Smartphones im Unterricht

Der Einbruch des Smartphones in den Klassenraum – über Lehrerautorität und Gewalt, das Private und das Öffentliche im Unterricht

Andreas Gruschka, Antônio A.S. Zuin

Pädagogische Korrespondenz, Heft 1-2019, S. 4-20

 

I

Den Anlass zu dieser Studie lieferten zwei Videos aus dem Unterricht (eines aus Brasilien, eines aus Portugal), die heimlich von Schülern aufgenommen und ins Internet gestellt wurden. Beide sind in Brasilien viel beachtete Beispiele für das Konfliktpotenzial geworden, das mit dem Smartphone im Unterricht verbunden ist. Beide zeigen Gewaltausbrüche, einmal einen solchen von Seiten eines Lehrers gegen eine Schülerin bzw. ihr Smartphone: Der Lehrer ergreift das Smartphone der Schülerin und schmettert es mit aller Kraft auf den Boden, wo es zerschellt. Im anderen Video wird der veritable Ringkampf einer Schülerin mit ihrer Lehrerin gezeigt. Zuvor hatte diese der Schülerin das Smartphone weggenommen. Nun versucht die Schülerin, es der Lehrerin wieder zu entreißen.

Unsere Fragen lauten: Wie konnte das Smartphone zum Ausgangspunkt solcher Gewalttätigkeit werden und welche Dynamik und Konsequenzen erwachsen daraus?

Bevor wir Letzteres an den Videos selbst aufzeigen, seien mögliche Gründe für die in ihnen dokumentierte Gewalt genannt: zunächst mit Hinweisen auf die Geschichte der Gewalt in Schule und Unterricht, sodann mit der Problematik schwindender Autorität des Lehrers auch im Gefolge der Nutzung digitaler Medien und schließlich mit der Diffundierung der Unterschiede zwischen privaten Ansprüchen der Schüler und ihrer rollenförmigen Unterordnung in der öffentlichen Erziehung.

Die in den Videos auftretende Gewalt bekommt mit dem Kampf um das Objekt „Smartphone“ einen neuen Charakter. Im ersten Fall rastet der Lehrer in seiner Zerstörungswut regelrecht aus. Vergleichbare Akte der Zerstörung von Schülereigentum lassen sich schwerlich sowohl für die alte wie für die „zivilisierte“ Schule finden. Im anderen Fall demütigt die Schülerin die Lehrerin mit einem physischen Angriff. Um ihr Gerät wieder in Händen zu halten, attackiert sie die Lehrerin verbal und physisch. Sie kämpft solange, bis sie die Lehrerin besiegt hat. Auch hier ließ sich bisher schwerlich etwas Äquivalentes in der Schule beobachten. Zudem wird die Lehrerin von der Schülerin behandelt, als hätte jene keinerlei Recht zu Disziplinarmaßnahmen, wenn es um das Smartphone geht. Auch diese Übergriffigkeit dürfte neu sein. Im ersten Fall versucht der Lehrer, seine Autorität durch die Zerstörung des Smartphones der Schülerin zurückzugewinnen. Kann so etwas funktionieren? Beide Fälle zeigen, dass das Smartphone die für die Schule wesentliche Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen dem Persönlichen und Privaten und dem Gehorsam gegenüber schulischen Pflichten nicht nur durchlässig macht, es kreiert einen eigenen „Kriegsschauplatz“.

II

Soweit physische Gewalt in einer Schulklasse vorkam, bestand sie in Deutschland wie anderswo vor allem in der von Lehrenden gegenüber Schülern. „Leichte Schläge auf den Hinterkopf befördern das Denkvermögen“, hieß es nicht selten als „Faustregel“, wenn Schüler dem Unterricht nicht folgen wollten. Ebenso galt bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts die körperliche Züchtigung in Form einer Ohrfeige in Deutschland als „pädagogisches Landrecht“, in Brasilien wurde die körperliche Züchtigung von Kindern 1990 gesetzlich verboten; in Deutschland 1999, also noch später. Die schulische Prügelstrafe ist bis heute nur in etwa 10% der Länder der Erde gesetzlich verboten.

So manche Lehrer waren erfinderisch in Formen der physischen Einschüchterung, etwa wenn das Spiel mit einem Schlüsselbund ahnen ließ, dass dieser bald als Wurfgeschoss gebraucht werden konnte. In alten Dokumenten wie Lehrertagebüchern des 19. Jahrhunderts kann man lesen, wie unglaublich oft und variantenreich Stock oder Hand zur Strafe eingesetzt wurden. Noch vor kurzem musste ein Kind in einer Waldorfschule bei unbotmäßigem Verhalten damit rechnen, dass es mit dem „Eselshut“ in die Ecke gestellt wird.

Die entsprechende Gegengewalt äußerte sich in den üblen Streichen gegen Lehrer: in angesägten Lehrerstühlen, deren Besetzung mit gebrauchten Präservativen, der Provokation mit pornografischem Material usf. Von den ganz alten Schulen, etwa den französischen Collèges des 17. Jahrhunderts, wird berichtet, dass die Schüler nur mühsam und gegen manchen Widerstand daran gehindert werden konnten, ihre Waffen in die Schule mitzubringen. Gefordert wurde dies, weil sie bereit blieben, die Waffen gegen Mitschüler, aber auch gegen das Aufsichtspersonal einzusetzen. Die Verfasser können sich jedoch nicht an Situationen erinnern, in denen Schüler ihre Lehrer physisch angegriffen hätten. In heutigen Brennpunktschulen ist dergleichen jedoch möglich.

Mit dem Verbot körperlicher Bestrafung durch Lehrer geht eine beiderseitige Entwaffnung der Schule einher. Disziplinprobleme müssen nun anders, eben diskursiv oder mit Sozialtechniken bearbeitet werden. Darunter leiden nicht wenige Lehrer, ohne sich deswegen den schulischen „Karzer“ zurück zu wünschen. Stattdessen wird der „Trainingsraum für soziales Verhalten“ eingerichtet, in den die frechen Schüler zur eigenen Besinnung geschickt werden.

Der auch auf diese Weise eingetretene Anschein eines Zuwachses an Zivilisierung in Schule und Klassenraum wird immer wieder aufgestört durch Meldungen über Gewaltexzesse von Schülern gegen die Einrichtungen der Schule, gegen Mitschüler und ihre Lehrer. Dergleichen geschieht als Amoklauf nicht nur in den USA. Lehrer aus brasilianischen öffentlichen Schulen berichten sowohl von der Schule als der einzigen gewaltfreien Zone im Viertel wie aber auch von der in die Schule hineingetragenen enthemmten, nicht selten tötenden Gewalt gegen Mitschüler und Lehrer. Auch deswegen werden die Kinder der besser gestellten Bevölkerung in private Schulen geschickt, die durchweg in Konflikten zivilisiert vorgehen. Aber nicht von jenen Ausnahmefällen soll im Folgenden gehandelt werden. Es soll darum gehen, wie stark und wie schnell der Einbruch des Smartphones auch in den Unterricht – wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen – die Zivilisiertheit der Umgangsformen sprengen kann.

In jüngster Zeit entstand zudem im Gefolge dieses Einbruchs ein neuer Schauplatz und ein neues Medium zur Entäußerung von Aggressionen, ja von Gewalt gegen Personen. Es geht um die Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Klassenraum im Internet.

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