Lernen als soziale Praxis: demokratische Lernräume schaffen

Leseprobe Vanagas Lernen als soziale Praxis

Die universitäre Lehre als Möglichkeitsraum: Lernen als soziale Praxis – Interaktion, Kommunikation und Intervention. Ein Lehrbuch für Lehramt, Erziehungswissenschaft und soziale Berufe von Annette Vanagas ist eine Einladung zur Reflexion und ein starkes Bekenntnis zu einer demokratischen pädagogischen Haltung. Ein Buch für alle, die nicht nur verstehen, sondern verantwortungsvoll lehren und handeln wollen.

Eine Leseprobe.

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Lernen als soziale Praxis: Vorwort

Dieses Lehrbuch ist in einer Zeit entstanden, in der Konflikte allgegenwärtig, soziale Lagen dynamischer, Phänomene komplexer werden und soziale Interaktion und Kommunikation zunehmend unter besonderem Druck stehen. Während einfache Welterklärungen an Attraktivität gewinnen, versucht dieses Lehrbuch ein grundlegendes Verständnis von den Barrieren und Fehlnissen in Interaktion wie Kommunikation zu gewinnen, aktuelle Phänomene umfassend zu verstehen, um daraus Implikationen für professionelle Handlungsfelder wie Schule, Soziale Arbeit und Pädagogik zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund verfolgt dieses Lehrbuch ein doppeltes Anliegen: Zum einen möchte es theoretische Werkzeuge bereitstellen, um soziale Prozesse, Kommunikationsdynamiken und Ungleichheitsverhältnisse analytisch zu durchdringen. Zum anderen versteht es sich ausdrücklich als praxisorientierte Einladung zur Reflexion, Prävention und Intervention. Es geht nicht allein darum, gesellschaftliche Entwicklungen zu beschreiben, sondern darum, handlungsfähig zu bleiben und eine professionelle, reflektierte und verantwortliche Haltung zu bewahren.

Die Gegenwart ist gekennzeichnet von einem Spannungsverhältnis, zwischen unreflektierten Selbstverständlichkeiten wie Routinen und einer Verdichtung von Konflikten um Anerkennung, Zugehörigkeit wie Deutungshoheit, wodurch soziale Ungleichheiten verschärft werden und die Bereitschaft zur Solidarität immer mehr erodiert. Gesamtgesellschaftliche Problemlagen verlagern sich zunehmend in private Aushandlungen, führen zu gesellschaftlichen Machtasymmetrien, zur Normalisierung von Desinformation, zu sprachlichen Grenzüberschreitungen und setzen demokratischen Prinzipien unter Druck, so z. B. die Gleichwertigkeit aller Menschen, die Partizipation an der deliberativen Öffentlichkeit und die freie Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit. Dieses Lehrbuch beruht auf der Annahme, dass all diese Entwicklungen weder zufällig noch ausschließlich individuell zu begründen sind, es sich demnach um einen Ausdruck struktureller Spannungen und historischer Kontinuität destruktiver sozialer Dynamiken handelt, die analytisch durchdrungen werden müssen. Wer intervenieren will, muss die soziale Wirklichkeit verstehen und mit diesem neuen Wissen eine Haltung entwickeln, an der sich das professionelle Handeln ausrichtet und Bestand hat, selbst da wo Unsicherheiten, Uneindeutigkeiten und Unübersichtlichkeit eine Intervention erschweren.

Dieses Lehrbuch wurde nicht aus einer distanzierten Beobachterperspektive verfasst, es basiert auf einer langjährigen Erfahrung in Lehre, Forschung, Praxis und den Auseinandersetzungen mit Konflikten, die in diesen Bereichen entstehen und Menschen real betreffen. Meine Haltung ist eine explizit demokratische, menschenrechtsorientierte Haltung, die Kritikfähigkeit fordert, Phänomene sachlich analysiert, ohne zu entmenschlichen. Der gesamte Schreibprozess war von der Bereitschaft begleitet, eigenen Leerstellen offen zu begegnen, die Bereitschaft zu haben, eigene Positionen, Privilegien wie Verstrickungen kontinuierlich zu reflektieren und aufmerksam gegenüber einfachen Antworten zu sein. Die Lesenden lade ich dazu ein, Widersprüche auszuhalten, Ambiguitäten nicht direkt zu vereindeutigen, Verantwortung nicht abzugeben, sich darum zu bemühen, Bezüge zur eigenen Lebensrealität herzustellen und die eigene Bildung als einen Prozess zu verstehen, der hier in diesem Lehrbuch weder anfängt noch aufhört.

Dieses Lehrbuch ist nicht nur am Schreibtisch entstanden, es ist das Ergebnis eines langjährigen dialogischen Prozesses mit Studierenden, welche meine Inhalte durch kritische Rückfragen wie beharrliche Argumentationen herausgefordert haben und durch ihre Perspektiven und biografischen Bezüge dieses Lehrbuch implizit mitgeschrieben haben. Viele der hier versammelten Analysen, Begriffe und Interventionen sind aus Seminardiskussionen hervorgegangen, wurden dort irritiert, geschärft, verworfen und neu zusammengesetzt. Ich danke hier ganz besonders, Sebastian, Fatima, Amira, Luc, Moritz, Marvin, Miguel, Finn, Harun, Jarek, Vito, Bairavi, Sandro, Annabella, Kaspar, mögen sie stellvertretend für die vielen Studierenden, die schon vor ihnen da waren und die vielen, die noch kommen werden stehen und diesen Dank erhalten. Studierende sind für dieses Lehrbuch nicht nur Adressat*innen von Wissen, sondern sollten hier als epistemisch relevante Akteur*innen verstanden werden, deren Rückfragen Leerstellen sichtbar gemacht haben, deren Kritik dazu beigetragen hat vereinfachte Deutungen zu erkennen und aufzubrechen und deren Erfahrungen die theoretischen Konzepte menschlich werden lassen. Dieses Lehrbuch muss daher in seiner Synergie verstanden werden, da es maßgeblich durch die Reflexion eines gemeinsamen Lern- und Denkprozesses begleitet wurde. Diese Form der Ko-Konstruktion ist Ausdruck meines Lehrverständnisses. Vor diesem Hintergrund ist das vorliegende Lehrbuch auch als Dokument gelebter Lehre zu verstehen. Es trägt Spuren kollektiven Denkens, gemeinsamer Irritationen und geteilter Erkenntnisse.

Ausgehend von einer subjektorientierten, beziehungsbasierten und machtkritischen Perspektive begreife ich universitäre Lehre nicht primär als Wissensvermittlung, sondern als Möglichkeitsraum für Selbstermächtigung, kritisches Denken und gesellschaftliche Teilhabe. Die institutionelle Trennung von Lehren und Lernen stellt dabei ein strukturelles Hindernis dar, das ich in meiner Lehre bewusst zu irritieren versuche: durch Kooperation, Selbstbestimmung, Verantwortungsübernahme und sinnstiftende Beteiligung auf Seiten der Studierenden wie auch der Lehrenden. Lernen geht über den reinen Wissens- und Kompetenzerwerb hinaus, indem das Individuum, durch das neue Wissen und die neuen Kompetenzen, transformativ verändert, durch das epistemisch Neue affiziert wird und zu einem anderen Menschen erwächst. Ziel ist es also, Lernräume zu schaffen, in denen sich Studierende gesehen, gehört und zugleich herausgefordert fühlen – mit Ernsthaftigkeit, Humor, Nahbarkeit und einer klaren Haltung. Ansprechbarkeit – für Fragen, Kritik und biografische Bezüge – ist dabei zentral, um eine Atmosphäre des Respekts und der Begegnung zu ermöglichen.

Diese Haltung prägt auch die didaktische Struktur dieses Buches und erklärt, warum es digitale Zusatzmaterialien in einem doppelten Umfang des Haupttextes gibt. Reflexionsfragen, Diskussionsanregungen und offene Aufgabenformate sollen hier einen Raum erhalten. Das digitale Zusatzmaterial ergänzt und erweitert das gedruckte Lehrbuch mit Vertiefungstexten, zusätzlichen Kapiteln, Diskussionspapieren, Übungen, Reflexionsaufgaben sowie anwendungsbezogenen Aufgaben für die pädagogische Praxis. Das Zusatzmaterial ist entlang der Kapitel strukturiert und ermöglicht eine selbstbestimmte und flexible Nutzung. Es kann in der Hochschullehre, in der Aus- wie Weiterbildung genutzt werden, es eignet sich für Workshops und das Selbststudium. Vor allem die Reflexionsübungen regen dazu an, das theoretische Wissen mit biografischen Bezügen zu verschränken und so eine Selbstreflexion anzuleiten, welche die Entwicklung einer pädagogischen Haltung begleiten soll. Die Diskussionspapiere bieten Themen an, die keine einfachen oder eindeutigen Lösungen haben, sie können als Seminar-Grundlage genutzt werden oder Diskussionsrunden anreichern und Austausch inspirieren. Ich sehe das Zusatzmaterial keineswegs als optionalen Anhang, sondern als einen integralen Bestandteil meines didaktischen Konzepts. Dieses Lehrbuch sollte als ein Arbeitsbuch verstanden werden, indem Wissensvermittlung und didaktische Aufarbeitung des neuen Wissens räumlich getrennt, aber jederzeit aufeinander beziehbar sind. Wenn dieses Buch dazu beiträgt, genauer hinzusehen, differenzierter zu sprechen, Konflikte nicht zu scheuen und Verantwortung nicht abzugeben, dann hat es sein Ziel erreicht. In einer Zeit zunehmender sozialer Kälte setzt es auf Beziehung, Anerkennung und die Zumutung der Reflexion. Dieses Buch ist eine Einladung, handlungsfähig zu bleiben – gerade jetzt.

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→ zum Gastbeitrag „Wie entsteht soziale Wirklichkeit – und was hat das mit Lernen zu tun?

 

 

Die Autorin

Dr. Annette Vanagas, Sozialpsychologin und Geschlechterforscherin, Dozentin an der Universität zu Köln im Modul Soziale Intervention und Kommunikation

 

Über „Lernen als soziale Praxis“

Soziale Interaktion und Kommunikation sind Grundbestandteile unseres Zusammenlebens. Sie sind geprägt von sozialen Ordnungen, Ungleichheiten und Ausgrenzung – doch wie entstehen diese? Dieses Lehrbuch gibt eine fundierte Einführung in zentrale Theorien und gesellschaftliche Herausforderungen. Es behandelt die Konstruktion sozialer Wirklichkeit, die Dynamik von Diskriminierung und Polarisierung sowie Strategien der Prävention und Intervention. Durch Reflexionsfragen, Praxisbeispiele und didaktische Methoden wird das theoretische Wissen in die Praxis überführt und die Lehre unterstützt. Fundiert, anschaulich und praxisnah – dieses Lehrbuch ist der ideale Begleiter für Seminare, Prüfungsvorbereitung und den Einstieg in die pädagogische Praxis.

 

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