Das junge Erwachsenenalter ist eine Phase der Übergänge, Unsicherheiten und Gestaltungsmöglichkeiten. Doch während formale Bildung im Fokus steht, bleibt non-formale Bildung im jungen Erwachsenenalter – in Freiwilligendiensten, politischen Angeboten oder Engagement – oft am Rand. Dabei bietet sie Räume für Reflexion, Erprobung und Selbstpositionierung – jenseits starrer Curricula.
Warum wird sie so häufig unterschätzt? Und wie lässt sie sich bildungspolitisch aufwerten, um Bildungsgerechtigkeit und demokratische Teilhabe zu stärken? Darüber sprechen Birgit Reißig und Sarah Beierle, Herausgeberinnen von Non-formale Bildung im jungen Erwachsenenalter. Formen, Orte und Bedingungen, im Gastbeitrag.
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Das junge Erwachsenenalter als eigenständige Bildungsphase
In der bildungs- und sozialwissenschaftlichen Diskussion hat sich in den letzten Jahren verstärkt die Perspektive durchgesetzt, Entwicklungsverläufe nicht als lineare Abfolge klar abgegrenzter Lebensphasen, sondern als dynamische Übergangsarrangements zu betrachten (Reißig 2019; Stauber et al. 2007). Das junge Erwachsenenalter lässt sich in diesem Sinne als eigenständige Phase mit Verdichtung von Statuspassagen beschreiben: Übergänge in Ausbildung, Studium, Erwerbsarbeit und gegebenenfalls Familiengründung werden auf engem Zeithorizont gebündelt, überlagern sich oder verlaufen iterativ.
Empirisch zeigt sich, dass Bildungs- und Erwerbsverläufe länger, verschachtelter und reversibler geworden sind (Hurrelmann und Quenzel 2016). „Abgeschlossenheit“ im Sinne eines klar markierten Endes von Bildung ist in dieser Phase kaum mehr anzunehmen; vielmehr werden Entscheidungen erprobt, korrigiert und neu justiert. Diese Offenheit geht mit erhöhten Unsicherheiten einher – etwa hinsichtlich beruflicher Etablierung, ökonomischer Absicherung oder Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche –, bietet zugleich aber erhebliche Gestaltungsräume.
Vor diesem Hintergrund bedarf es einer eigenständigen Betrachtung von non-formalen Lernprozessen im jungen Erwachsenenalter, die die spezifische Verschränkung von Bildungs-, Erwerbs- und Biografieanforderungen in dieser Phase berücksichtigt.
Non-formale Bildung: Begriff und Spezifik im jungen Erwachsenenalter
Im Anschluss an etablierte Definitionen wird non‑formale Bildung als organisierte, oft gemeinschaftlich gestaltete Bildungsaktivität verstanden, die außerhalb des staatlich regulierten formalen Curriculars stattfindet, in der Regel auf Freiwilligkeit beruht und nicht unmittelbar auf zertifizierte Abschlüsse zielt, aber klare Lern- und Entwicklungsziele verfolgt (Reißig und Mögling 2022; Maschke und Stecher 2018). Dazu zählen etwa Angebote der politischen Bildung, Freiwilligendienste, (berufs-)biografisch orientierte Projekte, kulturelle und sportpädagogische Formate, Mentoring‑Programme oder internationale Austauschmaßnahmen. Hinzu kommen vielfältige Formen organisierten Engagements – von der kontinuierlichen Mitarbeit im Sportverein oder Jugendverband über Leitungsaufgaben in Gruppen und Gremien bis hin zu ehrenamtlicher Tätigkeit in sozialen, kulturellen oder ökologischen Initiativen.
Für das junge Erwachsenenalter lassen sich mehrere Spezifika herausarbeiten:
- Die Teilnahme ist überwiegend selbstinitiiert und wird von individueller Motivausprägung (z.B. Persönlichkeitsentwicklung, Berufsorientierung, gesellschaftliches Engagement) getragen.
- Aufgrund der simultanen Anforderungen aus Studium, Ausbildung, Erwerbsarbeit und Care‑Verpflichtungen sind zeitliche und räumliche Flexibilität sowie adaptive Formate (z.B. Wochenendmodule, Blended‑Learning‑Arrangements) zentral.
- Non‑formale Bildungsprozesse sind in dieser Phase stark auf die Bearbeitung konkreter Übergangslagen und biografischer Entscheidungsbedarfe bezogen, d.h. Praxis‑ und Anwendungsorientierung haben ein besonderes Gewicht.
- Lernarrangements setzen ein höheres Maß an Selbstorganisation voraus: Junge Erwachsene wählen Angebote, strukturieren ihren Lernprozess und balancieren ihn mit anderen Lebensbereichen aus.
Damit wird non‑formale Bildung im jungen Erwachsenenalter zu einem zentralen Ort der Selbstpositionierung: Sie bietet Gelegenheitsstrukturen, in denen subjektive Orientierungen, Kompetenzen und Zugehörigkeiten jenseits formal institutionalisierter Curricula ausgehandelt werden.
Funktionen non-formaler Bildung in Übergangskonstellationen
Die spezifische Bedeutung non‑formaler Bildungsprozesse in dieser Lebensphase lässt sich entlang von vier Funktionen konturieren:
- Übergangsbegleitende Funktion
Non‑formale Angebote können Übergänge zwischen institutionellen Kontexten (Schule – Ausbildung/Studium – Erwerbsarbeit) flankieren, indem sie Räume für biografische Reflexion, Erprobung und Neuorientierung öffnen. Freiwilligendienste, berufsvorbereitende Programme oder strukturierte Engagementformate fungieren dabei als „Zwischenräume“, in denen Handlungsoptionen ausgelotet und Kompetenzen aufgebaut werden, die im formalen System nur begrenzt adressiert werden (z.B. Selbstwirksamkeit, interkulturelle Kompetenz, demokratische Handlungskompetenz). - Kompensatorische Funktion
Non‑formale Bildungssettings können – zumindest partiell – kompensatorisch wirken, indem sie Lerngelegenheiten für junge Erwachsene bereitstellen, die im familiären Umfeld oder in formalen Bildungsinstitutionen in geringerem Umfang vorhanden sind. Dies gilt insbesondere für Angebote, die auf sozialräumliche Öffnung, niedrigschwelligen Zugang und adressatengerechte Ansprache setzen. - Vertiefende Funktion
Non-formale Bildung im jungen Erwachsenenalter kann zudem eine vertiefende Funktion übernehmen, indem sie Interessen, Kenntnisse und Kompetenzen weiterentwickelt, die in formalen Bildungszusammenhängen nur begrenzt gefördert oder individuell ausgebaut werden können. Dies zeigt sich etwa in der Vertiefung von Sprachkompetenzen in internationalen Austauschformaten, in der Erweiterung digitaler und medialer Kompetenzen in projektförmigen Lernsettings oder in der fachlichen Profilbildung durch ehrenamtliches Engagement, Vereinsaktivitäten oder themenspezifische Workshops. Non-formale Bildung im jungen Erwachsenenalter eröffnet damit Räume, in denen junge Erwachsene eigene Schwerpunkte setzen und Lernprozesse an ihren biografischen Interessen und Entwicklungsbedarfen ausrichten können. - Partizipative Funktion
In politischer, kultureller oder zivilgesellschaftlicher non‑formaler Bildung werden nicht nur Inhalte vermittelt, sondern auch Formen demokratischer Aushandlung und kollektiven Handelns eingeübt. Gerade in krisenhaften gesellschaftlichen Kontexten (z.B. ökologische Transformation, Migration, soziale Ungleichheit) eröffnet dies jungen Erwachsenen Möglichkeiten, sich als gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure zu positionieren.
Diese Funktionen überschneiden sich empirisch; analytisch machen sie jedoch deutlich, dass non‑formale Bildung im jungen Erwachsenenalter weit über „Freizeitgestaltung“ hinausgeht.
Soziale Ungleichheit und Anerkennungsprobleme
Zugleich ist non‑formale Bildung kein egalitärer Raum. Die Teilnahmechancen sind deutlich sozial ungleich verteilt. Daten und Praxiserfahrungen legen nahe, dass insbesondere junge Erwachsene aus bildungsfernen Milieus, mit Migrationsgeschichte, mit Behinderungen oder in peripheren Regionen deutlich geringere Zugänge zu non‑formalen Bildungssettings haben (Costa und Loos 2023; Hemming und Tillmann 2023). Ursachen liegen u.a. in unterschiedlichen Informationsständen, finanziellen Restriktionen, eingeschränkter Mobilität, aber auch in institutionellen Passungsproblemen und erfahrener Exklusion.
Hinzu kommen strukturelle Merkmale des Feldes selbst:
- heterogene und projektförmige Angebotslandschaft mit häufig befristeten Finanzierungslogiken,
- geringe Transparenz für Adressat:innen und fehlende kommunale bzw. regionale Koordination,
- mangelnde Sichtbarkeit und Standardisierung der in non‑formalen Kontexten erworbenen Kompetenzen.
Aus der Perspektive junger Erwachsener ist insbesondere die Anerkennungsfrage relevant: Kompetenzen, die im Rahmen non‑formaler Bildungsprozesse entstehen (z.B. Leitungskompetenzen in Vereinen, interkulturelle Erfahrungen im Freiwilligendienst, projektbezogene Fähigkeiten in Initiativen), werden in formalen Selektions- und Zuweisungsprozessen (Zulassung, Anrechnung, Personalrekrutierung) bislang nur randständig berücksichtigt. Anerkennungsinstrumente existieren zwar in Ansätzen (z.B. Zertifikate, Kompetenznachweise); ihre Reichweite und Verbindlichkeit bleiben jedoch begrenzt.
Damit droht eine paradoxe Situation: Gerade jene jungen Erwachsenen, die in non‑formalen Kontexten intensive Lernprozesse durchlaufen, können diese Ressourcen nicht in gleichem Maße in „institutionell relevante“ Bildungs- und Erwerbsverläufe übersetzen wie formale Qualifikationen. Bildungs- und Teilhabechancen werden so nicht nur durch Zugänge zu non‑formaler Bildung, sondern auch durch die institutionelle Anschlussfähigkeit dort erworbener Kompetenzen strukturiert.
Digitalisierung als Transformationskontext
Die fortschreitende Digitalisierung verändert Rahmenbedingungen non‑formaler Bildung in doppelter Hinsicht. Zum einen entstehen neue Formate (Online‑Kurse, hybride Workshops, digitale Communities), die zeitliche und räumliche Flexibilität erhöhen und insbesondere für junge Erwachsene mit komplexen Alltagsarrangements attraktiv sein können. Zum anderen verschärfen sich bestehende Ungleichheiten: Der Zugang zu digitalen Angeboten setzt technische Ressourcen, stabile Infrastrukturen und digitale Kompetenzen voraus, die sozial ungleich verteilt sind.
Darüber hinaus stellt sich die Frage der Qualitäts- und Vertrauenssicherung: Die starke Ausweitung digitaler Lernangebote geht bislang nur teilweise mit etablierten Qualitätsstandards und verlässlichen Zertifizierungsmechanismen einher. Für junge Erwachsene, die sich in hochkompetitiven Bildungs- und Arbeitsmärkten positionieren müssen, bleibt häufig unklar, inwieweit digitale non‑formale Bildungsformate „anschlussfähig“ sind.
Digitalisierung eröffnet damit zusätzliche Möglichkeitsräume non‑formaler Bildung, produziert aber zugleich neue Selektions- und Exklusionsrisiken. Aus einer bildungswissenschaftlichen Perspektive ist es daher zentral, digitale non‑formale Lernumgebungen nicht als technisches Add‑on zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil der Diskussion um Bildungsungleichheit, Anerkennung und pädagogische Qualität.
Non-formale Bildung im jungen Erwachsenenalter: Forschungs- und bildungspolitischer Handlungsbedarf
Vor dem skizzierten Hintergrund lassen sich mehrere Desiderata formulieren:
- Konzeptionelle Schärfung
Das junge Erwachsenenalter sollte als eigenständige Bildungsphase konzeptualisiert werden, in der non‑formale Bildung nicht randständig, sondern als konstitutiver Bestandteil von Bildungsbiografien begriffen wird. Dazu gehört, Schnittstellen und Spannungsverhältnisse zwischen formalen, non‑formalen und informellen Lernprozessen systematisch in den Blick zu nehmen. - Empirische Fundierung
Es bedarf empirischer Studien, die Umfang, Formen und Verläufe non‑formaler Bildungsprozesse junger Erwachsener erfassen – insbesondere in längsschnittlicher Perspektive. Mixed‑Methods‑Designs erscheinen hier besonders vielversprechend, um quantitative Musterbildung (Teilnahme, Dauer, Effekte) mit qualitativen Rekonstruktionen subjektiver Aneignungsprozesse und biografischer Deutungen zu verbinden. - Ungleichheitsdimensionen analysieren
Soziale, geschlechtsspezifische, migrationsbezogene und regionale Ungleichheiten im Zugang zu, in der Beteiligung an und in der Wirkung von non‑formaler Bildung im jungen Erwachsenenalter sind bislang unzureichend erforscht. Eine differenzierte Analyse ist Voraussetzung dafür, zielgruppenspezifische Förderstrategien zu entwickeln und Exklusionsmechanismen abzubauen. - Anerkennungsstrukturen ausbauen
Auf bildungspolitischer Ebene stellt sich die Aufgabe, Verfahren zu entwickeln, die non‑formal erworbene Kompetenzen sichtbarer und institutionell anschlussfähiger machen – etwa durch kompetenzorientierte Portfolios, modulare Zertifizierung oder transparentere Anrechnungswege, die im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt anerkannt werden. - Systematische Verankerung in der Bildungsberichterstattung
Non‑formale Bildung im jungen Erwachsenenalter sollte als eigenständiger Gegenstand in regelmäßige Bildungsberichterstattung integriert werden. Nur wenn entsprechende Daten erhoben und ausgewertet werden, lässt sich die strukturelle Bedeutung dieser Bildungsbereiche sichtbar machen und politisch bearbeiten.
Insgesamt spricht vieles dafür, non‑formale Bildung im jungen Erwachsenenalter nicht länger als randständiges Feld zu behandeln, sondern als zentralen Ort der Aushandlung von Bildungs- und Teilhabechancen. Wie Gesellschaften diese Phase gestalten, entscheidet mit darüber, ob Versprechen von Bildungsgerechtigkeit und demokratischer Teilhabe eingelöst oder unterlaufen werden.
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Über „Non-formale Bildung im jungen Erwachsenenalter“
Bildungs- und Lernprozesse finden nicht nur in formalisierten Bildungsinstitutionen wie Schulen oder Universitäten statt, sondern vor allem auch im Alltag. Der Band präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse zu Formen, Orten und Bedingungen non-formaler Bildung. Im Fokus steht dabei die Bedeutung non-formaler Bildungsangebote für junge Erwachsene im Übergang von der Schule in den Beruf.

Birgit Reißig, Sarah Beierle (Hrsg.):