Wissenschaftskommunikation: Zu viele Wege führen … wohin?

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Texte auf Plattformen hochladen und Kolleg*innen zur Diskussion anbieten. Open Access wird vom BMBF, vielen Initiativen, Hochschulen und der EU gefordert. Vor allem der naturwissenschaftliche und Technik-Bereich kämpft gegen die sogenannten Predatory Journals, die Renommee vorgaukeln und – teils selbst erfahrene – Autor*innen dazu bringen, gegen (einträgliche) Gebühren in ihnen zu publizieren. Nachwuchswissenschaftler*innen werden von Kolleg*innen ermutigt, die gleichen Inhalte in unterschiedlichen Zeitschriften zu veröffentlichen und sorgen sich zugleich – und zu Recht – um Vorwürfe mit Blick auf (Selbst-)Plagiat. Es gibt großen Druck, möglichst viel und schnell zu publizieren und zugleich werden englischsprachige Beiträge in internationale Zeitschriften mit double-blind Peer Review höher bewertet, nur dass diese als Publikationspartner abhängig von Fachbereich und eigenem Thema gar nicht geeignet sind. Bei all dem wissen die einzelnen – potenziellen – Autor*innen nicht, welcher Weg für sie der beste ist. Und häufig können sie auch niemanden fragen. Und wenn sie doch fragen, sind die Antworten nahezu ebenso vielfältig und unübersichtlich wie die Situation selbst.

In diesem Beitrag wollen wir Klarheit in dieses Durcheinander bringen. Klarheit unterscheidet sich übrigens deutlich von „Wahrheit“. Soll heißen: Es gibt nicht den einen Weg, der für alle und jede*n richtig wäre. Doch gibt es Entscheidungskriterien, sofern Sie wissen, was Sie erreichen möchten, was wiederum zu einer Publikationsstrategie führt. Und so kann es für unterschiedliche Publikationen und Projekte unterschiedliche Publikationspartner und Publikationswege geben.

 

Ein Beispiel

Eine Nachwuchswissenschaftlerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Erzieher*innen an ihren Erkenntnissen über die Herausforderungen interkultureller Arbeit teilhaben zu lassen. Sie ist an einem Forschungsprojekt beteiligt und frustriert, dass für den Projektbericht eine „graue“ Veröffentlichung für den Auftraggeber geplant ist – also eine Publikation ohne Verlag und ohne Anspruch auf das Mehren der wissenschaftlichen Reputation der Autor*innen. Zugleich sorgt sie sich um den Aufbau ihrer wissenschaftlichen Reputation, zu dem die graue Publikation eben keinen Beitrag leistet. Doch auch das Erarbeiten und Veröffentlichen einer praxisorientierten Handreichung wird ihr keine „Brownie Points“ für den akademischen Betrieb liefern. Was tun?

Es gibt auch für dieses Problem keine Patentlösung. Es gibt aber unterschiedliche, zumeist ressourcenabhängige Optionen. Unsere Wissenschaftlerin kann sich minimal beim Erstellen des Projektberichts einbringen und zugleich – allein oder mit anderen Kolleg*innen – an einem Zeitschriftenaufsatz arbeiten, der die Ergebnisse in die wissenschaftliche Diskussion hineinträgt. Sie hat aktuell nicht die Zeit, etwas für die Praxis schreiben, jedoch möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt allein oder gemeinsam mit Kolleg*innen – ein Projekt beantragen, in dem Praxis-Handreichungen entwickelt und deren Wirksamkeit evaluiert werden. Auf diesem Weg hat sie die Möglichkeit, beides voranzutreiben: die Praxis, die ihr am Herzen liegt, wie auch die eigene wissenschaftliche Karriere, die für sie von existenzieller Bedeutung ist.

Doch wenn das aktuelle Projekt in Kürze ausläuft und damit auch die finanziellen Ressourcen unserer Wissenschaftlerin, die sich schnellstens um eine neue bezahlte Stelle kümmern muss, dann sind alle Optionen außer der, den Forschungsbericht rasch zu finalisieren, nicht oder nur unter übervollem, selbstausbeuterischem Einsatz realisierbar. Jedenfalls jetzt.

 

Das eigene Ziel

Ob Sie im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Karriere rein wissenschaftliche, auch praxisrelevante oder populärwissenschaftliche Publikationen planen: Achten Sie darauf, dass Sie Ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wie unsere Wissenschaftlerin aus dem obigen Beispiel trotz wirtschaftlicher Zwänge im Blick behält, dass sie die Praxis mit den Ergebnissen ihrer Forschung unterstützen möchte. Nicht alles können Sie „jetzt“ so ausrichten, dass Sie Ihr Ziel mit der nächsten Veröffentlichung erreichen. Und nicht immer können Sie den für Sie optimalen Schritt gehen, weil es zu viele Dinge gibt, die Sie nicht direkt beeinflussen können – zum Beispiel die Bedingungen zur Veröffentlichung des Forschungsberichts. Doch können Sie ein Auge darauf haben, dass Sie trotzdem Ihrem Ziel ein kleines Schrittchen näherkommen.

 

Pragmatischer Perfektionismus

Im Übrigen kann es hilfreich sein, eine Haltung einzunehmen, die ich pragmatischen Perfektionismus nenne: Es ist nicht alles planbar und – wie gesagt – Sie haben nicht alles unter Kontrolle. Der Zufall spielt immer mit, wenn es um Biografien geht, auch bei der Wissenschaftskarriere. Doch haben Sie es in der Hand, die Elemente des Zufalls so weit zu beeinflussen, dass Ihr eigener Erfolg wahrscheinlicher wird. So bringen Sie Ihren nächsten Aufsatz möglicherweise nicht, wie Sie es sich so sehr gewünscht hätten, in der führenden Fachzeitschrift unter. Nach der endgültigen Ablehnung wenden Sie sich an eine weitere Zeitschrift, von der Ihr Beitrag – mit Änderungsauflagen – akzeptiert wird. Für Sie ist dieses Ergebnis noch nicht perfekt. Aber es ist ein guter Anfang und eine Publikation, die „zählt“. Und, wer weiß, vielleicht werden Sie aufgrund dieses Beitrags zum Vortragen eingeladen und lernen bei dieser Gelegenheit einen der wichtigsten Kollegen in Ihrem Bereich persönlich kennen …

Die Vielfalt und Unübersichtlichkeit des wissenschaftlichen Publizierens wird in Zukunft eher zu- als abnehmen. Wohl jenen, die mit einem Ziel vor Augen flexibel und unbeirrt zugleich ihren Weg gehen und mit wenigen guten Kriterien ausgestattet, ihre Publikationsstrategie verfolgen.

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In der Rubrik Wissenschaftskommunikation beleuchtet Verlegerin und Autorin Barbara Budrich zwei Mal im Monat einen Bereich des wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens näher. Dieser Beitrag ist erstmals im Pilotheft der Exposé – Zeitschrift für wissenschaftliches Schreiben und Publizieren erschienen.

 

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