Vom Manuskript zum Diskurs: Interview mit der neuen Redaktion anlässlich des 20. Jubiläums

Vom Manuskript zum Diskurs: Interview mit der neuen Redaktion anlässlich des 20. Jubiläums

Mit dem zuletzt erschienenen Heft 1-2026 trägt unsere Zeitschrift Diskurs Kindheits- und Jugendforschung seit nun 20 Jahren maßgeblich zur Forschung im gleichnamigen Forschungsfeld bei. Anlässlich dieses Jubiläums haben wir mit den Redaktionsmitgliedern Florian Eßer, Nina Flack und Sylvia Jäde u. a. über die redaktionelle Arbeit, die Rolle der Kindheits- und Jugendforschung innerhalb der Erziehungswissenschaft und die Zukunft von wissenschaftlichen Zeitschriften gesprochen.

 

Über Diskurs Kindheits- und Jugendforschung

Diskurs Kindheits- und Jugendforschung versteht sich als Forum für wichtige Ergebnisse der Kindheits- und Jugendforschung, für Theoriebildung und für Fragen der (gesellschafts- und bildungspolitischen sowie pädagogischen) Praxis. Die 2006 gegründete Zeitschrift beleuchtet die Situation und die künftige Entwicklung der nachwachsenden Generationen in den modernen Gesellschaften sowie die besonderen sozialen und politischen Problemlagen, in denen sich Kinder und Jugendliche heute mitunter befinden. Sie widmet sich dem Gegenstandsfeld unter der integrativen Fragestellung von Entwicklung und Lebenslauf und arbeitet fächerübergreifend und international.

 

Lieber Herr Eßer, liebe Frau Jäde, liebe Frau Flack, Sie bilden seit Sommer 2025 die neue Redaktion des Diskurs. Wie und wann sind Sie zu dem Entschluss gekommen, die Zeitschrift redaktionell zu übernehmen, und was hat Sie an dieser Tätigkeit gereizt?

Florian Eßer: Im Gegensatz zu vielen anderen Fachzeitschriften arbeitet der Diskurs mit einem rollierenden System: Die Redaktion wechselt alle zwei Jahre innerhalb des Herausgeber*innen-Kreises. Als Mitglied dieses Kreises weiß man also, dass man irgendwann an der Reihe sein wird – das schafft Planbarkeit und Verbindlichkeit. Ich halte dieses Modell für sehr gelungen, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens wird die Arbeit und Verantwortung gleichmäßig auf viele Schultern verteilt. Zweitens bringt das System eine gewisse Demokratisierung mit sich – keine einzelne Person prägt die Zeitschrift über Jahre oder Jahrzehnte allein. Und drittens erhalten alle im Herausgeber*innen-Kreis einen echten Einblick in die redaktionelle Arbeit. Genau darin liegt für mich auch der besondere Reiz: Als Kindheitsforscher*in an einem der zentralen deutschsprachigen Medien dieses Feldes mitzuwirken, es aktiv mitzugestalten und dabei die bestehenden Netzwerke zu pflegen und weiterzuentwickeln – das ist eine großartige Gelegenheit.

Sylvia Jäde: Die Zeitschrift war mir schon vor der Übernahme als eines der führenden Medien im Feld der Kindheits- und Jugendforschung bekannt. Einerseits aus der Lektüre unterschiedlicher dort veröffentlichter Texte, andererseits aus eigenen Publikationstätigkeiten. Als dann die Anfrage aus dem Herausgeber*innen-Kreis kam, gemeinsam als Team hier in Osnabrück die Redaktion der Zeitschrift zu übernehmen, war das für mich eine Möglichkeit, neue Einblicke in wissenschaftliche Publikationsverfahren zu bekommen, die sonst nicht so einfach gegeben sind. Schon dieser Aspekt hat mich an der Redaktionsarbeit gereizt. Aber auch die Möglichkeit, über diese Arbeit mit unterschiedlichsten Akteur*innen der aktuellen Kindheits- und Jugendforschung ins Gespräch zu kommen und sich zu vernetzen, ist für Wissenschaftler*innen in Qualifikationsphasen nicht zu unterschätzen. Deshalb habe ich mich sehr über die Anfrage gefreut und auch darüber, an dieser spannenden und auch herausfordernden Arbeit mitwirken zu dürfen.

Nina Flack: Genau hier kann ich mich meiner Kollegin anschließen. Auch ich habe mich sehr über die Anfrage zur Mitarbeit an der Redaktion gefreut, da mir der Diskurs bereits vorher als etablierte Fachzeitschrift bekannt war. Als Wissenschaftlerin in der Qualifikationsphase gefällt mir, dass ich nicht nur inhaltlich einen Einblick in aktuelle kindheits- und jugendtheoretische Themen bekomme, sondern auch viel über das wissenschaftliche Schreiben und Peer-Review-Verfahren generell lerne. Die Möglichkeit, durch die Redaktionsarbeit andere Wissenschaftler*innen kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, erlebe ich als sehr bereichernd – was sich nicht zuletzt auf dem DGfE-Kongress in München gezeigt hat.

 

Können Sie uns ein wenig über die Redaktionsarbeit erzählen: Wie organisieren Sie sich innerhalb der Redaktion und wie viel Zeit nimmt die Tätigkeit in Anspruch?

Die Redaktionsarbeit ist für uns alle eine sehr spannende Aufgabe, die je nach Veröffentlichungsphase einer Ausgabe mal mehr oder weniger Zeit in Anspruch nehmen kann. Im Team haben wir eine wöchentliche Redaktionssitzung und besprechen aktuelle Anliegen und Fragen. Wir haben uns einen Großteil der Aufgaben so aufgeteilt, dass im Wechsel eine Person für einen Schwerpunkt zuständig ist und eine Person die aktuellen freien Beiträge übernimmt.

Jeder eingereichte Beitrag wird zunächst formal geprüft und anschließend begleiten wir den gesamten Begutachtungsprozess: Gutachter*innen werden angefragt, eingereichte Gutachten überprüft und an die Autor*innen weitergeleitet. Je nachdem, wie diese Gutachten ausfallen, werden die Gutachter*innen erneut angefragt, bei kleineren Überarbeitungen und generell am Abschluss eines Begutachtungsprozesses prüfen wir in der Redaktion die Umsetzungen der Anmerkungen der Gutachter*innen durch die Autor*innen. Bei freien Beiträgen kommt zusätzlich hinzu, dass wir in unseren Redaktionssitzungen gemeinsam besprechen, ob der Beitrag für das Profil der Diskurs-Zeitschrift passend ist. Erst dann werden Beiträge in die Begutachtung weitergeleitet. Gleiches gilt auch für Kurzbeiträge oder Rezensionen.

Nachdem die Beiträge final angenommen wurden, werden sie lektoriert. Hier haben wir das große Glück, von unserer studentischen Mitarbeiterin Olga Jung unterstützt zu werden, was durch die finanzielle Unterstützung vom Verlag möglich ist. Und während eine Ausgabe im Lektorat ist, werden bereits wieder die Gutachten für die nächsten Schwerpunktbeiträge angefragt. Außerdem bearbeiten wir auch eingehende Anfragen potenzieller Interessent*innen, die einen Beitrag in der Zeitschrift veröffentlichen wollen, halten Kontakt zu Schwerpunktherausgebenden, erinnern an Deadlines und Fristen oder fragen Kurzbeiträge und Rezensionen an.

Es gibt also viele unterschiedliche Aufgaben, die wir gut im Team verteilen können, weshalb wir froh sind, gemeinsam im Team an dieser Aufgabe arbeiten zu können.

 

Der Diskurs kann mittlerweile auf eine 20-jährige Publikationsgeschichte zurückblicken: Was macht die Zeitschrift so wichtig für die Fachcommunity?

Als interdisziplinäres Forschungsfeld bewegt sich die Kindheits- und Jugendforschung quer zu unterschiedlichen Diskursen, Handlungsfeldern etc. Es ist wichtig, dass sie einen publizistischen Ort hat, an dem einschlägige Beiträge angemessen begutachtet und in einem Umfeld publiziert werden können, in dem sie auch wahrgenommen werden. Nur so kann Kindheits- und Jugendforschung als ein Forschungsfeld produktiv gepflegt werden, das wichtige Impulse für eine ganze Reihe wissenschaftlicher (Teil-)Disziplinen wie etwa Sozialpädagogik, Soziologie, Schulpädagogik, Psychologie oder Geografie bietet.

 

Auf dem DGfE-Kongress 2026 in München standen Sie allen interessierten Teilnehmer*innen an unserem Stand erstmals für ein „Meet-the-Editor“ zur Verfügung. Wie haben Sie diese Veranstaltung und den gesamten Kongress erlebt und welche Erfahrungen und Eindrücke nehmen Sie mit für die Arbeit in der Diskurs-Redaktion?

Das „Meet-the-Editor“ war für uns eine sehr bereichernde Erfahrung. Wir hatten die Möglichkeit, Schwerpunktherausgebende, Mitbegründer*innen und potenzielle Autor*innen persönlich kennenzulernen. Interessierte nutzten die Gelegenheit auch, um Fragen zum Review-Verfahren zu stellen. Das alles hat noch einmal bestätigt, dass der Diskurs als etablierte Zeitschrift in der Fachcommunity fest verankert ist. Besonders beeindruckt hat uns auch die Begegnung mit Barbara Budrich sowie den Mitarbeiter*innen des Verlags, deren persönliches Engagement sehr spürbar war.

Sylvia Jäde, Nina Flack und Florian Eßer (v. l.) von der Redaktion der Zeitschrift „Diskurs Kindheits- und Jugendforschung“

Darüber hinaus hat uns der gesamte Kongress in unserer Arbeit bestärkt: Das große Interesse an kindheits- und jugendspezifischen Fragen im Kontext der Erziehungswissenschaft war eindrucksvoll spürbar. Es wurde deutlich: Die Kindheits- und Jugendforschung ist ein interdisziplinäres Projekt, das besondere Potenziale für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs bietet. Der Kongress hat damit noch einmal nachdrücklich unterstrichen, welche Bedeutung der Diskurs auch für die erziehungswissenschaftliche Disziplin hat und wie umgekehrt die hier mit entwickelten Paradigmen auf die Disziplin zurückwirken.

 

Wenn Sie in die Glaskugel schauen: Wo sehen Sie den Diskurs in den nächsten 20 Jahren? Vor welchen zukünftigen Herausforderungen steht die Zeitschrift und stehen wissenschaftliche Zeitschriften allgemein aus Ihrer Sicht?

Der Blick in die Zukunft zeigt mehrere Entwicklungslinien, die wir für den Diskurs wie auch für wissenschaftliche Zeitschriften allgemein als prägend einschätzen. Zum einen wird die weitere Digitalisierung der Redaktionsarbeit voranschreiten und neue Möglichkeiten eröffnen – etwa durch Online-First-Publikationen, die Beiträge schneller zugänglich machen. Eng damit verknüpft ist die wachsende Bedeutung von Open Access, die eine breitere und gerechtere Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse ermöglicht.

Inhaltlich erwarten wir eine weitere Konsolidierung der Kindheits- und Jugendforschung als interdisziplinäres Projekt – ein Prozess, der auch durch den quantitativen und qualitativen Ausbau von kindheits- und jugendbezogenen Institutionen befördert wird. Gerade in diesem Kontext bleibt eine spezifische Perspektive der Kindheits- und Jugendforschung unverzichtbar. Angesichts einer alternden Gesellschaft werden auch Fragen der Generationengerechtigkeit zunehmend drängender – und von der Kindheits- und Jugendforschung gehen hier wichtige sozialpolitische Impulse aus, die auch künftig Gehör verdienen.

 

Über die Diskurs-Redaktion

Florian Eßer ist Professor für Erziehungswissenschaft mit sozialpädagogischem Forschungsschwerpunkt an der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der sozialpädagogischen Kindheitsforschung, der Kinder- und Jugendhilfeforschung und der qualitativen Sozialforschung (insbesondere ethnografische Zugänge).

Nina Flack ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Hort- und Ganztagsbetreuung (Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Betreuung als Infrastruktur – Der Hort im Kontext von Ganztagsbetreuung“) und in den stationären Erziehungshilfen (Dissertation). In der qualitativen Sozialforschung arbeitet sie vor allem mit ethnografischen Forschungszugängen und der Situationsanalyse.

Sylvia Jäde ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den qualitativen Method(ologi)en (v.a. Dokumentarische Methode, Längsschnittdesigns, Interviews und Gruppendiskussionen), Forschungsethik, offene Kinder- und Jugendarbeit, (sozial-)pädagogische Familien-, Geschwister- und Übergangsforschung.

 

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