Wie kann die Rolle von politischen Meinungsumfragen in der komplexen Demokratie der Moderne begriffen und gestaltet werden? Diese und weitere Fragen erörtert Michael Dormal in seinem Buch Meinungsforschung und Demokratie. Einfluss, Kritik und Wandel von Umfragen im politischen Diskurs. Eine Leseprobe.
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Meinungsforschung und Demokratie: Einleitung
Das Thema der vorliegenden Untersuchung ist das Verhältnis der Meinungsforschung zur Demokratie. Oder, genauer formuliert: zu unterschiedlichen Facetten und Konzepten der Demokratie. Faktisch ist Meinungsforschung längst ein nahezu unverzichtbar anmutender Teil der politischen Welt. Schon 1972 konnten zwei amerikanische Demoskopen1 unwidersprochen festhalten: „Polling now touches the core of our national political process – integrated intimately into almost every aspect of its workings“ (Roll und Cantril 1972, S. 12). Sogar welche Kandidatinnen bei den amerikanischen Vorwahlen Schutz vom Secret Service erhalten, entscheidet sich anhand ihrer Performance in den Umfragen, deren Durchschnitt über einem gewissen Schwellenwert liegen muss – ein Anspruch auf Schutz lag im Jahr 2020 erst vor, wenn der „average of established national polls“ die Kandidaten bei „15 % or more for 30 consecutive days“ zeigte (United States Secret Service 2020). Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler2 begegnen uns dieselben Umfragedaten fast täglich in der Forschungsliteratur. Aber auch als Bürgerinnen und Bürger tritt unsere Meinung uns regelmäßig im Spiegel demoskopischer Balken- und Liniendiagramme, Beliebtheitsrankings und dergleichen mehr als politischer Faktor entgegen. Der Siegeszug der Demoskopie nahm historisch in den 1930er Jahren von den Vereinigten Staaten seinen Ausgang. Längst handelt es sich aber um ein globales Phänomen. Bereits vor vier Jahrzehnten konnte einer der Mitbegründer der Demoskopie in Frankreich, Jean Stoetzel, daher schreiben:
„Political polling (…) today is more than an institution; it is a kind of fact of nature. It is something the French expect to find when they look out into the world, just as when you and I walk out into the street we expect to step upon a pavement“ (Stoetzel 1983, S. 18).
Es erscheint heute normal, dass man politische Meinungen nicht nur misst, wie man Luftdruck und Temperatur abliest, sondern dass man das sogar zu solchen Fragen tun kann, von denen bislang gar nicht gewusst war, dass sie sich stellen. In einem vielzitierten Artikel behauptete Philip E. Converse bereits Ende der 1980er Jahre, die Art und Weise, wie Umfragen Meinungen abbilden, entspreche längst einem globalen „consensual understanding“ (Converse 1987, S. 14).
„[O]pinion data are everywhere“, notierte auch Susan Herbst (1995, S. 175) bereits vor fast dreißig Jahren. Meinungsforschungsdaten als Form politischen Wissens sind in der Tat alltäglich präsent und werden von den Bürgerinnen und Bürgern bei jedem Blick in Zeitungen und Fernsehen mit aufgesogen, „as part of the common-sense functioning of their societies“ (Igo 2012, S. 215).
Auch politische Akteure im engeren Sinne scheinen auf immer neue Umfragedaten als Orientierungshilfe nicht verzichten zu können. Der amerika-nische Publizist Robert Updegraff schrieb bereits im Januar 1940, dass „from the White House to the Hill and down through departments and bureaus, Washington follows the polls – avidly“ (Updegraff 1940, S. 11). In Deutschland setzte sich in der CDU – die SPD zog erst wenige Jahre später nach – spätestens seit 1957 die massive Nutzung von Meinungsforschungsdaten im Wahlkampf durch (Kruke 2012, S. 94). Als kritischer Beobachter hielt das 1962 schon der junge Jürgen Habermas in seiner berühmten Analyse des Strukturwandels der Öffentlichkeit fest (Habermas 2006, S. 323f.; mit Bezug auf von Friedeburg 1961). Kurz zuvor hatte der Allensbacher Demoskop Gerhard Schmidtchen die Bundesrepublik bereits als die „befragte Nation“ beschrieben (Schmidtchen 1961). In den USA nutzte das Wahlkampfteam von John F. Kennedy zu diesem Zeitpunkt schon auf riesigen IBM-Rechnern durchgeführte Computersimulationen, die Umfragedaten aus mehreren Quellen zusammenführten (Pool et al. 1965; Lepore 2020). Mit Blick auf Frankreich spricht Loïc Blondiaux seinerseits von einer stillen Revolution, die sich hinsichtlich der Nutzung von Umfragedaten in den 1960er und 1970er Jahren vollzogen habe (Blondiaux 1998, S. 11). Seitdem hat sich der Trend keineswegs umgekehrt, sondern „the sea of polls is deeper than ever before“ (Lepore 2015). Die Zahl einschlägiger Umfragen im Vorfeld des französischen Präsidentschaftswahlkampfs etwa ist von 193 im Jahr 2002 auf 560 im Jahr 2017 hochgeschnellt (Aubin und Guyomar 2017, S. 2). Und auch die – um nur ein Beispiel aus der Bundesrepublik zu nennen – für viele Beobachter überraschende Entscheidung des damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, 2017 zugunsten von Martin Schulz auf eine Kanzlerkandidatur zu verzichten, fiel maßgeblich auf Grundlage eigens in Auf-trag gegebener Umfragen (Feldenkirchen 2018, S. 24f.).
So alltäglich Umfragen also sind, so sehr geben sie aber seit jeher auch zu erheblichem Unbehagen und zu kritischen Nachfragen Anlass. Dass „der grundlegende Wert der Demoskopie auf der Hand zu liegen scheint“ (Schmitz-Vardar 2021, S. 2), teilt nicht jeder. So beschrieb schon der oben zitierte Artikel von 1940, dass die Einstellung gegenüber den Umfragen in Amerika „ranges from enthusiasm to vehement denunciation, from the feeling that the polls are ‚a great instrument of democracy‘ to the conviction that they are ‚the most dangerous development in our political history‘“ (Updegraff 1940, S. 11). Der Meinungsforscher Frank Newport vermerkt seinerseits, dass „the history of polling is also the history of antipolling sentiment“ (Newport 2004, S. xii). Sein Kollege Kenneth Warren drückt es noch unverblümter aus. Er sei sich, so schreibt er, ziemlich sicher, dass „an enormous percentage of Americans hate pollsters“, und berichtet von Autoaufklebern mit Parolen wie „Pollsters Are Witch Doctors“ (Warren 2002, S. 1). Prominente journalistische Beobachter wie Christopher Hitchens oder Joe Klein haben auf pointierte Weise der Befürchtung Ausdruck gegeben, dass Meinungsforschung die Politik am Gängel-band führe und sie ihrer Authentizität beraube (Hitchens 1992; Klein 2008). In Frankreich haben vor allem Pierre Bourdieu und seine Schülerinnen und Schüler eine breit rezipierte Kritik der Demoskopie inspiriert (Bourdieu 2013c; Champagne 2015; Garrigou und Brousse 2011). Auch in Deutschland fehlte es nie an Vorwürfen von Seiten öffentlicher Intellektueller (exemplarisch etwa Dönhoff 1970); bis heute mokiert man sich in den Feuilletons über die „Zahlensklaven“ (Schroeder 2018). Etliche Politiker zollen diesem Unbehagen zumindest insofern Tribut, als sie ihre eigene Nutzung von Meinungsforschungs-daten öffentlich verleugnen: „I don’t need polls to tell me what to think“, behauptete beispielsweise George W. Bush öffentlichkeitswirksam anlässlich seiner Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2000 (zitiert nach Warren 2002, S. 197). Der erwähnte Martin Schulz, der seine Kanzlerkandidatur primär den Umfragen verdankte, empfand sich am Ende als deren Gefangener und machte sie für seine Niederlage mitverantwortlich (Feldenkirchen 2018, S. 246).
Regelmäßig brechen heftige Kontroversen auch immer dann auf, wenn Wahlprognosen danebenliegen – wie etwa bei der Bundestagswahl 2005, als Gerhard Schröder sich von den Demoskopen im Vorfeld zu Unrecht kleingeredet sah. Angesichts eines Ergebnisses, das enger ausfiel als vorhergesagt, war in deutschen Leitmedien danach von einem „Debakel der Demoskopen“ die Rede und Rufe nach einer gesetzlichen Einschränkung von Umfragen wurden laut (Glaab 2005, S. 469). In der Tat haben Fragen nach der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Regulierung von Umfragen deren Erfolg von Anfang an begleitet. In einigen Ländern ist aus Furcht vor ungebührlicher Einflussnahme die Publikation von Umfragedaten kurz vor Wahlen ganz untersagt. So durften in Frankreich zwischen 1977 und 2002 in der Woche vor Wahlen keine Ergebnisse veröffentlicht werden (siehe Kapitel 8). Teils wird auch vorgeschrieben, Angaben zu Auftraggeber, Stichprobe, Befragungszeitraum und Frageformulierung bei unabhängigen Aufsichtsbehörden zu archivieren. Die Gründe für diese Skepsis gegenüber den Umfragen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist dabei nicht ganz leicht. Es vermischen sich darin unterschiedliche Dinge: die Frustration gescheiterter Wahlkämpfer, die Eitelkeit sich nicht aus-reichend beachtet fühlender Intellektueller, diffuse Entfremdungserlebnisse und mehr oder weniger vage Manipulationsvorwürfe. Dass Letztere aber auch nicht immer aus der Luft gegriffen sein müssen, zeigte sich im Jahr 2021 in spektakulärer Weise, als der damalige österreichische Bundeskanzler Kurz zurücktrat, nachdem sich herausstellte, dass sein Umfeld tatsächlich manipulierte Umfragen in Auftrag gegeben und deren Publikation zudem mittels korrupter Praktiken gesteuert hatte (Bennhold 2021; Das Gupta 2021).
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1 Ich nutze die Begriffe Demoskopie und Meinungsforschung synonym. Das Wort Demoskopie wurde wohl 1946 erstmals von Stuart Dodd eingeführt, um in umfassender Weise das „observing of people by sampling“ zu bezeichnen (Dodd 1946, S. 473). Es ist jedoch, vor allem dank der Selbstbezeichnung des Allensbacher Instituts für Demoskopie (IfD), nur in Deutschland wirklich prägend geworden. In Amerika spricht man von Public Opinion Research, in Frankreich von Sondages d’Opinion, d.h. Meinungssondierungen. Zur Terminologie auch Noelle-Neumann (2006, S. 153f.).
2 Im Folgenden werden männliche und weibliche Formen entweder beide aufgeführt oder, wo es ohne Missverständnisse möglich ist, alternierend verwendet, wobei das jeweils andere Ge-schlecht mitgemeint ist.
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