Trauer um langjährigen GWP-Mitherausgeber Hans-Hermann Hartwich

GWP - Trauer um Hans-Hermann Hartwich

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Hermann HartwichProfessor Dr. Dr. h.c. Hans-Hermann Hartwich ist am 12. Oktober 2018, wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag gestorben.

Seine Mitwirkung als Herausgeber und kollegialer Leiter des Herausgeberteams dieser Zeitschrift dauerte bis zu seinem Ausscheiden aus der operativen Arbeit im Jahr 2008   nicht weniger als 40 Jahre. Er hat Strategien entwickelt, unermüdlich nach wesentlichen Themen gesucht und die kompetenten Autor/innen eingeworben. Gemeinsam mit den anderen Herausgebern hat er sich der Kärrnerarbeit der Manuskriptbeurteilung und -revision unterworfen und er hat – auch nur ein Detail – während vierzig Jahren von den vierteljährlichen Sitzungen eine einzige ausgelassen – wegen einer allzu heftigen Grippeerkrankung.

Wer war dieser Mann?

Hans-Hermann Hartwich studierte Anfang der 50er an der Freien Universität Berlin u.a. bei Ernst Fraenkel, einem der profiliertesten Vertreter der ersten Generation von Politikwissenschaftlern nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Politikwissenschaft verstand sich damals nicht zuletzt als Demokratiewissenschaft und schloss politische Bildung als selbstverständliche Aufgabe mit ein. Hartwich widmete sich seit Anfang der 1960er Jahre folgerichtig mit besonderer Aufmerksamkeit der politischen Lehrerbildung am Otto-Suhr-Institut (“OSI“). 1962 erschien die erste von vielen Auflagen seines populärsten Werkes „Politik im 20. Jahrhundert“ (zusammen mit Grosser, Horn, Scheffler), das über Jahrzehnte eines der bedeutendsten Lehrbücher zur politischen Bildung war. Von 1969-1972 war Hartwich Bundesvorsitzender der Deutschen Vereinigung für politische Bildung (DVPB). 1970 erschien seine Habilitationsschrift „Sozialstaatspostulat und gesellschaftlicher Status quo“, die bis heute als Standardwerk zitiert wird. 1973 wurde er Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg, an dessen Studien- und Prüfungsordnungen er maßgeblich mitwirkte. Er blieb an der Hamburger Universität bis zu seiner Emeritierung 1992. Von 1983 bis 1988 war er Präsident der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft (DVPW) und von 1982 bis 1990 Vorsitzender des Ausschusses für Studienreform der DVPW. Dieser Ausschuss definierte die Kernbereiche der Politikwissenschaft, nach denen 1989 das Studium des Faches in den neuen Bundesländern eingerichtet wurde. 1988/1989 wirkte er als Gründungspräsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen. 1992 bis 1996 war er Obmann des VDI-Ausschusses Technik – Gesellschaft – Politik. Der Universität Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg diente er 1991/1992 als Gründungsdekan des Fachbereiches Geschichte – Philosophie – Sozialwissenschaften, von 1992 bis 1995 als Gründungsprofessor für Politische Wissenschaft und von 1992 bis 1994 als Prorektor für Strukturreform und Entwicklungsplanung (hier maßgeblich beteiligt an der Einrichtung der Fachdidaktiken, u.a. Sozialkunde). Die Universität dankte ihm 1998 mit einer Ehrenpromotion. Ab 1996 finden wir ihn als Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirates am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialwissenschaften – WZB.

So viel in Stichworten zur wissenschaftlichen Karriere Hartwichs in den 40 Jahren, in denen er „Gegenwartskunde/GWP“ mit herausgab.

Wenn man sich fragt, woher der unermüdliche Einsatz Hartwichs für die Zeitschrift kommt, dann drängt sich die Antwort auf: Der Politikwissenschaftler Hartwich hat aus seinem Staats- und Demokratieverständnis die ganz persönliche Konsequenz gezogen, dass das politische Vermögen der Bürger und die politische Bildung als Weg zu dessen Erwerb unverzichtbar sind und jegliches Engagement rechtfertigen.

Diese Zielvorstellung klingt idealistisch. Aber Hartwich hat an vielen Plätzen und eben nicht zuletzt in „Gegenwartskunde/GWP“ um ihre Konkretisierung und Realisierung gerungen. Die Liste seiner Veröffentlichungen (über 100 Beiträge allein in der Zeitschrift)  zeigt das auf den ersten Blick. Und die Zeitschrift zeigt es: Sie war und ist das Instrument des scharfen analytischen Blicks auf die bestehende Gesellschaft, auf die aktuellen gesellschaftlichen Probleme. „Gegenwartskunde/GWP“ ist eine didaktische Zeitschrift, wenn es darum geht, im Sinne Wolfgang Hilligens das „bedeutsam Allgemeine“ aus dem spezifisch Konkreten zu destillieren, aber sie hat nie ihre Aufgabe in der Erörterung didaktischer Theorien um ihrer selbst willen gesehen. Der kritische Grundgedanke der Zeitschrift hat sich von Anfang an als aufklärender Widerpart auch gegenüber jener „Wirtschaftslehre“ behauptet, die das wirtschaftliche Geschehen als fraglos gegeben hinnimmt, sich mit betriebswirtschaftlichen Formeln zufrieden gibt und das demokratische Recht aller auf Teilhabe darüber vergisst.

Es ist nicht zuletzt die Leistung von Hans-Hermann Hartwich, dass „Gegenwartskunde/GWP“ ihren Kurs gehalten hat und in der Politischen Bildung in Deutschland eine bedeutende Rolle als Orientierungshilfe spielt.

Und nur wenige deutsche Sozialwissenschaftler von Rang haben sich in dieser Weise in der politischen Bildung engagiert.