Qualitativ forschen und schreiben: Wie aus Daten und Ideen überzeugende Texte werden

Interview Mergel u.a., Qualitativ Forschen und Schreiben, ISBN 978-3-8252-6733-9

Wie gelingt der Brückenschlag zwischen Theorie, Methode und Schreiben? „Qualitativ Forschen und Schreiben. Ein Arbeitsbuch für Studium und Lehre“ von Ines Mergel, Frank Oberzaucher und Stefanie Everke Buchanan verbindet methodische Klarheit mit schreibdidaktischer Praxis in einem kompakten Leitfaden für Studierende und Lehrende – mit Schritt-für-Schritt-Handreichungen, praktischen Beispielen und Schreibaufträgen zum direkten Ausprobieren.

Im Interview erklären die Autor*innen, wie ihr Arbeitsbuch Studierenden die Angst vor dem leeren Blatt nimmt und Lehrenden hilft, Forschen und Schreiben im Seminar zu verknüpfen.

 

Interview zu „Qualitativ Forschen und Schreiben“

 

Liebe Autor*innen, worum geht es in Qualitativ Forschen und Schreiben?

In unserem Buch geht es darum, für Studierende und Lehrende Hinweise zu geben, wie in Hausarbeiten, BA- und MA-Arbeiten qualitative Forschungsdesigns beschrieben werden können und wie die Ergebnisse und der Beitrag zur Theorie erklärt werden kann.

Wichtig ist uns die Integration der Methodenkenntnisse mit tatsächlichen Schreibaufgaben, so dass sich Studierende unser Buch neben ihre eigene Arbeit legen und Schritt für Schritt parallel zu ihrem eigenen Arbeitsfortschritt eine Handreichung haben, wie sie in die Umsetzung kommen. Wir wollen die Angst vor dem leeren Blattnehmen und gleichzeitig anhand von den eingeflochtenen Beispielen ein Schaufenster in die Werkstatt von qualitativ Forschenden öffnen.

Meist lernen wir nur von dem perfekt publizierten Paper, aber für uns war es wichtig darzustellen, wie die Prozesse während des Forschungsprozesses ablaufen und welche guten Praktiken es dann gibt, die man auf die eigene Arbeit und mit den eigenen Daten anwenden kann.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Die Idee für das Buch ist aus unserer Arbeit an der Universität entstanden: Als Professoren und als Leiterin der Schreibzentrums haben wir immer wieder festgestellt, dass der Forschungs- und Schreibprozess stark ineinander verwoben sind, aber weder die Methodenbücher noch die Vorlesungen genügend Raum lassen, um auch den Umsetzungs- und Schreibprozess zu begleiten.

Als Forschende haben wir das selbst erlebt: Man nähert sich mit viel Trial-and-Error einer akzeptablen und publizierbaren Schreibform an, die jedoch erst nach viel Interaktion mit Gutachtenden zu einem Erfolg führt.

Wir fanden es spannend, dass so wenig über den eigentlichen Prozess geschrieben wurde, und möchten es unseren eigenen Studierenden aber auch Lehrenden leichter machen, nachvollziehbar und mit konkreten Aufgabenstellungen, den Schreibprozess zu unterstützen. Wir haben dafür immer wieder Beispiele eingebunden anhand derer wir erklärt haben, wie man als qualitativ Forschende Entscheidungen trifft, und sie dann erklärt.

Zusätzlich haben wir zu jedem Schritt im Forschungsprozess Schreibaufträge vorbereitet, so dass die Lesenden Teile der Haus- oder Abschlussarbeit sofort schreiben können. Meist ist man mit solchen Prozessen während der Prüfungsphase auf sich selbst gestellt: Es gibt dann keine begleitenden Kolloquien oder Sprechstundentermine mehr, weil große Teile der Prüfungsphase in die Semesterferien fallen, und wir freuen uns alle über bessere Abschlussarbeiten und weniger Stress für die Studierenden.

 

Praktische Beispiele, Arbeitshilfen und Visualisierungstechniken unterstützen die Leser*innen dabei, ihre eigene Forschungspraxis zu entwickeln und umzusetzen. Würden Sie uns ein Beispiel geben?

Wir haben das Buch immer als unsere eigene Forschungswerkstatt bezeichnet: Als Forschende versuchen auch wir, immer wieder kreativ zu werden, uns neue Ansätze der Datendarstellung anzueignen und freuen uns auch selbst darüber, wenn in den wissenschaftlichen Zeitschriften diese Kreativität gewürdigt wird. Deswegen war es uns wichtig, im Buch auch unterschiedliche Visualisierungstechniken von qualitativen Daten anhand von bereits publizierten Beispielen darzustellen.

So ist das Beispiel von Frank Oberzauchers Narrativen eine besondere Visualisierung der Interaktionen oder auch die Tabellarisierung von qualitativen Daten. Wir würden von BA- oder MA-Studierenden nicht erwarten, dass sie in ihren Haus- oder Abschlussarbeiten methodisch innovativ sind. Das wäre etwas, was wir erst auf der Doktorandenstufe erwarten dürfen. Aber: Wichtig ist uns, dass die Lesenden unterschiedliche Visualisierungs- oder Schreibtechniken kennenlernen und die Vorgehensweise dann auf ihren eigenen Kontext und eigenen Daten anwenden können.

 

Qualitativ Forschen und Schreiben richtet sich auch an Lehrende. Welche Tipps haben Sie für Dozierende, die ihre Seminare so gestalten möchten, dass Studierende qualitative Forschung und das Schreiben darüber als zusammenhängenden Prozess begreifen?

Als Lehrende haben wir meist das Schreiben und Publizieren über die Diskussionen mit Gutachtenden gelernt, da es bis auf die APA-Richtlinien wenige formale Hinweise gibt, wie man qualitative Forschung gut beschreibt. Wir lernen also selbst durch Hinweise von Dritten oder durch bereits publizierte Artikel, darüber was für den derzeitige Stand der Forschung akzeptabel ist.

Unsere Buchinhalte können Lehrende gut in ihren Methodenseminaren nutzen, um Schreibaufträge parallel zur Methodenvermittlung zu integrieren. Die Studierenden sollten aus unserer Sicht in kleineren Vignetten das Erlernte direkt anwenden und auch schriftlich artikulieren.

Meist sind diese Schreibaufgaben ausgelagert und Schreiben findet erst nach dem Semester statt, wenn die Studierenden dann im Selbststudium ihre Hausarbeit oder ihre Abschlussarbeiten niederschreiben. Wir erachten es als pädagogisch wesentlich sinnvoller, diese Schreibaufgaben direkt in den Semesterablauf zu integrieren, sich regelmäßig Peer-to-Peer-Feedback einzuholen und den Studierenden so relevant und zeitnah die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren und sich bereits im Prozess zu verbessern – nicht erst über die vergebene Note zu lernen, ob sie etwas gut geschrieben haben.

 

Darum sind wir Autor*innen bei Budrich

Wir haben nach einem Verlag gesucht, der bereit war, unsere Idee aufzunehmen, und auch die Lücke auf dem Buchmarkt erkennt. Das war für uns als Autorenteam eine große Motivation, mit dem Verlag Barbara Budrich zusammenzuarbeiten.

Der Lektoratsprozess verlief von Anfang hochprofessionell und wir hatten durchgehend eine positive und unterstützende Kommunikation mit unserem Lektor und bedanken uns herzlich für das Vertrauen und die angenehme Zusammenarbeit.

 

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Cover Mergel u.a. "Qualitativ Forschen und Schreiben", ISBN 978-3-8252-6733-9 Ines Mergel, Frank Oberzaucher, Stefanie Everke Buchanan:

Qualitativ Forschen und Schreiben. Ein Arbeitsbuch für Studium und Lehre

 

 

 

 

Die Autor*innen

Professor Dr. Ines Mergel ist Universitätsprofessorin im Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz. Als qualitative Forscherin ist sie Autorin und Koautorin von über 50 peer-reviewten Artikeln und sieben Büchern. Sie unterrichtet ein qualitatives Methodenseminar für BA- und MA-Studierende an der Universität Konstanz und gestaltet derzeit eine neue qualitative Methodenvorlesung, die als Pflichtvorlesung für jährlich 100 BA-Studierende der Politik- und Verwaltungswissenschaften in die Prüfungsordnung aufgenommen wurde. Als Schreibtrainerin bringt sie agile Methoden zur Aktivierung der Selbst­effektivität der Studierenden zum Einsatz.

Dr. Frank Oberzaucher ist Senior Lecturer für qualitative Methoden und In­teraktionsforschung im Fachbereich Geschichte und Soziologie an der Universi­tät Konstanz. Seit 2021 ist er zudem Geschäftsführer des Binationalen Zentrums für Qualitative Methoden der Universität Konstanz und der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er ist seit über 15 Jahren in der Vermittlung von Methoden­kompetenzen auf Bachelor-, Master- und Doktorand*innenebene tätig. Seine ak­tuellen Forschungsprojekte beschäftigen sich mit Rassismus in Institutionen sowie mit Stadt- und Umweltsoziologie.

Dr. Stefanie Everke Buchanan ist Mitbegründerin und seit 2012 Co-Leiterin des Schreibzentrums der Universität Konstanz. Ihr fachlicher Hintergrund ist die Kulturanthropologie. Derzeitige Projekte: ethnografische Forschung zum Schreib­prozess sowie zu Writing in the Disciplines und zum wissenschaftlichen Schreiben mit Künstlicher Intelligenz.

 

„Qualitativ Forschen und Schreiben“ kompakt

Wie gelingt der Brückenschlag zwischen Theorie, Methode und Schreiben? Qualitative sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten sind in vielen fachlichen Disziplinen eine Herausforderung. Dieses Buch verbindet methodische Klarheit mit schreibdidaktischer Praxis in einem kompakten Leitfaden für Studierende und Lehrende. Das Arbeitsbuch erklärt qualitative Forschungsprozesse verständlich und anwendungsorientiert und begleitet Schreibende Schritt für Schritt – von der Theorieeinbettung bis zur Ergebnisdarstellung. Ideal für Seminare und das Selbststudium.

© Titelbild gestaltet mit canva.com