Wie transkribiere ich ein Interview? Worauf muss ich bei der Aufnahme achten? Und was ist mit dem Datenschutz? Susanne Fuß und Ute Karbach geben in ihrem Buch Grundlagen der Transkription. Eine praktische Einführung praxisnahe Anleitungen zur Transkription von wissenschaftlichen Interviews für die qualitative Sozialforschung. Der Band stellt auch in der frisch erschienenen 3., aktualisierten Auflage gängige Transkriptionsregeln und deren Anwendung vor, zeigt die Vor- und Nachteile von Spracherkennungs- und Transkriptionssoftware und gibt Tipps für Problemfälle.
***
Grundlagen der Transkription: 1. Einleitung
Dieses Einführungsbuch beruht auf unseren Erfahrungen, die wir einerseits im Kontext professioneller Erstellung von Transkripten und andererseits im Rahmen einer in die qualitative Sozialforschung einführenden Lehrtätigkeit gesammelt haben. In diesem Zusammenhang begegnen uns häufig grundlegende Fragen zur Verschriftlichung von Interviews und Gruppendiskussionen. Sie beziehen sich auf das Vorhandensein von Transkriptionsregeln (Welche Regeln gibt es?), auf die Detailgenauigkeit eines Transkriptes (Muss ich wirklich jedes „ähm“ transkribieren?), auf die Gegenstandsangemessenheit der Transkription (Welche Transkriptionsregeln wende ich an, wenn ich zum Beispiel inhaltsanalytisch vorgehen möchte?) oder auch auf die Möglichkeit einer Transkription mittels künstlicher Intelligenz (Muss ich das noch selber machen oder gibt’s da was?).
So entstand der Gedanke, den in der Transkription Unerfahrenen eine praktische Anleitung an die Hand zu geben. Denn trotz der (Weiter-) Entwicklung von Spracherkennungsprogrammen sind die qualitativ Forschenden immer noch vor die Aufgabe gestellt, ihre erhobenen, verbalen Daten angemessen zu verschriftlichen. Denn nur in Gestalt eines Transkriptes können die geführten Interviews oder Gruppendiskussionen einer systematischen Analyse unterzogen werden.
Zur Erstellung eines Transkriptes existieren in der qualitativen Sozialforschung zahlreiche unterschiedliche Transkriptionsregeln nebeneinander (beispielhaft genannt seien hier Kallmeyer/Schütze 1976; Hoffmann-Riem 1984; Hildenbrand 2005; Rosenthal 2015; Bohnsack 2021; Kuckartz/Rädiker 2024). Sie unterscheiden sich je nach Auswertungsfokus sowohl in ihrem Detaillierungsgrad als auch in den zur Anwendung kommenden Notationszeichen. Eine Standardisierung dieser Transkriptionszeichen hat sich in der qualitativen Sozialforschung bislang nicht etablieren können. Die Transkription als Bestandteil des Forschungsprozesses wird inzwischen in vielen, deutschsprachigen Methodenbüchern – mehr oder weniger ausführlich – thematisiert (siehe beispielsweise Fuchs-Heinritz 2009; Flick et al. 2008; Friebertshäuser et al. 2010; Lamnek 2010; Przyborski/Wohlrab-Sahr 2021). Eine umfassende Erläuterung zur Verschriftlichung mündlicher Rede bietet Norbert Dittmar (2009) aus sprachwissenschaftlicher Perspektive.
Das vorliegende Handbuch führt in die tatsächliche Praxis der sozialwissenschaftlichen Transkription ein. Es richtet sich daher in erster Linie an Studierende oder wissenschaftlich tätige Personen, die zum ersten Mal Interviews oder Gruppendiskussionen zur sozialwissenschaftlichen Analyse transkribieren. Vorgestellt wird ein Transkriptionssystem, das sich modulhaft mit den potenziell zu verschriftlichenden Phänomenen beschäftigt. Es gibt somit einen Überblick über die verschiedenen Regeln und Möglichkeiten der Transkription. Darauf aufbauend bietet die praxisnahe Anleitung eine Entscheidungshilfe für alle Forschenden, die angemessenen Regeln beziehungsweise Transkriptionsmodule für ihren Forschungsgegenstand auszuwählen.
Der Aufbau des Buches ist so gestaltet, dass die einzelnen Kapitel nach Bedarf für sich gelesen werden können.
Das zweite Kapitel widmet sich der Frage „Was ist ein Transkript?“. Hier wird zwischen zusammenfassenden, journalistischen und wissenschaftlichen Transkripten unterschieden. Zudem werden die phonetische und die literarische Umschrift vorgestellt, auch werden die Grenzen eines wissenschaftlichen Transkriptes dargelegt.
Im dritten Kapitel werden drei in den Sozialwissenschaften gängige Transkriptionssysteme beschrieben. Diese finden Anwendung bei je unterschiedlichen Datenerhebungsformen und verfolgen verschiedenartige Auswertungsmethoden.
Das vierte Kapitel gibt einen Überblick über die zu transkribierenden Phänomene und stellt das von uns entwickelte modulartige Transkriptionssystem vor.
Im fünften Kapitel werden beispielhaft drei mögliche Modulkombinationen aufgezeigt. Sie vereinen die Regeln für die Erstellung eines journalistischen Transkriptes, eines sogenannten Grundtranskriptes sowie eines Detailtranskriptes.
Den Fragen nach der formalen Ausgestaltung eines Transkriptes und den zentralen Inhalten eines Transkriptionskopfs werden im sechsten Kapitel nachgegangen.
Das siebte Kapitel gibt einen Einblick in die aktuell gegebenen, technischen Möglichkeiten der Transkripterstellung wie beispielsweise Transkriptionssoftware und KI-gestützte Spracherkennungsprogramme. Zudem werden die Bedingungen einer weitgehend störungsfreien Aufnahmesituation benannt. Mit den Themen Anonymisierung, Datenschutz und Datensicherheit befasst sich das achte Kapitel. Tipps zur Transkription von Zahlen, Abkürzungen oder auch Anglizismen finden sich im neunten Kapitel. Vorlagen, welche die Erstellung eines Transkriptes möglicherweise erleichtern können, sind im Anhang abgebildet.
3. Was ist ein Transkript?
Um ihre Forschungsfragen beantworten zu können, erheben qualitative Sozialforscherinnen und -forscher ihre Daten unter anderem mittels Interviews oder Gruppendiskussionen. Sie interessieren sich für soziale Phänomene, welche nicht notwendigerweise über ein standardisiertes Erhebungsverfahren – beispielsweise mithilfe eines Fragebogens – zugänglich sind. Der Grundgedanke ist, dass sich im Rahmen des Interviews oder der Gruppendiskussion das interessierende soziale Phänomen sprachlich niederschlägt (vgl. beispielsweise Rosenthal 2015, Hoffmann- Riem 1980).
Zur Auswertung der aufgezeichneten Interviews und Gruppendiskussionen bedarf es ihrer Verschriftlichung. Mit dem Verschriftlichen werden zum einen das gesprochene Wort und gegebenenfalls auch der klanglautliche Ausdruck buchstäblich übertragen. Mit dieser Übertragung des Gesprochenen in die Schriftsprache werden das geführte Interview und die Gruppendiskussion für die Auswertung in Form von schriftlichen Daten verfügbar gemacht. Zum anderen können über die Verschriftlichung weitere hörbare Aspekte der Gesprächssituation festgehalten werden. Diese sind beispielsweise non-verbale Äußerungen (z. B. lachen, weinen, räuspern) oder hörbare Handlungen wie ein Indie- Hände-Klatschen.
In der qualitativen Sozialforschung wird dieser Vorgang als Transkription bezeichnet. Das Wort Transkription (lat. = transcriptio) bedeutet Umschreibung, Überschreibung oder auch Übertragung und meint eine Regel geleitete Verschriftlichung von Interviews, Gruppendiskussionen oder Alltagsgesprächen zu Auswertungszwecken (vgl. beispielsweise Langer 2013, Dittmar 2009).
***
Sie möchten gern weiterlesen?
Mehr Leseproben aus aktuellen Budrich-Titeln …
… finden Sie auf unserem Blog unter „Geblättert“.

Susanne Fuß, Ute Karbach: