Wie sieht gute angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung aus?

Interview Vobbe Angewandte Forschungsethik

Welchen Werten und Prinzipien soll Forschung zu kritischen Lebensereignissen folgen? Begünstigt partizipative Forschung sozial erwünschte Ergebnisse? Wem steht die Deutungshoheit in dem eher defizitorientierten Forschungsbereich zu? In „Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung. Orientierungshilfe zur Untersuchung kritischer Lebensereignisse“ erarbeitet Frederic Vobbe am Beispiel typischer Herausforderungen des Untersuchungsfeldes für die Phasen vor, während und nach der Datenerhebung konkrete Handlungsorientierungen.

Wir haben mit dem Autor über sein neues Buch gesprochen.

 

Interview zu „Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung“

 

Lieber Frederic Vobbe, worum geht es in Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung?

In dem Buch geht es um die empirische Untersuchung kritischer Lebensereignisse, also um biografische Erschütterungen und Verstörungen, die etwa durch Verlust- oder Trennungserfahrungen, plötzliche Krankheit, Gewalterleben, teilweise aber auch andere einschneidende Lebensveränderungen wie beispielsweise die Geburt eines Kindes ausgelöst werden können.

Wissenschaftlich betrachtet sind kritische Lebensereignisse sogenannte Sensitive Topics, also mitunter tabuisierte Themen, die in der intensiven Forschungsbeziehung Qualitativer Forschung einer hohen Sensibilität aufseiten Forschender bedürfen. Sensitive Topics bedingen eigene forschungsethische Reflexionen, um wissenschaftlicher Güte sowie den legitimen Anliegen von Forschungsteilnehmenden gleichermaßen gerecht zu werden.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Nachdem ich zuerst berufspraktisch mit sexualisierter Gewalt zu tun hatte, forsche ich seit einigen Jahren dazu. Trotzdem löst die Konfrontation mit Verletzungs- und Unrechtserfahrungen immer wieder Verunsicherungen bei mir aus.

  • Wer muss am Forschungsdesign beteiligt werden, um Forschungsrisiken vorzubeugen und Forschungsteilnehmende in eine möglichst selbstbestimmte Position zu versetzen?
  • Wie verhalte ich mich während Interviews adäquat?
  • Wann sollte ich nicht weiter nachfragen?
  • Geht es bei solchen Entscheidungen überhaupt noch um mein Gegenüber oder vielmehr um mich, weil ich ein Thema nicht aushalte?
  • Beschränke ich dieserart die Entscheidungsfreiheit von Forschungsteilnehmenden?

In Intervisionsgesprächen habe ich festgestellt, dass es offensichtlich einigen Forschenden so geht – gerade, wenn sie erstmals oder vertiefend in Sensitive Topics einsteigen. Das Kompaktmanual will hier reflexive Orientierung geben.

 

Was sind typische forschungsethische Herausforderungen in der qualitativen Sozialforschung?

Traditionell dreht sich die Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung darum, wie wissenschaftliche Güte hergestellt wird, wie eine Anonymität der Forschungsteilnehmenden gewahrt wird, oder was ein sauberes Datenmanagement kennzeichnet.

Ethische Herausforderungen bei der Untersuchung kritischer Lebensereignisse entstehen im Spannungsfeld zwischen Schadensvorbeugung – weil durch Forschung Belastungen reaktiviert werden können – und einer Befähigung der Forschungsteilnehmenden zur Selbstbestimmung. Betroffene sind bisweilen unsichtbar, da kritische Lebensereignisse leistungsgesellschaftlich tabuisiert werden. In der Ethik wird deswegen darüber gestritten, ob Forschung in diesem Bereich solidarisch sein sollte, oder ob hierdurch wissenschaftliche Neutralität gefährdet werde.

 

Welche Fragen sollten sich Forschende für eine ethisch reflektierte und verantwortungsvolle Forschungspraxis stellen?

  • Welches „Bild“ von kritischen Lebensereignissen und davon Betroffenen liegt meiner Forschung zugrunde?
  • Wie trage ich mit diesem Bild zu einer Reproduktion von Stereotypen oder demgegenüber wissenschaftlicher Innovation bei?
  • Wer sollte an welchen Forschungsentscheidungen teilhaben, um meine Vorannahmen und somit meine schlussendlichen Ergebnisse auszudifferenzieren?
  • Soll meine Forschung einen unmittelbaren Nutzen haben und wenn ja, wer definiert diesen?
  • Wie wird in meinem institutionellen Umfeld auf die Betroffenheit von Forschenden geblickt?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich hieraus für mögliche Gegenübertragungen, Ohnmachtsabwehr und damit verbundene wissenschaftliche Verzerrungen?
  • Wie kann Forschungsrisiken durch eine partizipative Settinggestaltung vorgebeugt werden?
  • Muss einer politischen Instrumentalisierung der emotionalisierenden, kontroversen Themen vorgebaut werden?

 

Darum bin ich Autor bei Budrich

Der Verlag Barbara Budrich vereint sozialarbeitswissenschaftliches Renommee mit den von mir beforschten Spezifikationen, genauer private Lebensformen und Gewalt.

Ich habe die angenehm austauschorientierte Zusammenarbeit als durchweg sehr entgegenkommend wahrgenommen. So konnte sich der Verlag von vorneherein auf das kompakte Format einer forschungsethischen Orientierungshilfe einlassen. Insgesamt waren die Verlagsrückmeldungen an mich von großem Vertrauen geprägt. Beratungen über mögliche Änderungen führten dazu, dass mir die inhaltliche Entscheidungsmacht einschließlich konstruktiver Kritik zurückgespielt wurde. Die darin enthaltene Wertschätzung habe ich als besonders authentisch und die kreativen Freiheiten als bemerkenswert groß erlebt.

Ich kann Budrich anderen Autor:innen nur weiterempfehlen.

 

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Cover Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung von Frederic VobbeFrederic Vobbe:

Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung. Orientierungshilfe zur Untersuchung kritischer Lebensereignisse

Leseprobe

 

 

 

Der Autor

Professor Dr. Frederic Vobbe auf dem Campus Südstadt der TH Köln. Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften Institut für Geschlechterstudien der TH Köln. © Michael Bause, TH 17.12.2025 Köln

Frederic Vobbe ist seit 2025 Professor für Angewandte Ethik an der Technischen Hochschule Köln. Zuvor war er Professor für Berufsethik und Theorien der Sozialen Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg. Zu seinen Schwerpunkten gehören „Abweichendes Verhalten“, Angewandte Ethik situativer Kasuistik sowie Forschungsethik.

In seiner Zeit vor der Hochschule arbeitete er als Bildungsreferent sowie Fachberater im Kontext der Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend.

 

Über „Angewandte Forschungsethik in der Qualitativen Sozialforschung“

Empirische Untersuchungen kritischer Lebensereignisse wie Verlusterfahrungen, Gewalterleben oder andere biografische Störungen sind ethisch zu fundieren. Hierzu schlägt der Autor eine Brücke zwischen normativ-theoretischen Reflexionen und forschungspraktischen Anregungen. Am Beispiel typischer Herausforderungen des Untersuchungsfeldes werden für die Phasen vor, während und nach der Datenerhebung konkrete Handlungsorientierungen erarbeitet.Der Autor behandelt dabei Fragen wie: Welchen Werten und Prinzipien soll Forschung zu kritischen Lebensereignissen folgen? Begünstigt partizipative Forschung sozial erwünschte Ergebnisse? Wem steht die Deutungshoheit in dem eher defizitorientierten Forschungsbereich zu?

 

© Foto Frederic Vobbe: Michael Bause, TH | Titelbild gestaltet mit canva.com