Olympionikinnen und Olympioniken in der Bildberichterstattung der Printmedien

FZG – Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien 2019: Geschlechtliche Vielfalt im Sport

Visuelle Präsentation von Sportlern und Sportlerinnen bei den Olympischen Sommerspielen 2000-2016. Muster und Wandel der Geschlechterordnung in der Printmedienberichterstattung.1

Ilse Hartmann-Tews, Diana Emberger, Birgit Braumüller

FZG – Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien, Heft 2019, S. 25-47

 

Zusammenfassung: Die besondere Bedeutung Olympischer Sommerspiele liegt in ihrer Größe und medialen Omnipräsenz. Alle vier Jahre treten seit den Spielen in Sydney 2000 über 10.500 Sportler und Sportlerinnen aus mehr als 200 Ländern in mehr als 30 Sportarten und 300 Wettbewerben gegeneinander an (Sports Reference 2016). Welche Formen und Modi die visuelle Kommunikation prägen, steht im Mittelpunkt der vorliegenden inhaltsanalyti­schen Forschung über die Sommerspiele 2000 bis 2016. Um das Spektrum der Printmedien in Deutschland abzubilden, wurden mit der Bild-Zeitung (BILD) ein Boulevardmedium und mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ein Qualitätsmedium ausgewählt und ins­gesamt 3.394 Fotos analysiert. Zentrale Fragestellung ist hierbei, ob Sportlerinnen – wie in der Tagespresse – unterrepräsentiert sind, inwieweit in die Fotografien von Sportlern und Sportlerinnen eine mediale Konstruktion von Geschlecht eingelagert ist, sich hier stabile Muster zeigen oder sich im 21. Jahrhundert ein Wandel abzeichnet.

 Schlagwörter: Olympische Spiele, Gender, Printmedien, Inhaltsanalyse, visuelle Kom­munikation.

 

Visual Presentation of Athletes at the Olympic Summer Games 2000-2016 Patterns and Changes of Gender Order in the Coverage of Print Media

Abstract: The special status of the Olympic Games is based on their large scale and omni­presence in the media. Every four years since the games in Sydney, 2000 more than 10.500 sportsmen and women from more than 200 countries compete in more than 30 disciplines and 300 competitions. Studies about the visual coverage of sportsmen and sportswomen in print media often claim that female athletes are systematically underrepresented in the daily press, a fact that is less obvious in the coverage of mega events. The research questions are if there is an underrepresentation of sportswomen in the visual coverage of sportsmen and sportswomen and whether there is an embedded gender order in the visual communication. The sample comprises a total of 3,394 photos taken from the coverage of five Olympic Games (2000 to 2016) in two major national daily newspapers in Germany. This sample allows the study to answer the questions with regard to patterns and changes of visual construction of gender in sports media of the 21st century.

Keywords: Olympic Games; gender; print media, content analysis; visual communication.

 

Einleitung

Die Olympischen Spiele stellen im globalen Sportsystem den Höhepunkt im Wettkampf um die besten Leistungen und Anerkennung der besten Sportler und Sportlerinnen dar. Das Motto der Olympischen Spiele‚ citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker, bringt die zentrale Handlungsorientierung des gesell­schaftlichen Teilsystems Sport klar zum Ausdruck, nämlich die Kommunikation körperzentrierter Leistungssteigerung. Sie spitzt sich im Hochleistungssport in der Codierung von Sieg oder Niederlage von Gewinnen oder Verlieren zu (Stichweh 1990).

Die besondere Bedeutung der Olympischen Spiele liegt in ihrer Größe und medialen Omnipräsenz. Seit den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney treten alle vier Jahre in einem kompakten, offiziellen Zeitraum von maximal 16 Tagen inzwischen über 10.500 Sportler und Sportlerinnen aus mehr als 200 Ländern in mehr als 30 Sportarten und 300 Wettbewerben gegeneinander an (Sports Reference 2016). Die enorme sportliche und gesellschaftliche Bedeu­tung der Olympischen Spiele wird durch die Medien verstärkt, so waren bspw. 2012 etwa 30.000 Medienvertreter*innen in London vor Ort, um von den Wett-kämpfen zu berichten (Iportale 2012).

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann 1996: 9) Auch die Wahrneh­mung von (Spitzen-) Sportlern und Sportlerinnen findet weitestgehend medien­öffentlich statt. Hier, in den Medien, entstehen unter anderem gesellschaftliche Vorstellungen über Relevanz, Persönlichkeit und Leistung. An dieser Stelle, d. h. der medialen Sichtbarkeit von Sport, setzt die zentrale Fragestellung des Bei­trags an: Wie werden Sportler und Sportlerinnen sichtbar gemacht, wie werden sie visuell inszeniert und inwieweit haben sich diese Bilder im 21. Jahrhundert, über die Olympischen Sommerspiele von Sydney (2000), Athen (2004), Peking (2008), London (2012) und Rio de Janeiro (2016), verändert?

Um theoriegeleitet empirisch fundierte Antworten auf diese Fragen zu ent­wickeln, wird zunächst der theoretische Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen die Inhaltsanalyse der visuellen Präsentation von Sportlern und Sportlerinnen in Printmedien in Deutschland erfolgt ist.

Die mediale (Re-)Produktion der Geschlechterordnung im Sport – eine sozialkonstruktivistische Perspektivezunehmend die Bedeutung von Geschlecht in Prozessen öffentlicher und medi­aler Kommunikation zum Gegenstand der Forschung gemacht. Viele Studien in diesem Kontext belegen eine eigene, geschlechtsgebundene Medienrealität (Lünenborg/Röser 2012). Die Gender Media Studies sind insbesondere im ang­loamerikanischen Raum prominent und haben auch die sozialwissenschaftliche Forschung zur medialen (Re-)Präsentation von Sportlern und Sportlerinnen in der Sportberichterstattung beeinflusst (Bruce 2013; Rulofs/Hartmann-Tews 2017). Der Erkenntnisgewinn der Gender Media Studies leitet sich insbe­sondere aus einer sozial-konstruktivistischen Perspektive ab und basiert auf der Einsicht, dass die Geschlechterordnung ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das je nach sozialem und historischem Kontext variiert und wandelbar ist. Geschlechterverhältnisse und die sie tragenden sozialen Strukturen und Machtverhältnisse werden in grundlegenden sozialen Mechanismen hergestellt und etablieren sich in Praktiken, Sprache und Bildern, mit denen die traditio­nelle Ordnung reproduziert, stabilisiert oder auch transformiert werden kann (Hirschauer 1994, 2001).

An dieser Konstruktion der Geschlechterordnung sind gesellschaftliche Sys­teme, wie der Sport, das Bildungssystem oder die Medien und die in ihnen han­delnden Akteur*innen ganz wesentlich beteiligt. Im Rahmen des Mediensystems sind diese Konstruktionsprozesse vielschichtig. Die Journalist*innen müssen aus einer unüberschaubaren Vielfalt von Ereignissen und (Selbst-)Inszenierun­gen in dem beobachteten System selegieren, um dann in der Redaktion zu ent­scheiden, über welche (selegierten) Ereignisse, in welcher Form und in welchem Umfang berichtet wird. Sind die Medienprodukte auf dem Markt, selegieren die Rezipient*innen, entschlüsseln die Kommunikation und (re-)konstruieren Bot­schaften. Auch Sportler*innen selbst sind Teil dieses Konstruktionsprozesses, da sie sich für die Medien ‚in Szene setzen‘ und bestimmte Geschichten und Bilder zur Verfügung stellen.

Die externe Komplexität der Umwelt wird von den Journalist*innen in den nachrichtengebundenen Medienprodukten durch eine Vielzahl von Operationen entlang der Leitdifferenz Information/Nichtinformation reduziert (Luhmann 1996). Die Operationalisierung dieser Leitdifferenz in verschiedene Nachrich­tenfaktoren erfolgt in Bezug auf die Sportberichterstattung in den Printmedien vor allem über sechs Faktoren (Loosen 1998). In erster Linie sind zum einen die ‚Tagesaktualität‘ eines Ereignisses relevant sowie zum anderen der ‚Erfolg‘ von Sportlern und Sportlerinnen, d. h. Siege und Rekorde auf (inter-)nationa­lem Niveau werden bei der Auswahl von Informationen eher berücksichtigt als mittelmäßige Leistungen (ebd.). Gleichzeitig spielt der ‚Nationalbezug‘ bzw. die räumliche Nähe des Ereignisses als Nachrichtenfaktor eine zentrale Rolle (ebd.). Insgesamt dominiert eine ‚Personalisierung‘ von Ereignissen, d. h. Journalist*innen wählen eher Ereignisse aus, die einzelne Sportler und Sport­lerinnen berühren und weniger diejenigen, die die Strukturen oder Handlungen des Sportsystems betreffen (ebd.). Zu den weiteren, aber insgesamt weniger rele­vanten Nachrichtenfaktoren gehören Ereignisse mit ‚human interest‘ und solche, die ‚negative Elemente‘ enthalten, wie z. B. Misserfolge und Konflikte (ebd.).

Die Visualisierung von textgebundenen Informationen hat in den vergan­genen Jahren an Bedeutung gewonnen und die bildliche Präsentation von Sportlern und Sportlerinnen gehört zu den zentralen Elementen des Sportjour­nalismus. Der Fotografie kommt in der medialen Kommunikation in zweierlei Hinsicht eine besondere Rolle zu. Zum einen haben Bilder eine hohe Glaub­würdigkeit und Authentizität. Aus diesem Wahrheitsanspruch leitet sich auch ihre zentrale Funktion ab, nämlich zu dokumentieren, dass etwas tatsächlich so (gewesen) ist. Zum anderen bindet die Fotografie durch die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung von Bildinhalten in besonderem Maße die Aufmerksamkeit der Rezipient*innen und setzt damit gleichzeitig einen inhaltlichen Rahmen, der die Einordnung und Interpretation von sonstigen, textgebundenen Informationen beeinflusst und prägt (Geise/Lobinger/Brantner 2013). Im Kontext einer kon­struktivistischen Theorieperspektive wird diese Visualisierung textgebundener Informationen und das Setzen von visual frames ebenfalls durch einen Aus­wahlprozess markiert. Auch die Bildberichterstattung ist ein sozial-kulturelles Produkt, mit dem bestimmte Aspekte der Realität betont und andere Aspekte vernachlässigt werden.

In Bezug auf die mediale Vermittlung von Sport und die visuelle (Re-)Prä­sentation von Sportlern und Sportlerinnen in der Berichterstattung ergibt sich vor dem Hintergrund der Systemlogik des Sportsystems eine spezifische, spannungsreiche Konstellation mit Blick auf die Geschlechterordnung. Zum sportspezifischen Leistungs- und Siegesprinzip gehören körperliche und men­tale Stärke, unbedingter Siegeswille und Durchsetzungskraft, allesamt Merk­male, die eher männlich konnotiert sind (Athenstaedt/Alfermann 2011). Diese Zuschreibungen haben immer wieder dazu geführt, dass die Inklusion von Frauen in das Sportsystem nachrangig und nur partiell stattgefunden hat. So waren auch der Spitzensport und vor allem die Olympischen Spiele lange Zeit eine Domäne der Männer. Bei den ersten Olympischen Spielen in der Neuzeit (1896) waren Frauen gar nicht zugelassen, hundert Jahre später (1996) waren 34 % der Teilnehmenden Frauen und bei den vergangenen Spielen 2016 in Rio de Janeiro waren es 45 % (Sports Reference 2016). Die Olympischen Spiele in London (2012) wurden sogar von IOC-Chef Jacques Rogge bei der Eröffnung als die „weiblichen Spiele“ in Szene gesetzt, da auf Initiative des IOC hier zum ersten Mal jede teilnehmende Nation mindestens eine Frau im Team aufweisen konnte. Die USA und Kanada entsendeten mehr Sportlerinnen als Sportler und Staaten wie Katar, Sultanat Brunei und Saudi Arabien hatten die Vorgaben des IOCs umgesetzt und zusammen sieben Sportlerinnen entsendet.

Parallel zu dieser Entwicklung ist der Anteil geschlechtersegregierter Pra­xisfelder, d. h. Sportarten und Disziplinen, in denen bei den Olympischen Spielen ausschließlich Männer oder ausschließlich Frauen zugelassen werden, über die Jahrzehnte hinweg deutlich zurückgegangen und in London (2012) wurden zum ersten Mal auch Frauen zu den Boxwettkämpfen zugelassen (Houghton/Pieper/Smith 2017). Diese und eine Vielzahl anderer Phänomene markieren mit der zunehmenden Integration von (Spitzen-)Sportlerinnen einen Wandel der hier­archischen Geschlechterordnung im (Spitzen-)Sport.

Im Fokus der eigenen empirischen Studie, aus der im Folgenden ausgewählte Ergebnisse vorgestellt werden, steht die Frage, wie Sportler und Sportlerinnen in der visuellen Sportberichterstattung der Printmedien über die Olympischen Spiele sichtbar gemacht werden, ob und wenn ja, wie in den Bildern Geschlech­terkonstruktionen eingelagert sind und inwieweit sich diese im 21. Jahrhundert über die Olympischen Sommerspiele von Sydney (2000) bis Rio de Janeiro (2016) verändert haben.

Forschungsdiskurs zur visuellen Kommunikation

Der internationale Forschungsdiskurs zeigt aus der Perspektive der Geschlech­terforschung eine facettenreiche Aufarbeitung der medialen Konstruktion von Geschlecht in der Sportberichterstattung. Inhaltlich konzentrieren sich die zahlreichen Studien auf die Thesen der Marginalisierung von Sportlerinnen, der stereotypisierenden Sportartenauswahl, der kommunizierten Heteronor­mativität sowie der Entsportlichung und Sexualisierung von Sportlerinnen besonders in der visuellen Kommunikation (Bruce 2013). Im Folgenden werden die Ergebnisse zur Sportberichterstattung über die Olympischen Spiele in den Printmedien und hier insbesondere empirische Befunde zur Visualisierung von Sportlern und Sportlerinnen zusammengefasst. Gleichzeitig werden diese Befunde in den allgemeinen Kontext der Ergebnisse der Gender Media Studies im Sport gestellt und eine diachronische Perspektive eingenommen, wobei Längsschnittstudien, die alleinig eine valide Beobachtung von Veränderung ermöglichen, relativ selten sind.

Quantitative Repräsentanz und Bildgröße

Zur Überprüfung der These der Marginalisierung von Sportlerinnen wird im Allgemeinen die Relation der Berichte und Bilder über Sportler und Sportlerin­nen herangezogen sowie die Größe der Texte/Bilder und deren Platzierung. Der internationale Forschungsstand zur Repräsentanz von Sportlern und Sportlerin­nen in der tagesaktuellen Zeitungsberichterstattung weist einen Anteil von etwa 10 % der Berichte und Bilder über Sportlerinnen aus (Markula/Bruce/Hovden 2010; Fink 2015). Diese Dominanz der Berichterstattung über Sportler zeigt sich ebenso für Deutschland. So lag der Anteil an Berichten über Sportlerinnen im Jahr 1979 bei 6 % (Klein 1986), im Jahr 2000 bei 12 % und 2010 bei 15 % (Rulofs/Hartmann-Tews 2017). Packer et al. publizieren 2014 für die Printme­dien in Großbritannien in ihrer Studie ebenfalls einen äußerst geringen Anteil an Berichten und Bildern über Sportlerinnen, der in den Jahren zwischen 2000 und 2008 zwischen 1 % und 6 % variierte und tendenziell abnimmt. Insgesamt lässt sich folgendes Fazit ziehen: Die These der Marginalisierung wird in allen Untersuchungen zur textlichen und bildlichen tagesaktuellen Printkommuni­kation über Jahrzehnte hin bestätigt und erweist sich als eine feste Konstante geschlechtsgebundener Ungleichheit. Der Status von Sportlerinnen wird hier­durch als zweitrangig kommuniziert und entspricht einer symbolischen Ver­drängung, trotz steigender Sportteilhabe der Frauen.

Im Vergleich dazu zeigt sich in der Berichterstattung über sportliche Großereignisse (Rulofs 2003; Kunz 2016) und insbesondere in der Olympiabe­richterstattung der Printmedien global eine geschlechtsunabhängigere Kommu­nikation. Dies wird in der einschlägigen Literatur dem identifizierten „Olympic Games Effect“ (Quin/Wipf/Ohl 2010) – einer länderübergreifenden Omnipräsenz der Medienanstalten während der Olympischen Spiele – zugeschrieben. Einen linearen Anstieg der olympischen Sportberichterstattung über Sportlerinnen in deutschen Printmedien skizziert Pfister (1987): von 1952 in Helsinki mit 15 % auf 29 % im Jahre 1980 in Moskau – wobei sich in diesem Zeitraum auch der Anteil der Sportlerinnen verdoppelt hat. Im internationalen Forschungskontext zeichnet sich ebenfalls eine stetige und deutliche Zunahme der Repräsentation von Sportlerinnen in den Printmedien ab (Vincent et al. 2002). Die internati­onale Vergleichsstudie zu den Olympischen Spielen in Athen 2004, an der 18 Länder teilgenommen haben, konstatiert grosso modo sogar eine Schließung der Genderlücke, belegt aber gleichzeitig erhebliche Differenzen zwischen den Nationen (Hovden/Bruce/Markula 2010). In der Olympiaberichterstattung über Peking 2008 beschreiben Scott/Kunkel (2016) in einem Zeitungsvergleich (Australien/Kanada) ebenfalls eine ausgeglichene Bildsprache. In Bezug auf die Olympiaberichterstattung in London 2012 zeigt sich in Schweden eine Zunahme (Hedenborg 2013), in Frankreich und England eine Abnahme der Bilder über Sportlerinnen im Vergleich zu früheren Studien (Delorme/Testard 2015; Godoy-Pressland/Griggs 2014).

In der internationalen Vergleichsstudie über die Olympischen Spiele in Athen 2004 wurde die visuelle Repräsentanz von Sportlern und Sportlerinnen auch in Bezug zu ihren Medaillenerfolgen gesetzt und hierbei wurde eine fast ausge­glichene quantitative Berichterstattung festgestellt (Hovden/Bruce/Markula 2010). Dieser Befund zeigt die Relevanz des Nachrichtenfaktors ‚Erfolg‘ bzw. des sogenannten „performance bias“ (Urquart/Crossman 1999: 198), d. h. die vorrangig leistungs- und erfolgsorientierte Berichterstattung in den Printme­dien, mit der eine Berichterstattung unabhängig von der Geschlechterordnung – entlang der Systemlogik des (Hoch-)Leistungssports – sichergestellt zu sein scheint. Ergänzend zu dieser Studie merkt Delorme (2014) an, dass Aussagen zur Über- bzw. Unterrepräsentanz immer durch vier Referenzkategorien abge­sichert sein sollten (Teilnehmer*innen der Olympischen Spiele/des jeweiligen nationalen Olympischen Teams/der Medaillenerfolge und die Anzahl der jewei­ligen Events für Sportler und Sportlerinnen). In ihrer Analyse der Berichter­stattung der französischen Tageszeitung L’Equipe über die Olympischen Spiele 2012 in London dokumentieren Delorme und Testard (2015) auf Basis der 1.073 Fotografien eine signifikante Unterrepräsentanz von Sportlerinnen in Bezug auf alle vier Dimensionen.

In Ergänzung zur reinen Quantität der Texte und Bilder ist die Bildgröße ein formaler Aspekt der Visualisierung, in dem ebenfalls eine geschlechtsgebun­dene Berichterstattung eingelagert sein kann. Bachmann (1999) dokumentiert in ihrer umfangreichen Inhaltsanalyse signifikant größere Bilder von Sportlern als von Sportlerinnen, wohingegen Rulofs (2003) bei der Leichtathletik-Welt­meisterschaft 1999 nahezu ausgeglichene Bildgrößen identifiziert. Hovden/Bruce/Markula (2010) dokumentieren keine unterschiedlichen Bildgrößen in einem Vergleich der Olympiaberichterstattung 2004 in Athen über 18 Länder hinweg.

Gegenstand der Visualisierung von Sportlern und Sportlerinnen

Im globalen Forschungsdiskurs zur visuellen Kommunikation über die Olympi­schen Spiele wird die These der stereotypisierenden Sportartenauswahl (Eitzen/Baca/Zinn 1989) in nahezu allen Studien thematisiert. Der Forschungsdiskurs zur stereotypisierenden Sportartenauswahl bei der Visualisierung war sich lange einig: Männer werden überwiegend in Mannschaftssportarten oder in Sportartdisziplinen, die mit einem erhöhten Risiko (z. B. Motorsport) einherge­hen, abgebildet, Frauen in Individualsportarten ohne direkten Körperkontakt (z. B. Tennis, Schwimmen, Leichtathletik) und in den ästhetisch-kompositori­schen Disziplinen, wie z. B. dem Turnen (Lee 1992; Godoy-Pressland/Griggs 2014). Die international vergleichende Studie zu den Olympischen Sommer­spielen 2004 bestätigt diese stereotypisierende Sportartenauswahl jedoch nicht (Hoven/Bruce/Markula 2010).

Ein weiterer Schwerpunkt der inhaltsbezogenen Analysen ist die visuali­sierte Situation und die Art der Darstellung von sportlicher Leistung, mit der die These der Entsportlichung bzw. De-Athletisierung überprüft wird. Für die Bildberichterstattung in Los Angeles (1984) und Seoul (1988) konstatiert Dun­can (1990) überwiegend stereotype Weiblichkeitssymbole, die sich mit Inakti­vität auseinandersetzen. Lee (1992) verweist hingegen bei Analysen über den gleichen Zeitraum auf ambivalente und nicht eindeutige Befunde: Sportlerin­nen werden einerseits häufig passiver abgebildet als Sportler, andererseits aber vermehrt als Leistungsträgerinnen in sportlicher Aktion. Global über diverse Studien hinweg dominieren die Aktionsfotos unabhängig von der Geschlechter­ordnung (Hardin et al. 2002; King 2007; Shields et al. 2004, Buysee/Wolter 2013; Hovden/Hindenes 2010). Parallel resümieren Hovden, Bruce und Markula (2010) in ihrer international vergleichenden Studie, dass insgesamt keine geschlechts­gebundenen Unterschiede in der Verteilung der Fotos ‚mit sportlicher Aktion‘, ‚mit Sportbezug aber ohne Aktion‘ und ‚ohne Sportbezug‘ erkennbar sind, wohl aber in der Sportberichterstattung einzelner Länder. Einige Inhaltsanalysen zu der Berichterstattung über die Olympischen Spiele in London 2012 zeigen wiederum, dass Sportler häufiger in Wettkampfsituationen präsentiert werden. Jedoch sind gleichzeitig andere traditionelle Muster der Entsportlichung von Frauen sowie die alleinige Fokussierung auf den passiven und außersportlichen Raum keine zentralen Orientierungspunkte (mehr) in der medialen Vermittlung (Godoy-Pressland/Griggs 2014; Delorme/Testard 2014). Hellborg und Hedenborg (2015) konstatieren in ähnlicher Weise bei ihrer Analyse der Berichterstattung über den Reitsport bei Olympia eine ‚sowohl als auch Inszenierung‘: „Some nar­ratives can be seen as (gender)norm-breaking, whereas other confirm gender stereotypes.“ (ebd.: 248).

Der internationale Forschungsstand zur visuellen Berichterstattung über die Olympischen Spiele zeigt somit verschiedene Facetten einer geschlechts­gebundenen Medienrealität, die Sportlerinnen tendenziell marginalisiert und Geschlechterstereotype perpetuiert. Anders als in der täglichen Sportbericht­erstattung ist diese Ungleichbehandlung jedoch nicht (mehr) eindeutig und keineswegs durchgehend zu erkennen. Ungeklärt bleibt angesichts der gering­ fügigen Anzahl von Längsschnittstudien, welche Muster stabil sind und welche Veränderungen im zeitlichen Wandel zu beobachten sind.

1 Alle Personenbezeichnungen im Text sind geschlechtersensibel mit dem Gender*Sternchen markiert. Abgesehen von Sportlern und Sportlerinnen, sobald sich der Fokus auf die binäre Systemlogik des Hochleistungssports richtet und/oder das Abbild durch die mediale Repräsenta­tion besprochen wird.

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