Die industrielle Landwirtschaft treibt Klimawandel, Artensterben und fossile Abhängigkeiten voran – doch ohne sie drohen Ernährungskrisen. Thorsten Hippe („Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Ökologie. Eine transdisziplinäre Problemstudie zur Nachhaltigkeit“) zeigt, dass es Lösungen gibt, die beides vereinen: nachhaltige Anbaumethoden, klare politische Rahmenbedingungen und ein Umdenken in Gesellschaft und Wirtschaft.
Warum scheitern diese Lösungsoptionen trotzdem oft? Ein Gastbeitrag über die Herausforderungen und Chancen einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.
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1) Wozu sich mit Agrarumweltpolitik beschäftigen?
Sollte man gemäß den Prioritäten aktueller Politik nicht wichtigere Probleme fokussieren? Also Wirtschaftskrise, Energiekrise, Kostenkrise im Gesundheitswesen, Inflation, Migration, Krieg, …?
Die Welt hat derzeit drei der neun planetaren Belastungsgrenzen, die man einhalten muss, wenn die Erde in einem Zustand bleiben soll, der Gesundheit und Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation sichert, besonders massiv überschritten: beim Klimawandel, der Schädigung der Biosphärenintegrität (Artenvielfalt) und der Veränderung biochemischer Kreisläufe (Phosphor- und Stickstoffkreislauf). Hierfür ist die globale industrielle Agrarwirtschaft im ersten Fall signifikant mitverantwortlich (z. B. via THG-Emissionen aus Düngerproduktion und –einsatz sowie Massentierhaltung) und im zweiten und dritten Fall wichtigste Ursache (Pretty u. a. 2018; Leopoldina 2020; OECD 2025) (z. B. via hohen Pestizideinsatz, Rodung tropischer Wälder für Agrarflächen, großflächige Mono- bzw. Reinkulturen sowie hohe, von Nutzpflanzen nicht aufnehmbare Phosphor- und Stickstoffüberschüsse in Böden, natürlicher Vegetation und Gewässern (Eutrophierung)).
Der Pariser Klimavertrag von 2016 verpflichtet die Vertragsstaaten, den Temperaturanstieg auf < 2° C zu begrenzen – was ohne massive Reduktion der THG-Emissionen der Landwirtschaft unmöglich ist, selbst wenn alle anderen Sektoren sofort klimaneutral würden. Ebenso verpflichtet die Globale Biodiversitätskonvention von 2022 die Vertragsstaaten, den Verlust biologischer Vielfalt bis 2030 zu stoppen, wofür laut Vertrag u. a. agrarische Nährstoffüberschüsse (Phosphor/Stickstoff) und das Risiko des Pestizideinsatzes um je 50% reduziert werden sollen. Die Politik ist weit davon entfernt, diese Ziele zu erreichen (Climate Action Tracker 2026, European Environmental Agency 2025).
Zudem macht auch die industrielle Landwirtschaft Europa abhängig vom Import fossiler Rohstoffe aus autoritären Staaten und Krisenregionen (z. B. Erdgas zur sehr energieintensiven Herstellung mineralischer Dünger und Pestizide), wie eine Studie im Auftrag des Europäischen Parlaments kritisiert. Das hat Folgen für Lebensmittelpreise. Im Blog der EZB schreibt ein Mitglied des Direktoriums: „Europas Abhängigkeit von fossiler Energie erschwert es der EZB, für stabile Preise zu sorgen“.
Die richtige Frage lautet also vielmehr: warum beschäftigen sich Politik, Öffentlichkeit und Wählerschaft immer weniger mit Umweltpolitik und ökologischer Agrarpolitik? Die aus den o. g. drei massiven Grenzüberschreitungen folgenden ökologischen Schäden und Europas fossile Abhängigkeit werden Gesundheitskosten, „Migrationsdruck“ und die viel beklagte Inflation stetig erhöhen, Wirtschaftskrisen, geopolitische Schocks und Kriege wahrscheinlicher machen bzw. verschärfen und das Ertragsniveau der Landwirtschaft – die Ernährungssicherheit – untergraben, wenn man sie nicht bald stoppt. Zumal künftig wegen des globalen Bevölkerungswachstums mehr Menschen als bisher zu versorgen sind.
2) Agrarwirtschaftliche Lösungsansätze
Aber ist eine Landwirtschaft, die ökologisch nachhaltig wirtschaftet und zugleich ökonomisch produktiv, also ertragreich ist, überhaupt möglich? Gibt es nicht einen Zielkonflikt zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und ökonomischer Produktivität? In den Wissenschaften werden diverse Lösungskonzepte diskutiert, die man grob in drei Klassen einteilen kann:
- Effizienz-Ansätze: molekularbiologische Präzisionsgenetik (Genomeditierung) und digitale Präzisionslandwirtschaft. Mit digitaler Technik und Künstlicher Intelligenz will man ökologisch schädliche Betriebsstoffe sparsamer ausbringen oder ersetzen. Bisherige digitale Technologie der großen Agrarkonzerne ist aber meist auf biodiversitätsarme Mono- bzw. Reinkulturen (statt auf Polykulturen, s. u.) zugeschnitten (Hackfort 2023), fordert von Landwirten hohe Finanzinvestitionen, senkt Emissionen aus Massentierhaltung kaum und unklar ist, wie viele natürliche Ressourcen die digitale Infrastruktur verbraucht. Genomeditierung soll schnellere Züchtungen neuer klimarobuster, schädlingsresistenter, ertragreicherer Sorten ermöglichen. Während DFG und Leopoldina quasi keine Risiken bei dieser neuen Gentechnik erkennen, entgegnet die wissenschaftliche Gesellschaft für Ökologie, dass sie Risiken für Biodiversität berge (Tielbörger u. a. 2024). Unklar ist auch, ob sich Nutzpflanzen genetisch an die multiplen Extreme des Klimawandels (Dürre, Hitze, Hagel, Sturm, Starkregen, neue Pathogene, aber auch neue Kälteextreme im Winter durch Schwächung der Nordatlantikströmung) zugleich anpassen lassen.
- Suffizienz-Ansätze: Ernährungsformen, die den Anteil tierischer Nahrungsmittel auf null (vegane Ernährung) oder deutlich, auf ein mit den planetaren Belastungsgrenzen verträgliches Maß senken. Pflanzliche Nahrungsmittel haben (wegen hoher Energieverluste bei Umwandlung in tierische Lebensmittel) einen deutlich geringeren Flächenbedarf und erzeugen weniger THG-Emissionen und Eutrophierung. Besonders interessant ist das Konzept der Ernährung auf Basis einer Tierhaltung ohne Nahrungskonkurrenz (Jäger 2024): es begrenzt Herstellung (und Konsum) tierischer Produkte auf jenes Maß, das sich mit einer extensiven, tierfreundlichen Nutzung ausschließlich solcher Wiesen/Weiden erreichen lässt, die sich geographisch nicht zum Anbau von Ackerpflanzen eignen. Diese natürliche Grünlandnutzung (v. a. durch Wiederkäuer, die Gras in Lebensmittel umwandeln) wirkt sich auf die Artenvielfalt sehr positiv aus. Hinzu kommen Tierprodukte, die man durch Fütterung von Monogastriern (Schweine, Hühner) mit anders nicht verwertbaren Ernte- und Lebensmittelresten herstellen kann. Das Konzept schöpft das Potential des Planeten zur Herstellung menschlich verzehrbarer Kalorien/Nährstoffe so effektiv und effizient aus, dass es die global wachsende Bevölkerung gut ernähren könnte. Es senkt negative ökologische Emissionen massiv und setzt viele Ackerflächen, die heute dem Futtermittelanbau dienen, für natürliche Vegetation frei, da die globalen Nutztierzahlen um minus 20% (Rinder) bis 90% (Schweine) sänken. Dieser Ernährungsstil wäre viel gesünder als die heutige Ernährungskultur und etwas preiswerter. Doch trotz dieser vielen Vorteile fällt es vielen Menschen schwer, ihre heutige Ernährungsweise zu überdenken.
- Konsistenz-Ansätze, die betriebsextern gekaufte, ökologisch schädliche, industrielle Stoffe und Praktiken durch in der Natur vorkommende, aber betriebsintern kultivierte Stoffe und Synergien/Symbiosen äquivalent ersetzen und ökologische Kreisläufe schließen, sodass keine Schadstoffe akkumulieren (Agrarökologie, van der Ploeg 2020). Der Ökologische Landbau (nach Mindeststandards der EU-Ökoverordnung), der sich an dieser Maxime orientiert, schafft es allerdings nicht, den Zielkonflikt zwischen ökologischer Effektivität und ökonomischer Produktivität zu lösen, da sein Ertragsniveau im Mittel um 20-25% unter der industriellen Landwirtschaft liegt (Niggli 2021; Smil 2025). Doch gibt es in Form der Polykulturen und Agroforste raffinierte biologische Anbauweisen, die sich eng an o. g. Maxime halten und den Zielkonflikt lösen: sie liefern hohe Erträge (Niggli 2024) und sind ökologisch sehr vorteilhaft. Hier werden Mischkulturen (statt Mono- bzw. Reinkulturen) angebaut, nach ausgefeilter Systematik viele Büsche und Bäume in die Felder integriert und die Bodengesundheit durch dichte Bepflanzung, dauerhafte Bedeckung und Förderung seines Mikrobioms und natürlichen Struktur optimiert. Polykulturen und Agroforste erzeugen ökologisch viele positive externe Effekte: viel höhere Artenvielfalt, geringere THG-Emissionen und Eutrophierung, hohe CO2-Aufnahme durch Bäume und humusreichen Boden, höhere Resilienz gegenüber Extremwetter, lokale Kühlung des Klimas, weniger Bodenerosion durch Wind/Wasser. Betriebswirtschaftliche Vorteile sind preisliche Risikostreuung durch Mischkulturen und hohe Kosteneinsparung für fossile Energie/Stoffe. Die geringe Energieintensität fordert aber eine viel höhere Wissensintensität, sodass ein Wechsel von der industriellen Landwirtschaft eine recht „steile Lernkurve“ impliziert: es ist anspruchsvoller, als viele Stadtbewohner denken. Erfolge nach Betriebsumstellung zeigen sich nicht kurzfristig, da die biologischen Synergien/Symbiosen Zeit benötigen, bis sie voll eingespielt sind. Zudem ist die Arbeitsintensität höher: es braucht mehr Arbeitszeit bzw. gut qualifizierte und entlohnte Arbeitskräfte (höhere Arbeitskosten). Offen ist, ob sich das durch neue, auf Polykulturen zugeschnittene Digitaltechnologie, Drohnen, Kleinroboter usw. einhegen lässt.
3) Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Ökologie
Es gibt also Lösungen für eine Landwirtschaft, die ökonomisch produktiv und ökologisch nachhaltig ist. Diese treffen bei Verbrauchern und v. a. bei Agrarbetrieben aber wie gesehen auf soziokulturelle, epistemische, zeitliche und finanzielle Herausforderungen, zumal viele Betriebe unter hohem ökonomischen Druck stehen durch:
- scharfe globale Preiskonkurrenz auch wegen Marktmacht der Abnehmer (Lebensmittelverarbeitung und -handel) (Monopolkommission 2025) und Zulieferer (Agrarkonzerne), sodass der Anteil landwirtschaftlicher Betriebe an den Verbraucherausgaben für Lebensmittel seit 1970 massiv gesunken ist,
- enorme Steigerung der Pachtpreise (u. a. aufgrund Flächenexpansion anderer Sektoren und Bodenpreisspekulation)
- hohe Schuldenlast wegen akkumulierter Kredite für industrielle Betriebsmittel und Massentierhaltung, die sich rentieren müssen und viele Betriebe in Pfadabhängigkeiten zwingen (van der Ploeg 2022).
Die im Markt fehlende betriebliche Internalisierung der o. g. positiven und negativen externen Effekte erzeugt ein Soziales Dilemma: was kollektiv rational ist (ökologisch nachhaltiger Anbau), ist individuell oft nicht rational (unmittelbare Nachteile im Preiskampf). Daher wäre es naiv zu meinen, der Staat müsse „die Leute einfach mal in Ruhe machen lassen“ und eine unsichtbare Hand werde alles zum Besten wenden. Vielmehr werden in der Wissenschaft zwei zentrale politische Lösungsinstrumente zur Eindämmung des Marktversagens empfohlen:
- die sukzessive komplette Umstellung der EU-Agrarsubventionen, die heute überwiegend als Prämie pro ha Fläche gezahlt werden, auf das Prinzip „öffentliches Geld nur für öffentliche Güter“, sodass der Staat Betriebe nur (aber fair) für Umweltleistungen (positive externe Effekte) entlohnt. Verbraucherseitig könnte man pflanzliche Lebensmittel durch Befreiung von der Mehrwertsteuer subventionieren. Zudem kann man vegane Alternativen (z. B. in öffentlichen Kantinen) sichtbarer, verfügbarer, attraktiver machen, was sich in Studien als wirksam erweist.
- die Bepreisung negativer externer Effekte durch Lenkungsabgaben oder Emissionshandelssysteme, die ökologisch schädliche Betriebsmittel (z. B. Pestizide, Mineraldünger) bzw. Indikatoren (z. B. hohe Phosphor- und Stickstoffüberschüsse der betrieblichen Nährstoffbilanz) bzw. Praktiken (Massentierhaltung) durch Preisaufschläge stetig verteuern. Alle staatlichen Einnahmen sollen zweckgebunden an landwirtschaftliche Betriebe zurückfließen (für Investitionen in ökologische Umstellung). Ein Beispiel ist die nachweislich effektive Pestizidsteuer in Dänemark. Verbraucherseitig kann man Abgaben auf Fleisch (bzw. tierische Lebensmittel) erheben (oder deren Mehrwertsteuer auf den vollen Satz erhöhen), um die o. g. Mehrwertsteuerbefreiung pflanzlicher Lebensmittel zu finanzieren. Wie Springmann u. a. (2025) zeigen, hätte das ökologische und gesundheitliche Vorteile und wäre fiskalisch und bzgl. der Verbraucherausgaben ugf. neutral.
Obgleich die wissenschaftliche Diskussion, welches der beiden Instrumente vorteilhafter wäre, partiell kontrovers ist, liegt eine kluge Kombination nahe. Entscheidend ist bei beiden Instrumenten ein festes Credible Commitment des Staats: Betriebe müssen verlässlich vertrauen können, dass Subventionen und Preispfade langfristig festgezurrt und im Kern irreversibel sind, um finanzielle Planungssicherheit für ökologische Investitionen zu haben. Das fordert einen stabilen Gesellschaftskonsens, damit Politiker keine Anreize haben, das Commitment zu brechen (Zeitinkonsistenzproblem).
Ökologisch konditionierte Subventionen sind so zu gestalten, dass ihre Effektivität ohne komplexe Bürokratie überprüfbar ist. Den Realwert der EU-Agrarsubventionen, der pro ha Fläche seit 2000 um ca. 40% gesunken ist, könnte man ggf. anheben, zumal Landwirte zur ökologischen Umstellung neben finanzieller auch organisatorische und epistemische Unterstützung benötigen. Derlei bietet z. B. „SABE“, ein staatliches Gutschein-Programm in den Niederlanden. Ökologische Lenkungsabgaben/Emissionshandel müssen zum Schutz vor billiger Importkonkurrenz und Leakage (Verlagerung ökologisch schädlicher Landwirtschaft ins EU-Ausland) von Grenzausgleichsabgaben flankiert werden, die negative externe Effekte importierter Lebensmittel äquivalent bepreisen. Dazu machen Felbermayr u. a. (2026) konkrete Vorschläge.
4) Politisches Rollback
In Deutschland und Europa haben zwei – von der Politik selbst berufene – Gremien, die mit Vertretern aus Umwelt-, Verbraucher-, Industrie- und Agrarverbänden und Wissenschaft besetzt waren, 2021 und 2024 konsensuale Vorschläge zur Ökologisierung der Landwirtschaft gemacht: die Zukunftskommission Landwirtschaft in Deutschland und der Strategische Dialog der EU. Diese sparten den o. g. Instrumentenkasten B (Bepreisung) aus, empfahlen aber viele sinnvolle Ideen aus Instrumentenkasten A (Subventionsreform) u. ä. Förderungen.
Unter Druck zivilgesellschaftlicher Bewegungen 2018-2021 initiierte die Politik v. a. mit der „Farm to Fork“-Strategie und Reform der EU-Agrarsubventionen 2021 Schritte, die vorsichtig deren (verbindliche partielle) Ökologisierung gemäß Instrumentenkasten 1 einleiteten. Seit der „Zeitenwende“ 2022 kommt es jedoch zu einem stetigen Rollback: z. B. scheiterte die Sustainable Use Regulation zur Eindämmung übermäßigen Pestizideinsatzes am EU-Parlament; ökologische Bedingungen zum Erhalt von Agrarsubventionen wurden stark gelockert. Die Vorschläge der EU-Kommission 2025 für den EU-Haushaltsplan 2028-2034 drehen die (verbindliche partielle) Ökologisierung der Agrarsubventionen gar zurück (z. B. Mindestanteil für Flächenprämien statt für Umweltprämien) und stehen konträr zu Empfehlungen des von ihr selbst berufenen Strategischen Dialogs bzw. ignorieren diese (Wieck 2026; IDDRI 2025; Lakner 2025 und 2026).
Der Rollback hat verschiedene Gründe:
Erstens ist Agrarpolitik von machtpolitischen Netzwerken (IAW 2019) geprägt, in denen Konzerne/Verbände der Agrar- und Ernährungswirtschaft, agrofinanzieller Unternehmen und Konzerne der Agrarchemie, die z. B. von billigen Agrarrohstoffen und Absatz fossil basierter, betriebsexterner Inputs finanziell profitieren, über privilegierte Zugänge zur Politik verfügen (Candel/Daugbjerg 2025).
Zweitens sind politische Interessen und Ideologien, die aus Eigennutz oder traditionellen Werten an der überkommenen Agrarpolitik festhalten, im Ministerrat für Landwirtschaft und Fischerei sowie im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Europäischen Parlaments stark präsent (Priks 2022; Matthews u. a. 2023).
Drittens zeigen empirische Befragungen, dass ökologische Reformen bei der Mehrheit der konventionell-industriell wirtschaftenden Betriebe keinen (Holst u. a. 2025) bzw. nur gespaltenen (Bethge/Lakner 2023) Rückhalt haben und dass sie gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zu negativen ökologischen Folgen oft ablehnen, anzweifeln, kleinreden usw. (Holst u. a. 2025; Wittmann 2021).
Viertens kommt aus der Bevölkerung kaum politisches Gegengewicht zu den o. g. Interessen: einerseits gibt es in der Umfrage des Eurobarometers Hinweise zu einer mehrheitlichen Zustimmung zur Ökologisierung der Agrarwirtschaft, andererseits überschätzt die Mehrheit die ökologische Effektivität bisheriger EU-Agrarpolitik deutlich, da sie die Kritik des EU-Rechnungshofs und der Wissenschaft an deren mangelnder Effektivität und Ambition nicht kennt. Sie lehnt eine Reduktion ihres Fleischkonsums und Umweltabgaben auf Fleischprodukte ab (z. B. Genschel u. a. 2024; Bryant u. a. 2024; Lehmann u. a. 2025) und sah die Proteste vieler Landwirte Anfang 2024 mehrheitlich positiv (Henrich 2025; Michels u. a. 2025), obwohl diese eine ökologie-kritische Stoßrichtung hatten (Holst u. a. 2025). Zumindest in Deutschland räumen Bürger*innen Klima- und Naturschutz geringe haushaltspolitische Priorität ein, wenn sie fiskalische Zielkonflikte abwägen (Lohse u. a. 2026).
Fünftens begünstigt die globale Polykrise bei vielen Menschen existentielle Ängste/Stress, die psychisch zur Verhärtung, Panzerung des Ichs und Fokussierung auf kurz- bis mittelfristige Eigeninteressen führen, ihnen mentale Energie für besonnene Weitsichtigkeit, reflektiertes Überdenken sowie Empathie und Perspektivenwechsel im Sinne langfristigen Allgemeinwohls rauben und die Wahl populistischer, anti-ökologischer Parteien fördern (Metten/Bayerlein 2023). Die Polykrise verschärft so die „Krise des Allgemeinen“ (Reckwitz 2019; ähnlich Lepenies 2022; Arnold/Fuchs 2026; Blühdorn 2024; Richter/Ulrich 2024).
Psychologische Studien zeigen ohnehin:
„It seems that we are, as a species, undervaluing nature and how important it is to our productivity, health, and happiness.“ (Berman 2025)
Die Polykrise stärkt kurzsichtige populistische, ökologie-kritische Kräfte, Narrative, Mentalitäten (Staab 2025) und kurzschlüssige Bauchgefühle (Heath 2025), deren politischer Einfluss langfristig die Polykrise verschärft – das Gegenteil der „reflexiven Moderne“ (Ulrich Beck).
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Über „Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Ökologie“
Die Landwirtschaft steckt in einem Dilemma: Wachsende Weltbevölkerung und steigende Lebensmittelnachfrage drängen zur Ausweitung industrieller Produktion – doch genau diese befeuert Klimawandel und Artensterben und gefährdet damit die Ernährungssicherheit langfristig selbst. Thorsten Hippe analysiert agrarwirtschaftliche und wirtschaftspolitische Lösungskonzepte, bewertet deren Erfolgschancen und untersucht, warum eine ökologische Reform des Agrarsektors so schwierig ist.
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