Traumasensibel arbeiten – so gelingt es

Leseprobe Nikitsin u.a. (Hrsg.) Traumasensibel arbeiten

In vielen Tätigkeitsfeldern der Psychosozialen Beratung und der Sozialen Arbeit sind die Fachkräfte mit Klient*innen konfrontiert, die durch traumatische Ereignisse belastet und geprägt sind. Doch wie können Fachkräfte in der Traumahilfe unterstützt werden, die psychosoziale Komplexität traumatischer Erfahrungen besser zu verstehen und wirksam zu handeln? Traumasensibel arbeiten. Perspektiven einer Psychosozialen Traumatologie von Claudia Nikitsin, Maike Stern, Eddie Hartmann und Jürgen Beushausen (Hrsg.) erörtert diese Frage und versammelt hierzu Aufsätze zur Weiterentwicklung der psychosozialen Traumatologie. Eine Leseprobe.

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Traumasensibel arbeiten: Einleitung der Herausgeber*innen

Claudia Nikitsin, Maike Stern, Eddie Hartmann, Jürgen Beushausen  

 

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen Praxiserfahrungen von Fachkräften der Sozialen Arbeit und der Psychosozialen Beratung im Umgang mit traumatisierten Klient*innen sowie die unterschiedlichen Herausforderungen, die sich hieraus für soziale Hilfeberufe ergeben.1 Diese Herausforderungen betreffen Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern, z.B. der Jugendhilfe, der Schulsozialarbeit, der Männerarbeit, der Migration oder der Telefonseelsorge. Aus den vielfältigen Erscheinungsformen von Traumatisierungen ergeben sich komplexe Anforderungen an die professionelle Praxis, auf die besagte Fachkräfte oft nicht ausreichend vorbereitet sind. Mangelnde Kenntnisse und Erfahrungen in traumasensiblen Formen der Beratung und psychosozialen Unterstützung können dazu führen, dass insbesondere traumabedingtes Leiden bei Klient*innen übersehen und in der Folge sogar unfreiwillig verlängert wird. Um dies zu verhindern, bedarf es einer traumasensiblen Sozialen Arbeit, die sich sowohl in den professionellen Strukturen der sozialen Hilfesysteme als auch in den Ausbildungsstrukturen sozialer Hilfeberufe langfristig etabliert. Mit diesem Buch möchten wir diesen Bedarf gezielt adressieren und dazu beitragen, die Idee einer psychosozialen Traumatologie weiterzuentwickeln (Schulze et al. 2023; Beushausen 2024). Diese kann als konzeptuelle Grundlage für eine traumasensible Soziale Arbeit betrachtet werden. Eine psychosoziale Traumatologie ermöglicht es, die im Feld der Sozialen Arbeit gängigen Ansätze professioneller Traumaarbeit wie der Traumapädagogik, der Traumatherapie und der Traumaberatung mithilfe einer übergreifenden Perspektive zu integrieren, indem vor allem die gesellschaftliche und somit lebensweltliche Einbettung von Traumaphänomenen in den Mittelpunkt gerückt wird.

Das Buch knüpft damit zugleich an aktuelle Forschungsdiskussionen an, in denen die historische Entwicklung des Traumabegriffs im Zusammenhang mit unterschiedlichen sozialen Kontexten und gesellschaftlichen Veränderungen untersucht wird. Denn nicht zuletzt der Traumabegriff selbst hat seit der Einführung der Diagnosekategorie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) durch die amerikanische Psychiatriegesellschaft im Jahr 1980 eine eindrucksvolle und zugleich spannungsreiche Karriere durchlaufen. Als wissenschaftliche Kategorie hat der Begriff über die vergangenen Jahrzehnte eine kontinuierliche Ausweitung erfahren, die sich nicht zuletzt an den regelmäßigen redaktionellen Überarbeitungen in den internationalen Diagnosehandbüchern DSM und ICD ablesen lässt. Diese konzeptionelle Ausweitung des Traumabegriffs als medizinisch-psychiatrischer Diagnosekategorie kann jedoch nicht losgelöst von sozialen, politischen und rechtlichen Entwicklungen betrachtet werden. Sie wird streng genommen erst vor dem Hintergrund einer allgemeinen historischen Entwicklung verständlich, die auch auf einen umfassenderen Wandel der gesellschaftlichen Moralvorstellungen hindeutet (Fassin/ Rechtman 2009: 276). So lässt sich über die vergangenen Jahrzehnte u.a. eine wachsende Sensibilität für die moralischen Ansprüche derer beobachten, denen psychisches Leid widerfahren ist (z.B. Betroffene von sexualisierter Gewalt gegen Kinder im Kontext kirchlicher Einrichtungen). Dank dieser Entwicklung kann heute zahlreichen Menschen der Status von Betroffenen sowohl physischer als auch psychischer Verletzungen offiziell zuerkannt werden, denen dieser Status noch vor wenigen Jahren verwehrt geblieben wäre. Die Ausweitung des medizinischen Traumabegriffs ist so gesehen immer schon eng verstrickt mit übergreifenden gesellschaftlichen Debatten über die Glaubwürdigkeit von Opfern unterschiedlichster Verletzungserfahrungen (siehe hierzu den Beitrag von E. Hartmann).

Allerdings erfreut sich der Traumabegriff mittlerweile nicht nur einer erhöhten Aufmerksamkeit in wissenschaftlichen Fachdisziplinen wie dem internationalen Feld der Psychotraumatologie. Vielmehr scheint die Rede von Trauma und Traumatisierung längst die Alltagssprache vieler Menschen erreicht zu haben, wodurch er zunehmend auch das kulturelle Selbst- und Weltverhältnis vieler Menschen zu beeinflussen vermag. In den 1980er-Jahren konnte noch keine Rede davon sein, dass der Traumabegriff auch über internationale Fachkreise der Psychiatrie und der Psychologie hinaus überhaupt Verwendung fand. Heute hingegen werden Geschehnisse, die als mehr oder weniger belastend gelten, immer häufiger auch als „traumatisch“ bezeichnet – ganz unabhängig davon, ob tatsächlich eine posttraumatische Belastungsstörung im klinischen Sinne vorliegt. Kritiker*innen dieser Entwicklung sehen darin eine Art von moderner „Trauma-Kultur“ (Kaplan 2005), die sich vor allem in Literatur und Medien verbreite und darauf hindeute, dass es dem Traumabegriff durch seinen inflationären Gebrauch mittlerweile an begrifflicher Präzision und moralischem Unterscheidungsvermögen mangele. Mit Anne Rothe ließe sich diese kulturkritische Skepsis an einer vermeintlichen Entgrenzung des Traumabegriffs und einer damit verbundenen Ausweitung von Opferkategorien auf eine griffige Formel bringen: „Trauma culture is characterized by the conflation of suffering and victimhood as everyone who suffers is considered a victim. The quintessential trauma culture notion of, I suffer, therefore I am‘ can thus be extended as ,I suffer, therefore I am a victim‘” (Rothe 2011: 52). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass im DSM-IV zwischenzeitlich ein subjektiver Erlebensfaktor als Ursachenkriterium für Traumata aufgenommen worden war, bevor dieser in der fünften Auflage wieder herausgenommen wurde. So heißt es im DSM-IV zum sogenannten A2- Kriterium: „The person’s response to the event must involve intense fear, helplessness, or horror” (APA 1994: 463). In der fünften Auflage des DSM wird diese Einbeziehung von subjektiv empfundenen emotionalen Komponenten der Traumatisierung explizit wieder zurückgenommen: „Emotional reactions to the traumatic event (e.g., fear, helplessness, horror) are no longer a part of Criterion A” (APA 2013: 274). Der Versuch, die Traumaursache wieder allein objektiv zu bestimmen, zielt also möglicherweise auch darauf ab, einer selbst in medizinisch-psychiatrischen Traumakonzeptionen zu beobachtenden Ausweitung des Traumabegriffs entgegenzuwirken.

Die verbreitete Skepsis gegenüber einer vermeintlichen Entgrenzung des Traumabegriffs mag bisweilen gerechtfertigt sein. Zugleich aber steht sie im Widerspruch zu diversen Praxisfeldern, in denen Fachkräfte mit den komplexen Anforderungen an einen professionellen Umgang mit traumatisierten Klient* innen konfrontiert sind, ohne dafür passend ausgebildet und entsprechend sensibilisiert zu sein. Mit diesem Band möchten wir dazu beitragen, die Traumasensibilität von Fachkräften aus Praxisfeldern der Sozialen Arbeit zu erhöhen, ohne dabei die Problematik eines inflationären Gebrauchs von Traumakategorien auszublenden. Fachkräfte aus den genannten Arbeitsfeldern sind regelmäßig mit Klient*innen konfrontiert, die durch traumatische Ereignisse belastet und geprägt sind. Diese Klient*innen benötigen vor allem eines: kompetente Fachkräfte mit der Fähigkeit, eine traumasensible beraterische Haltung nicht nur einzunehmen, sondern diese auch in die Praxis umsetzen zu können. Doch diese Kompetenz fehlt in Bereichen der Psychosozialen Beratung und der Sozialen Arbeit nach wie vor. Es mangelt an entsprechenden Fachkenntnissen und auch an Erfahrungen, eine traumasensible Haltung in professionelles Handeln umsetzen zu können (siehe hierzu die Beiträge von M. Stern und S. Kroes). Zudem sorgen weder die professionellen Strukturen der sozialen Hilfesysteme noch die Ausbildungsstrukturen in der Sozialen Arbeit und der Psychosozialen Beratung aktuell dafür, dass sich traumasensible Formen der Unterstützung in diesen Praxisfeldern zuverlässig etablieren können. Im Gegenteil: Mangelnde Traumasensibilität unter Fachkräften führt häufig dazu, dass psychisches Leid von Traumatisierten ausgerechnet durch jene Institutionen und Hilfesysteme verlängert wird, die eigentlich die in diesen Fällen dringend benötigten Formen der psychosozialen Unterstützung bereitstellen sollten (Louw/Schwabe 2019; Kupfer/Enge 2023; Gahleitner et al. 2025). Eine Ausnahme bilden hier vor allem jene Institutionen, die sich ausdrücklich der professionellen Traumarbeit wie der Traumaberatung, der Traumapädagogik oder der Traumatherapie widmen.

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1 Die in dem Buch beschriebenen Herausforderungen erweisen sich auch für andere Berufsgruppen als relevant, die nicht der Sozialen Arbeit oder der psychosozialen Beratung im engeren Sinne zuzuordnen sind, die jedoch im Sinne sozialer Hilfeberufe ebenfalls Umgang mit traumatisierten Menschen haben können. Hierbei denken wir beispielsweise an Berufstätige aus der Heilpädagogik, der Motologie oder der Ergotherapie.

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Cover: Traumasensibel arbeitenClaudia Nikitsin, Maike Stern, Eddie Hartmann, Jürgen Beushausen (Hrsg.):

Traumasensibel arbeiten. Perspektiven einer Psychosozialen Traumatologie

auch im Open Access verfügbar

 

 

 

Die Herausgeber*innen

Claudia Nikitsin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Technische Hochschule Deggendorf

Maike Stern, B.A. Früh- und Kindheitspädagogik, M.A. Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit, Leitung einer Hamburger Kita

Dr. habil. Eddie Hartmann, Wissenschaftlicher Projektleiter, Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur

Prof. Dr. Jürgen Beushausen, Diploma Hochschule, Familien- und Traumatherapeut

 

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© Titelbild gestaltet mit canva.com