„Wir sollten wieder jeden Cent, einschließlich der Schulden, in die Kinderinfrastruktur investieren.“ – Interview mit Hans Bertram

„Wir sollten wieder jeden Cent, einschließlich der Schulden, in die Kinderinfrastruktur investieren.“ – Interview mit Hans Bertram

Die Kinder von heute geraten in der Politik, die über ihre Zukunft entscheidet, zunehmend ins Hintertreffen. Die Publikation „Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder“ des Soziologen Hans Bertram zeigt, warum Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit zu zentralen Leitprinzipien politischen Handelns werden müssen. Lesen Sie hier das Interview mit Hans Bertram.

 

Die Publikation ist auch auf Englisch erschienen unter dem Titel „Sustainability and Intergenerational Justice. What about the children?

 

Lieber Herr Betram, in Ihrer Einleitung zu „Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit“ weisen Sie unter Bezugnahme auf Karl Mannheim darauf hin, dass jede Generation für die Erneuerung der Gesellschaft verantwortlich ist und damit auch Verantwortung für die Bedingungen trägt, unter denen zukünftige Generationen leben. Können Sie vor diesem Hintergrund die Kritik Ihrer Publikation zusammenfassen?

Wie kann die heutige Generation ihrer Verantwortung gerecht werden, Kindern faire Zukunftschancen zu hinterlassen, wenn Politik und Gesellschaft Nachhaltigkeit fast nur noch auf den Klimaschutz reduzieren und dabei existenzielle Lebensbereiche wie Bildung, Gesundheit und Armutsbekämpfung vergessen.

 

Wie gehen Sie in Ihrer Kritik vor?

Die UNO hat mit Zustimmung der großen Mehrheit der Mitglieder 17 Nachhaltigkeitsziele formuliert und damit die Möglichkeit geschaffen, weltweit in den Ländern, die sich diese Ziele auch gesetzt haben, vergleichbare Daten zu erheben. Für die Kinder werden diese Daten von UNICEF verwaltet, und so kann man die Entwicklung in Deutschland, die sich diesen Zielen auch verpflichtet hat, mit der Entwicklung in anderen Ländern vergleichen.

 

Welche wesentlichen Versäumnisse sehen Sie in der deutschen Politik in Bezug auf die Generationengerechtigkeit? Wann haben diese Versäumnisse größtenteils stattgefunden?

Obwohl die Zahl der Kinder seit 2010 deutlich angestiegen ist, teilweise durch steigende Geburtenraten, teilweise durch Zuwanderung, haben die entsprechenden beteiligten Ministerien die Kinderzahlen immer auf der Basis der schwächsten Geburtenjahrgänge berechnet. Die Konsequenz war vorhersehbar, 2025 lebten fast 2 Millionen mehr Kinder in Deutschland als prognostiziert. Das bedeutet, dass in der Kinderkrippe, im Kindergarten, in der Grundschule und in den weiterführenden Schulen ein vorhersehbarer Lehrermangel entstanden ist. Wenn man das auf der Basis heutiger Zahlen grob schätzt, fehlen etwa 110.000 Lehrer, 45.000 Lehrer und Lehrerinnen mit Deutsch als Fremdsprache und circa 12-15.000 Sozialarbeiter, und dies alles, obwohl die Kinder aufgrund der unterschiedlichen Herkunft der Eltern die Lehrer vor große neue Herausforderungen stellen.

 

Sie sprechen mit Blick auf Deutschland von paradoxen Entwicklungen in den Bereichen Bildung, Armutsbekämpfung sowie Gesundheits- und Sicherheitssysteme, nicht zuletzt auch hinsichtlich der Gleichheit und des Klimas. Können Sie eines dieser Paradoxe anhand eines konkreten Beispiels erläutern?

12 Prozent der Kinder leben vom Bürgergeld. Bei der älteren Generation der Über-65-Jährigen sind es 4 Prozent. 11–12 Prozent der Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss; bei den Über-65- Jährigen liegt der Anteil bei etwa 3–5 Prozent. Rentenkommissionen fordern im Auftrag der Regierung eine volle Erwerbstätigkeit der Mütter, um die Rentenbeiträge möglichst niedrig zu halten. Sie wissen aber ganz genau, dass voll erwerbstätige Frauen in Deutschland, ähnlich wie in Japan, weniger als ein Kind gebären. Um der jetzigen Generation ein Wohlergehen zu ermöglichen, schlägt die Rentenkommission vor, das Rentensystem der Enkel zu zerstören. Die Zahlen sind alle öffentlich bekannt. Kaum ein europäisches Land weist so große Differenzen in der sprachlichen Entwicklung von Kindern unterschiedlicher ethnischer Herkunft auf wie Deutschland. Die Klimapolitik wälzt die Folgen des Klimawandels und die Kosten auf den Verbraucher ab. Das ist Folge des neoliberalen Credos der Neunzigerjahre. Folglich kann der Eigenheimbesitzer im Umland einer Großstadt dank seiner Fotovoltaikanlage sein Haus preisgünstig wärmen und kühlen und ein entsprechendes Auto fahren. Die Familie mit zwei Kindern in einer Siedlung am Stadtrand einer Großstadt, kann von all diesen Dingen nur träumen, weil Stromkosten und Heizkosten hoch besteuert werden.

 

Welches der benannten Versäumnisse ließe sich – vorausgesetzt, der politische Wille wäre vorhanden – am schnellsten beheben?

Wir sollten uns einfach ein Beispiel an den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts nehmen. Konservative Bundesländer wie Bayern, sozialdemokratische Bundesländer in Nordrhein-Westfalen haben jeden Cent ausgegeben, um die weiterführenden Bildungssysteme zu öffnen. Ob das nun gelungen ist oder nicht, sei dahingestellt. Wir brauchten heute keine Anstrengung für die Sicherung der Rente; da sollten die Menschen ruhig länger arbeiten. Wir sind nämlich sehr viel gesünder geworden als noch unsere Elterngeneration. Wir sollten wieder jeden Cent, einschließlich der Schulden, in die Kinderinfrastruktur investieren und gleichzeitig die Berufe der Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter attraktiver gestalten als alle anderen Berufe im öffentlichen Dienst.

 

Und welche wären am dringendsten?

Die Frage ist eigentlich schon mit der vorhergehenden Frage gut beantwortet und das ginge ganz einfach.

 

In der Einleitung verweisen Sie darauf, dass sich die Staaten auf die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen geeinigt haben und damit auch den Anspruch formulieren, die Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten nachfolgender Generationen nicht einzuschränken. Welche Tendenzen lassen sich in anderen europäischen Ländern feststellen?

Die polnische Grenze liegt von Berlin aus etwa 90–100 km entfernt. Polen hat einen erstaunlichen Aufstieg in den Pisa-Daten erlebt. Die Kinderarmut ist deutlich zurückgegangen, und Polen zeigt damit, dass auch in schwierigen politischen Situationen, die Lebensbedingungen von Kindern verbessert werden können. Länder wie Spanien zeigen andererseits, dass auch nachhaltiges Wirtschaften und preisgünstiger Strom möglich sind und sogar neue Industriearbeitsplätze geschaffen werden können. Spannender in diesem Zusammenhang sind allerdings die asiatischen Länder wie Korea, Japan, China und Vietnam, weil sich dort Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften mit den neuen Herausforderungen der technischen Entwicklung auseinandersetzen, was Konsequenzen für die Schule und die kindliche Entwicklung hat.

 

Über Hans Bertram

Hans Bertram war Prof. an der Universität der Bundeswehr in München, Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Prof. an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Mitglied der Leopoldina und hat im Rahmen seiner Beratungstätigkeit an Jugend- und Familienberichten der Bundesregierung mitgearbeitet und 20 Jahre lang für UNICEF über die Lebenssituation von Kindern in Deutschland berichtet.

 

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Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder

 

Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder

von Hans Bertram