Lernen ist kein neutraler Informationstransfer, sondern ein Eingriff in soziale Prozesse. In ihrem Gastbeitrag stellt Annette Vanagas ihr neues Lehrbuch Lernen als soziale Praxis – Interaktion, Kommunikation und Intervention. Ein Lehrbuch für Lehramt, Erziehungswissenschaft und soziale Berufe vor. Sie blickt auf die soziale Wirklichkeit und analysiert, wie durch Kommunikation Machtverhältnisse zementiert oder aufgebrochen werden können und welche Rolle pädagogisches Handeln zwischen Reflexion, Empowerment und Anti-Bias-Ansätzen einnimmt.
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Manche flüstern, andere sprechen, wir befinden uns in einem Seminarraum, erleben eine Diskussion mit – eine Alltagszene für Studierende und Dozierende und doch ein ganz besonderer Raum, weil auch hier soziale Wirklichkeit entsteht, im Zusammenspiel mit anderen.
Viele sind sich sicher, die Wirklichkeit entsteht, indem wir uns Fakten aneignen, indem wir sozialisiert werden, wie wir die Welt zu verstehen haben. Doch all das erklärt nicht, warum wir die Welt ganz oft anders verstehen als unser Gegenüber, oder warum Menschen andere Menschen diskriminieren, obwohl sie in ihrer Sozialisation gelernt haben, dass dies sozial nicht erwünscht ist.
Vermitteln und Einprägen ist noch nicht Lernen, denn Lernen ist ein sozialer Prozess, geprägt von Kommunikation, Machtverhältnissen, Erfahrungen und gesellschaftlichen Strukturen, der in einen individuellen Prozess übergeht, bei dem das Selbst affiziert und transformiert, es zu einem anderen Selbst als zuvor wird.
Wie entsteht dieser soziale wie individuelle Lernprozess, der darüber entscheidet, was als wirklich, was als richtig verstanden wird? Wieso gibt es immer mehr Wirklichkeiten und Deutungen, was als richtig gilt? Und warum entstehen entlang dieser unterschiedlichen Wirklichkeiten und Ausdeutungen Konflikte, Feindschaften, Machtverhältnisse und Diskriminierungspraxen? Diese Fragen stehen im Zentrum des Lehrbuchs „Lernen als soziale Praxis – Interaktion, Kommunikation und Intervention“.
Wie entsteht soziale Wirklichkeit?
Jeder Mensch bewegt sich in einer eigenen Lebenswelt – geprägt durch individuelle Erfahrungen, Deutungen und Routinen. Diese Lebenswelt erscheint uns meist selbstverständlich: Wir wissen, wie „die Dinge laufen“, was „normal“ ist und wie wir Situationen einordnen.
Doch diese Selbstverständlichkeiten sind nicht naturgegeben. Sie entstehen sozial – durch gemeinsame Erfahrungen, durch Sprache, durch kulturelle Muster. Das bedeutet: Lernen heißt auch immer, diese Deutungsmuster zu übernehmen, aber auch sie zu hinterfragen oder zu verändern.
Wenn wir also lernen, verändern wir nicht nur unser Wissen – wir verändern unseren Blick auf die Welt, auf unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Wirklichkeit und muss als veränderlich und wandelbar verstanden werden, weshalb sie fortlaufend hergestellt werden muss.
Welche Rolle spielt Kommunikation dabei?
Kommunikation ist, anders als oft angenommen, kein bloßer Informationsaustausch, denn Kommunikation nimmt eine zentrale Rolle in der sozialen Herstellung der Wirklichkeit ein. In der einleitenden Seminardiskussion, aber auch in den Medien, in öffentlichen Debatten, am Familientisch, überall wo über die Welt und das Leben gesprochen wird, da wird implizit mitgeregelt, wer über welche Themen sprechen darf, wer eine besondere Rolle im Diskurs innehat, welches Wissen als relevant und welches als randständig gilt. Bestimmte Begriffe setzen sich durch, andere verschwinden. Manche Perspektiven werden sichtbar, andere bleiben marginalisiert. Begriffe wie „Diskurs“, „epistemische Gewalt“ oder „Anerkennung“ machen deutlich: Sprache kann Wirklichkeit herstellen – und gleichzeitig Menschen ausschließen.
Die Frage verschiebt sich damit leicht: Nicht nur „wie“ Wirklichkeit entsteht, sondern auch „wessen“ Wirklichkeit sich durchsetzt. Lernen bedeutet deshalb auch, sensibel zu werden für diese Prozesse. Wer spricht? Wem wird Gehör geschenkt? Und wem nicht?
Warum das für gesellschaftliche Konflikte besonders relevant ist
Diese Erweiterung wird besonders deutlich, wenn aktuelle soziale Phänomene und gesellschaftliche Konflikte betrachtet werden, so zum Beispiel gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten, Desinformationen, der Vorwurf der Cancel Culture, Hate Speech und Polarisierungstendenzen.
Solche Phänomene werden oft als Störungen wahrgenommen. Das Lehrbuch legt jedoch nahe, sie als Teil sozialer Ordnungen zu begreifen. Sie entstehen aus divergierenden Deutungsmustern, aus sozialen Ungleichheiten, aber auch durch konfligierende Kommunikationsweisen.
Was heißt das für pädagogisches Handeln?
Das Lehrbuch schlägt jedoch keine resignative Perspektive vor. Im Gegenteil: Gerade weil Wirklichkeit sozial hergestellt ist, eröffnet sich ein Handlungsspielraum. Reflexion, Kritik und bewusste Kommunikation können bestehende Muster verschieben. Lernen wird so zu einer Form von Teilhabe.
Wenn soziale Wirklichkeit gemacht ist, dann kann sie auch verändert werden. Genau hier setzt der dritte Teil des Buches an, indem hier Präventions- und Interventionsmöglichkeiten betrachtet werden. Pädagogisches Handeln erscheint hier nicht als neutrale Wissensvermittlung, sondern als Eingriff in soziale Prozesse. Begriffe wie Anerkennung, Ambiguitätstoleranz, diskriminierungssensible Kommunikation, Empowerment und der Anti-Bias-Ansatz markieren dabei mögliche Orientierungspunkte.
Die Leitfrage verschiebt sich hier erneut: Nicht nur „Wie entsteht soziale Wirklichkeit?“ und „Wer stellt Wirklichkeit im Besonderen her“, sondern auch „Wie wollen wir Wirklichkeit gemeinsam gestalten?“
Soziale Wirklichkeit verstehen: ein Lehrbuch – und ein Arbeitsraum
Der Leitgedanke spiegelt sich in der Anlage des Buches selbst. Es beschränkt sich nicht auf die reine Darstellung von Inhalten, sondern stellt Materialien bereit, die zur Selbstreflexion und Gesellschaftskritik anregen. Im Web Book finden sich knapp 850 zusätzliche Seiten: Darunter Zusatzkapitel, welche Grundlagenwissen auffrischen und zuspitzen; Vertiefungen zu einzelnen Themenbereichen, die ebenfalls Reflexionsfragen beinhalten; Übungsblätter, welche die Selbstreflexion anregen und die Theorie mit eigenen Erfahrungen verknüpfen; aber auch Diskussionspapiere für Seminare und Lerngruppen, welche kontroverse gesellschaftliche Fragen anhand unterschiedlicher Perspektiven aufbereiten.
Das Lehrbuch versteht Lernen damit ausdrücklich als Praxis – als etwas, das im Tun, im Diskutieren und im Reflektieren entsteht.
Warum ein Lehrbuch wie dieses – gerade jetzt?
Die Kernidee des Lehrbuchs ist keine rein theoretische, sie gewinnt an Dringlichkeit in einer Zeit, in der sich öffentliche Debatten spürbar verändern.
Grenzverschiebungen des Sagbaren, zunehmende Polarisierungsversuche und die Normalisierung abwertender oder menschenfeindlicher Positionen stellen nicht nur politische, sondern auch pädagogische Herausforderungen dar. Begriffe werden umkämpft, Perspektiven gegeneinander ausgespielt, Komplexität wird reduziert.
Vor diesem Hintergrund versteht sich das Lehrbuch ausdrücklich als Beitrag zur demokratischen Bildung. Es geht nicht darum, fertige Antworten zu liefern, sondern darum, die Voraussetzungen für reflektierte Urteilsbildung zu stärken.
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Über das Buch
Soziale Interaktion und Kommunikation sind Grundbestandteile unseres Zusammenlebens. Sie sind geprägt von sozialen Ordnungen, Ungleichheiten und Ausgrenzung – doch wie entstehen diese? Dieses Lehrbuch gibt eine fundierte Einführung in zentrale Theorien und gesellschaftliche Herausforderungen. Es behandelt die Konstruktion sozialer Wirklichkeit, die Dynamik von Diskriminierung und Polarisierung sowie Strategien der Prävention und Intervention. Durch Reflexionsfragen, Praxisbeispiele und didaktische Methoden wird das theoretische Wissen in die Praxis überführt und die Lehre unterstützt. Fundiert, anschaulich und praxisnah – dieses Lehrbuch ist der ideale Begleiter für Seminare, Prüfungsvorbereitung und den Einstieg in die pädagogische Praxis.
… finden Sie auf unserem Blog unter „Gastbeitrag“.

Annette Vanagas: