Welche didaktischen und ethischen Bezugspunkte können Lehrenden im Umgang mit Kontroversität helfen? Interview mit den Herausgeber*innen Simon Meisch und Uta Müller zu ihrem Buch Streiten – aber richtig! Zum Umgang mit Kontroversen in Schule und Unterricht.
Interview zu „Streiten – aber richtig!“
Lieber Simon Meisch, liebe Uta Müller, worum geht es in Streiten – aber richtig?
Für Bildungseinrichtungen sind strittige Themen kaum zu vermeiden. Sie ergeben sich aus Lehrplänen oder gelangen über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in den Unterricht. Schulen sind zudem soziale Räume, in denen Meinungsverschiedenheiten ganz selbstverständlich entstehen. Solche Auseinandersetzungen sind in einer Demokratie nichts Negatives, sondern Ausdruck von Vielfalt. Dennoch braucht es klare Formen und Regeln, um konstruktiv streiten zu können.
Seit den 1970er Jahren orientiert sich die politische Bildung am sogenannten Beutelsbacher Konsens, der drei zentrale Prinzipien umfasst.
- Erstens untersagt das Überwältigungsverbot jede Form der Indoktrination und verpflichtet Lehrkräfte dazu, die eigene Urteilsbildung der Lernenden zu stärken.
- Zweitens fordert das Kontroversitätsgebot, dass Themen, die in Wissenschaft und Politik umstritten sind, auch im Unterricht als solche dargestellt werden.
- Drittens soll der Unterricht an den Lernenden orientiert werden, damit sie politische Situationen sowie ihre eigenen politischen Anliegen verstehen und beurteilen können.
Der Sammelband setzt drei Schwerpunkte: Er beleuchtet zunächst den Beutelsbacher Konsens genauer. Da kontroverse Fragen auch in anderen Fächern auftreten, untersucht er außerdem, wie weit sich diese Prinzipien auf weitere Unterrichtsfächer übertragen lassen. Schließlich widmet sich der Band der Frage, wie Kontroversität im sozialen Gefüge Schule gestaltet werden kann.
Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?
Die Forschungsgruppe der Tübingen School of Education an der Universität Tübingen, die sich mit normativen Fragen der Lehrerbildung befasst, hat 2024 gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg ein Fachgespräch zum Thema Herausforderung Kontroversität in Schule und Hochschule veranstaltet.
Die Diskussionen mit den Referent*innen und Teilnehmenden waren so anregend, dass wir die wesentlichen Perspektiven auf Kontroversität im Bildungsbereich gern in einem Band veröffentlichen wollten. Besonders gefreut hat uns, dass sich viele der Referent*innen, aber auch weitere Autor*innen, bereit erklärt haben, zu diesem Buch beizutragen.
Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten des Beutelsbacher Konsenses bei der Umsetzung in der heutigen Schulpraxis?
Es gibt mehrere Schwierigkeiten in der Interpretation des Beutelsbacher Konsenses – und damit auch in seiner praktischen Umsetzung.
Zunächst begegnen uns immer wieder Missverständnisse, auch in der Hochschullehre. So wird etwa das sogenannte „Überwältigungsverbot“ häufig als „Neutralitätsgebot“ verstanden, verbunden mit der Vorstellung, Lehrkräfte sollten immer „neutral“ sein.
Das war und ist damit jedoch sicher nicht gemeint. Lehrkräfte können und sollen in vielen Kontexten nicht neutral sein, etwa wenn es darum geht, die Grundwerte unserer liberalen Verfassung zu vermitteln und gegen Angriffe – von welcher Seite auch immer – zu verteidigen.
Eine weitere Schwierigkeit betrifft das Verständnis des sogenannten Kontroversitätsgebots. Dieses wurde ursprünglich für den Politikunterricht entwickelt und fordert, dass alles, was in Politik und Wissenschaft umstritten ist, auch im Unterricht kontrovers behandelt werden soll.
Für manche Fächer und Themen ist diese Forderung jedoch nicht angemessen – etwa dann, wenn behauptet wird, den Klimawandel gebe es gar nicht. In solchen Fällen geht es um wissenschaftliche beziehungsweise epistemische Einsichten und Begründungen. Hier muss genauer geklärt werden, welche Kontroversen im Unterricht tatsächlich als offen behandelt werden können und welche nicht.
Welche konkreten didaktischen oder ethischen Orientierungspunkte helfen Lehrkräften aus Ihrer Sicht am besten, einen konstruktiven Diskurs im Klassenzimmer aufrechtzuerhalten?
Hier ließen sich viele Punkte nennen. Neben grundlegenden Punkten – etwa, alle Beteiligten respektvoll zu behandeln und sie als mündige Subjekte ernst zu nehmen – legen wir besonderen Wert auf eine rationale und diskursiv nachvollziehbare Form der Auseinandersetzung.
Dazu gehört, deutlich zu machen, dass es in Kontroversen nicht nur um den Austausch von Meinungen geht. Für Lernende sollte erkennbar werden, dass es Fakten gibt, die nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung nicht beliebig in Frage gestellt werden können, und dass es ebenso moralische Aussagen gibt, deren Geltung überzeugend und nachvollziehbar begründet werden kann.
Damit sollen Emotionen, subjektive Gefühle und Intuitionen keineswegs entwertet oder als irrelevant für moralische oder andere Debatten abgetan werden. Diskurse im Unterricht können und sollten jedoch so gestaltet sein, dass Fragestellungen und Konflikte gemeinsam mit den Lernenden rational und intersubjektiv nachvollziehbar erschlossen werden. Auf dieser Basis wird dann eine fundierte faktische oder ethische Auseinandersetzung über Gründe und mögliche Gegenargumente möglich.
Kann kein minimaler Konsens über die Sinnhaftigkeit einer solchen Auseinandersetzung erzielt werden, muss eine Kontroverse gegebenenfalls abgebrochen werden – und damit auch der konstruktive Diskurs. Lehrkräfte nennen in diesem Zusammenhang etwa die „strittige“ Behauptung, die Erde sei eine Scheibe.
Darum sind wir Autor*innen bei Budrich
Für einen Sammelband zur Suche nach einem richtigen Umgang mit Streit und Kontroverse im Kontext von Bildungsinstitutionen ist Budrich mit seinem starken Fokus auf Bildung und Erziehung sowie seiner kritisch-interdisziplinären Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen der perfekte Ort.
Dr. Simon Meisch arbeitet in der Forschungsgruppe Ethik und Bildung des Ethikzentrum der Universität Tübingen und koordiniert dort die interdisziplinäre Ethiklehre. Er hat Politikwissenschaft und Neuere Deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Edinburgh studiert und in Politikwissenschaft promoviert. Nach seinem Studium war er am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, am Institute for Advanced Sustainability Studies (Potsdam) und am Centre for the Study of the Sciences and the Humanities (SVT, Universität Bergen, Norwegen) zu wissenschaftsethischen und -theoretischen Themen tätig. Er ist Guest Researcher am SVT (Bergen).

Dr. Uta Müller arbeitet in der Forschungsgruppe Ethik und Bildung des Ethikzentrums der Universität Tübingen und ist in Lehre und Forschung in der interdisziplinäre Ethiklehre tätig. Sie studierte Philosophie und Politische Wissenschaften an den Universitäten Heidelberg und München. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in verschiedenen Bereichen anwendungsbezogener Ethik sowie in aktuellen Fragen der Ethikvermittlung in Bildungskontexten. Vor ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am IZEW war sie mehrere Jahre als Redakteurin und Übersetzerin für verschiedene Verlage tätig.

Simon Meisch, Uta Müller (Hrsg.):
