In Debatten um Wohlstand, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften, spielt Ethik oft nur eine untergeordnete Rolle. Aber Fragen des Wohlstands werfen immer auch ethische Fragen auf. Was heißt es, Wohlstand als ethische Fragestellung zu begreifen?
In seinem neuen Buch Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit. Ethische Perspektiven auf Wirtschaft und Gesellschaft stellt Sozialökonom Sebastian Thieme die ethische Dimension des Begriffs in Kontexten wie Wachstum und Ungleichheit heraus und gibt einen Überblick darüber, welche Werte und Ethik-Konzepte Orientierung bieten. Eine Leseprobe.
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Erste Annäherung: Wohlstand und Ethik
Der Begriff „Wohlstand“ ist fester Bestandteil tagtäglicher Debatten in den Medien, der Politik und in der Forschung. Für gewöhnlich geht es dann darum, dass Wohlstand gesichert, gesteigert oder vermehrt werden müsse, er zu erhalten oder nicht anstrengungslos zu haben sei, Chancen für mehr Wohlstand zu ergreifen sind oder aber Wohlstand in Gefahr zu sein scheint. Zugespitzt formuliert spiegeln sich dann die Weltfragen unserer Zeit (z. B. zu Klima, Krieg und Frieden, Ungleichheit und Bildung) als Wohlstandsfragen oder lassen sich als solche darstellen. Damit sind auf verschiedenen Ebenen ethische Fragen verbunden wie etwa zur Gerechtigkeit, die sich um Verteilung (Einkommen, Vermögen), Besteuerung, soziale Gerechtigkeit oder Armut drehen können. Wohlstand steht aber auch im Zusammenhang mit Fragen nach der Verantwortung: etwa im Sinne verantwortlichen Handelns gegenüber dem Wohlstand zukünftiger Generationen oder des Einstehens für Wohlstandsverluste, die auf Klima- und Umweltschäden zurückgehen und mit denen Menschen andernorts konfrontiert sind. Die Liste an solchen unterschiedlichen Frage- und Problemstellungen kann beliebig fortgesetzt werden. Wer sich mit Wohlstand auseinandersetzen möchte, wird also unweigerlich auf ethische Fragen stoßen.
Wohlstand als ethische Fragestellung zu begreifen, das mag im ersten Moment an Gerechtigkeit, Verteilungsfragen oder die Frage nach einem guten Leben denken lassen. Das ist auch nicht grundsätzlich falsch und wird deshalb hier auch noch Thema sein. Doch die ethischen Problemlagen, die sich mit dem Thema „Wohlstand“ verbinden, sind vielschichtig und können deutlich über die eben skizzierten Themenkreise hinausgehen. Damit sind Fragen gemeint, die zum Beispiel das Wertgefüge adressieren, in die das Denken über und die Vorstellung von Wohlstand eingebettet ist (Ideologien und Narrative) oder die die grundlegenden normativen (ethischen) Konflikte in der Vermessung von Wohlstand betreffen. Dabei handelt es sich um Fragestellungen, die dann eher auf einer Meta-Ebene angesiedelt sind.
Um sich dem Wohlstand als ethische Fragestellung zu nähern, kann es hilfreich sein, zunächst daran zu erinnern, dass die Frage Was soll ich tun? seit Immanuel Kant (1724–1804) als Kernfrage ‚der‘ Ethik gilt. Normativität ist nachfolgend in diesem Sinne als der handlungsorientierende – ethische – Charakter zu verstehen, der sich mit dieser Kernfrage der Ethik verbindet. Geht es aber nicht einfach um die blinde Befolgung von handlungsleitenden Normen, sondern um ein Handeln aus Einsicht und vernünftigen Gründen, so erfordert Ethik auch eine Rechtfertigung dafür, warum so oder anders gehandelt werden soll. Ethik steht also nicht nur für Handlungsorientierung, sondern umfasst auch die Rechtfertigung dafür. Nun sind viele Situationen im Alltag und Beruf mit Entscheidungen verbunden, die die Frage „Was soll ich tun?“ aufwerfen und dazu einer Rechtfertigung bedürfen – die somit also einen ethischen Kern besitzen. Das gilt auch für die Forschung, wo auf verschiedenen Ebenen rechtfertigungs- und erklärungsbedürftige Entscheidungen zu treffen sind. Die Arbeit in akademischen Disziplinen, allen voran in ‚der‘ Ökonomik – als Wissenschaft von ‚der‘ Wirtschaft (Ökonomie) –, findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist normativ geprägt.
Normativität kann auf verschiedenen Ebenen einer Argumentation, Theorie oder eines Forschungsdesigns liegen und unterschiedliche Qualitäten aufweisen. Mit den unterschiedlichen Qualitäten ist gemeint, dass es zum Beispiel einen Unterschied darstellt, ob eine bestimmte politische Maßnahme im ethischen Sinne als ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ zu beurteilen sei, oder ob es um die forschungsethisch zu rechtfertigende Entscheidung geht, welche Annahme, Variable, Modellierung usw. in einem Forschungsdesign berücksichtigt werden soll. Letzteres ist deshalb von Bedeutung, weil auch eine wissenschaftlich abgesicherte Einschätzung auf Basis einer Forschungsarbeit durch die Entscheidungen im Forschungsprozess normativ vorstrukturiert wird.
Ein typisches Beispiel dafür bietet der neoklassische Arbeitsmarkt, der von den Annahmen her – wie etwa vollständige Transparenz, Rationalität und Konkurrenz – so konstruiert ist, dass zum Beispiel ein Mindestlohn entweder ökonomisch überflüssig oder negativ wirkt. Die als ‚neutral‘ wirkende ökonomische Empfehlung gegen einen Mindestlohn wird so durch die Annahmen auf tieferen Ebenen des Forschungsprozesses normativ vorstrukturiert. Insofern ist es sinnvoll, von einer Struktur der Normativität und von einer normativen Tiefenstruktur (Annahmen, Setzungen am Anfang des Forschungsprozesses) zu sprechen (siehe Thieme 2017a: 328–331). Was hier als normative Struktur und Tiefenstruktur bezeichnet wird, das charakterisieren andere als eine dem Forschungsprozess vorgelagerte preanalytische Vision:
„Jede Wirtschaftswissenschaftlerin, jeder Wirtschaftswissenschaftler geht mit einem spezifischen Vorverständnis an die wissenschaftliche Analyse heran und trifft dieser eigentlichen Analyse vorgelagerte voranalytische Annahmen. Dieses Vorverständnis prägt sowohl den Gegenstandsbereich als auch die für die eigentliche Forschung entwickelten Fragestellungen.“ (Biesecker & Kesting 2003: 2)
Wohlstand als ethische Fragestellung zu begreifen, das beinhaltet damit letztlich auch die Dekonstruktion der normativen Momente, die auf den verschiedenen Ebenen oder Stufen der Argumentation und Forschung zum Wohlstand liegen können. Es geht dann darum, den unterschiedlichen Gründen, Rechtfertigungen, Wertungen und Wertungskonzepten nachzuspüren, die sich teils weniger offensichtlich mit Fragen des Wohlstands verbinden. Wohlstand als ethische Fragestellung umfasst also ein sehr breites Themenfeld, aus dem nachfolgend ausgewählte Schwerpunkte erörtert werden sollen.
Die Auseinandersetzung mit diesen und anderen normativen Fragen im Wohlstandskontext steht aber vor der erwähnten Herausforderung, dass die ethische Perspektive in den öffentlichen, politischen und auch fachlichen Diskussionen um Wohlstand wenig bis gar keine ernsthafte Aufmerksamkeit erfährt. Die ethischen Aspekte scheinen dort eine allenfalls untergeordnete Rolle zu spielen. Das heißt nicht, dass sich nicht auch einmal eine ethische Kategorie wie ‚Gerechtigkeit‘ oder ‚Verantwortung‘ in die Debatte verirren kann. Doch wenn das der Fall ist, dann wirkt das in der Tendenz doch eher wie eine oberflächliche Bezugnahme, der eine ernsthafte ethische Erörterung nicht unbedingt anzusehen ist. Der Bezug auf eine ethische Kategorie oder die Erwähnung solcher ändern wenig an dem Eindruck, dass Wohlstandsfragen tendenziell eben nicht als ethische Fragen behandelt werden und die damit verbundenen normativen Grundlagen gar kein Thema zu sein scheinen. Mehr noch, oft scheint es, dass die Beteiligten in den Debatten ganz bewusst einen Bogen um ethische Fragestellungen zu schlagen versuchen. Das kann sich darin äußern, dass eigentlich ethisch zu erwägenden Fragen in eine Abwägung von Kennzahlen transformiert werden: Die ethische Erörterung wird dann ersetzt durch eine Diskussion von Kennzahlen und Regeln.1
Diese Fixierung auf Kennzahlen und Regeln schafft eine Distanz zum eigentlichen ethischen Kern, womit der politische und gesellschaftliche Diskurs an Substanz verliert, wenn diese nicht sogar völlig aus dem Blick gerät. Unter diesem Vorzeichen wird die Beschäftigung mit Wohlstand keine oder lediglich unzureichende Antworten auf Wohlstandsfragen liefern.
Hinzu kommt die Situation ‚der‘ Ökonomik: Zwar wird dort der Begriff „Wohlstand“ häufig gebraucht, doch es gibt in ‚der‘ Ökonomik bekanntlich kein Interesse an der Beschäftigung mit den ethischen Fragen des Wirtschaftens und damit auch denen des Wohlstands. Teils ist es aber nicht einfach nur mangelndes Interesse, das von an der Beschäftigung mit ethischen Fragen in ‚der‘ Ökonomik abhält. Nein, ethische Expertise wird dort mitunter sogar als ‚unwissenschaftlich‘ angesehen, abgewertet und ausgegrenzt. Die belgisch-niederländische Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin Ingrid Robeyns (2024: 75–76) betont jedenfalls, dass Fachleute der Ökonomik die Fragen der Gerechtigkeit und Verteilung als „ärgerliche Ablenkung“ verstehen. Die damit verbundene Ignoranz gegenüber ethischen Fragen wird auch in der jüngeren Debatte um die Pluralisierung ‚der‘ Ökonomik kritisch aufgegriffen (z. B. Piétron, Porak & Thieme 2022) und ist Gegenstand von vielen kritischen Beiträgen aus dem Bereich Wirtschaftsethik (z. B. prominent Ulrich 2008, 2024).2
Dieser Zustand ‚der‘ Ökonomik ist deshalb von gesellschaftlicher Relevanz, weil ‚der‘ Ökonomik die Bedeutung einer gesellschaftlichen Leitdisziplin beigemessen wird: Das dort vorherrschende Denken über ‚Wirtschaft‘ und ‚Wohlstand‘ prägt auch, wie in anderen akademischen Disziplinen, in ‚den‘ Medien und ‚der‘ Politik über ‚Wirtschaft‘ und ‚Wohlstand‘ gedacht wird. Damit besteht die Gefahr, die ohnehin schon geringe Aufmerksamkeit gegenüber der ethischen Perspektive auf den Wohlstand auch noch zu verstärken.
Die dadurch bedingte Leerstelle soll mit der vorliegenden Publikation aufgegriffen werden. Im Kern geht es darum,
- für grundlegende ethische Aspekte und Konflikte in der Auseinandersetzung von Wohlstand zu sensibilisieren
- zu skizzieren, welche ethischen Referenzpunkte und Orientierungspunkte dazu herangezogen werden können, und
- eine Vorstellung zu vermitteln, wie eine ethische Beschäftigung mit Fragen des Wohlstands aussehen kann.
Um erfahrbar werden zu lassen, wie breit das Feld ethischer Fragen zum Wohlstand ist, wird Wohlstand nachfolgend in ausgewählte Kontexte gestellt. Die ersten drei Kontexte adressieren eine theoretische und methologische Ebene und drehen sich um die Klärung normativer Grundlagen: Dort geht es zunächst um den Umgang mit unterschiedlichen Vorstellungen von Wohlstand (Kapitel 1), seine Vermessung (Kapitel 2) sowie die Bedeutung von Ideologien und Narrativen (Kapitel 3). In den darauf folgenden Schwerpunkten wird Wohlstand in den Kontext aktueller Debatten gestellt, die eine gewisse Popularität besitzen: nämlich Wohlstand im Kontext von Wachstum (Kapitel 4), im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Existenzsicherung (Kapitel 5) und im Kontext der Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen (Kapitel 6). Die jeweiligen Kapitel können separat gelesen werden. Aber um Wiederholungen zu vermeiden, finden sich vereinzelt Verweise auf Abschnitte, in denen bestimmte Sachverhalte ausführlicher erörtert werden. Das Buch endet mit einem kleinen Ausblick auf die unterschiedlichen Konzepte, die in besonderer Weise einen Beitrag zu einem ethisch aufgeklärten Umgang mit Wohlstand leisten können.
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1 Das ist prominent am Beispiel der Debatte um den deutschen Mindestlohn abzulesen, die schwerpunktmäßig um die konkrete, betragsmäßige Höhe des deutschen Mindestlohns kreist, während der eigentliche Sinn und Zweck (Existenzsicherung) allenfalls vom Hintergrund aus winkt. Das Thema „Mindestlohn“ wird später noch einmal aufgegriffen (Abschnitt 5.4).
2 Der Hinweis auf die jüngere Debatte soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um eine sehr alte Auseinandersetzung handelt, die als Werturteilsstreit bekannt ist. Zur ideengeschichtlichen Vertiefung und zur Einordnung des Werturteilsstreits in der deutschen Volkswirtschaftslehre siehe die ausführliche Darstellung bei Glaeser (2014).
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Sebastian Thieme:
