Globale Trends: Wie multilaterale Zusammenarbeit Entwicklung und Frieden fördert

Interview Cornelia Ulbert Globale Trends

Die globale Ordnung steht vor großen Herausforderungen: Klimawandel, wachsende Ungleichheit und geopolitische Spannungen prägen die Schlagzeilen. Doch während viele von einer Rückkehr der Großmachtpolitik und dem Ende einer regelbasierten internationalen Ordnung sprechen, zeigt die neue Buchreihe Globale Trends: Perspektiven für Entwicklung und Frieden, wie nachhaltige Entwicklungsprozesse gefördert werden können.

Im Interview erklärt Mitherausgeberin Dr. Cornelia Ulbert, was sie zur Gründung der Reihe inspiriert hat und was Leser*innen erwarten dürfen.

 

Interview zu „Globale Trends: Perspektiven für Entwicklung und Frieden“

 

Liebe Cornelia Ulbert, worum geht es in Ihrer neuen Buchreihe Globale Trends: Perspektiven für Entwicklung und Frieden?

Die Welt scheint immer unübersichtlicher zu werden und nur noch von Konflikten und einseitiger Interessendurchsetzung, insbesondere mit militärischer Macht, geprägt zu sein. Daher ist viel die Rede von der Rückkehr der Großmachtpolitik und dem Ende einer regelbasierten internationalen Ordnung und des darauf basierenden Multilateralismus. Unsere Forschungen zeigen, dass diese Sichtweise nicht die Gesamtheit der internationalen Austauschbeziehungen widerspiegelt und multilaterale Zusammenarbeit sehr wohl weiterhin möglich ist.

Indem wir hier andere Perspektiven eröffnen, versuchen wir, Handlungsoptionen aufzuzeigen, wie Konflikte bearbeitet und vermieden werden können. Eine der besten Möglichkeiten, wie dies erreicht werden kann, ist es, nachhaltige Entwicklungsprozesse zu fördern. Der Abbau von Ungleichheiten und die Verbesserung von Lebensbedingungen weltweit kann dazu beitragen, Konfliktpotentiale zu vermindern und Gewaltausbrüche zu verhindern. Und das Wissen darüber, dass man den gegenwärtigen Entwicklungen etwas entgegensetzen kann, kann vor allem denjenigen, die politische Entscheidungen treffen, und denjenigen, die sich praktisch engagieren, auch Gestaltungsmacht geben.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, diese Reihe herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Mit der neuen Reihe gehen wir im Prinzip „zurück zu den Wurzeln“. Unsere Partnerorganisation, die Stiftung Entwicklung und Frieden (sef:), mit Sitz in Bonn und das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen gaben über viele Jahre eine Buchreihe „Globale Trends“ heraus, die zum Standardwerk für viele Mitarbeitende in Ministerien oder Nichtregierungsorganisationen geworden war. Allerdings war es sehr aufwändig, alle zwei bis drei Jahre ein derartiges Kompendium zusammenzustellen, das auf aktuellen Daten und den neuesten Berichten internationaler Organisationen basierte. Nachdem Datenbanken und Berichte aber zunehmend online und kostenfrei zugänglich geworden waren, hatten wir den Eindruck, dass wir durch die langen Produktionszeiten die notwendige Aktualität nicht mehr gewährleisten könnten und stellten die Buchreihe 2015 ein.

Bei dieser Entscheidung hatten wir allerdings einen anderen Aspekt der Buchreihe aus dem Blick verloren: die „Globalen Trends“ waren auch immer ein „Welterklärungsbuch“. Und so wurde die Idee geboren, in einem etwas kompakteren Format wieder thematisch fokussiertes Orientierungswissen in einer komplexen und volatilen Welt zu vermitteln.

 

Wie ist die Reihe konzipiert?

Mit der Reihe wollen wir auf der Basis von Daten und wissenschaftlichen Erkenntnissen längerfristige Trends erläutern, um so aktuelle Probleme, die nur global bearbeitet werden können, in einen größeren Kontext einzuordnen. Das erfordert auch von den Leser:innen, sich auf vielleicht manchmal ungewohnte Perspektiven einzulassen. Im sogenannten „Globalen Norden“ neigen wir sehr dazu, bisweilen den Blick dafür zu verlieren, dass die Welt vielfältiger ist und mehr Länder umfasst als nur die der sogenannten „OECD-Welt“, also der Welt der entwickelten Länder. Gerade in diesen Zeiten, in denen sich langjährige Gewissheiten wie ein unverbrüchliches transatlantisches Bündnis aufzulösen scheinen, kann eine derartige Blickerweiterung zu neuen Gestaltungsmöglichkeiten führen.

Da wir uns mit globalen Problemlagen entlang der vier Themenfelder „Global Governance für Entwicklung“, Frieden und Sicherheit“, „Weltwirtschaft“ und „Umwelt und natürliche Ressourcen“ beschäftigen, erscheint die Reihe zweisprachig in Deutsch und Englisch sowie Open Access, um möglichst vielen Menschen den Zugang dazu zu ermöglichen. Nachdem es immer noch sehr aufwändig ist, die Publikation mit aufbereitetem Datenmaterial und Abbildungen zu erstellen, planen wir einen zweijährlichen Erscheinungsrhythmus. Ziel der Reihe ist es, den Stand der Forschung auch für Nicht-Expert*innen verständlich aufzubereiten und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Letztendlich sollen die Leser*innen in die Lage versetzt werden, selbst informierte Entscheidungen zu treffen.

 

Der erste Band greift das Thema Multilaterale Kooperation für Mensch und Planet auf. Warum haben Sie diesen Fokus gewählt?

Es ist unbestritten, dass sich globale Machtstrukturen und damit einhergehende Ordnungsvorstellungen ändern, auch autokratische Tendenzen nehmen weltweit zu. Daher wird verständlicherweise viel darüber debattiert, wie es um die multilaterale Zusammenarbeit steht und ob diese überhaupt noch eine Zukunft hat.

Nicht nur in Europa wird derzeit viel in militärische Aufrüstung investiert. Jenseits etwaiger militärischer Sicherheitsbedrohungen bestehen allerdings viele drängende Probleme weiter oder verschärfen sich, wie etwa die Folgen des Klimawandels. Deren gemeinsame Bearbeitung bietet Möglichkeiten, Ungleichheiten weltweit abzubauen, und die Lebensbedingungen von Menschen innerhalb planetarer Grenzen zu verbessern. Wir wollen aufzeigen, dass es jenseits unilateraler Machtpolitik „Möglichkeitsräume“ für einen Austausch über unterschiedliche Interessen gibt, in denen multilaterale Aushandlungsprozesse stattfinden können.

 

Darum sind wir Autor*innen bei Budrich

Als Wissenschaftler*innen wollten wir unsere Forschungsergebnisse in einem Wissenschaftsverlag veröffentlichen, der auch international tätig ist. Dabei war es uns gleichzeitig wichtig, den „kurzen Draht“ zu einer verlässlichen Ansprechperson zu haben, die den Herstellungsprozess transparent koordiniert. Zudem war auch unser Zeitplan ambitioniert, weil wir eine gewisse Aktualität wahren wollten. Im Verlag Barbara Budrich haben wir den entsprechenden Partner gefunden, der alle Leistungen vom Lektorat über die Erstellung der Grafiken und der Druckfassung aus einer Hand bot und zügig umsetzte – und dies auch mit dem Qualitätsanspruch, der für uns wichtig ist.

 

englischsprachige Ausgabe: Global Trends: Prospects for Development and Peace. Multilateral Cooperation for People and Planet

beide Bände im Open Access verfügbar

 

Die Interviewpartnerin

Ulbert, Cornelia 2026 © Foto Agentur Ruhr Bettina Engel-Albustin

Dr. Cornelia Ulbert ist seit 2006 Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen und promovierte Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte liegt im Bereich Global Governance und hierbei insbesondere auf nicht-hierarchischen Formen des Regierens, Prozessen der Regelsetzung (Norm-Setting) und Regeldurchsetzung (Compliance). Sie untersucht unter anderem die Rolle privater Akteure und die Frage der Beteiligung von Zivilgesellschaft an globalen Politikprozessen, vor allem in der globalen Gesundheitspolitik.

Ihre wissenschaftlichen Stationen umfassen die Universitäten Mannheim und Konstanz, das Europäische Hochschulinstitut Florenz sowie die Freie Universität Berlin.

 

Über „Globale Trends: Perspektiven für Entwicklung und Frieden“

Angesichts sich wandelnder globaler Machtstrukturen und Ordnungsvorstellungen zeigt die Reihe auf, dass regelbasierte Zusammenarbeit weiterhin notwendig und möglich ist, um die vielfältigen globalen Herausforderungen anzugehen. Auf der Grundlage längerfristiger Trends erläutern die Beiträge, wohin sich eine gemeinsame globale Problembearbeitung in ausgesuchten Themenfeldern entwickeln kann.

 

© Foto Cornelia Ulbert: Agentur Ruhr, Bettina Engel-Albustin | Titelbild gestaltet mit canva.com