Wie beeinflussen Peers die politische Orientierung junger Menschen?

Leseprobe Grunert u.a. (Hrsg.), Peers als Arenen politischer Sozialisation

Wie bilden junge Menschen ihre politische Orientierung? Welche Rolle spielen Peers dabei?

Peers als Arenen politischer Sozialisation. Rekonstruktive Analysen zu politischen Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen von Cathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger, Katja Ludwig, Kilian Hüfner und Marco Schott (Hrsg.) analysiert Gruppenkontexte von Parteijugenden, sozialen Bewegungen und Vereinen bis hin zu informellen, jugendkulturellen Zusammenschlüssen. Im Zentrum steht die Frage, welche Bedeutung diese Konstellationen für die Herausbildung politischer Orientierungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter haben. Eine Leseprobe.

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Peers als Arenen politischer Sozialisation. Einleitung

Heinz-Hermann Krüger, Cathleen Grunert, Katja Ludwig, Kilian Hüfner & Marco Schott

Der Titel und der Untertitel des hier vorgelegten Buches deuten bereits die thematischen Schwerpunkte an, die in diesem Band angesprochen werden: Untersucht werden die politischen Praxen, Orientierungen, Weltanschauungen und gesellschaftlichen Ordnungsentwürfe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unterschiedlichen Peerkontexten. Im Unterschied zu quantitativen Studien (etwa Baumert et al. 2016; Schneekloth/Albert 2019), die Politik primär im Rahmen staatlicher Institutionen und formalisierter Strukturen verorten, orientieren wir uns – in Anlehnung an theoretische Überlegungen in der qualitativen Jugendforschung (etwa Helsper et al. 2006; Nohl 2022; Walther 2024; Grunert et al. 2026) – an einem breit gefassten Politikbegriff. Dieser umfasst auch kollektiv bindende Entscheidungsprozesse von jungen Menschen, etwa in den Mikrowelten der Peers oder der Familie als Ausdrucksformen des Politischen begreift. Wir beziehen uns damit nicht nur auf klassische Formen politischen Engagements – von Parteiarbeit bis hin zu Demonstrationen. Vielmehr können darüber auch andere Aktivitäten Jugendlicher, wie etwa kontroverse Diskussionen über selbst verfasste Beiträge in den Sozialen Medien oder auch das scheinbare ‚Rumhängen‘ von Jugendlichen, mit dem gleichzeitig das Kümmern um die Sauberkeit ihres Skateplatzes einhergeht, in ihrem Gehalt als Bedeutungshorizonte des Politischen befragt werden.

Die sozialen Arenen der Peers, wie sie in diesem Buch mit Blick auf die politischen Praxen und Orientierungen von jungen Menschen untersucht werden, können durch die Kriterien von Gleichartigkeit, Gleichaltrigkeit oder Gleichgesinntheit bestimmt werden (Köhler/Krüger/Pfaff 2016: 11). Dabei lassen sich vier Varianten von Peerbeziehungen unterscheiden: erstens dyadische Freundschaftsbeziehungen, die durch Offenheit und Vertrautheit gekennzeichnet sind; zweitens informelle Gruppen oder Cliquen in außerschulischen, schulischen oder nachschulischen Kontexten, deren Mitgliedschaft zumeist auf Freiwilligkeit basiert; drittens organisierte Gruppen etwa in Vereinen oder Parteien, die eine gemeinsame Aufgabe verbindet, und viertens größere eher lose Interaktionsgeflechte, die durch oberflächlichere Beziehungen und eine hohe Fluktuation charakterisiert sind (Krüger 2016a: 38).

In unserer qualitativen Studie haben wir sowohl informelle als auch organisierte Gruppen untersucht und dabei auch die Übergänge zu dyadischen Freundschaftsbeziehungen und zu größeren sozialen Netzwerken mit in den Blick genommen. Vor dem Hintergrund unseres weiten Verständnisses von Politik besteht das Sample auf Ebene der informellen Gruppen sowohl aus solchen mit deutlichen politischen Bezugnahmen, etwa in Form eindeutig rechter oder linker politischer Werthaltungen, aber auch aus solchen Gruppen wie z.B. Skater, Gamer oder Schulfreunde, die prima vista kaum gesellschaftlich-politische Bezüge aufweisen. Auf der anderen Seite haben wir organisierte Gruppen aus unterschiedlichen Parteijugend- oder Migrant:innenorganisationen untersucht, die zumeist politisch-gesellschaftliche Themen nach außen tragen, daneben aber auch stärker formalisiert zusammengesetzte Gruppen wie etwa die Feuerwehrjugend, die prima vista kaum politische Bezüge haben.

Wir werden im Folgenden den aktuellen Forschungsstand zu politischen Einstellungen, Praxen und Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einem besonderen Fokus auf Gruppen- und Peerzusammenhänge in groben Zügen skizzieren. Daran anschließend stellen wir die Ziele, theoretischen Bezüge und das methodische Design der von uns durchgeführten qualitativen Studie vor, auf deren Materialien sich die in den weiteren Kapiteln dargestellten Rekonstruktionen und Ergebnisse stützen. Abschließend wird kurz in die Reihenfolge und inhaltlichen Schwerpunkte der in diesem Band versammelten Beiträge eingeführt.

 

1 Studien zu politischen Einstellungen, Praxen und Orientierungen von jungen Menschen insbesondere in Gruppen

Das Thema Jugend und Politik gehört in der Jugendforschung zu jenen Forschungsfeldern, die seit der Nachkriegszeit mehr oder weniger kontinuierlich bearbeitet worden sind. Bereits 1957 fragte Schelsky auf der Basis der Emnid-Daten nach der Integrationsbereitschaft der Jugend in die noch junge westdeutsche Demokratie. Auch im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung und der aufflammenden rechtsradikalen Gewalt in den 1990er-Jahren setzte für gut ein Jahrzehnt ein Boom von vor allem quantitativen Studien ein, die sich mit den Lebenslagen, Wertvorstellungen und politischen Einstellungen von Jugendlichen befasst haben (etwa Jugendwerk der Deutschen Shell 1992; Heitmeyer et al. 1998; Gille/Krüger 2000), die jedoch im Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende kaum fortgeführt wurden. Erst in jüngerer Zeit wurden wieder vermehrt quantitative Jugendsurveys realisiert, die auf der Basis von Zeitreihendaten auf eine deutliche Zunahme des politischen Interesses von Jugendlichen seit der Jahrtausendwende hinweisen (Shell Deutschland 2019; Kuger/Gille 2020). In der aktuellen Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2024 setzt sich dieser Trend fort: 50 Prozent der befragten 12- bis 25-Jährigen bezeichnen sich als politisch interessiert. Dieses Ergebnis wird von den Autor:innen der Studie vor dem Hintergrund der Auswirkungen der gegenwärtigen vielfältigen ökonomischen und politischen Krisenprozesse und kriegerischen Konflikte in der Weltgesellschaft verortet (Albert/Quenzel/Schneekloth 2025: 127). Bestätigt wird von der aktuellen Shell Jugendstudie auch der aus früheren Erhebungen bekannte Befund, dass Jugendliche aus höheren Bildungsgängen stärker politisches Interesse äußern, während sich hingegen zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen im Vergleich zu früheren Studien keine nennenswerten Unterschiede mehr feststellen lassen (ebd.: 125). Hier gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass der Begriff des politischen Interesses polysemantisch aufgeladen sowie theoretisch unbestimmt ist und seine Aussagekraft oft überfrachtet bleibt (Grunert/Ludwig 2020; Grunert et al. 2026; Beitrag von Grunert/Schott/ Zocher in diesem Band).

Erstmals wurde bereits in der Shell Jugendstudie 2019 auch das Thema Populismusaffinität bei Jugendlichen untersucht, das angesichts des gravierenden Anstieges populistischer Tendenzen in vielen westlichen Gesellschaften ein wichtiges Thema in der Jugendforschung ist. In Anlehnung an die Erhebungsinstrumente von Zick et al. (2019) wurde ein Populismus-Score gebildet, der fünf Gruppen unterscheidet. Dabei gehören die „Kosmopoliten“ (12%) und die „Weltoffenen“ (27%) deutlich ausgeprägter höheren Schulformen und sozialen Schichten an, sind stärker weiblich geprägt und etwas häufiger aus Westals aus Ostdeutschland. Auf die „Populismus-Geneigten“ (24%) und die „Nationalpopulisten“ (9%) treffen genau die gegenteiligen soziodemografischen Merkmale zu (Shell Deutschland 2019: 81), so dass auch hier soziale Ungleichheiten deutlich werden. In der aktuellen Shell Jugendstudie 2024 haben sich diese politischen Positionierungen von Jugendlichen insgesamt nicht deutlich verändert. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass bei den jungen Frauen eine leichte Verschiebung nach links und bei den jungen Männern eine deutliche Verschiebung nach rechts feststellbar ist, da sich immerhin 25 Prozent der jungen Männer als ‚eher rechts‘ oder ‚rechts‘ bezeichnen (Albert/ Quenzel/Schneekloth 2025: 125).

Während sich somit einige neuere Jugendsurveys mit der Verbreitung und den Hintergründen rechtspopulistischer und rechtsextremer Einstellungen beschäftigen (auch Zick/Berghan/Mokros 2020), sind die meisten Studien aus der qualitativen Jugendforschung zu rechtsorientierten Jugendlichen in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren entstanden. Übereinstimmend stellen sie fest, dass die Verortung in der rechten Szene zumeist mit problematischen Erfahrungen in der Familie einhergehen und für den Einstieg in die Szene und die Konsolidierung der Szenezugehörigkeit die Peers eine ganz zentrale Rolle spielen (Möller 2000; Inowlocki 2000; Köttig 2004; Möller/Schuhmacher 2007).

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Cover Grunert u.a., Peers als Arenen politischer SozialisationCathleen Grunert, Heinz-Hermann Krüger, Katja Ludwig, Kilian Hüfner, Marco Schott (Hrsg.):

Peers als Arenen politischer Sozialisation. Rekonstruktive Analysen zu politischen Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

auch im Open Access verfügbar

Interview mit den Herausgeber*innen

 

Die Herausgeber*innen

Krüger, Heinz-Hermann 2026Heinz-Hermann Krüger, Dr. phil., war von 1991 bis 2016 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ist dort seitdem als Senior Research Fellow tätig.

 

 

 

Cathleen Grunert, Dr. phil., war von 2015 bis 2020 Professorin für Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen und ist seit 2020 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Soziokulturelle Bedingungen von Erziehung und Bildung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

 

 

PlatzhalterKatja Ludwig, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Soziokulturelle Bedingungen von Erziehung und Bildung“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

 

 

Kilian Hüfner, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Politische Orientierungen von Jugendlichen im Spannungsfeld von Peers und Familien“.

 

 

 

Marco Schott, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Politische Orientierungen von Jugendlichen im Spannungsfeld von Peers und Familien“.

 

 

 

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© Herausgeber*innenfotos: privat | Titelbild gestaltet mit canva.com