Schreiben hat in den Sozialarbeits- und Gesundheitswissenschaften aufgrund von Praxisnähe und Multidisziplinarität einen besonderen Stellenwert. In ihrem neuen Buch „Wissenschaftliches Arbeiten in den Sozialarbeits- und Gesundheitswissenschaften. Körper, Mach(t), Sprache – eine Einführung“ zeigen Silke Abendschein und Marlene Pardeller, wie Studierende – auch mit nicht-deutscher Muttersprache oder nicht-akademischem Hintergrund – souverän und selbstbewusst wissenschaftlich arbeiten können.
Mit praktischen Methoden, digitalen Tools und kritischen Impulsen zur Macht der Sprache bietet das Buch einen niederschwelligen Einstieg für alle Semester. Eine Leseprobe.
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Wissenschaftliches Arbeiten in den Sozialarbeits- und Gesundheitswissenschaften: Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens
„Eine gemeinsame Welt […] existiert überhaupt nur in der Vielfalt ihrer Perspektiven“ (Arendt 2010, S. 73).
Wir haben Hannah Arendts Zitat an den Anfang dieses Kapitels gestellt, weil wir verdeutlichen wollen, dass das wissenschaftliche Arbeiten auf unterschiedlichen Perspektiven und Haltungen basiert, die innerhalb dieses Feldes diskutiert, abgewogen, hinterfragt und ausgewertet werden. Die Menschen darin beziehen sich bestätigend, begeistert oder abgrenzend, manches Mal auch widersprüchlich aufeinander. Gäbe es nur eine Sicht auf die Welt, einen Forschungsbereich, wäre der Austausch weder interessant noch notwendig. Wenn du dich entscheidest, in einer wissenschaftlichen Disziplin aktiv zu werden, setzt du deine Gedanken und Überlegungen ins Verhältnis zu anderen.
Das kann mit Ängsten und Druck verbunden sein. Unter anderem kann das daran liegen, dass oft nicht klar ist, was sich hinter wissenschaftlichem Arbeiten alles verbirgt. Erste Erfahrungen darin sammelst du im Rahmen des Studiums meist innerhalb von Institutionen (vgl. Vode 2023, S. 26). An diesen Institutionen (Hochschulen und Universitäten) werden auch die dafür notwendigen Kompetenzen vermittelt, mit dem Ziel, dass du diese anschließend in Form von wissenschaftlichen Arbeiten nachweisen kannst (vgl. ebd., S. 27).
Erfahrungsgemäß kann es zu Unklarheiten oder Überforderung kommen, weil das Erlernen der Kompetenzen für das wissenschaftliche Arbeiten und das inhaltliche Arbeiten parallel und mit der gleichen Priorität ablaufen. Daher geben wir in diesem Kapitel einen Einblick, was wissenschaftliches Arbeiten generell bedeutet und mit welchen Methoden du ein Verständnis dafür aufbauen kannst.
Das akademische Schreiben ist Teil des wissenschaftlichen Arbeitens. Dieses geht aber über den reinen Schreibprozess hinaus und umfasst alle Schritte, die dazu beitragen, dass du am Ende eine fertige Arbeit abgeben kannst. Dzifa Vode ordnet das akademische Schreiben den Hochschulen zu, da es sich auf das Schreiben an Institutionen bezieht. Sie grenzt es vom wissenschaftlichen Schreiben ab, das in ihrer Definition die Tätigkeit der Wissenschaftler*innen beschreibt, die auf Wissensproduktion abzielt (vgl. Vode 2023, S. 27). Wir haben uns dennoch entschieden, hier vom wissenschaftlichen Arbeiten und dem akademischen Schreiben zu sprechen, weil wir den Praxisbezug betonen wollen. Auch wenn das akademische Schreiben noch nicht der Wissensproduktion außerhalb der Hochschule dient, so sind die hier erlernten Techniken doch Teil des wissenschaftlichen Arbeitens, das nach dem Studium in Praxis und Wissenschaft angewandt werden kann.
Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet, dass du deinen Denk- und Schreibprozess transparent gestaltest, sodass dieser auch für Dritte nachvollzieh- und überprüfbar ist. Es geht darum, dass die Lesenden zuordnen können, welche Perspektive von welcher Person stammt (Zitieren) und auf welcher Grundlage (Methode(n), Literaturauswahl) du zu deinen Ergebnissen und Schlussfolgerungen gekommen bist. Um deutlich zu machen, was mit Transparenz in diesem Zusammenhang gemeint ist, stellen wir hier zunächst den Dreischritt des wissenschaftlichen Arbeitens vor: „Befragen, Belegen, Begründen“.
I Befragen
Das Befragen bezieht sich sowohl auf deine Perspektive (Motivation) als auch auf die Perspektiven von Autor*innen/Expert*innen (Argumentation), die du in deine Arbeit aufnimmst.
Zu Beginn des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses wählst du ein Thema, formulierst die Fragestellung und wählst eine passende Methode zur Beantwortung aus.
Frage dich, was deine Motivation ist, ausgerechnet dieses Thema zu wählen und wie die von dir ausgewählten Quellen zur Bearbeitung beitragen können. Hilfreiche Fragen dafür können sein:
- Warum möchte ich dieses Thema bearbeiten? (Motivation)
- Was weiß ich schon? (Methoden/Theorien/Recherche)
- Wo bin ich noch unsicher? (Theoriebezüge, Methodenauswahl, generelle Herangehensweise)
Durch das Befragen nimmst du eine aktive Position ein. Durch die Entscheidung für ein Thema und die Art und Weise (Methoden/Literaturauswahl), wie du dieses bearbeitest, verortest du dich im wissenschaftlichen Kontext und machst transparent, aus welcher Position du sprichst. Auf diese Weise tritt dein „Ich“ in Erscheinung. Deine Gedanken und Überlegungen sind das Fundament für deine Arbeit.
II Belegen
Die Aussagen und Argumente Dritter, die du verwendest, musst du anhand von Quellennachweisen belegen. Dieses Belegen wird als Zitieren bezeichnet. Durch das Zitieren können Aussagen von Behauptungen unterschieden werden. Quellen können fast alle Dokumente sein – schriftliche und auch mündliche – die du verwendest, um zu zeigen, dass deine Argumente auf bereits bestehenden Theorien/Gedanken oder Studien basieren. Je nachdem, ob du deine Arbeit auf Grundlage von Literatur schreibst oder ergänzend eigene Daten erhebst (in Form von Interviews oder Fallbeobachtungen), sind folgende Quellen möglich:
- ein Interview/ein Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs/Filme,
- Fachliteratur, Sammelbände, Artikel aus Fachzeitschriften, E-Books,
- Zeitungsartikel, Blogbeiträge, Social-Media-Beiträge.
Mehr zu Quellen und was du bei der Auswahl der Quellen beachten solltest, findest du in Kapitel 3.4.
III Begründen
Alles, was du in deine Arbeit aufnimmst, sollte deine bewusste Entscheidung sein. Dadurch wirst du sichtbar. Du kannst deine Gedanken begründen, indem du die von dir ausgewählten Quellen in die Argumentationsfolge einbettest, Zitate wählst, welche die Inhalte ergänzen, indem du begründen kannst, warum du dich für eine bestimmte Methode entschieden und warum du welche Literatur und welche Autor*innen ausgewählt hast. Weiterhin kannst du begründen, welche Relevanz deine persönliche Erfahrung, der Aufbau deiner Gliederung, die Auswahl deiner Interviewpartner*innen in Bezug auf dein Thema und Fragestellung hat.
Auch sollte für die Lesenden ersichtlich sein, dass alles, was du in deiner Arbeit zu Papier bringst, direkt zur Beantwortung deiner Fragestellung beiträgt.
Bei all diesen Schritten kannst du textgenerierende Tools als Unterstützung nutzen, um den Ausdruck zu schärfen oder auch eine Argumentation stringent aufzubauen. Recherche-Tools wie Research Rabbit können dir auch einen Überblick über die Zusammenhänge mancher publizierter wissenschaftlicher Untersuchungen geben. Wie du dabei deine Perspektive beibehältst und auch durch den Text transportierst ist eine der spannendsten Fragen beim wissenschaftlichen Arbeiten.
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Marlene Pardeller, Alice Salomon Hochschule Berlin
Silke Abendschein, Alice Salomon Hochschule Berlin
… finden Sie auf unserem Blog unter „Geblättert“.

Silke Abendschein, Marlene Pardeller: