Frauen am Ball – akzeptiert und aufgeholt, aber noch nicht am Ziel: Drei Frauen aus den Generationen X, Y und Z über ihren Weg im Frauenfußball

Frauenfußball © Pixabay 2020 Foto: skeeze

Portrait Karen Plötz1970 – vor 50 Jahren – hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das Frauenfußballverbot aufgehoben. Zu diesem Anlass freuen wir uns sehr, dass sich Karin Plötz Zeit für einen Gastbeitrag zum Thema genommen hat.

Karin Plötz hat Geschichte und Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf studiert. Sie ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Gesellschaft LitCam, die u. a. das integrative Bildungsprogramm „Fußball trifft Kultur“ und die Leseförderungsinitiative „Lese-Kicker – Preis für das beste Fußball-Kinder- und Jugendbuch“ sowie auch einzelne Veranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen und Fußball durchführt.

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Im Jahre 1971 verzeichnete der DFB 112.000 weibliche Mitglieder. Laut DFB-Statistik 2020 sind heute 821.920 Frauen und 304.849 Mädchen Mitglied beim DFB. In den 50 Jahren seines Bestehens hat der Frauenfußball in Deutschland mächtig aufgeholt.

Frauenfußball ist heute durchweg akzeptiert und dumme Bemerkungen würden in Zeiten von „Me-Too“ sicherlich einen Shitstorm zur Folge haben. Daneben erobern sich Frauen Positionen im Umfeld des Fußballs, die mehr als 40 Jahre lang den Männern vorbehalten waren. Im Jahre 2017 pfiff die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus als erste Frau bei den Fußballern der 1. Bundesliga. Die Zahl der Trainerinnen beim Männerfußball nimmt zu, noch allerdings vor allem beim Jugendfußball und in den niedrigeren Ligen.

Um einen persönlichen Einblick in diese Entwicklung zu erhalten, habe ich mit drei Frauen gesprochen, die zu unterschiedlichen Zeiten mit dem Fußballspielen begonnen haben: Die ehemalige dänische National- und Profispielerin beim 1. FFC Frankfurt Louise Hansen, die Frauen-Bundesliga-Schiedsrichterin und FIFA-Schiedsrichter-Assistentin Sina Diekmann sowie die junge Profifußballerin des VFL Bochum, Gizem Kilic, die gleichzeitig auch Schiedsrichterin und Trainerin ist.

 

Die Freude am Fußballspielen, Vorbilder und Lieblingsspieler

Meine erste Frage war: Wie seid ihr zum Fußballspielen gekommen?

Louise Hansen spielte schon als kleines Kind mit den Nachbarjungen Fußball und als sie mit sechs Jahren im Verein als einziges Mädchen in einem Jungen-Team spielte, wurde sie von der Mannschaft bewundert. Sie entschied sich beim Fußball zu bleiben, da sie das am besten konnte. Zu dieser Zeit, in Dänemark in den 80er/90er Jahren, profitierte sie als Mädchen davon, dass ihr Vater Vorstand im Sportverein war und sie Gelegenheit hatte, viele Sportarten auszuprobieren. Ihr Vater war sehr stolz, dass sie Fußball spielte. Vorbilder waren Brian und Michael Laudrup und das dänische Nationalteam, das 1992 überraschend Europameister wurde.

Für Sina Diekmann war es schon selbstverständlich, verschiedene Sportarten auszuprobieren. Auch sie begann, mit sechs Jahren im Verein zu spielen und spielte in der Jungenmannschaft bis sie 15 Jahre alt war. Schiedsrichterin wurde sie aus Liebe zu ihrem Opa, der begeisterter Schiedsrichter war. Einer aus der Familie sollte sein „Schiedsrichter-Erbe“ antreten. Mit 15 Jahren machte sie den Schiedsrichter-Schein. Heute ist sie ihm sehr dankbar, da es für sie die richtige Entscheidung war, den Fokus auf die Schiedsrichterei zu legen. Ihr Lieblingsspieler war Torsten Frings, Frauenfußballerinnen kannte sie keine.

Gizem Kilic spielte statt mit Barbies schon immer lieber draußen auf der Straße mit den Jungens Fußball. Wegen ihrer Art Fußball zu spielen nannten sie alle Ronaldinho, der natürlich ihr Lieblingsfußballer war. Heute hat sie auch ein Vorbild im Frauenfußball: Martha da Silva.  Mit neun Jahren ging sie in einen Verein und wurde 2016 zur Amateurfußballerin des Jahres gewählt. Danach wurde sie schnell in das Profi-Team der Frauen beim VfL Bochum aufgenommen.

Sie entschied sich außerdem, gleichzeitig ihren Schiedsrichterschein und eine Trainerausbildung zu machen.

 

Im Schatten der Herren

Dass Frauen Fußball spielen, ist heute normal. Der professionelle Frauenfußball steht aber immer noch im Schatten des Männerfußballs.

Als erfolgreichste dänische Nationalspielerin und als Profi mit dem 1. FFC konnte Louise Hansen vom Fußballspielen nicht leben. Als sie mit 19 Jahren nach Deutschland ging, kam sie mit den Einkünften vom Verein nur aus, da sie zusätzlich ein kleines Stipendium von der dänischen Nationalmannschaft erhielt.

Laut Erhebungen aus dem Jahr 2018 ist das durchschnittliche Gehalt der Frauen in der 1. Bundesliga bei ca. 39.000 Euro jährlich. Männer verdienen schon in der 3. Liga durchschnittlich 120.000 Euro jährlich.

Gizem meint zur heutigen Situation: „Viele der Frauen können leider nicht davon leben und müssen nebenbei arbeiten.“

Alle sind sich einig, dass auch die Trainingsbedingungen für Männer wesentlich besser sind als für ihre Frauenmannschaften.

Louise Hansen musste selbst mit dem in den 00er Jahren erfolgreichen Bundesligateam des 1.FFC ab und zu den Trainingsplatz mit der Hobby-Herrenmannschaft teilen. Teilweise trainierte sie auf Schotterplätzen. Sina Diekmann nahm, um nicht in der Kreisliga zu kicken, weite Strecken auf sich. Frauenmannschaften waren in der Region sehr rar.

Viel scheint sich nicht verbessert zu haben, denn auch die 19-jährige Gizem meint: „Ich kann nur sagen, dass bis heute die Männer bevorzugt werden und das ist unfair.“

Bestätigt wird dies durch Sandra Fritz, Jugendreferentin beim Fußballverband Mittelrhein, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk im Juni 2019: „Es gibt Vereine, die sagen, wir sind komplett zu mit Jungenmannschaften, wir möchten jetzt nicht noch eine Mädchenmannschaft mit aufnehmen.“

 

Frauen können auch pfeifen

Eine positive Entwicklung der letzten Jahre ist die Anerkennung von Frauen in früher als Männerdomänen angesehenen Berufen im Fußballumfeld. Dies fällt insbesondere bei den Schiedsrichter*innen auf. Sina Diekmann kann mittlerweile nicht nur in der Frauen-Bundesliga pfeifen, sondern ist zusätzlich als FIFA Schiedsrichter-Assistentin international aktiv.

Da sie auch bei Männer-Fußballspielen pfeift, wollte ich wissen, wie sie dort als Frau akzeptiert wird. „Aus meinen persönlichen Erfahrungen schließe ich, dass es in dieser Hinsicht keine großen Unterschiede gibt. Wenn das Spiel angepfiffen wird, geht es für beide Teams in erster Linie darum, das Spiel zu gewinnen. Dann ist das Geschlecht des Spielleiters eher eine Randnotiz. Die Akzeptanz holt sich ein Schiedsrichter allen voran über die getroffenen Entscheidungen, über Persönlichkeit und kommunikative und soziale Kompetenzen. Die Herausforderungen in den höheren Männer-Ligen zu pfeifen, liegen insbesondere in dem Tempo, in dem sich einzelne Spielsituationen, Zweikämpfe und Bewegungsabläufe abspielen. Man ist im kognitiven als auch im konditionellen Bereich sehr gefordert.“

Ähnlich sieht es auch Gizem Kilic beim Training mit Jungen im Jugendbereich: „Ich fühle mich auf jeden Fall respektiert, aber ich denke, das liegt daran, weil die Jungs wissen, dass ich beim VFL Bochum spiele und was am Ball kann … Ich bin ja auch Schiedsrichterin. Dort sind die Jungs sogar lockerer drauf als wenn ein Mann pfeift.“

In diesen Berufen entscheidet sowohl bei Männern wie bei Frauen die Kompetenz. Bibiana Steinhaus meint dazu: „Ich möchte an meinen Leistungen gemessen werden und nicht als Frau im Blickpunkt stehen.“

 

Der feine und faire Unterschied

Interessant fand ich die Aussage des deutsch-französischen Publizisten, Politikers und Fußballfan Daniel Cohn-Bendit zum Frauenfußball in seinem Buch Unter den Stollen der Strand – Fußball und Politik – mein Leben (S. 200, 2020): „Ganz gleich in welchem Rahmen sich eine Frau bewegt, sie setzt auf Intelligenz, Beharrlichkeit oder Raffinesse, um sich durchzusetzen. Nur selten auf ihre Macht. Und noch seltener auf Gewalt. Daher gibt es im Frauenfußball fast keine Aggressionen.“

Erstaunlicherweise bestätigten mir alle drei Interviewpartnerinnen diese These.

Gizem Kilic erklärte dazu: „Beim Frauenfußball herrscht mehr Ehrlichkeit und mehr Fairplay. Schreien bei kleinsten Berührungen, schnell zu Boden gehen und sich nach Möglichkeit noch dreimal auf dem Boden wälzen, Gejammere gegenüber dem Schiedsrichter, das was man von den Männern so kennt, kommt bei den Frauen kaum vor. Zusammenfassend kann man sagen, Cohn- Bendit hat recht. Wir Frauen gehen mit einer Situation raffiniert um, anstatt wie bei Männern direkt mit Gewalt und Macht an die Sache heran zu gehen. Ich würde aber nicht sagen, dass wir einen intelligenteren Fußball als die Männer spielen, denn taktisch gesehen sind die Männer sehr weit. Doch ich kann ebenfalls bestätigen, dass wir einen faireren Fußball spielen, dass das Fußballspiel uns wichtig ist, doch unser Gegenüber noch wichtiger.“

Ähnlich argumentiert die Schiedsrichterin Sina Diekmann: „Frauen spielen aufgrund der körperlichen Grundvoraussetzungen einen anderen Fußball als Männer. Dass der Frauenfußball sehr intelligent und in der Regel von Fairness geprägt ist, kann ich bestätigen. Meine Erfahrungen aus den Spielleitungen in der Frauen-Bundesliga sowie aus internationalen Begegnungen zeigen, dass die Teams sehr diszipliniert und dennoch sehr leidenschaftlich Fußball spielen. Der Frauenfußball hat in den letzten Jahren eine enorm positive Entwicklung gemacht, ist taktisch noch besser und athletischer geworden. Auch strukturell und organisatorisch hat sich vieles zum positiven entwickelt, so dass es großen Spaß macht, als Schiedsrichterin Teil dessen sein zu dürfen.“

Und was meint die erfahrene Profifußballerin Louise Hansen dazu? „Ja, ich würde die Aussage Cohn-Bendits voll unterschreiben. Definitiv gibt es weniger Spielunterbrechungen. Frauen spielen auf jeden Fall fair. Diese ganzen Schwalben, auf dem Boden rollen und die Schiedsrichterbeeinflussung beim Herrenfußball, das macht keine Frauenfußballerin. Da ist viel Schauspielerei dabei. Ich hoffe, dass die Professionalisierung das nicht auch mit sich bringt, aber ich glaube, Frauen sind da nicht so gepolt für.“

Es gibt also beim Frauenfußball einen kleinen, fairen Unterschied.  Das diese Spielweise hochinteressant ist und ein großes Publikum findet, konnte man bei der WM 2019 sehen, bei der insbesondere das amerikanische Team faszinierenden Fußball spielte.

Die persönlichen Interviews haben den allgemeinen Eindruck zur Entwicklung des Frauenfußballs bestätigt. Heute ist es für Mädchen wie Gizem selbstverständlich, Fußballerin zu werden, gleichzeitig auch Schiedsrichterin zu sein und auch noch die Jugendteams zu trainieren.

Die Kommerzialisierung und Medialisierung ist im Männerfußball weit fortgeschritten und vertieft die Unterschiede in Gehältern und Trainingsbedingungen gegenüber dem Frauenfußball.

Die weitere Entwicklung des Frauenfußballs und damit auch die Verbesserung der Trainingsbedingungen hängt vom Erfolg der Teams, insbesondere des Frauennationalteams ab. Sollte das deutsche Frauenteam wieder Weltmeister werden, würde sich sicherlich ein Hype wie 2011 wiederholen können.

Die Medien machen heute den internationalen Frauenfußball sichtbarer. Und damit kann auch eine amerikanische Nationalspielerin wie Megan Rapinoe für deutsche Mädchen zu einem großen Vorbild werden. So wie es die Brasilianerin Martha für Gizem ist.

 

© Pixabay 2020 / Foto: skeeze