Hier finden Sie ergänzende Materialien zur deutschen Ausgabe „Die Lebenserzählung“ (im Original: „Le récit de vie“) von Daniel Bertaux.

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1. Zwei Übersetzungsnachworte

Daniel Bertaux: Die LebenserzählungDie wichtige Überbrückungs- und Interpretationsarbeit des Übersetzens von „Le récit de vie“ wird durch zwei Nachworte unterstrichen, die von Anfang an geplant waren. Das eine wurde von der Diplom-Literaturübersetzerin Ingrid Harting, die „Le récit de vie“ ins Deutsche übersetzt hat, erbeten; das andere von den vier soziologischen Beraterinnen Anna Bartel, Lena Inowlocki, Elise Pape und Anja Schnitzer, die alle vier perfekt Französisch und Deutsch sprechen und schreiben. Sie sind Teil einer informellen Arbeitsgruppe im Umkreis der Universitäten Strasbourg und Frankfurt, die seit Jahren mit Daniel Bertaux und Catherine Delcroix in Forschungsprojekten und Dissertationsforschungsbetreuungen zusammenarbeitet. Auf Ingrid Hartings Wunsch haben die vier genannten Soziologinnen die fachsoziologische Überarbeitung in fachterminologischen und wissenschaftlich-diskurskontextuellen Fragen vorgenommen. Diese soziologische Überarbeitung hat Ingrid Harting wiederum in ihren Endtext eingearbeitet und ihn auf diese Weise abgerundet. Die drei übrigen Mitglieder der Helfergruppe bzw. des Teams zur Organisation der Herstellung des „deutschen Buches“ von Bertaux, nämlich Karin Bock, Heike Ohlbrecht und Fritz Schütze, sind Mitherausgeber_innen der Buchreihe „Qualitative Fall- und Prozessanalysen“, und sie hatten die Einschätzung, dass Daniel Bertauxs Buch „Le récit de vie“ ideal der Programmatik dieser Buchreihe entspricht und dass in ihr hin und wieder auch moderne „klassische Texte“ der Sozialwissenschaften wie Daniel Bertauxs Buch erscheinen sollten. Auch sie haben das ursprüngliche Manuskript von Ingrid Hartings Übersetzung gelesen und sich beim Lesevorgang gefragt, ob und wie der Text auch für solche sozialwissenschaftlichen Leser im deutschen Sprachraum verständlich ist, die französische Texte nicht problemlos im Original lesen können. Insofern haben auch sie durch ihre Verständnisfragen zur endgültigen Ausgestaltung des Endtextes von „Die Lebenserzählung“ ein wenig beigetragen.

Die Übersetzungsarbeit und das Nachdenken über Übersetzungsfragen führten natürlich immer wieder in sozialwissenschaftliche Grundlagenfragen und wurden vom gesamten Team der Organisation der deutschen Version von „Le récit de vie“ als außerordentlich kreativ empfunden. Das begann schon mit der auf den zweiten Blick nicht mehr so ganz leicht zu beantwortenden Frage der Übersetzung des Titels des Buches. Denn die genaue Übersetzung von „Le récit de vie“, nämlich „Lebenserzählung“, ist im Gegensatz zu „Lebensgeschichte“ kein übliches deutsches Kompositum (wenn auch nicht sprachlich unglücklich oder gar falsch). Sie musste natürlich ungeschmälert im Titel des Buches erhalten bleiben, weil Daniel Bertaux die deutsche Doppelbedeutung von Lebensgeschichte als Erzählung und als individualhistorischem Lebensablauf unbedingt vermeiden wollte. Er wollte stattdessen mit dem Terminus „Lebenserzählung“ (der als Nominalphrase „récit de vie“ in der französischen Sprache ganz üblich ist, in der deutschen aber nicht) unterstreichen, dass es ihm gerade um die Herausstellung des soziologischen Instruments einer besonders aufdeckungsmächtigen Interview- und Erhebungs-Gesprächsform gehe und – mehr noch – um die langfristigen sozialen Prozesse, die mit diesem Instrument entdeckt und untersucht werden könnten: er, Daniel Bertaux, sei eigentlich in erster Linie – oder gar „nur“ – an den lebensgeschichtlichen Ereignissen und Erfahrungen als gesellschaftlich relevanten kollektiven oder zumindest sozial allgemeinen Langfristprozess-Tatbeständen interessiert, und diese würden ideal durch die Erhebungsmethode der Lebenserzählung (die zugleich auch eine Analysemethode sei) erfasst. Demgegenüber seien für ihn die autobiographische Erzählform als solche und auch singuläre subjektive Individualisierungsprozesse nicht von einem besonderen soziologischen Interesse. – Hätten wir nun wie Daniel Bertaux im Original der vierten französischen Auflage auf einen zusätzlichen Untertitel verzichtet, dann hätte paradoxer Weise gerade ein alleinstehender deutscher Obertitel „Die Lebenserzählung“ die potentiellen deutschsprachigen Leseinteressenten auf den Irrweg geführt, im Buch eine (soziolinguistische oder quasi-literaturwissenschaftliche) Analyse der autobiographischen Erzählform oder auch der Analyse von subjektiven Individualisierungsprozessen zu erwarten – also genau das, von dem sich Daniel Bertaux mit seinem eigenen ganz spezifischen Forschungsinteresse dezidiert absetzen wollte. Wir haben deshalb, genau um ein solches Missverständnis zu vermeiden, aus dem Darstellungsgehalt von Daniel Bertauxs Buch einen zusätzlichen „interpretationssicheren“ Untertitel abgeleitet, der für die potentiellen Interessent_innen hoffentlich einen ersten inhaltsadäquaten Hinweis bezüglich der im Buch thematisierten langfristigen Sozialprozesse und des zu ihnen passenden Erhebungs- und Analyseinstruments gibt.

Wir müssen zugeben, dass wir – wie auch schon bei der Titelfrage – manchmal erst im „zweiten Zusehen“ beim Lesen der schönen, eleganten Übersetzung Ingrid Hartings entdeckt haben, was trotz kongenialer Übersetzung noch Missverständnisse bei deutschsprachigen Leser_innen hervorrufen könnte. Wie John Dewey schreibt Daniel Bertaux eine sehr eingängige, elegante Sprache (die Ingrid Harting kongenial wiedergibt), welche vielleicht gerade den deutschen Leser, der von deutschen Autoren der Sozialwissenschaften eher an betont komplizierte Ausdrucksweisen gewöhnt ist, an manchen Stellen über die Tiefe von Bertaux Denken leichtfüßig-nichtverstehend hinweggleiten lässt. An solchen, wenn auch nur wenigen Stellen haben wir dann hin und wieder eine kleine erläuternde Apposition dazugesetzt oder – ganz selten – auch einen explizierenden Nachsatz.

Unser Nachdenken über einige fachliche Übersetzungsfragen hat dann auch Daniel Bertaux selbst, mit dem wir während der soziologischen Beratung der Übersetzung Ingrid Hartings fortlaufend in französisch- bzw. englischsprachigem Kontakt standen, dazu angeregt, uns, seinen deutschsprachigen Gesprächspartnern, retrospektiv, z.T. sogar ausgesprochen autobiographisch, seine Begriffswahlen und die Ausprägung seiner Formulierungsweisen zu erläutern (und teilweise sogar – eingebettet in erinnerte Erlebnisepisoden – dramatisch zu erzählen). Dies hat uns alle, die Mitglieder der gesamten Teams – ob sie nun als Einzelpersonen der französischen Sprache mächtig sind oder das gerade auch nicht – zu weiteren Betrachtungen über die unterschiedlichen wissenschaftshistorischen Entwicklungsgänge und die unterschiedlichen kollektiven Vorstellungsräume der rekonstruktiv-qualitativen Sozialforschung in Frankreich und Deutschland sowie über deren wechselseitige Impulse füreinander angeregt. – Was nicht alles eine lebendig-elegante „literarische“ Übersetzung für das Verstehen der verschlungenen Wissenschaftsgeschichte des rekonstruktiv-sozialwissenschaftlichen Feldforschens und Nachdenkens – und vielleicht sogar für dessen Zukunft – bewirken kann!

Fritz Schütze

Nachwort 1 zu Daniel Bertaux: Die Lebenserzählung

Nachwort 2 zu Daniel Bertaux: Die Lebenserzählung

 

2. Englischsprachige und deutschsprachige Veröffentlichungen

Eine Liste der englischsprachigen und deutschsprachigen Veröffentlichungen Daniel Bertauxs und seiner Koautorinnen und Koautoren wurde erstellt, soweit sie für den Forschungsansatz der Lebenserzählung von Belang sind. – Seine englischsprachigen Texte bzw. Textanteile hat Daniel Bertaux, soweit wir wissen, alle selbst geschrieben; er ist ein vorzüglicher Stilist der englischen Sozialwissenschafts-Sprache. Bei den deutschsprachigen Texten Daniel Bertauxs haben wir versucht, auch deren Übersetzerinnen und Übersetzer auszumachen und zu benennen. Das ist uns aber leider nicht bei jedem Text gelungen.

Bibliografie zu Daniel Bertaux: Die Lebenserzählung