Es ist immer nützlich, wenn über zurückliegende Ereignisse jemand spricht, der dabei gewesen ist. Die geneigte Leserin, der geneigte Leser werden also um Verständnis für manche subjektive Wendung gebeten, die ausschließlich vom Chronisten stammt und von keiner Redaktion überprüft wurde.
Vorgeschichte
Vor 75 Jahren, also 1951, wurde die Zeitschrift „Gegenwartskunde“ gegründet. Es ging den Gründern darum, Lehrerinnen und Lehrern den Komplex „Wirtschaft“ näher zu bringen, damit sie diese Kenntnis an Schülerinnen und Schüler weitergäben. Das sagte der damalige Untertitel zu „Gegenwartskunde“ mit der Formulierung „Zeitschrift für Wirtschaft und Schule“.
Nun kann man „Wirtschaft“ auf verschiedene Weise verstehen. Eine extrem vereinfachte Sicht ist die, bei der man Arbeitgeber und Arbeitnehmer einander als Kontrahenten gegenüberstellt. Ohne hier weiter zu differenzieren, was natürlich unverzichtbar wäre, wenn es hier nur um den Begriff „Wirtschaft“ ginge, kann man sagen, dass die Gründer der „Gegenwartskunde“ zur Arbeitgeber-Seite gehörten. Die Dialektik dieser Zuordnung wurde allerdings rasch sichtbar durch Beiträge aus der Wissenschaft, die „die Wirtschaft“ in ein Gesamtbild der Gesellschaft einordneten und die damit zugleich das Verständnis von Wirtschaft als gottgegebener Konstante aufhoben. Daraus ergaben sich dann selbstverständlich auch kritische Fragen an das Wirken von kapitalistischer Wirtschaft im Leben der Menschen. So kam es zu einer Erweiterung der Themenpalette um Fragen, die die Gründer der Zeitschrift eigentlich nicht stellen wollten. Dies aber war der inhaltliche Ausgangspunkt für eine Zeitschrift, die Lehrerinnen und Lehrern unter den Voraussetzungen einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bei ihrer Arbeit helfen sollte.
Das Schlüsselereignis für diese Orientierung fand im Jahr 1962, statt, nämlich die Vereinbarung der Länder-Kultusminister der Bundesrepublik, Sozialkunde, also politische Bildung, in die Schule zu bringen, und zwar als eigenständiges Unterrichtsfach mit den Komponenten Gesellschaft, Wirtschaft, Politik.
Hier konnte Gegenwartskunde nützlich sein, allerdings eben genau mit diesem Programm. Aber die klare Orientierung der Zeitschrift auf politische Bildung bedeutete zugleich einen Konflikt mit der herausgebenden Institution, die nicht nur die Arbeitgeberseite vertrat, sondern, was viel wichtiger ist, Spuren einer braunen Vergangenheit zeigte. Dies aber vertrug sich mit politischer Bildung in einer deutschen Bundesrepublik nun gar nicht. Gegenwartskunde musste sich von dieser Partnerschaft lösen. Mir fiel der Auftrag zu, den Trennungsvorschlag zu überbringen, der auch gegen eine Abstandszahlung akzeptiert wurde.
Ein schlichtes Konzept
Politische Bildung bedeutet, die treibenden Kräfte in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sichtbar zu machen und aus den Schülerinnen und Schülern mitdenkende und handelnde Bürgerinnen und Bürger zu machen.
Dies war auch das Konzept der Zeitschrift, den der spätere Titel Gesellschaft. Wirtschaft. Politik konkret formulierte. Dieses Konzept kam und kommt nicht nur beim Publikum an, sondern auch in der Wissenschaft, in der die meisten Autorinnen und Autoren beheimatet waren und sind (deswegen der spätere Untertitel: Sozialwissenschaften für politische Bildung). Es gab allerdings auch Bewerberinnen und Bewerber für die Herausgeberschaft, denen der Arbeitsaufwand bei einer solchen Vorgehensweise zu groß erschien, und die deshalb auf die Mitwirkung verzichteten. Aber die Attraktivität der Konzeption war groß genug, der Herausgeberschaft der Zeitschrift über die Jahrzehnte bedeutende Wissenschaftler zuzuführen.
Die Vierergruppe des Anfangs bestand aus Friedrich-Wilhelm Dörge (bedeutender Verbraucher-Aufklärer), Hans-Hermann Hartwich (später Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft und Co-Autor des über Generationen verbreiteten Schulbuchs Politik im 20. Jahrhundert), Walter Gagel (einer der wichtigsten deutschen Didaktiker), Willi Walter Puls, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen. In den folgenden Jahrzehnten traten in Ablösung von Vorgängern in die Herausgeberschaft ein: Wolfgang Hilligen (führender Didaktiker mit dem Lehrwerk Sehen – Beurteilen – Handeln), Bernhard Schäfers (später u.a. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie), Tilman Grammes (Professor für Didaktik sozialwissenschaftlicher Fächer, Stefan Liebig, (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung und FU Berlin), Stefan Hradil (später u.a. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie), Göttrik Wewer (später Staatssekretär im Bundesinnenministerium). Das heute aktive Herausgeberteam mit der Didaktikerin Sibylle Reinhardt, dem Föderalismusforscher Roland Sturm, dem Soziologen Stefan Immerfall und dem Chef des Instituts für Didaktik der Demokratie, Hannover, Dirk Lange, sorgt für die Realisierung des Konzeptes.
Die Arbeitsweise zum Nutzen der Leserinnen und Leser…
Bestimmend für die Zeitschrift ist es seit jeher, die Forschung über das aktuelle Geschehen in der Gesellschaft für Unterricht und Lehre generell aufzubereiten. Verzichtet wird auf die theoretische Diskussion über Didaktik. Allerdings geht das Bemühen immer auch dahin, den fachwissenschaftlichen Texten eine didaktische Struktur zu geben, was u.a. mit dem Begriff Problemorientierung angedeutet ist. Die Stärke dieser Konzeption zeigte sich auch daran, dass die sehr bedeutende, aber eben vollständig theoretisch orientierte Zeitschrift Gesellschaft. Staat. Erziehung (GSE) nicht bestehen konnte und im Jahr 1973 in Gegenwartskunde aufging.
Der didaktische Zugriff auf das aktuelle Geschehen zeigt sich an Beiträgen, die, rückwirkend betrachtet, wie Momentaufnahmen aus dem Tagesgeschehen erscheinen, in Wirklichkeit aber auf gründlicher Forschung basieren und sorgfältig formuliert sind.
Diese thematische Orientierung verlangt eine bestimmte Arbeitsweise. Wenn es auch bequemer wäre, langfristig zu planen und vielleicht sogar Ausgaben mit thematischen Schwerpunkten zu entwerfen, so verpflichtete sich die Zeitschrift stattdessen auf die analytische Bearbeitung der aktuellen und sich rasch verändernden gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Ein besonders schwieriger Teil der Herausgeber-Arbeit ist deshalb die Autorensuche. Wer in der Wissenschaft bearbeitet gerade das Thema xyz, das für die geplante Ausgabe wichtig ist? Ohne diese Voraussetzung gibt es keinen Text, denn eine Zeitschrift wie GWP zahlt keine Honorare, für die eine Autorin oder ein Autor alles stehen und liegen lässt, um den gewünschten Aufsatz zu verfassen (für den meistens auch noch intensiv recherchiert werden müsste, und für den die Herausgeber knappe Zeiten vorgeben).
Was die Herausgeber-Arbeit zusätzlich erschwert, ist die selbstgestellte Verpflichtung, nicht nur relevante Themen anzubieten, sondern die Themen auch in unterschiedlichen, für die pädagogische Arbeit optimalen Textsorten vorzustellen. Es machte schon einen erheblichen Unterschied, ob ein längerer Text über die Wirtschaftskraft der EU als Fachaufsatz oder als Essay angefordert und eingeordnet wird. Textsorten wie Interview, Meinung, Kontrovers dokumentiert waren eingeführt worden, um die Inhalte auf die bestmögliche Weise vermittelbar zu machen.
… und als Gruppenerlebnis
Die Arbeitsweise des Herausgeberteams besteht seit den Anfängen in einem Umlaufverfahren für Manuskripte und in vierteljährlichen gemeinsamen Sitzungen, auf denen man die Beurteilungen der Manuskripte diskutiert und wo schließlich entschieden wird. An diesem Punkt hat die Arbeitsweise mehr Ähnlichkeiten mit der einer klassischen Zeitungsredaktion als mit der einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Aber ein gewichtiger Unterschied zur Zeitung besteht doch: Die Sitzungen gehen über zwei Tage und schließen ein gemeinsames Abendessen ein. Dieser unscheinbare Programmpunkt, das Abendessen, wurde in allen Sitzungen, die ich den mehr als 60 Jahren meiner Tätigkeit für die Zeitschrift miterlebt habe, und bei allen Herausgebergruppen, zum sozialen Kristallisationspunkt der jeweils vier oder fünf Teilnehmer. Das Beisammensein über viele Jahre – die kürzeste Dauer einer Herausgeberschaft betrug fünf Jahre, bei manchen Herausgebern waren es zehn und mehr – schaffte eine familiäre Atmosphäre. Das akademische „Du“ als Brücke hätte es nicht gebraucht, die Gemeinschaftsbildung funktionierte auch so. Man sprach miteinander, man verstand sich, Vertrauen wurde zur Grundlage auch in der Zusammenarbeit, Freundschaften entstanden. Dass jemand gerne zu Sitzungen antritt, ist eher selten. Ich glaube, dass die GWP-Herausgebersitzungen gern besucht wurden. Arbeitspsychologen nehmen die Fehlzeiten als Indikator für die Zuneigung zur Sache. Bei GWP hat es in sehr vielen Jahren ein einziges Mal den Ausfall eines Herausgebers wegen einer heftigen Grippe gegeben, und ich wurde vom Kranken aufgefordert, ihn vor der Sitzung zu besuchen und vorbereitete Papiere zu übernehmen.
Ein Ende und zwei Anfänge
Im aus heutiger Sicht noch fast jugendlichen Alter von 72 Jahren entschloss ich mich, das Kaufangebot des Bertelsmann-Konzerns für meinen Verlag Leske + Budrich anzunehmen. Die allgemein schwieriger werdende Situation kleinerer Verlage war ein Grund dafür, der andere lag in der unbeantworteten Frage, wer denn meine Nachfolge antreten könnte. Sohn Stefan befand sich mit eigener Selbständigkeit in einem völlig anderen Bereich. Tochter Barbara, die zwar als ausgebildete Verlagskauffrau und aktive Lektorin für die Nachfolge prädisponiert erschien, zog aber mit ihrem Ehemann drei kleine Söhne auf. Ihr dürfte ich die Last der Verlagsführung nicht auch noch aufbürden, dachte ich. In meiner Einschätzung ihrer Kapazität hatte ich mich jedoch – erfreulicherweise – kräftig verschätzt. Nach dem Verkauf von Leske + Budrich fand sie den vom Konzern angebotenen Arbeitsplatz ganz und gar nicht attraktiv und eröffnete trotz aller Schwierigkeiten ihren eigenen Verlag (der kürzlich sein erfolgreiches zwanzigjähriges Bestehen feiern konnte). Welch ein Glück auch für die Zeitschrift GWP, denn auf diese Weise fand diese wenig später einen Verlag, dessen sie bedurfte, und das kam so: Zunächst war GWP wie alle Produkte meines Verlages an Bertelsmann gegangen, wobei ich selber sozusagen als Katalysator für die Integration des Verlages in den Konzernkomplex zu dienen hatte. Es brauchte aber nicht lange, bis ich die ausschließlich betriebswirtschaftliche, also Rendite orientierte Strategie und Veröffentlichungspolitik des Konzerns aus nächster Nähe einzuschätzen in der Lage war. Für vorliegende Bücher hatte ich darin kein Problem gesehen. Verkauften sie sich gut, erhielten die Autor*innen pünktlich ihr Honorar. Liefen sie nicht so gut – woran auch der mächtige Vertrieb des Konzerns nicht viel ändern konnte – dann endete ihre Existenz früher oder später. Aber für eine Zeitschrift, besonders eine kleinere wissenschaftliche Zeitschrift wie GWP, sah das anders aus. Da stand die Zukunft, um nicht zu sagen, die Existenz, auf der Kippe. Und eine Zeitschrift, im Fachdeutsch ein „Periodikum“, lebt in Perioden, die sich in die Zukunft erstrecken. Eine Ausgabe muss der anderen folgen und dieser die nächste.
Der Konzern war mit GWP nicht zufrieden. Sie mehrte den Reichtum des Konzerns nicht in zufriedenstellender Weise. So begannen kleine Nicklichkeiten, etwa eine Diskussion über die Reisekosten der Herausgeber, die ja neben ihrer ganzjährig laufenden Arbeit an der Zeitschrift vier kostbare Wochenenden im Jahr für Sitzungen opferten, was aber keine Anerkennung hervorrief, sondern eher ein Mäkeln über das weltbewegende Thema „Erste oder zweite Klasse“.
Die Herausgeber fanden das nicht lustig, und ich sah an diesem Beispiel, dass der Konzern statt an engagierten Herausgebern und an guten Beiträgen doch eher an gutem Geld interessiert war. Ich machte deshalb zur beiderseitigen Erleichterung dem Konzern ein Rückkaufangebot für GWP, was dieser annahm. So war ich nun wieder der Verleger der Zeitschrift, aber ohne Verlag, so dass jegliche Infrastruktur fehlte, ob Auslieferung, Buchhaltung, Werbung, Internetpräsenz usw. Aber da gab es inzwischen den Verlag Barbara Budrich, mit dem ich einen Dienstleistungsvertrag über all diese lebensnotwendigen Funktionen einer Zeitschrift abschließen konnte. Dieser blieb bis zum Ende des 74. Erscheinungsjahr der Zeitschrift in Geltung. Mit Beginn des 75. Jahrgangs wurde aus dem Dienstleistungsvertrag ein Vertrag über den vollständigen Übergang der Zeitschrift in die Regie des Verlages.
Und damit schließt der letzte der Rückblicke des Zeitzeugen auf den Lauf von „Gesellschaft. Wirtschaft. Politik. (GWP). Sozialwissenschaften für politische Bildung“.
von Edmund Budrich
Verleger und Mitherausgeber von GWP seit 1962
Edmund Budrich im Podcast-Interview
Über 60 Jahre Politische Bildung: Edmund Budrich spricht im Podcast-Interview mit seiner Tochter, Verlegerin Barbara Budrich, über seine prägende GWP-Zeit, das Aufwachsen im Totalitarismus und die Zukunft unserer Demokratie.
Aktuelles Heft: GWP 2-2026

Themen: Frieden und internationale Konflikte · Landtagswahlen 2026 · Politische Institutionen · Deliberation · Gerechtigkeit · Nahostkonflikt · Soziale Arbeit · Ökologiepolitik · Soziale Marktwirtschaft
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