Den Beutelsbacher Konsens richtig interpretieren und praktisch umsetzen – das ist eine Herausforderung für Lehrende. Der Umgang mit kontroversen Themen zeigt: Richtig Streiten will gelernt sein.
Mit den Beiträgen in ihrem Band Streiten – aber richtig! Zum Umgang mit Kontroversen in Schule und Unterricht zeigen die Herausgeber*innen Simon Meisch und Uta Müller, welche (fach-)didaktischen und ethischen Bezugspunkte den Umgang mit kontroversen Themen im Unterricht erleichtern können. Eine Leseprobe.
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Streiten – aber richtig! Zum Umgang mit Kontroversen in Schule und Unterricht
Eine Einführung in den Sammelband
Simon Meisch
1 Einige Vorüberlegungen
1.1. Streit als notwendiger Bestandteil pluralistischer Gesellschaften
Der Titel dieses Sammelbandes ist bewusst ambivalent gewählt. Er fordert fast dazu auf, sich einmal richtig – also tüchtig – zu streiten, jedoch auf die richtige Art und Weise. Darüber hinaus legt er nahe, dass Kontroversen nicht nur einen korrekt geführten Streit erfordern, sondern auch, dass die Einsicht in den Wert und die Praxis des richtigen Streitens lehr- und lernbar sind – und damit Gegenstand von Bildungsprozessen sowie Aufgabe von Bildungsinstitutionen. Diese Einleitung hat nun die Aufgabe, auszuführen, wie der vorliegende Sammelband die im Titel angelegten Annahmen plausibilisiert.1
Streit ist in pluralistischen Gesellschaften so unvermeidlich wie notwendig (vgl. Kumkar 2025a). Wo unterschiedliche Perspektiven, Interessen und Werte aufeinandertreffen, entstehen Reibungen und Widerspruch.2 Das ist kein Defizit, sondern der erwünschte Ausdruck lebendiger Demokratien (vgl. Birckenbach 2023; Drerup 2021). Es ist richtig und wichtig, dass wir – in Respekt vor der Person der anderen – streitend unsere Meinungen begründet auf den Punkt bringen, und dies wird kontrovers und vielleicht auch laut sein, wie uns Michael Sandel (2013: 45) erinnert:
Wenn moralische Reflexion politisch wird und fragt, welche Gesetze unser kollektives Leben lenken sollten, muss sie sich ein Stück weit auf das Marktgeschrei einlassen – auf die Streitfragen und Skandale, die die Öffentlichkeit in Atem halten. […] Sie veranlassen uns, unsere moralischen und politischen Überzeugungen zu artikulieren und zu rechtfertigen – nicht nur unter Familienmitgliedern und Freunden, sondern auch in der öffentlichen Arena unter den kritischen Blicken unserer Mitbürger.
In solchen Auseinandersetzungen streben wir danach, unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir unsere gegenwärtigen und künftigen Gesellschaften gestalten wollen, in einen begründeten Ausgleich zu bringen. Je mehr unsere Grundüberzeugungen betroffen sind, desto engagierter werden wir uns voraussichtlich streiten.
1.2. Ambivalente Bedeutungen des Streitens
Eine derart positive Perspektive aufs Streiten beißt sich mit verbreiteten Vorstellungen eines harmonischen Zusammenlebens. Allerdings lässt sich vermuten, dass sie der Komplexität menschlicher Gesellschaften, zumal der modernen, kaum entsprechen. Mit feiner Ironie verknüpft bereits Immanuel Kant die Idee des ewigen Friedens mit dem Bild eines Friedhofs –, um dann in seinem gleichnamigen philosophischen Entwurf den Gedanken zu entwickeln, dass „[der] Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, […] kein Naturzustand [ist…] Er muß also gestiftet werden“ (Kant 1984 [1781]: 10). Wir müssen an einer bestimmten Kultur des Streitens aktiv arbeiten und die dafür passenden sozialen Strukturen finden.
Diesen Gedanken greift Dieter Senghaas in seiner Schrift Zum irdischen Frieden (2004) auf,3 wenn er aus einer historischen Perspektive argumentiert, dass
[…] die Sachverhalte, die in emanzipierten Massengesellschaften Fundamentalpolitisierung kennzeichnen, wie beispielsweise der Absolutheitsanspruch, die Fixierung auf das Partikularinteresse, die Betonung besonderer Identität, der Besitzindividualismus, lobbyistische Antriebe usf. naheliegend, gewissermaßen »natürlich« sind, während demgegenüber Toleranz, Sensibilität für Spielregeln, Mäßigung, Gewaltenteilung, Kompromißbereitschaft, der Sinn für mehr als das eigene Interesse (Empathie) eher »künstlich«, also das Ergebnis von mühsamen kollektiven Lernprozessen sind. (Senghaas 2004: 39, kursiv im Original)
Senghaas geht es dabei um die Zivilisierung von in pluralistischen Gesellschaften unvermeidlichen Konflikten4. Friedliches Zusammenleben, so betont auch Hanne-Margret Birckenbach (2023: 32), ist realistischerweise nur „in seiner Verbindung zum Konflikt zu denken“; von daher sei „[d]emokratische Organisation […] kein Luxus. Sie hat den Zweck, Konflikte innerhalb eines Landes in geregelte Bahnen zu lenken.“5 In diesem Kontext wird deutlich, dass Meinungsverschiedenheiten und Interessenkonflikte weder vermeidbar noch an sich destruktiv sind. Entscheidend ist, wie sie ausgetragen werden. Hier setzt die Frage des richtigen Streitens an – also jener Praktiken, die Kontroversen nicht unterdrücken, sondern ihre Bearbeitung in produktive Bahnen lenken.6
Bevor wir uns mit dem richtigen Streiten befassen, wollen wir kurz innehalten, denn derart wohlmeinende Sichtweisen auf Streit und Kontroverse – wie sie der Titel dieses Sammelbandes andeutet und sie bisher diskutiert wurden – sind voraussetzungsreich und bedürfen einer weiteren Kontextualisierung. Schließlich kennt der Alltagsgebrauch auch negativ konnotierte Verständnisse. So verzeichnet Grimms Deutsches Wörterbuch unter dem Eintrag zu streiten: „sich erbost auseinandersetzen; in zwietracht oder feindschaft begriffen sein“ sowie „zanken, hadern, aneinandergeraten; meist im sinne des heftigen wortwechsels, seltener der tätlichen auseinandersetzung“ (Deutsches Wörterbuch 2025). Hier erscheint Streit als problematisch, da er nicht nur in verbale Schlagabtäusche mündet, sondern ebenso in handgreifliche Auseinandersetzungen und Feindschaften übergehen kann. Jedenfalls stört er die Eintracht. Für die Lehrpraxis ist diese Beobachtung einschlägig. Beispielsweise zeigt Thomas Waldvogel (2023) in einem Beitrag mit dem sprechenden Titel „Mit Zank und Streit kommt man (nicht) weit“, dass Schüler*innen intuitiv keine positive Wahrnehmung von Streiten haben.
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1 Diese Einleitung verzichtet allerdings darauf, eine Systematik zum Zusammenhang von Streit, Streiten und Kontroverse auszuarbeiten. Die Beiträge dieses Sammelbands geben unterschiedliche Antworten. Ein kleiner historischer Einblick ist aber ganz interessant: In Grimms Wörterbuch findet sich unter dem Eintrag zu streiten eine für diesen Band relevante Erklärung: „im sinne einer gelehrten kontroverse“ (Deutsches Wörterbuch 2025). Der Duden führt heute unter kontrovers die Bedeutungen „(einander) entgegengesetzt“, „strittig“ und „umstritten“ (Dudenredaktion o. J. a). Unter Kontroverse sind „Meinungsverschiedenheit“ und „Auseinandersetzung (um eine Sachfrage)“ verzeichnet (Dudenredaktion o. J. b). Historisch scheint der Begriff der Kontroverse enger verstanden worden zu sein. Bis ins frühe 20. Jahrhundert bezeichnete er vornehmlich eine Streitfrage in juristischen oder theologischen Zusammenhängen, wie etwa Meyers Konversationslexikon (1905–1909) vermerkt. Zugleich verweist das Lexikon auf den lateinischen Ursprung (controversia) sowie den Gebrauch in den römischen Rhetorenschulen. Kontroversen scheinen sich in diesem Sinne von anderen Formen des Streits insofern zu unterscheiden, als sie eine epistemische Dimension besitzen, d.h., zu einem epistemischen Gut stehen unterschiedliche Überzeugungen einander gegenüber und eine Verhältnisklärung erscheint unausweichlich.
2 Mit dieser Aussage ist die Überzeugung verbunden, dass es möglich ist, sich überhaupt über moralische Sachverhalte zu streiten. Uta Müller diskutiert in ihrem Beitrag, dass der ethische Relativismus solche Auseinandersetzungen scheinbar auflösen kann.
3 Der Beitrag von Julia Hagen nimmt den Beitrag der Friedenspädagogik zum Umgang mit Kontroversen in den Blick und vertieft einige der hier angerissenen Überlegungen.
4 Salwa Achahboun und Marcel Vondermaßen diskutieren in ihrem Beitrag den Unterschied zwischen Konflikt und Kontroverse.
5 Konstantin Broese und Botho Priebe entwickeln in ihrem Beitrag Kriterien, um das soziale System Schule demokratischer zu gestalten.
6 Von daher überrascht es wenig, dass das Einüben in den Umgang mit Kontroversität gerade in der politischen Bildung eine lange Tradition hat, die es auch als ihre Aufgabe gesehen hat, zur Demokratisierung von Gesellschaften beizutragen, vgl. hierzu in diesem Sammelband die Beiträge von Anja Meitner und Claudia Möller, Julia Hagen sowie Konstantin Broese und Botho Priebe.
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