen sind nicht als Imperativ zu missverstehen.
  2. Von konzeptionellen „Procedural Ethics“ unterscheiden Guillemin und Gil­lam nämlich „Ethics in Practice“, welche sich performativ in der Tätigkeit des Forschens selbst realisieren (ebd.: 264). Idealerweise orientieren sich Ethics in Practice an wohlüberlegten Urteilen der vorausgeplanten Proce­dural Ethics. Ethics in Practice kritisieren, übersetzen, modifizieren und korrigieren Procedural Ethics in Handlungen sowie Mikroentscheidungen während des Forschens. Sie äußern sich darin, wie Forschende mit konkre­ten Herausforderungen während des Forschens umgehen, also in der ethi­schen Interaktion Forschender mit Forschungsgegebenheiten (Was ist im Umgang mit einem konkreten Konfliktfall die adäquate Entscheidung?). Ethics in Practice sind nicht zu vermitteln. Sie setzen noch stärker als Procedural Ethics einen Aneignungsprozess Forschender voraus, der zu ei­ner Forschungshaltung führt. Hierfür kann die Veröffentlichung bestenfalls Reflexionsanstöße geben und werben. In diesem Zusammenhang sei bereits darauf verwiesen, dass allgemeinen Tendenzen einer Risiko-, d. h. Defizit­orientierung von Forschungsethik im Kontext kritischer Lebensereignisse und biografischer Krisen mit Skepsis begegnet wird.
  3. „Ethik als Haltung“ (Mührel 2016: 33) und Anlass konkreter handwerkli­cher Forschungsentscheidungen gründet auf einer Reflexion ethischer Prä­missen, das heißt ethischen Modellen. Diese Dimension kommt in vielen Kodizes kaum zur Geltung. Sie wird dort implizit vorausgesetzt. Die Refle­xion ethischer Prämissen wird in der vorliegenden Veröffentlichung unter Berücksichtigung eines Gegensatzes aufgegriffen, nämlich dass es ethische Forschung ohne Wertorientierung nicht geben kann – zahlreiche Kodizes sind normativ –, Normativität in der Sozialforschung aber umstritten ist (etwa Diaz-Bone/Horwath 2020: 245 ff.).

Die Ausführungen werden unterfüttert durch empirische Einsichten aus mehreren Lehrforschungs- und Drittmittelprojekten insbesondere zu sexu­alisierter Gewalt in Kindheit und Jugend, aus eigenen Gutachtertätigkeiten, durch Erfahrungen mit der erfolgreichen Beantragung von Ethikvoten, aus der Betreuung von Abschlussarbeiten, der Durchführung von Lehrveran­staltungen, dem Austausch mit Studierenden, Nachwuchs- und etablierten Wissenschaftler:innen.

Angewandte Forschungsethik meint Ethik im Zusammenhang empiri­scher Sozialwissenschaft, genauer: Qualitativer Sozialforschung, die oft For­schung im direkten Kontakt mit Menschen ist. „Angewandt“ sei sie, weil sie ethische Grundlagen für diesen Teilbereich reflektiert, konkretisiert und be­gründet (Lob-Hüdepohl 2021; Werner 1999). So verstandene Angewandte Forschungsethik trägt begründete Angebote zur Entscheidungsfindung vor. Jedoch wird sie erst zu einer anwendenden – applikativen – (Lob-Hüdepohl 2021: 82 ff.) Ethik, indem sie Wissenschaftler:innen in Handlungen und Haltungen lebendiger Forschungspraxis übersetzen.

___

2 Der Begriff wird als Platzhalter für Proband:innen als Ko-Konstrukteur:innen verwendet. Die Bezeichnung „Forschungsbeteiligte“ schließt in dieser Publikation weitere Akteur:in­nen ein, zum Beispiel Forscher:innen.

3 Bis in die Gegenwart gibt es aus meiner Perspektive kein deutschsprachiges Werk, das sich derart intensiv mit der Durchführung von Interviews beschäftigt wie Die Qualität Qualita­tiver Daten. Helfferichs Schaffen stellt deswegen einen Fundus dar, der für mich als qualita­tiv-empirisch Forschendem auch mit wiederholter Lektüre immer wieder neue Einsichten bereithält. Die Publikation beinhaltet bei genauerer Betrachtung einige forschungsethische Implikationen, die Helfferich an den wenigsten Stellen als solche rahmt. Diese Entdeckung begründet, weshalb Die Qualität Qualitativer Daten in der vorliegenden Veröffentlichung an prominenten Stellen immer wieder herangezogen wird.

***

Sie möchten gern weiterlesen?

 

Frederic Vobbe ist seit 2025 Professor für Angewandte Ethik an der Technischen Hochschule Köln. Zuvor war er Professor für Berufsethik und Theorien der Sozialen Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg. Zu seinen Schwerpunkten gehören „Abweichendes Verhalten“, Angewandte Ethik situativer Kasuistik sowie Forschungsethik.

In seiner Zeit vor der Hochschule arbeitete er als Bildungsreferent sowie Fachberater im Kontext der Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend.

 

Über „Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung“

Empirische Untersuchungen kritischer Lebensereignisse wie Verlusterfahrungen, Gewalterleben oder andere biografische Störungen sind ethisch zu fundieren. Hierzu schlägt der Autor eine Brücke zwischen normativ-theoretischen Reflexionen und forschungspraktischen Anregungen. Am Beispiel typischer Herausforderungen des Untersuchungsfeldes werden für die Phasen vor, während und nach der Datenerhebung konkrete Handlungsorientierungen erarbeitet.Der Autor behandelt dabei Fragen wie: Welchen Werten und Prinzipien soll Forschung zu kritischen Lebensereignissen folgen? Begünstigt partizipative Forschung sozial erwünschte Ergebnisse? Wem steht die Deutungshoheit in dem eher defizitorientierten Forschungsbereich zu?

 

Mehr Leseproben aus aktuellen Budrich-Titeln …

… finden Sie auf unserem Blog unter „Geblättert“.

 

© Foto Frederic Vobbe: Michael Bause, TH | Titelbild gestaltet mit canva.com