20 Jahre ZQF – Interview mit Herausgeber Jürgen Raab

Buntstifte in einer Reihe

Die ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung feiert in diesem Jahr ihr 20. Jubiläum! Zu diesem schönen Anlass haben wir den verantwortlichen Herausgeber Jürgen Raab zur Zeitschrift befragt.

 

Portrait Jürgen RaabKurzvita Jürgen Raab

Studiert habe ich Politikwissenschaft und Soziologie in Berlin und Konstanz. Nach meiner Promotion und Habilitation forschte und lehrte ich zunächst an den Universitäten Basel, St. Gallen, Luzern und Wien, bevor ich einen Ruf auf die Professur für Allgemeine Soziologie und Mikrosoziologie an der Universität Magdeburg erhalten habe. 2013 wechselte ich dann auf eine Soziologie-Professur auf den Campus Landau der Universität Koblenz-Landau. Seitdem bin ich auch Mitglied im Schwerpunkt „Kulturelle Orientierung und normative Bindung“ der Forschungsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz und Leiter des Methodenlabors am House of Competence des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) – und nicht zuletzt: der momentan verantwortliche Herausgeber der ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung.

 

1) Wie kam die Idee zur Gründung der Zeitschrift zustande? Was war vor 20 Jahren der Anstoß für die Realisierung dieser Publikation?

Als die ZQF vor zwei Jahrzehnten als Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung (ZBBS) gegründet wurde, gab es anders als in den USA im deutschsprachigen Raum keine Fachzeitschrift, in der sich die Diskurse, die konzeptionellen Ansätze und die Forschungsresultate der qualitativen Forschung abbilden und zur Diskussion stellen ließen. Dem gegenüber stand die seit den 1970er- und 1980er-Jahren mit zu verfolgende enorme Ausdifferenzierung und Ausbreitung von qualitativen Forschungsansätzen. Vor allem zunächst in der Soziologie und der Erziehungswissenschaft, aber auch in der Psychoanalyse und Psychotherapie, und dann in immer neuen disziplinären Feldern. Das machte ein disziplinär breit aufgestelltes Fachorgan für qualitative Forschung seinerzeit nicht nur wünschenswert, sondern geradezu dringend und notwendig.

 

2) Für wen ist die ZQF gedacht? Wer ist die Zielgruppe Ihrer Zeitschrift?

Die ZQF versteht sich als interdisziplinäres Publikationsorgan auf dem Gebiet der Methodenentwicklung und Methodendiskussion. Dabei ist das Journal selbst ein Produkt dieser Entwicklungen und Diskussionen. Die Zielgruppe ist damit denkbar breit. Sie schließt alle Bereiche der Sozial-, Geistes- und Gesundheitswissenschaften ein und spricht Forscherinnen und Forscher an, die sich mit theoretischen und methodologischen Aspekten qualitativer Forschung befassen, die sich für methodische Innovationen und Verfahrensweisen interessieren, und die Resultate ihrer aktuellen Forschungen in der scientific community vorstellen und zur Diskussion stellen wollen. Aus diesem wie gesagt durchaus weiten Kreis sind Anregungen gerade auch für neue Themenschwerpunkte der Zeitschrift jederzeit willkommen.

 

3) Welche Ereignisse aus der 20-jährigen Geschichte der ZQF sind Ihnen am prägnantesten im Gedächtnis geblieben?

Im Zentrum eines jeden Heftes steht von Beginn an ein Themenschwerpunkt. Er versammelt Diskussionen und Ergebnisse der qualitativen Forschung aus einem ausgewählten Forschungsfeld. Darüber hinaus umfasst jede Heftausgabe einen Allgemeinen Teil mit frei eingesandten Beiträgen, während der Rezensionsteil für das jeweilige Heftthema relevante neuere Literatur in Form von Bereichsrezensionen bespricht. Das für mich einschneidende Ereignis war sicherlich die Erweiterung dieses Spektrums durch die im Jahr 2016 eingeführte Debatte. Wie anregend und bereichernd diese Rubrik ist, zeigt sich an den lebhaften Reaktionen auf die durchaus kontroversen Positionen, beispielsweise in der aktuell laufenden Diskussion um die Akademie für Soziologie.

 

4) Das Schwerpunktthema der Ausgabe 2-2019 wird „Normativität in der Qualitativen Forschung“ lauten. Welchen zentralen Fragestellungen steht die Qualitative Forschung in Bezug auf diesen Themenkomplex gegenüber?

Fragen der Normativität, von Werten, Moral und Ethik werden in der Sozialforschung in jüngster Zeit wieder verstärkt und verschärft aufgeworfen. Sei es, dass ganze Forschungsstränge zu Zielscheiben von Fundamentalkritik werden oder dass der qualitativen Sozialforschung insgesamt fehlende Replizierbarkeit oder gar eine mangelnde Faktengrundlage ihrer Zugänge, Einsichten und Schlüsse vorgehalten wird. So nimmt die eben genannte, vor kurzem ins Leben gerufene Akademie für Soziologie für sich in Anspruch, nach ‚evidenzbasierten’ und ‚praktisch verwertbaren’ Erkenntnissen zu streben und spricht der qualitativen Forschung ihre Kompetenz, ihren Anspruch und ihre Relevanz und Legitimität ab. Die kommende Ausgabe der ZQF hat mit dem Thema der Normativität somit einen Themenschwerpunkt, der auf eine sehr aktuelle, dezidiert forschungs- und wissenschaftspolitische Herausforderung reagiert.

 

5) Welche Entwicklungen planen Sie für die Zukunft der Zeitschrift?

Die Entwicklungschancen der Zeitschrift stehen in unauflösbarem Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen, den Entwicklungen und Innovationen der qualitativen Sozialforschung selbst. So gesehen ist der Zeitschrift im Sinne Max Webers ihre „ewige Jugendlichkeit“ sozusagen in die Wiege gelegt. Und wie sehr die Zeitschrift am Puls der Zeit ist, spiegeln die Themen der kommenden Ausgaben wider. Neben der schon angesprochenen Normativität in der qualitativen Forschung werden sich anstehende Ausgaben schwerpunktmäßig mit den Anforderungen der Digitalisierung befassen, etwa mit Big-Data-Analysen, mit qualitativer KI- und Online-Forschung oder mit Problemen des qualitativen Methodenlernens im Kontext der digitalen Medien.

 

Erscheint bei Budrich:

3D-Cover ZQFZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung

 

 

 

© pixabay 2019 / Foto: Bru-nO; Portrait Jürgen Raab: privat

 

Wussten Sie schon?

Anlässlich des 20. Jubiläums der ZQF laden die Herausgeber*innen und der Verlag Barbara Budrich herzlich zum Empfang auf dem 15. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung ein!