Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder

Bertram Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit. „Die eigentlichen Herausforderungen werden auf die nächste Generation verschoben.“

Wenn Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit mehr sein sollen als politische Schlagwörter, müssen sie die Lebenslagen von Kindern heute ernst nehmen. Hans Bertrams neues Buch „Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder“ zeigt, warum genau das bislang zu selten geschieht – und bestehende Ungleichheiten dadurch weiter verschärft werden.

Eine Leseprobe.

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1 Generationengerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Gesinnungsethik

Die treibende Kraft des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels ist der fortlau­fende Wechsel von Generationen1. Jede Generation übernimmt gesellschaftliche Strukturen, Werte und Ressourcen von ihren Vorgängern, interpretiert sie neu und gibt sie verändert an die nachfolgende Generation weiter. Da laut Mannheim jede Generation für die Erneuerung verantwortlich ist, trägt sie auch Verantwortung für die Bedingungen, unter denen zukünftige Generationen leben werden. Gene­rationengerechtigkeit bedeutet in diesem Sinne, dass jede Generation ihre gesell­schaftlichen, ökologischen und ökonomischen Entscheidungen so trifft, dass sie die Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten nachfolgender Generationen nicht einschränkt.

Um diese Generationenverantwortung auch in handlungsleitende Politik zu übersetzen, haben die Staaten 17 Nachhaltigkeitsziele2 vereinbart, die sie entspre­chend ihren Möglichkeiten in ihrem jeweiligen Staatsgebiet erreichen wollen. Die­se3 Ziele sind integriert, unteilbar und gleichwertig.

Die zentralen Voraussetzungen für die kindliche Entwicklung sind Chancen­gleichheit, Gesundheit und das Aufwachsen ohne Armut. Sicherere Beziehungen zu den Eltern und dem näheren Lebensumfeld sowie das Gefühl, sich sicher in einer Gesellschaft bewegen zu können, spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Alle Gesellschaftsmitglieder sollen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Möglichkeiten haben. Der Ressourcenverbrauch in einer Vielzahl von Ländern und die Bevölkerungsentwick­lung in anderen Ländern müssen sich so entwickeln, dass die Erde auch für kom­mende Generationen lebenswert bleibt.

Die Themen Chancengleichheit, Gesundheit, Armut, Beziehungssicherheit, Geschlechtergerechtigkeit und Ressourcenverbrauch wurden bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ausführlich diskutiert. Das Buch „Bildung ist Bür­gerrecht, das Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik“ erschien 1965. Die Gren­zen des Wachstums wurden 1972 veröffentlicht. Ein Jahr später erschien Alice Schwarzers Frauenarbeit – Frauenbefreiung. Der zweite Familienbericht der Bun­desregierung über die wirtschaftliche Lage der Kinder und ihre Benachteiligung sowie über die Bedeutung der familiären Sozialisation wurde damals intensiv zur Kenntnis genommen und diskutiert. Da diese Arbeiten öffentlich und politisch dis­kutiert wurden und auch zahlreiche Maßnahmen entwickelt wurden, um die dort aufgezeigten Defizite zu überwinden, stellt sich die Frage, warum heute immer noch die gleichen Probleme mit fast identischen Analysen thematisiert werden. Die damaligen Analysen waren schlüssig, wurden in der Forschung weitgehend akzep­tiert und enthielten auch eine Fülle sehr konkreter Vorschläge, wie die Politik da­mit umgehen sollte. Es gab zwar eine Fülle von Veränderungen, doch diese waren offenbar nicht so wirksam, dass sie die oben genannten Probleme tatsächlich gelöst hätten. Mit dieser Frage beschäftigt sich dieses Buch.

Die Kernthese ist, dass die Wissenschaft und teilweise auch die Politik an den Lösungsvorschlägen und Analysen der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhun­derts festgehalten haben, ohne zu überprüfen, ob die damals vorgeschlagenen Wege richtig waren oder heute noch zur Lösung herangezogen werden können. Denn nach Poppers Falsifikationstheorem sind wissenschaftliche Theorien immer nur so lange gültig, wie sie einer Überprüfung an der Realität standhalten. Wenn man an einer Theorie festhält, obwohl die Realität sie widerlegt hat, weil man von den guten Absichten oder Zielen dieser Theorie überzeugt ist, handelt man im Sin­ne der Gesinnungsethik. Das gesinnungsethische Festhalten an einer widerlegten Theorie oder an bestimmten Prinzipien, weil man von deren moralischer Richtig­keit überzeugt ist, birgt die Gefahr, dass konkrete Probleme nicht gelöst, sondern nur vertagt werden. Die eigentlichen Herausforderungen bleiben bestehen und werden so auf die nächste Generation verschoben, statt im Hier und Jetzt verant­wortungsvoll und effizient angegangen zu werden. Gesinnungsethik kann so unge­wollt dazu führen, dass Lasten und ungelöste Probleme in die Zukunft verschoben werden, anstatt nachhaltige Lösungen zu schaffen. Wenn die aktive Generation aus gesinnungsethischen Gründen Probleme nicht löst, sondern vor sich herschiebt, handelt sie unverantwortlich gegenüber der nachwachsenden Generation. Sie ent­zieht sich der Verantwortung für nachhaltige Lösungen und überlässt die Folgen und Lasten ihres Handelns den nachfolgenden Generationen. Dies verletzt das Prinzip der Generationengerechtigkeit und gefährdet die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft.

Das ist eine harte Kritik, weshalb ich mich bei der Anlage des Buches und in der Durchführung der Untersuchung für einen Dreischritt entschieden habe: In einem ersten Schritt werden die Themenfelder der Nachhaltigkeitsziele empirisch aufge­arbeitet und überprüft. In einem zweiten Schritt wird diese Analyse auf der Ebene des Gesellschaftssystems getestet, um dann in einem dritten Schritt auf einer eher wissenschaftstheoretischen Ebene das Festhalten an bestimmten Argumentatio­nen kritisch zu hinterfragen. Die erkenntnisleitenden Hypothesen für die einzelnen Bereiche werden im Folgenden bereits kurz aufgelistet, sodass die Perspektive für die jeweiligen Schritte nachvollziehbar sein sollte.

 

Das Nachhaltigkeitsziel Bildung (SDG 4) (Chancengleichheit)

Das Nachhaltigkeitsziel Bildung soll in Deutschland durch eine Öffnung der wei­terführenden Schulsysteme erreicht werden. Der Anteil der Abiturienten am jeweiligen Altersjahrgang ist deutlich gestiegen. Die Chancenungleichheit ist je­doch geblieben. Immer mehr Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern konnten das Gymnasium besuchen und die Hochschulreife erwerben. Diese Expansion ist darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Abiturienten zugenommen hat und die Notendurchschnitte angestiegen sind, obwohl die Kompetenzen in den Fächern Mathematik und Deutsch in allen internationalen Ländervergleichen rückläu­fig sind. So gibt es Bundesländer, in denen der Anteil der Abiturienten mit Noten zwischen 1 und 1,9 in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat, während gleichzeitig die Zahl der Jugendlichen, die in Mathematik und Deutsch zur Spitzengruppe gehören, abgenommen hat. Die Ungleichheit hat sich nicht ver­ringert. Ob die Offenheitshypothese richtig ist, wurde nicht überprüft. Empirisch ist sie jedenfalls falsifiziert.

 

Das Nachhaltigkeitsziel Gesundheit

In keinem Bereich zeigt sich so deutlich, wie sehr die heutige politische Generation alle Lasten auf die nachfolgenden Generationen abwälzt, wie im Gesundheitswe­sen. Obwohl die Menschen nicht nur älter, sondern auch viel gesünder geworden sind und die Gruppe der körperlich schwer arbeitenden Menschen viel kleiner ge­worden ist als zu Beginn des Rentensystems 1957, hält die Politik weiterhin an dem Irrglauben fest, dass sie der älteren Generation etwas Gutes tut, wenn sie ein fe­stes Renteneintrittsalter und einen möglichst frühen Renteneintritt vorsieht. Diese Annahme ist empirisch widerlegt. Schweden hat die höchste Lebenserwartung in Europa und auch die längste Lebensarbeitszeit für Männer und Frauen in Europa. Eine Hypothese kann durch einen Realitätscheck falsifiziert werden, daher wird Schweden mit Deutschland verglichen und ein besonderes Augenmerk auf die ge­sundheitlichen Bedingungen für junge Menschen gelegt.

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1 Mannheim, Karl (1964): Das Problem der Generationen. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 7, S. 530.

2 https://www.un.org/depts/german/gv-70/band1/ar70001.pdf

3 Wir verkünden heute 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung und 169 zugehörige Zielvorga­ben, die integriert und unteilbar sind. Vereinte Nationen, Resolution der Generalversamm­lung A/RES/70/1, 2015, S. 1/2 (PDF S. 2).

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Cover "Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder"Hans Bertram:

Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder

→ Die Datenbank „Kidsdata“, die das Buch begleitet, enthält transparent nachprüfbar die Originalquellen mit den zentralen und wichtigen Indikatoren zu den jeweiligen Themen.

 

 

 

 

Der Autor

Bertram, Hans

Prof. em. Dr. Hans Bertram

  • 1981: Professor für Soziologie (Universität der Bundeswehr München)
  • 1984 – 1993: Vorstand und Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Jugendinstituts München
  • 1991 – 1997: Vorsitzender der Kommission für die Erforschung des Sozialen und Politischen Wandels in den neuen Bundesländern (KSPW e.V.)
  • 1992 – 2014: Professor für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • 2004 – 2014: Vorsitzender des Beirats für Familienpolitik der Landesregierung Brandenburg
  • 2014 – 2015: Fellow bei re:work International Research Center: Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive, Humboldt-Universität zu Berlin
  • 2017: Bundesverdienstkreuz
  • Vorsitzender der Kommission für den Siebten Familienbericht des Deutschen Bundestages

 

Über „Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit: die vergessenen Kinder“

Ohne Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit werden die Kinder von heute nicht mehr die Chance haben, ihr Leben so zu gestalten wie ihre Eltern. Bildungsgerechtigkeit, Armutsbekämpfung, Gesundheit und Sicherheit von Kindern, Gleichstellung der Geschlechter sowie Klimaschutz sind entscheidende Bestandteile einer nachhaltigen und generationengerechten Politik. Die Grundannahme dieses Buches ist, dass die Bedürfnisse der heutigen Generation von Kindern in diesen Politikfeldern nicht berücksichtigt werden, was zur Folge hat, dass die bereits bestehenden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zunehmen werden.

 

© Titelbild gestaltet mit canva.com