Peers als Wegbereiter? Zur politischen Orientierung junger Menschen

Interview Grunert Peers als Arenen politischer Sozialisation

Wie entsteht die politische Orientierung junger Menschen? Und welche Rolle spielen Peers dabei?

Peers als Arenen politischer Sozialisation. Rekonstruktive Analysen zu politischen Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen von Cathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger, Katja Ludwig, Kilian Hüfner und Marco Schott (Hrsg.) analysiert Gruppenkontexte von Parteijugenden, sozialen Bewegungen und Vereinen bis hin zu informellen, jugendkulturellen Zusammenschlüssen. Wir haben mit den Herausgeber*innen über die zugrundeliegende Studie und die zentralen Erkenntnisse gesprochen.

 

Interview zu „Peers als Arenen politischer Sozialisation“

 

Liebe Herausgeber*innen, worum geht es in Peers als Arenen politischer Sozialisation?

Unsere Publikation Peers als Arenen politischer Sozialisation zeigt, wie Jugendliche und junge Erwachsene aktuell über Politik denken, sprechen und streiten – und welche Rolle dabei gruppenförmige Zusammenschlüsse, von Parteien oder Vereinen bis hin zu Freundeskreisen, Cliquen und Szenen spielen. Uns interessiert der Alltag von Jugendlichen und wie darin vor dem Hintergrund aktueller Konflikte und Krisenerfahrungen Politisches zum Ausdruck kommt und relevant wird.

Grundlage ist eine qualitative Studie, in der wir unter Rückgriff auf praxistheoretische Perspektiven in der Jugendforschung danach fragen, wie sich politische Orientierungen in unterschiedlichen Gruppenkontexten und Praktiken junger Menschen zeigen. Dies tun wir ausgehend von einem bewusst breit gefassten Politikverständnis, denn politische Sozialisation findet nicht nur dort statt, wo „Politik“ ausdrücklich draufsteht, sondern in alltäglichen Praktiken, in denen politische Orientierungen entstehen, stabilisiert oder auch irritiert werden.

Zu Beginn gehen wir der Frage nach, was Jugendliche selbst eigentlich unter „Politik“ verstehen. Die anschließenden Beiträge eröffnen dann Einblicke in unterschiedliche soziale Welten: von Parteijugenden mit divergierenden Weltanschauungen über rechtsnationale Gruppierungen mit ihren ideologischen Bindungen bis hin zu Klima- und Protestbewegungen, in denen auch Erfahrungen von Scheitern, Frustration und Durchhaltewillen verhandelt werden. Ebenso nehmen wir Migrant:innenorganisationen sowie informelle, jugendkulturell geprägte Gruppen in den Blick.

Ergänzt werden diese Fallstudien durch weitere Analysen zentraler Gegenwartsfragen:

  • Welche Rolle spielen soziale Medien für die politische Sozialisation?
  • Wie gehen Peergroups mit unterschiedlichen politischen Positionierungen in der Gruppe um?
  • Und welche Bedeutung haben Affekte und Emotionen, wenn politische Themen im Freundeskreis oder in Szenen ausgehandelt werden?

 

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Studie zu diesem Thema durchzuführen? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Die Idee zu der Studie ist nicht aus einem singulären Ereignis heraus entstanden, sondern aus der langjährigen gemeinsamen Beschäftigung mit Jugend, Sozialisation und gesellschaftlichem Wandel. Heinz-Hermann Krüger und Cathleen Grunert, zwei der Mitherausgeber:innen und Projektleiter:innen, forschen seit vielen Jahren zu Jugend, Bildung und jugendkulturellen Praktiken. Gemeinsam mit Katja Ludwig, der dritten Projektleitung, haben sie ihre Perspektiven früh gebündelt und bereits vor einigen Jahren einen Antrag bei der DFG erfolgreich eingereicht.

Was dabei den Ausschlag gab, war eine Beobachtung, die sich in vielen Debatten verdichtete: Politische Konflikte, Polarisierungen und Krisenerfahrungen gehören für Jugendliche immer mehr zum Alltag. Zugleich zeigte sich in der Forschung, dass wir noch vergleichsweise wenig darüber wissen, wie politische Orientierungen im Nahraum entstehen, also im Zusammenspiel zentraler Sozialisationsräume des Jugendalters, wie Familie, Peers und individueller biographischer Erfahrungen.

Genau hier setzt das DFG-Forschungsprojekt Politische Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Spannungsfeld von Familie und Peers an. Der jetzt vorliegende Band ist gewissermaßen der erste große Teil dieses Forschungsprojekts und richtet den Fokus auf die Peergroups. Perspektivisch werden wir uns in weiteren Publikationen stärker biographischen Verläufen sowie familialen Praktiken und Deutungen widmen. Entsprechend breit ist auch unser empirisches Design angelegt: Neben Gruppendiskussionen mit Gleichaltrigen haben wir biographische Einzelinterviews geführt und Gruppendiskussionen im Familienkontext erhoben.

So entstand Schritt für Schritt ein Projekt, das politische Sozialisation nicht nur in einzelnen Milieus oder Arenen untersucht, sondern in ihrem Zusammenspiel.

 

Wie ist Ihre Studie methodisch aufgebaut?

Uns war ein weiter Begriff von Politik wichtig, der sich nicht nur auf institutionalisierte Formen von Politik oder diejenigen Jugendlichen bzw. ihre Ausdrucksformen begrenzt, die auf den ersten Blick als politisch gelesen werden.

Unser Ausgangspunkt waren vor diesem Hintergrund auch ganz unterschiedliche Peergroups. Die Gruppen wurden gezielt so ausgewählt, dass sie sich sowohl im Grad ihrer Organisation – von lockeren Freundeskreisen bis hin zu parteipolitischen Zusammenschlüssen – als auch in ihren gesellschaftlich-politischen Bezugnahmen unterscheiden. Gleichzeitig haben wir auf eine möglichst große Bandbreite sozialer Lagen, Altersgruppen, Geschlechterkonstellationen und regionaler Kontexte geachtet.

Unsere Studie ist dabei qualitativ angelegt und kombiniert unterschiedliche Erhebungsverfahren wie Gruppendiskussionen und biografische Interviews, um politische Orientierungen möglichst nah an den eigenen Praxen der Jugendlichen rekonstruieren zu können.

Ausgehend von 25 Gruppendiskussionen mit Gruppen Jugendlicher und junger Erwachsener in städtischen und ländlichen Regionen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Nordrhein-Westfalen haben wir 15 zentrale Fälle ausgewählt, die in diesem Band vertieft dargestellt werden. Diese reichen von jugendkulturellen Szenen über aktivistische Gruppen bis hin zu Parteijugenden oder Vereinen wie Jugendfeuerwehr oder Pfadfinder:innen. Gerade diese Kontraste ermöglichen es, politische Orientierungen sowohl in explizit politischen Kontexten als auch in vermeintlich „unpolitischen“ Settings sichtbar zu machen.

In den Gruppendiskussionen arbeiteten wir mit offenen Erzählanreizen und thematisch strukturierten Gesprächsphasen. Ergänzt wurde dies durch einen fotobasierten Zugang: Die Gruppen wählten aus Bildkarten zu aktuellen gesellschaftlichen Themen diejenigen aus, die sie für relevant hielten, ordneten sie oder brachten eigene Themen ein. Diese Kombination machte politische Aushandlungsprozesse, Konsensbildungen und Konflikte direkt in der Interaktion, im Vollzug beobachtbar. Hier zeigt sich, wie in den Gruppen kollektiv bindende Entscheidungen hergestellt werden und damit – systemtheoretisch gesprochen – der Kern dessen, was das Politische ausmacht.

Für die Auswertung wurden die Diskussionen vollständig transkribiert und mit der Dokumentarischen Methode analysiert. Dabei interessierte uns nicht nur, was die Jugendlichen sagen, sondern vor allem, wie sie argumentieren, sich zueinander verhalten sowie Bedeutungen aushandeln und gemeinsam herstellen – also jene impliziten kollektiven Orientierungen, die in den Interaktionen zum Ausdruck kommen und die für politische Praktiken und Sozialisation als relevant betrachtet werden können.

Der vorliegende Band konzentriert sich auf die Rekonstruktionen in den Peergroups. Zugleich ist er, wie schon angesprochen, Teil eines größeren Forschungsprojekts: In weiteren Publikationen werden wir biographische Interviews sowie Gruppendiskussionen in Familien in das Zentrum rücken, um genauer zu verstehen, wie individuelle politische Orientierungen und kollektive Deutungen im Zusammenspiel unterschiedlicher Sozialisationsräume entstehen.

 

Welches sind die zentralen Erkenntnisse aus Peers als Arenen politischer Sozialisation?

Das zentrale Ergebnis unserer Studie ist, dass sich vor dem Hintergrund polarisierter oder zumindest fragmentierter gesellschaftspolitischer Konfliktlagen in den sozialen Praxen und Kommunikationsprozessen aller untersuchten Gruppen Bedeutungshorizonte des Politischen finden lassen. Politik und politische Themen werden nicht nur in Parteien oder Bewegungen verhandelt, sondern ebenso in Freundeskreisen, Szenen und Vereinen – oft implizit, in alltäglichen Gesprächen, Bewertungen oder auch Konflikten. Zudem werden in diesen Interaktionen politische Orientierungen affektiv aufgeladen, stabilisiert, oder eben auch irritiert und neu ausgehandelt.

Gleichzeitig macht der Band deutlich, dass gesellschaftliche Polarisierungen zwar in vielen Gruppen präsent sind, sich empirisch jedoch deutlich komplexer darstellen, als binäre Schemata, wie z.B. rechts – links oder politisch – unpolitisch, nahelegen. Milieus, Bildungshintergründe und biographische Erfahrungen überlagern sich, und innerhalb der Gruppen finden sich ambivalente und spannungsreiche Konstellationen.

Weitere zentrale Befunde betreffen die Rolle digitaler Medien sowie soziale Ungleichheiten politischer Teilhabe und den Umgang mit politischen Differenzen. Jugendliche reagieren auf Meinungsverschiedenheiten, verhandeln sie, umgehen sie oder bearbeiten sie humorvoll, um Zugehörigkeit und Zusammenhalt zu sichern und können sich darin je unterschiedlich als politische Subjekte erfahren.

 

Darum sind wir Autor*innen bei Budrich

Wir schätzen an Budrich sehr, dass er ein vergleichsweise kleiner, aber ausgesprochen profilierter sozialwissenschaftlicher Verlag ist, der qualitativ anspruchsvolle Forschung sichtbar macht und zugleich gesellschaftliche Debatten aufgreift. Viele von uns arbeiten schon seit Jahren mit dem Verlag zusammen – entsprechend gewachsen ist auch das Vertrauen in die professionelle und zugleich kollegiale Zusammenarbeit.

Besonders hervorheben möchten wir zudem das große Engagement für Open Access. Dass dieser Band über ein Bibliothekskonsortium frei zugänglich gemacht werden konnte, ist für uns ein wichtiges Signal: Forschung zu Jugend, Politik und gesellschaftlichen Konflikten sollte möglichst breit rezipiert werden können – in Wissenschaft, Bildungspraxis und Öffentlichkeit. Für diese Unterstützung sind wir dem Verlag dankbar.

Nicht zuletzt überzeugt uns die enge Begleitung im Publikationsprozess: von der inhaltlichen Abstimmung über die Produktion bis hin zur Kommunikation des Bandes. Genau diese Kombination aus fachlicher Nähe, Verlässlichkeit und Offenheit macht die Zusammenarbeit so attraktiv und ist aus unserer Sicht ein guter Grund, Budrich auch anderen Autor:innen weiterzuempfehlen.

 

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Cover Grunert u.a., Peers als Arenen politischer SozialisationCathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger, Katja Ludwig, Kilian Hüfner, Marco Schott (Hrsg.):

Peers als Arenen politischer Sozialisation. Rekonstruktive Analysen zu politischen Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

auch im Open Access verfügbar

Leseprobe

 

Die Herausgeber*innen

Krüger, Heinz-Hermann 2026Heinz-Hermann Krüger, Dr. phil., war von 1991 bis 2016 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ist dort seitdem als Senior Research Fellow tätig.

 

 

 

Cathleen Grunert, Dr. phil., war von 2015 bis 2020 Professorin für Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen und ist seit 2020 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Soziokulturelle Bedingungen von Erziehung und Bildung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

 

 

PlatzhalterKatja Ludwig, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Soziokulturelle Bedingungen von Erziehung und Bildung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

 

 

Kilian Hüfner, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Politische Orientierungen von Jugendlichen im Spannungsfeld von Peers und Familien“.

 

 

 

PlatzhalterMarco Schott, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Politische Orientierungen von Jugendlichen im Spannungsfeld von Peers und Familien“.

 

 

 

© Herausgeber*innenfotos: privat | Titelbild gestaltet mit canva.com