Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht & Wahrnehmung von Videovignetten

ZISU – Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung 8 (2019): Umgang mit Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht – Implizites Wissen von Lehramtsstudierenden bei der Wahrnehmung von Videovignetten

Umgang mit Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht – Implizites Wissen von Lehramtsstudierenden bei der Wahrnehmung von Videovignetten1

Jens Steinwachs, Helge Gresch

ZISU – Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, Heft 8 (2019), S. 24-39

 

Zusammenfassung

In strukturtheoretischen Ansätzen von Lehrerprofessionalität wird davon ausgegangen, dass der adäquate Umgang von Lehrer*innen mit Antinomien ein zentrales Merkmal von Professionali­tät darstellt, wobei aus biologiedidaktischer Sicht insbesondere die Sachantinomie hinsichtlich des Verhältnisses von fachlicher Norm und Schülervorstellungen relevant ist. Dabei bieten Vi­deovignetten die Möglichkeit einer fallbasierten Wahrnehmung und Reflexion der Antinomien in der universitären Lehrer*innenbildung. Unter der Annahme, dass die Wahrnehmung von Un­terricht auch auf implizitem Wissen basiert, ist es für die Gestaltung der Praxis der universitären Lehrer*innenbildung sinnvoll, dieses zunächst zu rekonstruieren. Im vorliegenden Beitrag wird dazu der Frage nachgegangen, welches implizite Wissen von Lehramtsstudierenden zu Schüler­vorstellungen und dem Umgang mit ihnen im Evolutionsunterricht die Wahrnehmung von Video­vignetten beeinflusst. In dieser explorativen Studie werden zur Datenerhebung eine Videovi­gnette als Diskussionsimpuls eingesetzt und Gruppendiskussionen durchgeführt. Die Datenaus­wertung erfolgt mithilfe der Dokumentarischen Methode. Anhand der ersten Ergebnisse werden Perspektiven aufgezeigt, wie die Sachantinomie vor dem Hintergrund des impliziten Wissens in der Lehrer*innenbildung bearbeitet werden kann.

Schlagwörter: Antinomien, Dokumentarische Methode, professionelle Unterrichtswahrnehmung, Schülervorstellungen, Videovignette

 

Dealing with students’ conceptions in evolution classes – Implicit knowledge of pre-service teachers in the perception of video vignettes

In structural-theoretical approaches to teacher professionalism, it is assumed that the teachers‘ adequate handling of antinomies is a central attribute of professionalism. From a didactical point of view the ‘Sachantinomie‘ concerning the relationship between subject norm and students‘ con­ceptions is particularly relevant in this context. Video vignettes offer the possibility of a case-based perception and reflection of antinomies in university teacher education. Assuming that the percep­tion of classes is also based on implicit knowledge, it is helpful for the configuration of the practice of university teacher education to first reconstruct the implicit knowledge of pre-service teachers. In the present paper, the question is pursued which implicit knowledge of pre-service teachers influ­ences the perception of students‘ conceptions in evolution classes and the way teachers deal with it. This explorative study uses video vignette and conducts group discussions for data collection. Data analysis is carried out using the documentary method. Based on the first results, perspectives on the ‚Sachantinomie‘ are provided considering implicit knowledge in teacher education.

Keywords: antinomies, documentary method, professional vision, student conceptions, video vignette

 

1 Einleitung

In der Biologiedidaktik wird vielfach die Annahme vertreten, dass der Lernerfolg der Schüler*innen wesentlich davon abhängt, wie Lehrer*innen im Sinne konstruktivisti­scher Lehr-Lern-Theorien mit den Schülervorstellungen umgehen und so die indivi­duellen Lernvoraussetzungen einbeziehen (Riemeier 2007). Wie das Spannungsfeld zwischen heterogenen Schülervorstellungen und fachlicher Norm bearbeitet werden kann, ist zum einen Gegenstand biologiedidaktischer Kontroverse (Gresch & Martens 2019; Martens & Gresch 2018; Kattmann 2017; Hammann & Asshoff 2014; Kattmann et al. 1997) und zum anderen eine unterrichtspraktische Herausforderung für (ange­hende) Lehrpersonen. In Hinblick auf die Lehrer*innenprofessionalisierung beziehen wir im Beitrag diese fachdidaktische Fragestellung weitergehend auf den Umgang von Lehrpersonen mit der Sachantinomie (Helsper 2016a), wobei wir davon ausgehen, dass durch die Arbeit mit Videovignetten und Gruppendiskussionen Reflexionsanlässe über die Sachantinomie geschaffen werden können.

Während es im Bereich der professionellen Unterrichtswahrnehmung eine Vielzahl an Studien zu allgemeindidaktischen Facetten gibt, die im Kontext naturwissenschaft­lichen Unterrichts z.B. kognitive Aktivierung, Klassenführung und inhaltliche Struktu­rierung untersuchen (z.B. Holodynski et al. 2015), liegen kaum Studien vor, die die Un­terrichtswahrnehmung von (angehenden) Lehrer*innen in Hinblick auf fachdidaktische Aspekte und deren Praxis erforschen. Ebenso fokussieren viele Studien im Bereich der Unterrichtswahrnehmung im Sinne wissenssoziologischer Ansätze (Mannheim 1980) explizites Wissen, während das implizite Wissen wenig beforscht ist. Hier setzt die die­sem Beitrag zugrundeliegende rekonstruktive explorative Studie an, in der davon aus­gegangen wird, dass auch das implizite Wissen die Wahrnehmung der Sachantinomie hinsichtlich des Verhältnisses von fachlicher Norm und Schülervorstellungen im Unter­richt beeinflusst. Die Studie geht am Beispiel des Evolutionsunterrichts der Frage nach, welches implizite Wissen von Lehramtsstudierenden zu Schülervorstellungen und dem Umgang mit ihnen die Wahrnehmung von Videovignetten beeinflusst. Ein Beitrag der Studie für die Praxis der Lehrer*innenbildung soll darin bestehen, zu den rekonstru­ierten impliziten Wissensbeständen adäquate Lehr-Lern-Angebote forschungsbasiert zu entwickeln.

2 Theoretischer Rahmen

2.1 Umgang mit Schülervorstellungen im Evolutionsunterricht

Der professionelle Umgang mit den Vorstellungen der Schüler*innen ist ein zentrales Kriterium konstruktivistischen Biologieunterrichts (Riemeier 2007) und lässt sich bil­dungspolitisch umfassend legitimieren (KMK 2016: 2014). Die Vielfalt der Vorstellun­gen von Schüler*innen im Bereich des Inhaltsfelds Evolution ist dabei umfangreich empirisch nachgewiesen, sodass wesentliche Lernvoraussetzungen und Lernschwierig­keiten bekannt sind (Kattmann 2017; Hammann & Asshoff 2014). Dabei werden meh­rere Schülervorstellungen zu „allgemeinen Denkweisen“ zusammengefasst (Hammann & Asshoff 2014: 26), wobei für den vorliegenden Beitrag zwei von Bedeutung sind. Erstens übertragen Lernende menschliche Eigenschaften und Denkweisen auf die Na­tur (anthropomorphistische Vorstellungen), z.B. bei der Annahme einer intentionalen stammesgeschichtlichen Anpassung der Individuen. Dabei stehen Anthropomorphis­men im Kontrast zur wissenschaftlichen Norm von Objektivität, Neutralität und Wert­freiheit (ebd.). Zweitens ist empirisch beschrieben, dass biologische Erklärungen über Zweck, Zielgerichtetheit oder Anpassungsnotwendigkeit der Lebewesen sowie externe Designer erfolgen können (teleologische Vorstellungen), obwohl dies dem naturwissen­schaftlichen Prinzip der Kausalität widerspricht (ebd.; Kelemen 2012).

Wie mit den beschriebenen Vorstellungen im Unterricht umgegangen wird, ist Ge­genstand biologiedidaktischer Unterrichtsforschung (Gresch & Martens 2019, Martens & Gresch 2018). Die Rekonstruktion der Interaktionen zeigt, dass ein Spannungsfeld zwischen den fachlichen Normen und den Vorstellungen der Schüler*innen besteht. In der Art und Weise, wie die Lehrer*innen im Unterricht damit umgehen, lässt sich auch beschreiben, wie die Lehrer*innen die Antinomie von Sache und Person im Unterricht bearbeiten. Insofern können die Erkenntnisse aus der Unterrichtsforschung auch für die Wahrnehmung von Unterrichtsprozessen durch angehende Lehrer*innen nutzbar ge­macht werden. Zudem werden zum Umgang mit Schülervorstellungen unterschiedliche didaktische Ansätze unterschieden (s. Marohn & Gropengießer 2018), deren unterrichtspraktischer Einsatz kontrovers diskutiert werden kann.

2.2 Reflexion von Antinomien

In strukturtheoretischen Ansätzen von Lehrerprofessionalität wird davon ausgegangen, dass Lehrer*innen in ihrem Handeln mit professionsspezifischen Antinomien konfrontiert sind und der reflektierte Umgang mit diesen ein zentrales Merkmal von Professionalität darstellt (Helsper 2016b). Aus einer biologiedidaktischen Perspektive ist die Reflexion der Sachantinomie von besonderer Bedeutung: Das Handeln von Lehrer*innen steht insofern in einem unauflösbaren Widerspruch, als die individuellen Besonderheiten jedes Lernenden berücksichtigt werden sollen (Personenorientierung) und zugleich curriculare sowie inhaltliche Ansprüche der Lern-Sache (Sachorientierung) durchgesetzt werden müssen (Helsper 2016a, 2016b). Vor dem Hintergrund der biologiedidaktischen Unterrichtsforschung zu Schülervorstellungen (Gresch & Martens 2019; Martens & Gresch 2018) erscheint folglich das Spannungsfeld zwischen individuellen Vorstellungen über die Unterrichtsinhalte und den fachlichen Wissensbeständen anschlussfähig an die Sachantinomie zu sein. So entstehen im Umgang mit Schülervorstellungen unterrichtliche Entscheidungssituationen für Lehrer*innen, in denen sie nicht allen Erwartungen gleichermaßen entsprechen können: Einerseits wird beispielsweise erwartet, dass sie bei der Gestaltung der Lehr-Lern-Prozessen den individuellen Vorstellungen der Schüler*innen gerecht werden (Differenzierung). Andererseits gilt es beispielsweise die curricularen Vorgaben zu erfüllen (Homogenisierung). Ein professioneller Umgang zielt darauf ab, dass Lehrer*innen die Unauflösbarkeit der Antinomien anerkennen und aushalten, situativ reflektieren und entsprechend begründete Entscheidungen für ihr Handeln treffen.

2.3 Professionelle Unterrichtswahrnehmung

Die Fähigkeit, lernrelevante Unterrichtssituationen als solche zu erkennen und zu interpretieren, kann mit dem Begriff professionelle Unterrichtswahrnehmung zusammengefasst werden (Sherin 2007) und wird als wichtiger Bestandteil von Lehrer*innenexpertise beschrieben (Goodwin 1994). Dieser Ansatz stellt die Basis vieler empirischer Studien dar und es liegen mittlerweile unterschiedliche Modellierungen (Übersicht: Barth 2017) sowie Kompetenzmodelle (z.B. Meschede 2014) zum Konzept der professionellen Unterrichtswahrnehmung vor. Es wird davon ausgegangen, dass eine professionelle Wahrnehmung im eigenen Unterricht zentral ist, um lernwirksame Handlungsentscheidungen zu treffen (Hammerness & Darling-Hammond & Shulman 2002) und dass durch Wahrnehmungen von fremdem Unterricht bereits eine Vorbereitung auf eigenes unterrichtliches Handeln erfolgen kann (Bromme 2014). Ein zentraler Ertrag der Studien zur professionellen Unterrichtswahrnehmung ist es, den Zusammenhang von professionellen Kompetenzen und Wissensbeständen mit der Unterrichtswahrnehmung herzustellen. Bei der Analyse des Forschungsstandes zeigt sich aus einer methodischen Perspektive, dass die Unterrichtswahrnehmung mit Methoden der Kompetenzforschung gemessen wird, z.B. mit standardisierten Videotests. Professionelle Kompetenz wird dabei als Übereinstimmung der Kodierung mit einer Expert*innennorm operationalisiert. Theoretisch stützt sich dieser Zugang auf kompetenztheoretische Ansätze zur Lehrerprofessionalität (z.B. Baumert & Kunter 2006) und setzt rationale Akteur*innen voraus, die ihr Professionswissen für ihre Unterrichtswahrnehmung nutzen. Aus der Perspektive wissenssoziologischer Ansätze (Mannheim 1980) erforschen diese Studien das explizite Wissen bei der Unterrichtswahrnehmung, während das implizite Wissen unberücksichtigt bleibt. Im vorliegenden Beitrag wird davon ausgegangen, dass sowohl Unterrichten (Asbrand & Martens 2018; Neuweg 2001) als auch die Unterrichtswahrnehmung und die Bearbeitung von Antinomien auch durch implizites Wissen beeinflusst wird.

3 Forschungsfrage

Es lässt sich zusammenfassen, dass ein zentrales Ziel der biologiedidaktischen Lehrer*innenbildung die Professionalisierung der Wahrnehmung von Unterricht hinsichtlich des Umgangs mit Schülervorstellungen im Sinne der Entwicklung eines „antinomischen Blicks“ (Schlömerkemper 2006: 281) darstellt. In der Biologiedidaktik fehlen aber bisher Studien, die den Prozess der Unterrichtswahrnehmung hinsichtlich fachdidaktischer Aspekte beschreiben. Dies wäre aber eine Voraussetzung, um evidenzbasierte (fachdidaktische) Lehr-Lern-Angebote zur Professionalisierung der Studierenden im Sinne einer Reflexion der eigenen impliziten Wissensbestände (Helsper 2016b) machen zu können. Die Studie geht der Frage nach, welches implizite Wissen von Lehramtsstudierenden zu Schülervorstellungen und den Umgang mit ihnen die Wahrnehmung von Videovignetten beeinflusst. Gegenstand ist der Evolutionsunterricht.

1 Wir danken den Mitgliedern der Forschungswerkstätten in Münster und Frankfurt am Main für die Diskussion der Interpretationen, insbesondere PD Dr. Matthias Martens und Dr. Andreas Feindt. Den beiden Gutachtenden und den Herausgeber*innen danken wir für wertvolle Hinweise zur Verbesserung des Manuskripts.

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