Vor über 20 Jahren brachte Edmund Budrich Manuel Castells‘ bahnbrechende Trilogie „Das Informationszeitalter“ ins Deutsche. Jetzt hat er Castells‘ neues Werk „Die digitale Gesellschaft“ übersetzt – eine kritische Einführung in die sozio-technologische Struktur unserer Zeit.
Im Interview erzählt er von Überraschungen bei der Übersetzung, Castells’ Warnung vor der Machtkonzentration digitaler Technologien und wer dieses Buch unbedingt lesen sollte.
Interview zu „Die digitale Gesellschaft“
Lieber Herr Budrich, Sie haben bereits vor über 20 Jahren Manuel Castells’ Trilogie „Das Informationszeitalter“ in Ihrem Verlag Leske + Budrich veröffentlicht. Was hat Sie damals dazu bewogen, dieses wegweisende Werk ins Deutsche zu bringen?
Das waren mehrere Motive. Einmal die Überzeugung, dass es sich dabei um eine großartige Sache handelt – „Schuld daran“ war vor allem die damalige Lektorin Barbara Budrich, die sich heftigst gegen meine wirtschaftlichen Bedenken einsetzte – und zum anderen Mut oder etwas mehr als Mut, nämlich schließlich doch eine erhebliche Risikobereitschaft. Ein Werk von vielen Hundert Seiten kostet eine Menge Geld: die Übersetzung, dann die technische Produktion und schließlich auch und nicht zuletzt der Werbeaufwand, der gebraucht wird, um dem Publikum Werk und Bedeutung nahezubringen – und es zum Kauf zu veranlassen.
Übrigens: Die „Menge Geld“ ist in einem mittleren Verlag nicht nur ein deutlich sichtbarer Betrag aus einer unerschöpflichen Dispositionsmenge, sondern ein sichtbarer Anteil des insgesamt verfügbaren Geldes. Das ist, wie wenn man im Haushalt Anschaffungen überlegt. Da muss man auch fragen, ob das Haushaltsgeld die Anschaffungen tragen kann, denn ansonsten sind höchstens nur Reserven da, wenn sie denn da sind, und die greift man besser nicht an.
So war also die Castells-Unternehmung eine ziemlich besondere Aktion, die wirklich den ganzen Verlag betraf und nicht bloß die Abteilung Lektorat bzw. Programmplanung. Das wurde auch von allen verstanden, und wir schauten entsprechend unruhig und gespannt darauf, was denn nun für ein Ergebnis am Ende herauskäme. Aber es ging gut. Unsere Promotiontour mit Manuel Castells durch Deutschland half mit. Es war übrigens ein merkwürdiges Gefühl für mich, Barbara im Audimax der Humboldt-Uni in Berlin am Rednerpult zu sehen, denn fast fünfzig Jahre davor war diese Universität für einige Zeit auch „meine“ Uni gewesen.
Als Übersetzer von Castells’ „Die digitale Gesellschaft“: Welche besonderen Herausforderungen oder Überraschungen haben Sie bei der Übertragung seines aktuellen Werkes erlebt? Gibt es Konzepte oder Begriffe, die sich im Deutschen besonders schwer fassen lassen?
Bleiben wir mal bei den Überraschungen, nämlich bei dem, was für mich bei der Arbeit an dem Text der interessanteste Nebenaspekt war: die Fülle der englischsprachigen Begriffe, die im Deutschen – jedenfalls in der soziologischen Fachsprache – zu diesem Thema existieren. Zum Beispiel habe ich mir den Kopf zerbrochen über eine vernünftige Übersetzung der „digital divides“, wobei die „divides“ ja Gräben oder Klüfte bedeutet, oder Trennung, wenn man freier übersetzt, aber all das passte irgendwie und irgendwie auch wieder nicht. Was sind „digitale Gräben“, werden sie digital erzeugt und wo und wozu?
Nach langem Recherchieren gab mir ChatGPT die einfache Auskunft, dass sich meine Vorgänger bei der Mühe des Übersetzens die Sache ziemlich einfach gemacht hatten, nämlich es bei dem englischen Terminus zu belassen, „digital divides“. So läuft die Bezeichnung eines Umstandes, der viel komplexer ist als der Ausdruck besagt, seit langem durch die Fachliteratur und auch durch die populäre Literatur.
Ein ausgreifender Blick auf den anschließenden Text verrät dann, worum es geht, nämlich um die Beobachtung, dass bestimmte Anteile der Bevölkerung einen besseren oder schlechteren Zugang zur digitalen Welt haben. Die „Gräben“ des Zugangs sind die Unterschiede z.B. des Lebensalters, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie, des Bildungsstands und so weiter. Das hätte ich gerne im Bestreben um möglichste Nähe zum Original deutsch ausgedrückt, aber es war zu schwierig und im Übrigen eben auch längst erledigt.
Ansonsten ist der Text eine fachsprachliche Angelegenheit, wenn auch nicht ohne einen speziellen Zungenschlag des Autors, aber dennoch kaum zu vergleichen mit literarischer Sprache, die den Übersetzer/die Übersetzerin vor viel schwierigere Aufgaben stellt. Ich bin also relativ gut durchgekommen.
Castells’ Werk verbindet Soziologie, Technologie und Machtanalyse. Wie würden Sie seine zentrale Botschaft für Leser*innen zusammenfassen, die mit seiner Arbeit noch nicht vertraut sind – und warum sollte man dieses Buch unbedingt lesen?
Für mich ist die zentrale Botschaft des Buches von Castells eine Warnung vor der möglichen Beherrschung dieser völlig neuartigen Technik durch bestimmte Gruppen oder sogar Personen. Hier könnte ich auch Papst Leo XIV. zitieren, der in seiner jüngsten Enzyklika genau vor dieser Entwicklung gewarnt hat. Castells tut dies mit seiner gründlichen empirischen Verfahrensweise. Er zeigt die Verbreitung der neuen Techniken, die Beherrschung der Plattformen durch wirtschaftliche und politische Macht und insbesondere ihre unabsehbaren Anwendungsmöglichkeiten auch im Krieg, wo er den russischen Krieg gegen die Ukraine als ein Testfeld für neue KI-gestützte Waffen beschreibt.
Castells sieht an dieser Stelle die Menschheit auf dem Weg zur Selbstzerstörung. Diese Warnung macht das Buch zur Pflichtlektüre für alle, die ihre Lebenswelt mit offenen Augen betrachten.
Castells’ Trilogie „Das Informationszeitalter“ war ein Meilenstein. Wie ordnen Sie „Die digitale Gesellschaft“ in sein Gesamtwerk ein – und was macht es besonders für Leser*innen, die seine früheren Arbeiten schon kennen?
Die Einordnung des neuen Buches in das Gesamtwerk von Manuel Castells erfordert mehr Kenntnis von Werk und Gegenstand als ich, der ich kein Soziologe bin, besitze. Aufschlussreich für mich ist aber der Bezug auf das große Werk „Das Informationszeitalter“. Castells selbst sagt, dass die Grundlage der von ihm beschriebenen digitalen Gesellschaft die Netzwerkgesellschaft sei. Diese Netzwerkgesellschaft ist aber genau das, was er im dritten Band des Informationszeitalters beschreibt und theoretisch durchdringt.
Insofern ist also die „Digitale Gesellschaft“ eine Fortsetzung des Informationszeitalters. Allerdings ist das neue Buch als eine Einführung für Studierende und Interessierte gedacht und keine theoretische Auseinandersetzung. Umso wirkungsvoller ist der Text dennoch. Castells zieht aus der Entwicklung der Gesellschaft im Informationszeitalter unter den Wirkungen der aufkommenden neuen Technik, also des Digitalen, die Summe und stellt mit Hilfe zahlreicher konkreter Beispiele dar, was dabei herausgekommen ist. Aber, wie gesagt, das neue Buch ist eine Einführung und bleibt bei knappen Aussagen.
Der Überblick, den er bietet, macht Leserinnen und Leser mit der neuen Situation vertraut. Und er ist dabei sehr politisch, wenn er zeigt, wie gesellschaftlicher Wandel von den neuen Techniken ermöglicht wird, und wie auf der anderen Seite die neuen Techniken, insbesondere KI, zu einem Machtmittel für Usurpatoren werden können. Ich hatte seine Warnung, dass die Menschheit sich auf dem Weg zur Selbstzerstörung befände, schon zitiert.
Allein schon von diesen Betrachtungen her ist das Buch ein Muss für alle, denen die Entwicklung der Gesellschaft nicht gleichgültig ist.
Wissenschaftsverlage haben oft eine Vermittlerrolle zwischen internationaler Theorie und deutschsprachiger Debatte. Wie schätzen Sie die Rezeption von Castells’ Ideen im deutschsprachigen Raum ein – und was wünschen Sie sich für die Diskussion um sein neues Buch?
Der auch in Deutschland bestens bekannte englische Soziologe Anthony Giddens nannte das „Informationszeitalter“ den „fesselndsten Versuch, der je gemacht wurde, die Konturen des globalen Informationszeitalters nachzuzeichnen“. Aber es ging Castells nicht nur ums „Nachzeichnen“, sondern darum, sichtbar zu machen, wie Information das Weltgeschehen bestimmt – von Arbeit und Organisation bis zur Transnationalisierung politischer Prozesse.
Besondere Bedeutung gewann sein Werk im Zusammenhang mit dem Aufkommen der sozialen Medien, deren Wirkungen er voraussah. So wurde und blieb „Das Informationszeitalter“ eine der wichtigsten Analysen der heutigen Gesellschaft in ihrer Netzwerkstruktur.
Im neuen Buch, das Castells als „kritische Einführung“ bezeichnet, zeigt er, wie sich die Netzwerkgesellschaft mit dem Eindringen der Digitalisierung zur „digitalen Gesellschaft“ entwickelt. Im Fazit des neuen Buches nennt er die digitale Gesellschaft die „sozio-technologische Struktur“ der Netzwerkgesellschaft und zeigt die Verklammerung beider Gesellschaftsformen. Die eine kann ohne die andere nicht in der heutigen Form existieren. „Heute hat unsere Gesellschaft eine digitale DNA.“
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Manuel Castells:
Die digitale Gesellschaft. Eine kritische Einführung
Der Interviewpartner: Edmund Budrich
Karriere ist umgangssprachlich ein viel versprechendes Wort. Es meint große Leistungen, Aufstieg, ja, Ruhm. Eine Karriere in diesem Sinn habe ich ganz und gar nicht vorzuweisen. Aber wir sind ja bei einem soziologischen Text, und die Soziologen verstehen unter Karriere schlicht einen (beruflichen) Lebensweg. Damit kann ich dienen, aber wohl kaum Erstaunen oder gar Bewunderung erregen.
Nach dem Abitur (zweimal, nämlich in Ostberlin und in Westberlin) studierte ich an der Hochschule für Musik und der Humboldt-Universität (Ostberlin) und an der Freien Universität Berlin (Westberlin) einige Semester Musikwissenschaft und Philosophie, nahm aber noch einige Kurse in Slawistik und in französischer Sprache mit.
Über meine jugendliche Beschäftigung mit dem Schachspiel kam ich zum Thema Übersetzungen (russischer Schachliteratur) und dadurch wiederum zum Verlagswesen.
Letzteres wurde zur neuen Lebensbasis, als ich ohne Abschluss des Studiums die Uni verließ. Es begann in einem kleinen Musikverlag, der mir die später höchst nützlich gewordene Vielseitigkeit abverlangte, denn er bestand nur aus dem Verleger und einem ebenfalls sehr vielseitigen Lektor/Produktionsleiter/Vertriebsleiter und Hausjuristen. Es folgte eine mehrjährige Wanderung durch deutsche Verlage, bei denen ich Lektorat, Redaktion, Herstellung, Werbung und Vertrieb ausübte und „by doing“ lernte.
Die letztlich entscheidende Position war die des Verlegerassistenten zuerst im Opladener Verlag C.W. Leske und anschließend im ebendort befindlichen Westdeutschen Verlag (WV), woraus dann schließlich die Leitung beider Verlage wurde.
Beide Verlage, C.W. Leske und der WV waren Teile eines Unternehmens, dessen Basis, eine aufstrebende Druckerei, leider durch strategische Fehler in unlösbare Schwierigkeiten und schließlich in Konkurs geriet. Das führte zunächst zum Verkauf des WV an den Bertelsmann-Konzern und dann zu einer ausweglosen Situation für den kleinen Verlag C.W. Leske. Von den beiden Möglichkeiten, nach der Liquidation dieses Verlages nach einer neuen Anstellung zu suchen oder aber mit den Resten von C.W. Leske eine Selbstständigkeit zu versuchen, wählte ich den unsichereren, die Selbständigkeit.
Ich konnte diese Wahl zum Ein-Mann-Verlag treffen, weil Probleme – abgesehen vom anfangs immer fehlenden Geld – nur in der mangelnden Zeit lagen, nicht aber in den Aufgaben, denn ich hatte in den Jahren davor praktisch an jedem Arbeitsplatz im Verlag gesessen und wusste so einigermaßen Bescheid.
Was auch immer geholfen haben mag – sicherlich auch meine umfassende „Ausbildung“, aber vor allem das Engagement der hinzukommenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – aus den Planken des untergegangenen Verlagsschiffchens C.W. Leske wurde ein sozialwissenschaftlicher Verlag von breit anerkannter Bedeutung, den zu erwerben selbst ein Weltkonzern nicht für nebensächlich hielt. Genauer gesagt: Wir waren ein dominanter Player unter den deutschen sozialwissenschaftlichen Verlagen. Und ich? Nach dreißig Jahren selbständiger Verlegerei und noch einmal fast fünfundzwanzig Jahren Herausgeberschaft einer Zeitschrift für politische Bildung endete, was meine Karriere heißen könnte. Sprachen und Verlegerei waren also ihre Leitmotive. Wenn man die Unsicherheiten der Jugend weglässt, sieht es so aus, als hätte es gar nicht anders kommen können, als es tatsächlich gekommen ist.
Über „Die digitale Gesellschaft“
Die Digitalisierung durchdringt nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche: Wie Menschen miteinander kommunizieren, Staaten ihre Bürger*innen überwachen und Künstliche Intelligenz Kriegsverläufe prägt. Digitale Technologien bilden den Grundstein für wirtschaftliche, kulturelle und politische Entwicklungen in der spätmodernen Netzwerkgesellschaft. Aus präzischen empirischen Analysen heraus vermittelt der Soziologe Manuel Castells, wie sich die digitale Sozialstruktur unserer Zeit entwickelt hat und welche tiefgreifenden Auswirkungen sie mittlerweile auf das alltägliche Leben hat.
© Titelbild gestaltet mit canva.com | Foto Edmund Budrich: privat
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