Unternehmung Sammelband (Teil 1)

Rafting Boot auf Fluss

„Sie müssen bereit sein, Freunde zu verlieren!“, sage ich oft – nur ein wenig scherzhaft –, wenn ich nach den Voraussetzungen zur Herausgabe eines Sammelbands gefragt werde.

Viele Herausgeber*innen von Sammelbänden kennen das Phänomen: Autor*innen bekommen Vorgaben zur formalen Vorbereitung des Textes. Es gibt Hinweise zur inhaltlichen Ausrichtung. Und es gibt Verabredungen zum Umfang des Texts, Art und Beschaffenheit von Abbildungen sowie einen Zeitplan. Also kann nichts mehr schiefgehen …

In der Theorie reichen diese ganzen Vorgaben aus, um die größtmögliche Einheitlichkeit eines Sammelbands zu organisieren. In der Praxis stößt dies jedoch an Grenzen. Wenn das „Handbuch“ für die Vorgaben des Sammelbands zu umfangreich wird, und daraus eine Fülle unterschiedlicher Regeln resultiert, dann wird oft alles in Bausch und Bogen ignoriert. Noch dazu ist es nicht selten, dass Abgabetermine wenig Eindruck zu machen scheinen.

Der Zusammenbruch der Zeitplanung ist besonders ärgerlich: Die Zuverlässigen werden bestraft. Denn bis die Letzten abgegeben haben, müssen die Ersten beinahe schon wieder überarbeiten. Was also tun?

 

So wenig wie möglich regeln

Es klingt merkwürdig, aber im ersten Schritt ist es wichtig, so wenig wie möglich zu regeln. Und nur so viel, wie nötig. Was aber ist nötig?

Der rote Faden

Aus meiner Verlegerinnen-Sicht sind die Dinge am wichtigsten, die sich direkt auf die Zielgruppe auswirken. Das Inhaltliche muss stimmig sein, die Beiträge müssen einen durchgehenden roten Faden spinnen und auch sprachlich bzw. stilistisch eine gewisse Einheitlichkeit vorweisen. Und zwar derart, dass ein und dieselbe Leser*innengruppe im Idealfall mit jedem der Beiträge etwas anfangen kann.

Das ist der Grund, dass ich bei Sammelbänden davon abrate, einzelne Beiträge in einer anderen Sprache aufzunehmen oder doch sehr behutsam damit zu sein. Ein deutscher Band kann vielleicht ein oder zwei englische Beiträge verkraften. Ein englischsprachiger Band hat aber in der Regel wenig Vergnügen an deutschen Einsprengseln. Weitere Sprachen – Französisch, Spanisch, Italienisch – zusätzlich aufzunehmen, macht den Band umfangreicher und für ein immer kleiner werdendes Publikum interessant.

Auch stilistisch muss das Ganze „stimmen“. Wir kennen z.B. aus der Sozialen Arbeit die Schwierigkeit, dass die Praxis der Sozialen Arbeit häufig eine andere Sprache spricht, als deren wissenschaftliche Vertreter*innen. Es ist in solchen Fällen nicht einfach, eine gemeinsame Ebene zu finden, die das Wissenschaftliche ein wenig abfängt und das Praktische etwas theoretisch anreichert.

Wenn wir uns die Monografie als „Buch-Ideal“ denken, ist dies besonders gelungen, wenn das Buch aus einem Guss ist und die Leitfragen quasi wie Leitsterne die Ideenentwicklung oder Darstellung der Ergebnisse und Erkenntnisse führen. In einem Sammelband ist dies zwangsläufig ein wenig anders. Für gewöhnlich hat jeder Beitrag eine eigene (Unter)Fragestellung, die vom Beginn bis zum Ende des Beitrags führt. Abhängig von der Art des Sammelbands ist es eine mehr oder minder große Herausforderung für die Herausgeber*innen, hier für einen guten Gleichklang zu sorgen. Wenn es gelingt, sind beispielsweise gleichartige Beiträge parallel strukturiert und weisen ähnliche Unterüberschriften auf.

Es ist nicht leicht bei einem Band die Richtung vorzugeben, dessen Gemeinsamkeit sich vor allem aus ähnlichen Forschungsinteressen seiner Autor*innen speist. Einige Autor*innen werden die Tendenz haben, ihr eigenes Steckenpferd zu satteln und, wann immer sich eine entsprechende Lücke bietet, in die ihnen eigene Richtung reiten. Dies zu vereiteln und die „Flüchtigen“ wieder einzufangen, ist Ihre Aufgabe als Herausgeber*in.

Die Konferenz zum Fadenspinnen

Nicht selten werden für größere Sammelband-Projekte eigene Treffen organisiert oder Konferenzen veranstaltet. Und zwar gern einmal zu Beginn und einmal gegen Ende der Manuskriptarbeit. Das ist aus meiner Sicht die optimale Möglichkeit, die größtmögliche Homogenität für einen Sammelband zu erzielen:  Zu Beginn haben dadurch alle die Chance, ihre je eigene Perspektive in den roten Inhaltsfaden des Bandes mit einzuknüpfen. Und jede*r hört die Perspektiven der anderen. Auf diesem Wege kommen die unterschiedlichen Autor*innen am besten auf eine gemeinsame Ebene.

Vor dem ersten Treffen werden die thematischen Rollen bereits zugewiesen und das Oberthema fixiert: Man möchte sich nicht im luftleeren Raum ohne jede Festlegung zusammensetzen; das verschwendet erfahrungsgemäß zu viel Zeit.

Im Anschluss an das Treffen gehen alle wieder heim zum Schreiben und geben den jeweiligen Beitrag selbstverständlich zur verabredeten Zeit an die Herausgeber*innen. Nach einer Rückmeldung und ggf. Überarbeitung der Texte treffen sich die Autor*innen ein zweites Mal zur finalen Abstimmung der Texte miteinander. Gut möglich, dass im Anschluss eine weitere – kleine – Überarbeitung erfolgt, um Querverweise einzuarbeiten oder Redundanzen zu streichen: Kein*e Leser*in möchte die Einführung in den gleichen Bereich in drei verschiedenen Beiträge lesen; das reicht im ersten der Beiträge zu diesem Themenkomplex.

Wenn das Treffen an einem gemeinsamen Ort schwierig ist, lassen sich mit weniger Aufwand Online- bzw. Telefonkonferenzen organisieren.

Inhaltsverzeichnis und Abstracts als Alternative

Nicht immer ist ein Treffen möglich. Dann ist es aber unumgänglich, den Autor*innen ein (vorläufiges) Inhaltsverzeichnis des Bandes zur Verfügung zu stellen. Abstracts zu den einzelnen Beiträgen helfen den Einzelnen zudem, sich im Gesamtwerk einzuordnen. Als Herausgeber*in können Sie besprechen und festlegen, wer in welchen Teilbereich einführt und dies allen mitteilen, die es angeht, um auf diesem Wege die Redundanzen auf das nützliche Maß zu reduzieren.

Beitragende, die thematisch sehr eng beieinander liegen, könnten Sie bitten, sich miteinander auszutauschen. Das spart Ihnen als Herausgeber*in die Mühe, die Texte hinterher selbst zu entflechten und abzugrenzen.

 

Qualitätssicherung

Die ultimative Qualitätssicherung wird heutzutage im Peer Review gesucht – gern double-blind. Ob Sie dieses Prozedere durchspielen oder sich darauf beschränken, mit Editorial Reviews als Herausgeber*innen Rückmeldung zur Qualität zu geben, liegt an verschiedenen Faktoren.

Im internationalen Kontext sind Peer Reviews unerlässlich. Eine Universität oder Forschungseinrichtung verlangt mit Sicherheit entsprechende Nachweise, die notwendig sind, um die Publikation für ihre Autor*innen anzuerkennen. Im deutschsprachigen Kontext sind die Regeln in den Geistes- und Sozialwissenschaften (noch) nicht ganz so rigide auf double-blind Peer Reviews ausgerichtet.

Halten Sie Rücksprache mit Ihrem Verlag, wie er die Notwendigkeit des Peer Reviews einschätzt. Vielleicht kann er Sie beim Review-Prozess unterstützen, sofern er notwendig ist.

Diese Art der Qualitätssicherung verlängert den gesamten Publikationsprozess um einige Monate. Durch Terminschwierigkeiten einzelner Reviewer und nicht eingehaltene Zusagen potenzieren sich Verzögerungen an diesem Punkt des Publikationsprozesses. Es ist gut, das im Kopf zu behalten, wenn Sie Ihre Zeitplanung vornehmen.

Letztlich müssen Sie den Autor*innen die Rückmeldungen der Reviewer zurückspielen. Mir ist es bei uns im Verlag schon passiert, dass im Reviewprozess bereits von den Herausgeber*innen akzeptierte Beiträge rausgeflogen sind: Mehrere Kolleg*innen, die tiefer in die Thematik eingearbeitet waren, wiesen auf große Mängel hin, die sich nicht heilen ließen. Das ist für alle Beteiligten unangenehm – aber genau für solche Fälle ist ein Peer Review eine sehr gute Rückversicherung.

Die Rückmeldungen der Reviewer bedeuten für die Autor*innen nicht selten erneute Überarbeitungsschleifen – noch mehr Zeitaufwand, für den Sie als Herausgeber*in in der Gesamtplanung einen entsprechenden Puffer vorsehen sollten.

 

Der zweite Teil dieses Beitrags erscheint am 2. Oktober 2019.

 

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