Die Angriffe auf Demokratie und Wissenschaftsfreiheit werden lauter: Forscher*innen, die sich mit Themen wie Gender, Migration oder Klimawandel beschäftigen, sehen sich zunehmend Diffamierung ausgesetzt – einfach weil ihre Erkenntnisse rechten Narrativen im Weg stehen. Doch Wissenschaft ist kein Meinungsmarkt. Sie ist Grundpfeiler einer offenen, demokratischen Gesellschaft.
Mit der Kampagne „Wissenschaft braucht Haltung“ bezieht der Verlag Barbara Budrich als sozialwissenschaftlicher Fachverlag sachlich, aber mit klarer Haltung Stellung gegen die aktuellen Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit. In diesem Rahmen machen wir auf Organisationen und Institutionen gegen wissenschafts- und demokratiefeindliche Entwicklungen aufmerksam, teilen hilfreiche Materialien und geben unseren Autor*innen Raum, um Facetten dieses Themenkomplexes zu beleuchten. Dieser Beitrag von Ortwin Renn („Demokratie neu gestalten. Wege in eine bürgernahe Zukunft“) ist Teil dieser Stimme.
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Erst kürzlich war ich zu einer Podiumsdiskussion mit einer Reihe von namhaften Klimaforscher:innen eingeladen. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie politisch muss die Klimaforschung sein, damit ihre Aussagen Gehör finden?
Eine der Teilnehmer:innen bestand darauf, dass die Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit verlieren würde, wenn sie sie sich in das aktuelle Tagesgeschäft einklinken und sich für eine politische Bewegung oder Partei einspannen ließe. Als Bürgerin könne sie natürlich überall politisch aktiv sein, aber nicht in ihrer Rolle als Wissenschaftlerin.
Dagegen teilten die beiden anderen Teilnehmer des Podiums die Meinung, dass vor allem die Vertreter:innen der Klimawissenschaften eine moralische Verpflichtung besäßen, für mehr Klimaschutz in der Gesellschaft einzutreten und auch Ross und Reiter zu benennen, die einer effektiven Klimaschutzpolitik entgegenstehen. Es sei ihrer Meinung nach eine zentrale Aufgabe der Klimawissenschaften, die Bewegungen und politischen Akteure aktiv zu unterstützen, die sich für eine Transformation in eine klimaneutrale Zukunft einsetzen. Dazu würden auch Aktionen gegen die Kräfte zählen, die aus Opportunismus oder Populismus den Klimawandel leugnen oder verharmlosen.
Die Diskussion auf dem Podium ging hin und her, ohne dass sich eine klare Linie herausschälte. Die Argumentation schwankte zwischen der Befürchtung, durch politischen Aktionismus die Glaubwürdigkeit und Neutralität der wissenschaftlichen Forschung zu gefährden, und der Sorge vor einer fatalen Zurückhaltung, bei der die Wissenschaft angesichts der Bedrohungen der Welt und den vielen Fehlinformationen, vor allem getragen durch rechtsextreme Parteien, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht mehr gerecht werde.
Viele diese Debatten habe ich im Verlaufe der letzten Jahrzehnte miterlebt, und immer wieder schwankt die Stimmung zwischen der Position wissenschaftlicher Neutralität und einer bewussten politischen Positionierung der Wissenschaft und ihrer Vertreter:innen im politischen Spektrum.
Aus meiner Sicht ist diese Debatte deshalb wenig ertragreich, weil sie allzu pauschal von der Wissenschaft und der Verantwortung der Wissenschaftler:innen ausgeht. Es gibt viele Arten von Wissenschaft und auch unterschiedliche Aufgabenfelder innerhalb der Wissenschaft, die ein differenziertes Verhältnis zur politischen Öffentlichkeit nahelegen.
Differenzierung zwischen drei Selbstverständnissen von Wissenschaft
Aus meiner Sicht sind vor allem drei Selbstverständnisse im breiten Feld der Wissenschaften zu nennen, die bei der Frage nach der Verantwortung unterschiedliche Akzente setzen.
Neugiergetriebene Wissenschaft
Dieses Selbstverständnis zielt vor allem darauf ab, in einem komplexen Geflecht von Ursachen und Wirkungen kausale Strukturen zu entdecken, Modelle oder Simulationen dieser komplexen Anhängigkeiten und Wirkungsketten zu entwerfen und diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse sind Evidenz-basiert, idealerweise ohne Bezug auf Interessen oder mögliche Verwertungen. Sie stellen die Summe der (zu einer Zeit gegebenen) Einsichten dar, auf die alle wissenschaftlichen Ansprüche auf Wahrheit beruhen.
Für diese Art der Wissenschaft, ist es sinnvoll, zunächst vom sozialen und politischen Kontext zu abstrahieren und sich ganz auf die Erforschung der Grammatik der Natur und der Gesellschaft zu fokussieren. Die gesellschaftliche Verantwortung dieser neugiergetrieben Wissenschaft besteht darin, die Wahrheitsansprüche der Wissenschaft gegenüber Personen und Institutionen, die diese verfälschen, verdrehen, leugnen oder extrem selektiv auswerten, zu verteidigen und mit der Legitimation wissenschaftliche Autorität Evidenz in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen und Ansprüche auf Wahrheit kritisch zu prüfen.
Das gelingt ihr umso besser, je weniger sie mit bestimmten politischen Positionen oder Interessen assoziiert wird.
Zielorientierte oder advokatorische Wissenschaft
Hierbei geht es darum, anhand vorgegebener politischer Ziele (die im Idealfall durch demokratische Prozesse legitimiert sind) Szenarien beziehungsweise Optionen zu entwerfen, die diese Ziele in einem bestimmten Zeitraum zu erfüllen versprechen. Darüber hinaus besteht die Aufgabe zielorientierter Wissenschaft darin, die unerwünschten Nebenwirkungen der jeweiligen Optionen aufzeigen.
Ein Beispiel wäre die Einhaltung einer klimaneutralen Energieversorgung bis zum Jahre 2045:
- Welche Szenarien würden zu diesem Ziel führen?
- Welche Maßnahmen wären dazu notwendig?
- Welche Vor- und Nachteile wären mit jedem dieser Maßnahmen verbunden?
Offenkundig ist zielorientierte Wissenschaft niemals wertfrei, sondern ist an bestimmte Ziele, Interessen und Wertvorstellungen direkt gebunden. Wenn diese explizit gemacht werden (das ist eine Voraussetzung für ihre Integrität), ist dieser Form der Wissenschaft essentiell, um politischen Handlungsträger:innen Einsichten zu gewähren, die sie zu einem verantwortungsvollen und effektiven Einsatz von Maßnahmen befähigen.
Natürlich ist die faktische Evidenz nicht die einzige Größe, um Optionen für politische Maßnahmen zu bestimmen, sie ist aber eine notwendige Bedingung dafür, dass die gewählten Optionen nach Stand des aktuellen Wissens die Ziele erreichen können und mit möglichst wenig negativen Nebenwirkungen verbunden sind.
Dabei ist auch klar, dass die zielorientierte Wissenschaft auf den Erkenntnissen der neugiergetriebenen Wissenschaften aufbaut und diese gezielt für bestimmte Zwecke und Ziele einsetzt. Damit trägt sie große Verantwortung für die Politikberatung, aber auch für die gesellschaftliche Kommunikation. Sie entlarvt ideologisch getriebene Zukunftsvorstellungen und populistische Illusionen, wie sie vor allem von rechtsextremen Parteien verbreitet werden. Sie zeigt Zielkonflikte auf, weist aber gleichzeitig auf realistische Strategien hin, um die gewünschten Ziele möglichst effektiv und effizient zu erreichen.
Katalytische Wissenschaft
Diese Form der Wissenschaft beschäftigt sich mit der Umsetzung von einmal als richtig erkannten Maßnahmen in einer pluralistischen und von Konflikten gekennzeichneten Gesellschaft.
In der Chemie bedeutet Katalyse, dass man mit einem Stoff, den Katalysator, zwei oder mehrere andere Stoffe zu einer gewünschten Reaktion bewegen kann. Dieselbe Funktion hat die katalytische Wissenschaft im übertragenen Sinne: sie zeigt Strukturen, Architekturen und Prozesse auf, die im Rahmen einer gegebenen politischen Kultur dafür sorgen, dass einmal als richtig erkannte Maßnahmen oder Handlungsvorschläge auch in die Wirklichkeit umgesetzt werden.
Das gilt sowohl für individuelle wie für kollektive Handlungen. Alle wissen, dass bestimmte individuelle Verhaltensweisen für das Klima nicht gut sind, wie etwa täglich Fleisch essen oder Kurzstrecken mit dem Flugzeug zurücklegen, dennoch fällt es den meisten schwer, darauf zu verzichten. Einsicht und Handlung klaffen auseinander.
Hier kann die katalytische Wissenschaft aufzeigen, wie Individuen aus Routinen ausbrechen und wie sie ihr Verhalten den eigenen Zielvorstellungen entsprechend anpassen können. Solche strukturellen und handlungsorientierte Einsichten sind erst recht für komplexe und pluralistische Gesellschaften notwendig: oft fehlt es weder an Einsicht noch an Motivation, sondern an strukturellen Barrieren, dass bestimmte Maßnahmen nicht umgesetzt werden können.
Gerade die Wahrnehmung von Vollzugsdefiziten und Umsetzungsbarrieren kommt der rechtsextremen Propaganda entgegen, denn immer wieder werfen populistische und autoritär eingefärbte Funktionäre dieser Parteien und Bewegungen der Demokratie ihre angebliche Handlungsunfähigkeit und Mangel an Durchsetzungskraft vor. Sie spotten darüber, dass sich politischen Akteure nicht mehr durchsetzen können, und behaupten, dass im Dschungel der Bürokratie die meisten politischen Vorhaben untergehen oder verwässert würden.
Das sind ernst zu nehmende Vorwürfe, die mithilfe der katalytischen Wissenschaften effektiv angegangen werden können. Hier geht es um die Gestaltung demokratischer Prozesse, um die institutionelle Neuausrichtung ineffizienter Gremien, um neue Formen der Bürgerbeteiligung und Reformen der Regulierung. Die Ergebnisse der katalytischen Prozesswissenschaften sollen und können dazu beitragen, dass Transformationsprozesse nicht nur im Kopf vollzogen, sondern auch im alltäglichen Handeln umgesetzt werden.
Für Vertreter:innen der katalytischen Wissenschaft ist es essentiell, dass sie als neutral oder zumindest als nicht parteilich angesehen werden. Nur wenn sie von allen Parteien als „ehrliche Makler“ wahrgenommen werden, können sie im Diskurs auch Glaubwürdigkeit ausstrahlen.
Natürlich können und sollten sie sich deutlich von den Gruppen und Parteien absetzen, die Evidenz leugnen, grundlegende Menschenrecht missachten und nicht mit dem Grundgesetz übereinstimmen, aber ansonsten gilt es Prozessarchitekturen zu überprüfen und neu zu gestalten, um in einer pluralen und teilweise polarisierten Gesellschaft demokratisch legitimierte Verfahren zur Umsetzung von sachlich fundierten und ethisch gebotenen Transformationsprozessen zu unterstützen.
Kurz gesagt
- Neugiergetriebene Wissenschaft sieht sich als Quelle von robusten Wahrheiten – sie will kausale Zusammenhänge erforschen, Evidenz schaffen und diese gegen Verfälschung verteidigen.
- Zielorientierte Wissenschaft sieht sich als Gestalterin von Lösungen – sie will Optionen und Szenarien entwerfen, um politische Ziele effektiv, effizient und sozialverträglich zu erreichen.
- Katalytische Wissenschaft sieht sich als Prozessbegleiterin – sie will Brücken bauen zwischen Erkenntnis und Handlung, um erwünschte gesellschaftliche Transformationen in die Praxis zu tragen.
Unterschiedliche Verantwortlichkeiten
Alle drei Formen – die neugiergetriebene, die zielorientierte und die katalytische Form der Wissenschaft – haben unterschiedliche Aufgaben und Zielvorstellungen. Damit einher geht ein jeweils anderes Verständnis für Verantwortung. Die neugiergetriebene Wissenschaft wird vor allem daran gemessen, dass sie unabhängig von Interessen die kausalen Strukturen der Wirklichkeit erfasst und die dadurch gewonnenen Einsichten in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt. Das kann vor allem dazu dienen, falsche oder verzerrte Wahrheitsansprüche, z.B. aus dem Internet, zu entlarven und durch Evidenz-gestützte Informationen zu ersetzen.
Welche Maßnahmen und Handlungen aus diesen Einsichten gerechtfertigt, politisch zielführend und gesellschaftlich akzeptabel sind, kann die zielorientierte Wissenschaft aufzeigen. Für den gesellschaftlichen Diskurs ist es vor allem wichtig, neben der Wirksamkeit von geplanten Maßnahmen auch deren Nebenwirkungen im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, ökonomische und ökologische Auswirkungen und gesellschaftliche Resilienz zu erforschen und breit zu kommunizieren.
Eines der wesentlichen Merkmale rechtsextremer Propaganda besteht darin, Zielkonflikte zu leugnen und selbst Maßnahmen vorzuschlagen, die angeblich dem ganzen Volk (aber nicht den Immigranten) zugutekommen und keinerlei Zielkonflikte oder Zumutungen umfassen. Gerade dieser Illusion der konfliktfreien Zukunftsgestaltung effektiv entgegenzuwirken und damit mehr Realismus in der Transformationsdebatte einzuführen, ist eine zentrale Aufgabe zielorientierter Wissenschaft, mit der sie ihren Anteil an der Verantwortungsverpflichtung der Wissenschaften einlösen kann.
Die Verantwortung der katalytischen Wissenschaft besteht vor allem darin, Transformationsprozesse zu begleiten und daraus Vorschläge und Prozessinnovationen abzuleiten, die eine evidenzbasierte und ethisch verantwortungsvolle Umsetzung der Transformationsziele ermöglichen sollen. Dazu sind vor allem neue Formen der Bürgerbeteiligung, der Reform von Behörden und Regulationen und anderer innovativer Prozesse zur Umsetzung demokratisch legitimierter Beschlüsse notwendig.
Für den gesellschaftlichen Diskurs ist diese Form der Wissenschaft besonders bedeutsam, weil sie dem Dauerfeuer der populistischen Parteien konkrete Vorschläge entgegensetzen kann, wie Transformation auch ohne politische Paralyse und ohne autoritäre Umgestaltung der politischen Ordnung mit demokratischen Mitteln gelingen kann.
Kurz gesagt
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- Neugiergetriebene Wissenschaft trägt Verantwortung, indem sie Wahrheiten erkennt und gegen Illusionen und bewussten Manipulationen verteidigt.
- Zielorientierte Wissenschaft trägt Verantwortung, indem sie Lösungswege aufzeigt und auf Zielkonflikte hinweist.
- Katalytische Wissenschaft trägt Verantwortung, indem sie Prozesse und Strategien der Umsetzung ermöglicht.
Haltung zeigen: Fazit
Aus meiner Sicht ist die aufgezeigte Dreiteilung hilfreich, wenn es um die Frage geht, welche Rolle die Wissenschaft in den politischen Diskurs spielen soll.
Natürlich gibt es noch viele andere Selbstverständnisse von Wissenschaft, die sich neben den drei hier beschriebenen Formen einreihen lassen. Allerdings ist aus meiner Erfahrung vor allem die Konzentration auf diese drei Selbstverständnisse hilfreich, um die Verantwortung der Wissenschaft für Politik und Transformation differenziert zu betrachten und zu einer auch pragmatisch realistischen Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft beizutragen.
Vor allem hilft es auch den Vertreter:innen der Wissenschaft selbst, ihre Rolle im Rahmen der drei Selbstverständnisse zu finden. So könnte die eingangs erwähnte Wissenschaftlerin sich als Vertreterin der neugiergetriebenen Wissenschaft verstehen und dann zu Recht auf Neutralität und Interessenungebundenheit pochen, während ihre beiden Mitstreiter sich eher als zielorientierte Vertreter der Wissenschaft empfinden würden. Dann passt auch ihr Engagement für die „Sache“ und das Eintreten für bestimmte politische Positionen in das für diesen Typ geltende Selbstverständnis.
Ich habe auf dem Podium dann eher den katalytischen Wissenschaftstypus vertreten und mich vor allem für neue Beteiligungsprozesse, die sich theoretisch wie empirisch als effektiv und fair erwiesen haben, eingesetzt.
Alle drei Selbstverständnisse bauen aufeinander auf und bedingen sich gegenseitig, aber für ein produktive Diskussion um Verantwortung ist eine Differenzierung sinnvoll und hilfreich, um die eigene Rolle zu definieren und die Grenzen der eigenen Verantwortung abzustecken.
Ortwin Renn bei Budrich
→ Gastbeitrag zum Buch: „Demokratie neu gestalten: Orientierung in Zeiten von Politikverdrossenheit und Zukunftsunsicherheiten“
3., aktualisierte und erweiterte Auflage
→ Interview mit dem Autor: „Wir brauchen eine auf Evidenz und Solidarität fußende Abwägungskultur.“
→ Leseprobe: „Gefühlte Wahrheiten prüfen – aber wie?“





