Verlagspraktikum: Was hat ein Verlag eigentlich davon?

Junge Menschen stehen in modernem Büro. Verlagspraktikum

Dass Studierende und andere junge Menschen mit Interesse an der Verlagsarbeit in der Orientierungsphase ein Verlagspraktikum anstreben, ist leicht nachvollziehbar. Doch was bringt ein Unternehmen, z.B. den Verlag Barbara Budrich dazu, Praktika anzubieten?

Im Mai 2004 habe ich den Verlag Barbara Budrich gegründet – und 2005 hatte ich eine erste Praktikantin; eine Studentin aus Hessen. Lea und ich einigten uns auf das, was ich damals „Fern-Praktikum“ nannte. Mein Team bestand zu dieser Zeit aus mir und zwei Aushilfen, sodass mir die Betreuung einer Praktikantin vor Ort rein zeitlich unmöglich gewesen wäre. Für ein Online-Praktikum, wie es während der pandemischen Lockdownzeiten selbstverständlich wurde, fehlten mir technische Voraussetzungen. Zwar nutzte ich gelegentlich Skype, aber es gab keinen Server, auf den jemand hätte zugreifen können – nur meine eigene Festplatte. Datenfernübertragung ging damals noch per Diskette – die Älteren unter uns erinnern sich – oder per E-Mail.

Für das Fern-Praktikum 2005 schickten Lea und ich einander notwendige Unterlagen per Mail und verständigten uns telefonisch. Damals entstanden die ersten Unterlagen, die heute in ausgearbeiteter Form Bestandteil unseres Mitarbeiter*innenhandbuchs und unserer Standard-Operating-Procedures (SOP) sind.

 

Zeitersparnis durch Verlagspraktikum? Eher nicht

Wer schon einmal jemanden eingearbeitet hat, weiß: Jemand Neues im Team bedeutet zunächst Mehrarbeit! „Bis ich das erklärt habe, kann ich es grad selbst erledigen!“, ist der Leitspruch vieler (überarbeiteter) Chef*innen. Zudem ist es mit dem Erklären allein nicht getan: Bevor man sich darauf verlassen kann, dass eine Arbeit ordentlich erledigt wurde, muss sie geprüft werden. Anstatt also von der eigenen To-Do-Liste ausgehend eine Aufgabe zu erledigen und anschließend durchzustreichen, muss man die Aufgabe erklären, erledigen lassen, ggf. zwischendurch Fragen beantworten, die Erledigung überwachen und abschließend überprüfen, um Feedback zu geben oder eine Überarbeitung einzufordern. Erst dann kann man die Aufgabe abhaken.

So vervielfacht sich die Zahl der einzelnen Schritte einer Aufgabe und eine Zeitersparnis tritt erst dann ein, wenn das neue Teammitglied eine gewisse Routine erlangt hat. Da viele Aufgaben allenfalls monatlich wiederkehren, entsteht erst im Verlaufe mehrerer Monate wirkliche Routine. Unsere Verlagspraktika dauern aber für gewöhnlich sechs bis acht Wochen und sind damit zu kurz für ein echtes Einarbeiten.

Damit belastet ein Verlagspraktikum die Arbeitszeit unseres Teams, anstatt Zeit zu sparen.

 

Verlagspraktikum = Arbeitsentlastung? Stellenweise

Dennoch können Praktikant*innen eine gewisse Entlastung bieten. Typische Praktikumsaufgaben wie Kaffee kochen und Kopien erstellen, Post holen oder wegbringen und Besorgungen machen sind längst „ausgestorben“. Wenn mein Vater noch darauf wartete, dass Kontoauszüge von der Bank und die Briefe aus dem Postfach geholt wurden, machen wir heutzutage unsere Rechner an – fertig.

Leas Verlagspraktikum 2005 spielte sich in fast allen Abteilungen ab; schließlich erledigte ich damals die Arbeiten aller Abteilungen und meine beiden Teilzeitkräfte unterstützten mich in Verwaltung und Werbung. Heute liegt der Fokus bei einem Praktikum in der Regel auf Lektorat und Herstellung, seltener auf Marketing und Vertrieb.

Eine Grundidee, die mir damals half und uns heute noch begleitet, ist die, auch Praktikant*innen eine gewisse Verantwortlichkeit zuzumuten. Diese Eigenverantwortung muss natürlich dem entsprechen, was sie in der vergleichsweise kurzen Zeit bei uns leisten können. Ich habe dafür den Begriff der Hintergrund- oder Daueraufgabe geprägt: ein Projekt, das in der Regie der Praktikant*innen läuft, zu dem sie immer wieder zurückkehren können, wenn sie etwaige andere Aufgaben erledigt haben. Dies hat zwei Vorteile: Erstens sitzt ein*e Praktikant*in nicht jedes Mal wieder Däumchen drehend und gelangweilt da, sobald eine Aufgabe erledigt ist, sondern kann immer wieder zur Hintergrundaufgabe zurückkehren. Und zweitens werden dadurch solche Dinge erledigt, für die im Büroalltag häufig wenig Zeit ist.

Lea hat 2005 unser Gesamtverzeichnis Korrektur gelesen: Wir hatten Dokument, in dem all unsere Publikationen mit zugehörigen Werbetexten und Angaben zu Autor*innen und Herausgeber*innen verzeichnet waren. Das war die Basis für unsere Prospekte und unseren Online-Shop. 2005 waren das noch nicht so viele Titel, aber Fehler finden sich auf kleinstem Raum …

Heute bekommen unsere Praktikant*innen als Hintergrundaufgaben häufig Dinge wie z.B. Korrekturlesen von Manuskripten, Rechercheaufgaben oder Bearbeiten von Rezensionsbelegen.

 

Ein frischer Blick

Eine Aufgabe gebe ich allen Neuen auf, die in unser Team hineinschauen: Sie mögen mit kritischem Blick alles hinterfragen und sich „laut wundern“, wenn sie etwas nicht verstehen. Um zu verdeutlichen, worum es mir geht, erzähle ich gern folgende Geschichte:

Es war einmal vor langer Zeit ein Priester, der sich im Tempel von einer Katze gestört fühlte, die während des Gottesdienstes immer umherturnte und die Gemeinde von der Einkehr ablenkte. Er sorgte dafür, dass die Katze während des Gottesdienstes immer angebunden wurde, um die Störung zu unterbinden. Der Priester starb, die Katze starb – und seither wurde in dieser Gemeinde während jedes Gottesdienstes immer eine Katze im Tempel angebunden.

Die Aufgabe für neue Teammitglieder lautet also: Schaut nach „angebundenen Katzen“!

Nicht jedes laute Wundern führt zu einer Revolution im Workflow und nicht jedes Tier, das für unsere Neuen so aussieht, ist wirklich eine angebundene Katze – aber es wäre eine große Verschwendung, den frischen Blick nicht zu nutzen!

So dürfen unsere Praktikant*innen an allen Meetings teilnehmen (abgesehen von den „Pflicht-Meetings“, die ohnehin zu ihrer normalen Arbeit gehören und an denen sie folglich teilnehmen „müssen“) und wir laden sie ein, an unseren Strategieworkshops teilzunehmen. Sie können uns wertvolles Feedback zu neuen und alten Ideen geben.

 

Beständiges Lehren und Lernen

So lernen wir als Unternehmen von unseren Praktikant*innen und wir geben uns Mühe, nicht nur unmittelbar aufgabenbezogenes Wissen zu vermitteln, sondern umfassenderes Verlags- und Business-Wissen.

Bei Leas „Fern-Praktikum“ entstanden 2005 meine ersten „Whitepaper“, in denen ich „Verlag“ zu vermitteln versuchte. Und modulare Einheiten, die wir in späteren Jahren für die Ausbildung unserer Volontär*innen und Auszubildenden einsetzen konnten.

Viele unserer Praktikant*innen mit Vorerfahrungen aus anderen Unternehmen haben uns im Abschlussgespräch dafür gedankt: für die umfassende, intensive Erfahrung mit vielen Lernimpulsen und angemerkt, was für ein tolles Team wir sind, in dem das Arbeiten großen Spaß macht – worauf ich besonders stolz bin.

 

Sie interessierten sich für ein Praktikum im Verlag Barbara Budrich?

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Die Autorin

Barbara Budrich, M.A., ist von Kindesbeinen an im Wissenschaftsverlag tätig und seit 2004 selbstständige Verlegerin. Zudem ist sie selbst Autorin.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz führt sie seit 2015 als Vorbildunternehmerin.

 

© Foto Barbara Budrich: privat ; Titelbild: pexels.com | fauxels