Mit dem digitalen Wandel gehen auch Herausforderungen für die Soziale Arbeit einher. Um die Möglichkeit für die Profession und Disziplin Sozialer Arbeit, den auf sich selbst bezogenen digitalen Transformationsprozess in Eigenregie zu steuern und zu gestalten, geht es im neuen Band Digitale Transformationsprozesse in der Sozialen Arbeit. Impulse zur aktiven Gestaltung von Joshua Weber und Stefanie Neumaier (Hrsg.).
Eine Leseprobe.
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Digitale Transformationsprozesse in der Sozialen Arbeit: 1 Hinführung
von Stefanie Neumaier und Joshua Weber
Der Digitaltechnologie mit ihren immer neuen Ausprägungen – derzeit etwa den Generativen Künstlichen Intelligenzen – wird das Potenzial zugesprochen, im Zentrum eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchs zu stehen. Mit dem durch sie vorangetriebenen Wandel gehen auch Transformationen für die Soziale Arbeit einher. Grundlegend kann festgestellt werden, dass sich das Digitale als für alle Facetten Sozialer Arbeit relevant erweist. Die digitale Transformation ist kein isoliertes Feld oder technisches Zusatzthema (mehr), sondern stellt ein transversales Strukturphänomen dar, das zu einer Bedingung sozialer Praxis insgesamt geworden ist (Hammerschmidt et al. 2021; Seelmeyer/Kutscher 2021; Neumaier/Sagebiel 2022, 2024).
Der „Umstand, dass sich die Handlungsbedingungen in der zeitgenössischen Welt bereits digital verändert haben, erzeugt zunehmend einen Digitalisierungsdruck“ (Kaminsky 2021 2) für die Soziale Arbeit, den zugleich eine Transformationssorge begleitet. Es ist die Sorge davor, sich als Profession selbst in einen „ungünstigen Transformationsprozess zu begeben“ (ebd.). Wandlungsprozesse wie die digitale Transformation sind jedoch keine Naturereignisse, die nicht – zumindest in Teilen – gesteuert werden könnten (Hoenig/Kuleßa 2018 5f.).
Digitale Transformationsprozesse in der Sozialen Arbeit werden einerseits durch Instanzen wie die (staatliche) Verwaltung, die Informatik und die Ökonomie von außen angestoßen und vorangetrieben, wobei die angemessene Berücksichtigung fachspezifischer Logiken, Werte und Zielsetzungen der Sozialen Arbeit oftmals eine untergeordnete Rolle spielt. Andererseits ist eine zunehmende Gestaltung der digitalen Transformation der Sozialen von innen heraus zu beobachten.
Der vorliegende Sammelband will zur Sichtbarkeit dieser Bestrebungen beitragen, indem er Beiträge versammelt, welche die prinzipielle Gestaltbarkeit des Digitalen als eine produktive Aufforderung wenden, digitale Transformationsprozesse innerhalb der Sozialen Arbeit zu untersuchen und aktiv zu gestalten. Dies kann, wie das Beispiel der Gestaltungsnotwendigkeiten in der partizipativen Technikentwicklung zeigt, einen inter- und transdisziplinären Umgang erfordern. Im Projekt STellaR verdeutlicht das beispielsweise die Entwicklung einer immersiven Videoberatung im ländlichen Raum, für die Informatik und Soziale Arbeit gemeinsam mit Fachkräften niedrigschwellige, adressatinnenorientierte Videoberatungsangebote ausarbeiten (Schmitz et al. 2024). Hier zeigt sich, dass die Soziale Arbeit diese Prozesse orchestrieren sollte, d. h., dass sie die Position des initialen Steuerzentrums ihrer eigenen digitalen Entwicklungsprozesse bekleidet (für das Beispiel Fachsoftware siehe Rink et al. 2024). Andernfalls läuft sie Gefahr, sich gegenüber dem sich ohnehin stattfindenden Wandel nur noch reaktiv verhalten zu können. Solche Auseinandersetzungen sind nicht neu (Kutscher 2024 123).
Bereits im letzten Jahrhundert wurde gefordert, dass die Soziale Arbeit technologische Entwicklungen aktiv mitgestalten müsse. So etwa von Günter Stahlmann (1998) – „Entweder die Profession gestaltet die Technik oder die Technik gestaltet die Profession“ (zit. nach Ley 2004 33) – oder von der Arbeitsgruppe „Computer und Sozialarbeit“ (1987), die der Sozialen Arbeit angesichts der zunehmenden Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien eine initiierende und die Entwicklung überwachende Rolle zuschrieb. Solche Forderungen haben angesichts des aktuellen Stands der digitalen Transformation in der Sozialen Arbeit und der technologischen Entwicklungen im Allgemeinen nicht an Aktualität und Relevanz eingebüßt (u. a. Braches-Chyrek in diesem Band).
Die Zielbereiche dieser Transformationen betreffen die Soziale Arbeit in ihrer Gesamtheit und auf vielfältige Art und Weise (Kutscher 2019 42). Im jüngeren Diskurs wurden sie u. a. über das Dreieck von Adressatinnen, Professionellen und Organisationen kartiert, um ausgehend von verschiedenen Medien und Informationstechnologien die mediatisierten Handlungsvollzüge Sozialer Arbeit aufzuschlüsseln (Kutscher et al. 2014). Darüber hinaus können ein zunehmendes Interesse an kulturtheoretischen Fragen der Digitalität (Stalder 2016) und ein praxistheoretischer Turn im Diskurs konstatiert werden, der „Handlungspraktiken in der Sozialen Arbeit, die mit und durch digitale Dinge hervorgebracht werden“ (Weinhardt 2021 7; auch 2022), in den Blick nimmt. Entsprechend dieser im Diskurs betonten Tragweite der digitalen Transformation für die Soziale Arbeit können mitunter auch hochschulseitige Transformationsprozesse ausgemacht werden. Dies zeigt sich in entsprechenden Denominationen und curricularen Verankerungen (Mittmann et al. 2023) sowie in den Diskussionen um die Ausbildung wie auch immer zu fassender digitaler Kompetenzen bei Studierenden und Lehrenden (siehe hierzu die Beiträge von Mittmann, Engelhardt und Roller/Wiedemann in diesem Band).
Ähnliche Entwicklungen spiegeln sich auch in der Praxis wider Neben einer Vielzahl an Praxisentwicklungsprojekten schließen sich Akteurinnen z. B. in digitalisierungsspezifischen Verbänden zusammen und auch Wohlfahrtsverbände greifen die Thematik aktiv auf (Rink/Weber i.E.), wie derzeit besonders prominent anhand von Entwicklungen um Künstliche Intelligenz konstatiert werden kann, die längst nicht mehr nur als Zukunfts-, sondern als Gegenwartstechnologie wahrgenommen wird (Hoffmann/Süna 2025 173). Und auch vonseiten der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) wird digitalen Transformationsprozessen spätestens seit der Corona-Pandemie mit der Etablierung einer Fachgruppe für Soziale Arbeit und Digitalisierung1 explizit eine Bedeutung zugeschrieben, die anhand des vorliegenden Sammelbandes einmal mehr unterstrichen wird.
Doch auch wenn zwischenbilanziert werden kann, dass sich die Soziale Arbeit mit digitalen Transformationsprozessen in der Breite befasst, sind die hier versammelten Beispiele nicht erschöpfend. Der vorliegende Sammelband kann also nicht alle Aspekte digitaler Transformationsprozesse in der Sozialen Arbeit adressieren. Er soll vielmehr als Anregung dafür verstanden werden, digitale Transformationsprozesse proaktiv aufzugreifen und zu gestalten. Er bündelt Perspektiven, die die digitale Transformation nicht als externen Einflussfaktor, sondern als gestaltbare Dimension begreifen.
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1 www.dgsa.de/fachgruppen/soziale-arbeit-und-digitalisierung
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Joshua Weber, Stefanie Neumaier (Hrsg.):