Zum PERIPHERIE-Abschied von Michael Korbmacher

Zum PERIPHERIE-Abschied von Michael Korbmacher

Nach über 20 Jahren verlässt Michael Korbmacher mit dem aktuellen Heft das Redaktionsbüro unserer Zeitschrift PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur. Wir haben mit ihm über seinen Abschied, die Arbeit in der Redaktion einer wissenschaftlichen Zeitschrift und seine weitere persönliche Zukunft gesprochen.

 

Über die PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur

Die PERIPHERIE befasst sich aus interdisziplinärer Perspektive mit Politik, Ökonomie, Kultur und Gesellschaft in der ungleichen kapitalistischen und post-kolonialen Welt. Sie fordert und fördert die kritische Auseinandersetzung und Diskussion zwischen Nord und Süd, Wissenschaft und Bewegung, Theorie und Praxis. Die Artikel diskutieren Themen wie Globalisierung, Demokratisierung, ökonomische und ökologi­sche Krisen oder Rassismus sowie Geschlechter- und Klassenverhältnisse. Die Zeitschrift ist ein Forum, das mit theoretisch fundierten und empirisch gesättigten Beiträgen detailliertes Wissen um Zusammenhänge in den Peripherien in die aktuellen und allzu oft nur aus der Perspektive der Metropolen geführten Globali­sierungsdiskurse einbringt. Die Grundhaltung der Redaktion ist herrschaftskritisch, die weltweite Stärkung emanzipativer Bewegungen ist ihr ein wichtiges Anliegen.

 

Lieber Herr Korbmacher, nach nun 23 Jahren im Redaktionsbüro der PERIPHERIE ist mit dem aktuellen Heft Schluss für Sie. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen und wie schwer fällt Ihnen der Abschied?

Es gab mehrere Gründe: Erstens ist meine Frau seit August 2025 in Rente. Daher möchte auch ich endlich wieder mehr Zeit mit ihr verbringen können. Zweitens bin ich mit 67 Jahren schon seit mehr als einem Jahr in einem Alter, in dem Menschen mit einer festen Anstellung in den Ruhestand geschickt werden. Außerdem werde auch ich nicht ewig leben. Daher ist es sinnvoll, einen Schlusspunkt zu setzen, solange ich noch gut zurechtkomme.

Der Abschied wird sicher nicht leicht. Ich hatte mir vorgenommen, der Redaktionsarbeit nicht vollständig den Rücken zu kehren, weil sie mir viel Freude bereitet. Vor allem genieße ich es, Texte zu lektorieren, was manchmal bedeutet, aus schlechtem gutes Deutsch zu machen. Ich weiß, dass ich das gut kann. Schon als ich selbst einmal einen Beitrag in einem Büchlein veröffentlicht hatte, sagte man mir, er sei schön zu lesen (aber schwer zu verstehen).

 

Wie haben Sie die Jahre der redaktionellen Tätigkeit und u.a. auch den Wechsel der Zeitschrift zu unserem Verlag zum Jahr 2016 hin erlebt? Gibt es etwas, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Der Verlagswechsel verlief leider nicht in gutem Einvernehmen mit unserem früheren Verlag. Kern des Konflikts war der Wunsch der Redaktion, Artikel entsprechend den neuen technischen Möglichkeiten auch online verfügbar zu machen. Da es in diesem Konflikt keine Einigung gab, hat der Verlag den Vertrag gekündigt. Schlussendlich bin ich glücklich, dass die PERPHERIE beim Verlag Barbara Budrich ein neues Zuhause gefunden hat.

Ich denke, ich habe bei der PERIPHERIE viel gelernt, vor allem dies, dass menschliches Tun und Denken nicht eindeutig, sondern ambivalent ist.

In besonderer Erinnerung ist mir ein Übersetzungsfehler geblieben, der der Übersetzerin eines in der PERIPHERIE 157/158 „Jenseits der Kolonialität von Geschlecht“ (2/2020) veröffentlichten Artikels unterlaufen ist, weil sie zwei im Literaturverzeichnis genannte Autorinnen mit demselben Nachnamen miteinander verwechselt hatte. Ich war darauf gestoßen, weil die Seitenzahl hinter einem Zitat im Text nicht zu den im Literaturverzeichnis angegebenen Seitenzahlen des zitierten Artikels zusammenpasste. Also habe ich im englischen Original des PERIPHERIE-Beitrags nachgesehen und konnte so den Fehler korrigieren. Das hat mir bestätigt, wie wichtig eine gründliche Überprüfung des Literaturverzeichnisses ist.

 

Wie beurteilen Sie den Werdegang der PERIPHERIE über die Jahre hinweg und wo steht die Zeitschrift aus Ihrer Sicht heute in der wissenschaftlichen Community?

Das ist eine schwierige Frage: Es hat Höhen und Tiefen gegeben. Manche Ausgaben sind nicht gut gelungen, andere wiederum sehr gut. Ich möchte hier nicht darüber spekulieren, ob die Zeitschrift insgesamt besser oder schlechter geworden ist.

Darüber, wie sie heute in der wissenschaftlichen Community steht, könnte ich nur spekulieren. Klar scheint mir aber zu sein, dass die PERIPHERIE doch recht am Rand des publizistischen Interesses steht. Ein Problem scheint mir tatsächlich zu sein, dass die PERIPHERIE nach wie vor auf Deutsch erscheint. Die Frage ist allerdings, ob sich daran etwas änderte, wenn sie mehrsprachig oder gar auf Englisch erschiene.

Jedenfalls hat die Entscheidung für die deutsche Sprache durchaus nachvollziehbare Gründe. Denn erstens sollten wir Deutsch als Wissenschaftssprache nicht aufgeben. Manches lässt sich in dieser Sprache schlicht präziser als im heute vorherrschenden Englisch ausdrücken, anderes vielleicht in Englisch oder Französisch. Beispielsweise gibt es in Französisch zwei unterschiedliche Wörter für das Deutsche „Bürger:in“: „citoyen/citoyenne“ meint „Staatsbürger:in“, „bourgeois/bourgeoise“ bezeichnet eher die Angehörigen der soziale Klasse des Bürgertums. Kaum zufällig ist „Bourgeois“ daher im Duden angekommen, wenn auch zumeist in abwertender Bedeutung. Dazu haben zweifelsfrei auch Karl Marx‘ Arbeiten beigetragen.

Ein zweiter ganz pragmatischer Punkt liegt daran, dass man für das Lektorat von Artikeln Muttersprachler:innen braucht. Denn nur sie kennen hinlänglich die idiomatischen Feinheiten ihrer Sprache. In dieser Frage gibt es in der gegenwärtigen Redaktion keine Person, deren Muttersprache eine Fremdsprache ist. Da helfen auch Übersetzungsprogramme mit KI nur begrenzt weiter. Denn auch die KI kann nur rechnen.

 

Was würden Sie mit Ihrer Erfahrung Menschen raten, die sich für die redaktionelle Mitarbeit bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift interessieren?

Ich selbst bin ja von meinem Studium her ein katholischer Theologe, aber das hat mich nicht daran gehindert, mich rasch ins soziologische Denken einzuarbeiten, weil die Theologie eine der wenigen Disziplinen ist, die ein studium generale ermöglichen.

Für sehr wichtig halte ich gute Kenntnisse des Deutschen in Orthographie, Grammatik und Interpunktion. Leider lässt vor allem die Kenntnis der Interpunktion nach meiner Wahrnehmung viele Wünsche offen. In manchen Artikeln scheint mir bei Kommasetzung oder Bindestrich die englische Variante vorzuherrschen. Dabei ist besonders das Komma im Deutschen fast schon das wichtigste Satzzeichen, denn es entscheidet zuweilen über den Inhalt eines Satzes: Falsch gesetzt oder vergessen, kann es ihn in sein Gegenteil verkehren.

Ferner sollten sich Autor:innen einen guten sprachlichen Stil erarbeiten. Denn mein Wunsch wäre, dass sich Wissenschaft und Ästhetik küssen mögen. Aber auch ein aufmerksames Lektorat der Artikel trägt zu deren sprachlicher Qualität bei. Am Ende soll die Lektüre eines wissenschaftlichen Artikels bei aller Anstrengung des Geistes nicht nur neue Erkenntnis vermitteln, sondern auch Freude bereiten.

 

Wie sieht Ihre weitere persönliche Zukunft aus und wie füllen Sie die Lücke, die die PERIPHERIE hinterlassen wird?

Wie meine persönliche Zukunft aussieht, wird sich zeigen. Meine Frau und ich, wir haben in der Nähe unserer Wohnung einen Schrebergarten. Hier kann man Pflanzen beim Wachsen zusehen, Vögel zwitschern hören oder Schmetterlingen beim Flattern oder Nektarsaugen beobachten, aber auch in der Erde wühlen.

Auch sehne ich mich danach, wieder mehr Theologie betreiben zu können. Denn Soziologie empfinde ich als trostlose Wissenschaft: Sie kann nur analysieren, was ist, aber keine Hoffnung geben. Wenn wir etwas für Menschen hoffen wollen, können wir nicht wissen, ob es sich umsetzen lässt; wir müssen daran glauben. Für beides bleibt mir derzeit leider wenig Zeit.

Ferner freue ich mich darauf, mich mehr einer aus meiner Jugend wiederentdeckten Leidenschaft zu widmen: der Musik. Sie tut der Seele gut. In diesem Metier bin ich mit zwei Instrumenten vertraut. Das eine, das Klavier, ist leider zu schwer, um es von hier nach dort zu bewegen, das zweite aber trage ich täglich mit mir herum: meine Stimme. Ich singe in mehreren Chören sowie in einer Schola mit, zuweilen aber auch – und besonders gerne – solo. Mit beiden Instrumenten kann ich anderen Menschen Freude bereiten, und es macht mich glücklich, wenn ich andere damit glücklich mache. Allerdings scheint mir, dass ich mit meiner Stimme die Herzen der Menschen – und auch mein eigenes – sehr viel direkter als mit dem Klavierspiel erreiche: Wenn ich Klavier spiele, sitze ich am Instrument, wenn ich hingegen singe, bin ich das Instrument.

Zuletzt habe ich auch einen polyphonen Chorsatz geschrieben. „Polyphon“ bedeutet, dass die Melodie der Begleitstimmen (meistens Alt, Tenor und Bass) lediglich der Harmonik folgt, aber von der Hauptstimme (dem cantus firmus, meistens Sopran) melodisch und rhythmisch unabhängig ist. Der Kontrapunkt ist hier ein wichtiges Stichwort. Er verläuft entgegen dem cantus firmus: Kurz gesagt, geht dieser in die Höhe, so jener in die Tiefe und umgekehrt. Polyphonie ist nicht einfach, weil man viele Regeln befolgen muss und daher viele Fehler machen kann, aber man kann sie auch im Alter noch lernen. (Johann Sebastian Bach war der unbestrittene Meister dieser Satztechnik.) Ich denke dabei an Hazim Hikmets Vision (in der Übertragung von Hannes Wader):

„Leben einzeln und frei,
wie ein Baum und dabei,
brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist unser.“

Der erwähnte Chorsatz ist 2024 in einem Allerheiligen-Gottesdienst im Rahmen der Schola gesungen worden, und er kam sowohl bei den Sänger:innen als auch bei den Zuhörer:innen gut an.

All dies hält das Herz jung und den Geist lebendig – und umgekehrt.

 

PERIPHERIE: Aktuelle Hefte und Einzelbeiträge

Heft 2-2025/Nr. 179: Digitalisierung und der Süden (Februar 2026)
zum Gesamtheft (Print/PDF)
zu den Einzelbeiträgen (PDF)

Heft 1-2025/Nr. 177-178: Gelebte Utopie (August 2025)
zum Gesamtheft (Print/PDF)
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