Open Access und Qualitätssicherung

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Fadeeva, YuliyaGastbeitrag von Dr. Yuliya Fadeeva

Dr. Yuliya Fadeeva ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Universitätsbibliothek Duisburg-Essen. Gemeinsam mit Dorothee Graf und Katrin Falkenstein Feldhoff hat sie das Buch Bücher im Open Access. Ein Zukunftsmodell für die Geistes- und Sozialwissenschaften? herausgegeben.

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Open access (OA), verstanden als der kosten- und schrankenlose[1] Zugang zu wissenschaftlichem Wissen[2], ist eines der großen aktuellen Themen im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens und in der Wissenschaftskommunikation. Ein in den Geisteswissenschaften oft angesprochener Aspekt betrifft die Qualitätssicherung von OA-Publikationen. Was steht dahinter und wie ist diese Thematik einzuordnen?

 

Publish or perish

In den Geisteswissenschaften wird ein hoher Publikationsoutput gefordert. Damit stehen sie natürlich nicht allein da, auch die MINT-Disziplinen sind dem ungeschriebenen Zwang des ,,publish or perish” ausgeliefert. Geisteswissenschaftler:innen können jedoch für ihre Forschung, den beruflichen Aufstieg oder Weiterbeschäftigung in viel geringerem Maße mit Finanzierungsquellen aus Industrie, Wirtschaft oder außeruniversitären Forschungszentren rechnen. Der sog. Mittelbau der Geisteswissenschaften ist auf die universitären Strukturen angewiesen, d.h. die wenigen, befristeten Qualifikationsstellen.[3] In dieser Zeit müssen Geisteswissenschaftler:innen möglichst viel publizieren, wenn sie auf eine weitere Zukunft in der Wissenschaft setzen. Das Reputationssystem ist durch Veröffentlichungen in peer reviewed journals und begehrten Buchreihen namhafter Verlage geprägt. Diese Publikationsformen sind kompetitiv basiert und zeichnen sich durch hohe Ablehnungsquoten aus, wobei konkrete Zahlen schwierig zu ermitteln sind und von Verlagen bzw. Zeitschriften nicht oft offen mitgeteilt werden.[4] Qualität soll durch gatekeeping erreicht werden, d.h. die Auswahl einer kleinen Anzahl der allerbesten unter den eingesendeten Arbeiten. (Die renommiertesten[5] philosophischen Zeitschriften bspw. akzeptieren weit weniger als 10 % der Einreichungen.[6]) OA stößt hier noch auf gemischte Reaktionen, obwohl es gerade für Nachwuchswissenschaftler:innen vor allem hinsichtlich der Rezeption und Verbreitung eigener Arbeiten große Vorteile bietet. Weshalb also dieses Zögern?

Das Prinzip gatekeeping macht weitere, OA-spezifische Quellen für neue Texte nicht unbedingt attraktiv. Zudem sind zwei Punkte relevant. Erstens, was OA speziell in den Geisteswissenschaften bedeutet, ist nicht eindeutig, denn es gibt eine Pluralität unterschiedlicher Textformen, Finanzierungs-, und Publikationsmodelle. Neben OA-Angeboten einiger Verlage gibt es wissenschaftsorganisiertes Publizieren (academic-led publishing), z.T. unterstützt durch externe Dienstleister, aber auch bibliothekarische Services für Repositoriumspublikationen und die digitale Verarbeitung. Zudem wächst die Zahl nicht-kommerzieller Universitätsverlage, reiner OA-Verlage[7] und unabhängiger Publikationsplattformen. Der Kenntnisstand der Geisteswissenschaftler:innen ist in dieser komplexen, unübersichtlichen Lage verständlicherweise sehr unterschiedlich. Im Zweifelsfall erscheint es daher sicherer, ihre Energie (und finanziellen Mittel) in das Vorankommen im etablierten System zu investieren. Zweitens und damit zusammenhängend, gibt es noch einige hartnäckige Vorbehalte gegenüber OA. Diese halten einer genaueren Prüfung nicht stand; hier braucht es jedoch mehr Bereitschaft und Aufgeschlossenheit gegenüber dem Thema – auch seitens der Verlage. (Genau darauf zielte das Projekt OGeSoMO.[8])

 

Einheitliche Standards? Fehlanzeige!

Einer der erwähnten Vorbehalte betrifft die ,,Qualitätssicherungs- und Kreditierungsverfahren“ (Kleineberg & Kaden 2017, 7) derjenigen OA-Modelle, die OA nicht nur als eine Zusatzkomponente des vertrauten Verlagsangebots haben. Seine Ursache hat dieser ,,zweifelhafte Ruf“ (ebd., 17) von OA zum einen in der falschen Assoziation mit predatory publishing, einer betrügerischen Praxis, die gegen hohe Summen Texte oft ohne jegliche Qualitätskontrolle publiziert. Zum anderen trägt die Pluralität geisteswissenschaftlicher OA-Publikationsmodelle zur Verunsicherung bei, weil Autor:innen einheitliche Standards fehlen, bspw. hinsichtlich der vertraglichen Bedingungen.[9] So entsteht eine suggestive Dichotomie zwischen dem vertrauten ,,closed“ Publikationsmodell mit seinem scheinbar klaren und sicheren Qualitätsversprechen mit Peer Review und dem Feld neuer, unübersichtlicher Alternativen, für deren (Peer-)Review-Status kein eingesessener Verlag steht.

Diese Dichotomie ist aus mehreren Gründen irreführend. Zum einen wird die Homogenität ,,des“ Open Access überschätzt – die Vielfalt der Publikationsmodelle ist zu groß, um sie ,,über einen Kamm zu scheren“ – und die Transparenz und Sorgfalt[10] (Pia et al. 2020) unterschätzt, der sich viele Modelle verpflichten.

Zum anderen suggeriert die Dichotomie, die Qualitätssicherung sei in der bisherigen Praxis unproblematisch. Peer Review ist jedoch kein eindeutiges Messinstrument: ,,In spite of this crucial role it plays, peer review remains critically poorly understood in its function and efficacy, yet almost universally highly regarded […].“ (Tennant & Ross-Hellauer 2020, 1) Wie komplex die Lage ist, zeigt Hirschauers Analyse der Peer-Review-Forschung am Beispiel der Sozialwissenschaften (Hirschauer 2004). Er weist methodische und soziologische Probleme auf und warnt vor einem zu simplizistischen Bild des Peer Review. Tatsächlich sollte die Beurteilung von Fachkolleg*innen (peers), auch und besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich, nicht im Sinne der unpersönlich-objektiven Nachprüfung einer Rechnung gesehen werden. Einzelne Beurteilungen und Empfehlungen sind in geringem Maße replizierbar und hoch kontextsensibel: Eine Person kann zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Urteile über denselben Text aussprechen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle (Batagelj, Ferligoj & Squazzoni 2017; Fitzpatrick 2010; Riesenweber 2014; Ross-Hellauer 2017; Tennant & Ross-Hellauer 2020), z.B. die Gewichtung einzelner Aspekte in Hinblick auf variierende Fragen (Aktualität und Diskussionsstand des Themas, Originalität der Fragestellung), Erfahrung des Reviewers oder auch sehr kontingente Umstände des Mediums, in dem der Text zur Publikation eingereicht wurde. Hinzu kommt Subjektivität in Form von impliziten oder expliziten Vorurteilen (reviewer bias), persönlichen Ansichten über das Thema, die Richtigkeit der Inhalte oder in Bezug auf die Einstellung gegenüber der Person des/r Autor:in, deren Identität sich auch nach einer möglichen Anonymisierung für Reviewer nicht immer verbergen lässt. Demzufolge entspricht das Ergebnis eines Peer Review eher einem – notwendigen – Diskurs- und Kommunikationsausschnitt, der den Kontext braucht, nämlich die Situierung in einem historischen Prozess der Wissensverbreitung, -veränderung und -akkreditierung: ,,[…] Peer Review ist kein wissenschaftliches Messverfahren für die Güte von Publikationen, sondern eine soziale Einrichtung zur Kalibrierung der Lesezeit einer Disziplin.“ (Hirschauer 2004, 62)

 

Fazit: Öffnung wissenschaftlicher Praxen

Probleme des Peer Review sind natürlich kein Argument gegen Qualitätsstandards, egal, mit welchem Publikationsmodell. OA ist in dieser Frage aber keineswegs schlechter gestellt. Zum einen kann die bisherige Peer-Review-Praxis bei Wunsch auch in OA-Publikationen fortgeführt werden. Zum anderen bietet der ideelle Gedanke hinter Open Access bzw. Open Science Vorteile in Bezug auf die kritisierten Punkte: Open Peer Review z.B. bietet durch digitale Technologien größere, schnellere und transparentere Weisen der Diskussion und Begutachtung. (Suber 2004; Fitzpatrick 2010; Ross-Hellauer 2017) Dabei können viele kompetente Reviewer in Austausch untereinander und mit Autor:innen treten, was zu einer signifikanten Verbesserung der Texte führen kann. Zentrale Nachteile der Anonymisierung, wie z.B. die Machtasymmetrie zwischen Reviewer und Autor:in, reviewer bias, häufig fehlender Austausch, können durch die Öffnung des Verfahrens eingedämmt werden. Peer Review, eine bis dahin eher versteckte, zeitaufwendige und ,,undankbare“ Arbeitsleistung, kann entsprechend Anerkennung finden und zum Teil des wissenschaftlichen Diskurses werden.

Die Öffnung wissenschaftlicher Praxen hilft einerseits, lange bekannte Probleme wie Intransparenz und unrealistische Erwartungen an die Objektivität und Autorität der Begutachtung zu adressieren. Andererseits bieten Open Access und Open Peer Review neue Möglichkeiten, die wissenschaftliche Qualitätssicherung sogar zu verbessern. Grundsätzliche Zweifel an der Qualität von Open Access lassen sich in Bezug auf Peer Review nicht begründen.

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[1] Vgl. https://openaccess.mpg.de/Berlin-Declaration oder auch https://www.budapestopenaccessinitiative.org/read.

[2] Mit „Open“ ist die Weise der Verfügbarmachung und Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse für Leser:innen gemeint. Die Publikation selbst und natürlich auch die Entstehung dieser Ergebnisse sind aber immer mit Kosten verbunden.

[3] Für einen kritischen Kommentar siehe https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/professorale-oligarchen-prekaerer-mittelbau (19.2.2021).

[4] https://philosopherscocoon.typepad.com/blog/2019/04/on-rejections-for-journal-submissions.html, https://www.lib.sfu.ca/help/publish/scholarly-publishing/radical-access/rejectionrates, (Sugimoto et al., 2013) s. z.B. entsprechende Ansagen: https://www.suhrkamp.de/manuskripte_413.html.

[5] https://leiterreports.typepad.com/blog/2018/11/best-general-journals-of-philosophy-2018.html.

[6] https://dailynous.com/2018/05/24/insanely-low-acceptance-rates-philosophy-journals/, s. auch https://dailynous.com/2016/06/07/2000-spaces-for-10000-papers-why-everything-gets-rejected-referees-are-exhausted-guest-post-by-neil-sinhababu/.

[7] Vgl. z.B. Language Science Press https://langsci-press.org oder die Scholar-led-Initiative, https://scholarled.org.

[8] https://duepublico2.uni-due.de/receive/duepublico_mods_00072237, https://duepublico2.uni-due.de/go/OGeSoMo.

[9] Damit befasst sich das BMBF-Projekt AuROA, https://www.bildung-forschung.digital/de/projektstart-20-ideen-fuer-die-transformation-zu-open-access-3660.html.

[10] Z.B. bei Open Book Publishers, https://www.openbookpublishers.com/section/138/1, https://blogs.openbookpublishers.com/reputation-reputation-reputation-quality-control-and-reward-systems.

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Literatur

Batagelj, Vladimir, Anuška Ferligoj & Flaminio Squazzoni. 2017. “The Emergence of a Field: A Network Analysis of Research on Peer Review.” Scientometrics 113 (1): 503–32. https://doi.org/10.1007/s11192-017-2522-8.

Fitzpatrick, Kathleen. 2010. “Peer‐to‐peer Review and the Future of Scholarly Authority.” Social Epistemology 24 (3): 161–79. https://doi.org/10.1080/02691728.2010.498929.

Hirschauer, Stefan. 2004. “Peer Review Verfahren auf dem Prüfstand: Zum Soziologiedefizit der Wissenschaftsevaluation.” Zeitschrift für Soziologie 33 (1): 62–83. https://doi.org/10.1186/s41073-020-00092-1.

Kleineberg, Michael & Ben Kaden. 2017. “Open Humanities? ExpertInnenmeinungen über Open Access in Den Geisteswissenschaften.” LIBREAS 32: 1–31.

Pia, Andrea E., Simon Batterbury, Agnieszka Joniak-Lüthi, Marcel LaFlamme, Gerda Wielander, Filippo M. Zerilli, Melissa Nolas, et al. 2020. “Labour of Love: An Open Access Manifesto for Freedom, Integrity, and Creativity in the Humanities and Interpretive Social Sciences.” Commonplace. https://doi.org/10.21428/6ffd8432.a7503356.

Riesenweber, Christina. 2014. “Reputation, Wahrheit und Blind Peer Review. Eine systemtheoretische Perspektive auf anonymisierte Autorschaft als Qualitätssicherungsstandard der Wissenschaften.” In Autorschaft zwischen Intention, Inszenierung und Gesellschaft, hg. v. M. Schaffrick & M. Wieland, 595–612. De Gruyter.

Ross-Hellauer, Tony. 2017. “What Is Open Peer Review? A Systematic Review.” F1000Research 6 (April): 588. https://doi.org/10.12688/f1000research.11369.1.

Suber, Peter. 2004. “Open Access Overview. Focusing on Open Access to Peer-Reviewed Research Articles and Their Preprints.” http://legacy.earlham.edu/~peters/fos/overview.htm.

Tennant, Jonathan P., & Tony Ross-Hellauer. 2020. “The Limitations to Our Understanding of Peer Review.” Research Integrity and Peer Review 5 (1): 1–14. https://doi.org/10.1186/s41073-020-00092-1.

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