Übersetzungen – hin und her

Zahnrad Zahnräder © Pixabay 2020 / Foto: Antranias

Übersetzungen – ob die heutzutage überhaupt noch sinnvoll sind? Das mag man fragen. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass Englisch die lingua franca der Wissenschaft ist. Und dass alle wichtigen Veröffentlichungen ohnehin auf Englisch vorliegen. Damit wäre das Thema „Übersetzung“ nur dann noch für das eigene Buch, den eigenen Text notwendig, wenn es in einer „anderen“ Sprache erschienen ist.

 

Sprachenvielfalt – auch in der Wissenschaft

Die Vorstellung, dass Englisch als lingua franca nunmehr die einzige Sprache sei, in der wissenschaftlich kommuniziert würde, ist etwas unterkomplex. Das Leben ist – wie sooft – auch in der Wissenschaft komplexer und die Sprachenvielfalt der Welt findet sich in der Publikationslandschaft wieder. Zum Glück, möchte ich noch anfügen.

Einerseits gibt es freilich Disziplinen, in denen „Broken English“ als Standard vollkommen ausreicht. Wenn Worte ohnehin einfachste Bedeutungsträger sind, Bezeichner ohne Interpretationsspielraum, die eine notwendigerweise stark komplexitätsreduzierte Wirklichkeit zu transportieren versuchen – quasi aus dem Labor im Reagenzglas in einer Laborsprache in Reagenzglas-Größe -, dann kann diese Sprache auch Englisch sein. Oder Buchstaben eines beliebigen Alphabets. Die hervorragenden KI-Übersetzungsmaschinen bekommen das leicht hin – oder auch gar nicht. Denn die KI ist so „dumm“, dass sie versucht, die Zeichen zu interpretieren und in Sinnzusammenhänge zu bringen. Was in diesen Fällen nicht funktioniert.

Anders in textlastigen Disziplinen, die Konzepte (natürlich ebenfalls komplexitätsreduziert) in Worte zu fassen, komplexe Gedanken in Sprache auszudrücken versuchen. Hier bemerkt jede*r Autor*in die eigene Schwäche. Sobald ich als Nicht-Muttersprachlerin versuche, Konzepte in Sprache zu überführen, taste ich immer wieder im Dunkeln nach Wörtern oder gar Redewendungen, ergreife erleichtert die Hand eines – ohje – false friend und komme zwangsläufig ins Straucheln.

 

Aber Lesen, das geht doch

Natürlich ist es einfacher, ein fremdsprachiges Buch zu lesen, als einen fremdsprachigen Text zu schreiben. Doch auch hier zeigen sich immer wieder Tücken. Und wer nicht ausreichend geübt ist, der tut sich schwer mit entsprechenden Texten.

Hinzu kommt, dass es zwar unserer Aufmerksamkeit häufig entgeht, und doch gibt es zahlreiche und großartige Texte, die weder auf Deutsch noch auf Englisch vorliegen. Denn es gibt noch zahlreiche weitere große Sprachfamilien wie auch kleine Sprachen, und in all diesen Sprachen wird veröffentlicht. Ja, die Rezeption ist eingeschränkt im Vergleich zum Englischen.

Wenn wir uns aber vor Augen halten, dass es weit mehr Sprecher*innen des Spanischen als des Deutschen gibt, könnte auch eine Art sprachlicher Demut einsetzen. Die Notwendigkeit von Übersetzungen – zumindest zentraler Werke – aus allen möglichen Sprachen, leuchtet plötzlich ein.

 

Das große Unterfangen professioneller Wissenschaftsübersetzungen

Wir werden immer wieder angesprochen, ob wir die Übersetzung zentraler Werke aus unterschiedlichsten Sprachen begleiten wollen. Wollen wir grundsätzlich sehr gern! Allein, die Finanzierung ist immer eine Schwierigkeit. Mit den oben angesprochenen Übersetzungsmaschinen ist es ein Kreuz: DeepL.com ist meiner Meinung nach ein hervorragendes Tool – und doch: Damit angefertige Übersetzungen von Sachtexten sind eine – gelinde gesagt – Katastrophe, sofern die notwendige Nacharbeit nicht erfolgt. Übersetzungen von Fachtexten, vor allem solchen, mit einem Vokabular relativ nah an der Alltagssprache, sind ein Ding der Unmöglichkeit. Probieren Sie’s gern selbst aus!

Auch gute Übersetzer*innen ohne Wissenschaftsschwerpunkt tun sich enorm schwer mit wissenschaftlichen Texten, und es ist immer wieder überraschend, wie fantastisch man daneben hauen kann, ohne es zu ahnen.

So wird eine Übersetzung eine Unternehmung, die aus mehrern intensiven Arbeitsschritten besteht, die am besten von verschiedenen Menschen durchgeführt werden:

  1. Die Rohübersetzung: Der Text wird von einem fachkundigen Menschen von der einen in die andere Sprache übersetzt. Am besten ist es, wenn der oder die Übersetzer*in die Zielsprache als Muttersprache hat.
  2. Die Kontrollübersetzung: Alsdann geht jemand mit Fach- und Sprachverstand den kompletten Text durch, prüft Wort für Wort, Satz für Satz, Absatz für Absatz und Seite für Seite, dass das Manuskript vollständig und möglichst korrekt übersetzt worden ist. Immer wieder müssen Formulierungen, Worte, Kontexte und Literatur markiert werden, um in einem späteren Durchgang genauer geprüft und exakt recherchiert oder übersetzt zu werden. Möglich auch, dass bestimmte Diskussions- oder Theorie- oder ähnliche Kontexte zusätzlich mitgeliefert werden müssen.
  3. Das Sprachlektorat: Im Anschluss an die ersten beiden Durchgänge wird nun das Manuskript stilistisch bearbeitet. Denn während der beiden Übersetzungsschritte schleichen sich immer wieder Konstruktionen aus der Herkunftssprache ein, die in der Zielsprache merkwürdig klingen. Vielleicht kennen Sie den Effekt von schlecht übersetzten Texten? Mir geht das bei manchen Krimis so, dass ich beim Lesen eine Synchronstimme in meinem Kopf höre, die das englische Original „mitliest“, während ich mich über den nicht ganz deutschen Text ärgere …
  4. Das Fachlektorat: Nun ist es an der Zeit, dass der Text noch einmal auf alle wissenschaftlichen Feinheiten, Termini und Kontexte abgeprüft wird: Sind die zentralen Begriffe korrekt übersetzt? Ist übersetzte Literatur zitiert, wo sie zur Verfügung steht? Stimmt der Kontext?
  5. Der Feinschliff: Die letzte Runde schaut noch einmal auf alles – das Grobe wie das Feine. Rechtschreibung, Zeichensetzung, Fußnoten, Überschriftennummerierung, Abbildungen und alles, was dazu gehört wird ein allerletztes Mal geprüft.

Das ist aufwendig. Und weil es aufwendig ist und viele Fachleute braucht, ist es auch teuer. Doch nur für den, der die Rechnung zu bezahlen hat. Als Übersetzer*in verdient man sich nicht so schnell eine goldene Nase.

Trotzdem machen wir gern Übersetzungen. Denn wir finden, dass zur Internationalisierung und einer globalen Welt auch ein interkultureller Austausch in den Wissenschaften gehört, der über „gibt’s auf Englisch“ hinausgeht.

 

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In der Rubrik Wissenschaftskommunikation beleuchtet Verlegerin und Autorin Barbara Budrich zwei Mal im Monat einen Bereich des wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens näher.

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